Alexandria - Verlorene Liebe
von Michaela Grom
Woran denkt man, wenn der Name "Alexandria" fällt? - An den berühmten Leuchtturm von Pharos, eines der Sieben Weltwunder; oder an die antike Bibliothek, an das Grab Alexanders des Großen. Bekannte Namen wie Euklid, Eratosthenes, Aristarch tauchen auf. - Alexandria als Zentrum hellenischer Kultur, als Kulminationspunkt des Wissens, Ausdruck enzyklopädischen Strebens, Geburtsstätte neuer Erkenntnisse und Ideen.
Was assoziiert man noch? - Das Bild einer Stadt des ausgehenden 19. und sich auftürmenden 20. Jahrhunderts, frei, kosmopolitisch und dekadent; einer Stadt am Mittelmeer, mit Seeluft und drückender Schwüle, voll Eleganz und Verfall, Poesie und Laster. Dieses Bild verdanken wir vor allem den Dichtern und Schriftstellern, die in Alexandria lebten und die sich Stadt schreibend erschlossen, die ihren Zauber in wunderbare Verse einfließen ließen - oder sie hoffnungslos-kitschig verklärten: Forster, Kavafis, Durrell. Kaum eine Stadt hat eine solche Anziehungskraft ausgeübt, kaum eine Stadt wurde derart besungen - allerdings wesentlich nur in der Rückschau. Alexandria ist verlorene Liebe, vergangener Glanz, nostalgische Sehnsucht.
Wer heute nach Alexandria fährt, auf der Suche nach all den verlorenen Träumen, der sollte seine Texte gut memoriert haben und ansonsten wenig erwarten. An äußeren Entsprechungen, Zeugnissen vergangener Zeiten ist kaum etwas zu finden. Alexandria präsentiert sich heute als eine durch und durch ägyptische Stadt, durchzogen von trostlosen Wohnkasernen der Nasser-Zeit; mit Stränden, an denen Frauen nur komplett bekleidet ins Wasser steigen sollten, wenn überhaupt. Einen Glanzpunkt in der Stadt setzt die neue Bibliothek, die, zum fernen gegenüberliegenden Ufer des Mittelmeeres hingewandt, die Bereitschaft zu signalisieren scheint, alte Verbindungen wieder aufzunehmen. Wer heute etwas vom Glanz des vergangenen Alexandria spüren will, der sollte sich tatsächlich eher an Geschriebenes halten, denn an Vorfindbares.
Ein detailreiches Porträt der faszinierenden Metropole zeichnet Manfred Clauss in seinem bei Klett -Cotta erschienenen Buch "Alexandria - Eine antike Weltstadt". Der Makedonenkönig Alexander hat die Stadt zwar gegründet und ihr seinen Namen gegeben, aber vollenden konnte er sie nicht mehr. Diese Aufgabe fiel seinen Nachfolgern zu, den Ptolemäern. Unter ihrer Herrschaft entstanden das Museion mit der berühmten Bibliothek, der Leuchtturm und das große Palastviertel. Auch unter den Römern blieb Alexandria ein bedeutender Wissens- und Handelsknotenpunkt. In der Spätantike dann war die Stadt ein Zentrum für christliche Theologen und der Sitz des Patriarchen. Insgesamt liefert Manfred Clauss zwar keine neuen Erkenntnisse, bietet dafür aber eine umfassende Darstellung des antiken Alexandria, die zuweilen auch mit sehr menschlichen Geschichten aufwartet, beispielsweise über Cäsar und Kleopatra oder die legendäre Hypatia.
Dem Leben und Wirken dieser spätantiken Philosophin, Mathematikerin und Astronomin hat die Nachwelt einiges Interesse entgegengebracht und die kluge und schöne Frau dabei teilweise auch für sich vereinnahmt. Hypatia, von den Zeitgenossen gerühmt ob ihrer Kenntnisse und ihrer Schönheit, wurde im Jahr 415 ermordet, regelrecht gelyncht von einem urchristlich-fundamentalistischen Mob.
Arnulf Zitelmann enthält sich in seinem "Hypatia"-Roman glücklicherweise jeglicher Vereinnahmungen. Er will Hypatia weder verklären als Streiterin für die aufgeklärten Wissenschaften noch sie zu einer Galionsfigur des Feminismus machen. Als bewährter Verfasser von Biographien spürt er vielmehr den Strömungen und Stimmungen der damaligen Zeit nach, versucht den Umbruch wiederzugeben, der hier sich ereignete durch den Wechsel vom Götterkult zur Anbetung des einen Gottes, durch die Verschiebung der Prioritäten vom Wissen zum Glauben. Zitelmann zeigt auf, wie das machtbewusste Patriarchat seine Interpretation christlichen Glaubens erbarmungslos gegen Andere durchsetzte. Der Fall Hypatia als Kollateralschaden. Wie jedes gute Jugendbuch ist dieser Roman auch für den erwachsenen Leser eine lohnende Lektüre.
Auch Peter O. Chotjewitz hat sich auf die Suche nach der Wahrheit über die schöne Philosophin gemacht. Seinem Buch "Der Fall Hypatia" hat er recht treffend den Untertitel "Eine Verfolgung" gegeben. Tatsächlich ist der Autor seinem Sujet mit Verve, Wissenshunger und geradezu kriminalistischer Beharrlichkeit auf der Spur - in Bibliotheken und natürlich in Alexandria selbst.
Wer war diese Frau? Sagen die Beschreibungen und Schilderungen nicht mehr über den Beschreibenden aus als über die Beschriebene? In welchem geistigen und (macht)politischen Umfeld bewegte sich die Philosophin? Worüber hat sie eigentlich philosophiert? Und natürlich immer wieder die Frage nach ihrem Tod: Eine kluge, hoch gebildete Frau - buchstäblich in Stücke gerissen von einer aufgebrachten Menge. Von allen Seiten umkreist Chotjewitz die zentrale Frage: Wie konnte es dazu kommen? Mit großer Akribie prüft der Autor das bislang Gesagte und Geschriebene. Keine Quelle, die nicht zu hinterfragen wäre, kein Berichterstatter, der nicht auf die Beweggründe seiner Schilderung hin überprüft würde. Mit einer gewissen Süffisanz legt Chotjewitz historische Schichten frei, zeigt Machtverhältnisse und geistige Strömungen, schildert den erbitterten Streit um die Vorherrschaft auch in philosophischen oder religiösen Fragen. Dass aus dem suchenden Autor, dem Verfolger letztlich ein Verfolgter wird, ist mehr als nur eine gelungene Pointe: Das Gefühl, in einem Spiel mitzuspielen, dessen Regeln er nicht kennt, befällt den Orientreisenden häufiger. Geheimnisvoll scheinen ihm die Menschen, die er trifft, ein bisschen verschlagen, nach außen von fast unterwürfiger Freundlichkeit, aber letztlich unergründbar Hier ist "der Orient" wieder so dargestellt, wie ihn westliche Betrachter klischeehaft-exotistisch oft wahrgenommen haben und noch wahrnehmen: Ägypten folgt seinen eigenen Spielregeln und so mancher wurde davon schon in die Flucht geschlagen.
Ein hübsches und gelehrtes Gedankenspiel unternimmt der französische Astrophysiker Jean-Pierre Luminet in seinem Buch "Alexandria 642". Im eben diesem Jahr 642 hat der arabische Feldherr Amr Ibn al-As die blühende Metropole am Mittelmeer erobert, eine Stadt mit "4000 Palästen, 4000 Bädern und 400 Theatern", wie er seinem Dienstherrn, dem Kalifen Omar, pflichtbewusst meldet.
In einer fiktiven Szenerie lässt Luminet nun den Feldherrn Amr auf drei Beschützer der Großen Bibliothek treffen: die kluge Hypatia, den alten Philosophen Philoponos und den jüdischen Arzt Rhazes. Noch ist der Eroberer unentschlossen, was mit den gigantischen Schriftbeständen geschehen soll und die Fürsprecher nutzen diese Chance nach Kräften. Sie erzählen Amr von den Wissenssuchern, die in Alexandria gewirkt haben, von ihren Erkenntnissen und Theorien. Sie berichten von Euklid und seinen bahnbrechenden "Elementen", von dem als Häretiker angeklagten Aristarch, der behauptete, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums sei, sondern nur ein kleiner, sich um die Sonne drehender Planet, sie erzählen die Geschichte der Septuaginta, der ältesten Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische. Vor den Augen des staunenden Amr (und des Lesers) entfaltet sich das ganze Spektrum antiken Weltwissens, entfalten sich noch einmal Jahrhunderte der Suche nach Verstehen und Erkenntnis. Der Feldherr kann überzeugt werden, sein Dienstherr aber nicht und der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt: Auf Befehl des Kalifen wird die Bibliothek zerstört, sechs Monate lang sollen ihre Schriften die Öfen der alexandrinischen Badehäuser gespeist haben.
Alexandria als westliche Enklave, als permanente Präsenz westlicher Lebensart und Dekadenz - das ist das Bild, das Konstantin Kavafis, E.M. Forster und Lawrence Durrell so entscheidend mitgeprägt haben, und die Lektüre lohnt noch immer. Eine wunderschöne Sammlung unterschiedlicher Texte von der Antike bis heute hat Joachim Sartorius mit "Alexandria - Fata Morgana" vorgelegt. Am Anfang stand die Ratlosigkeit darüber, dass so viel Geschriebenes vorhanden ist und die Stadt selbst so wenig Auffindbares anzubieten hat. Die Zusammenschau des Geschriebenen soll hier das Bild des Verlorenen neu beschwören. Beschreibungen des griechischen Geographen Strabo und des Mekkapilgers Ibn Djubair finden sich ebenso wie Texte der gebürtigen Alexandriner André Aciman und Edwar al-Charrat. Sartorius beleuchtet den literarischen Mythos der Stadt und befragt auch die moderne Dichtung zu ihren Sichtweisen. Durs Grünbein, Czeslaw Milosz oder auch José F. A. Oliver seien hier genannt. Letzterer war im Frühjahr gerade als Stadtschreiber in Ägypten unterwegs (s. Papyrus 9/10-2004). Nostalgische und moderne Fotografien runden den bibliophilen Band ab, der hier jedem Alexandria-Reisenden ans Herz gelegt sei, vereint er doch kunstvoll die Enttarnung des Mythos mit seiner behutsamen Rekonstruktion.
Literaturliste :
Manfred Clauss: Alexandria - Schicksal einer antiken Weltstadt,
Klett-Cotta, Stuttgart 2003. 368 Seiten, 27,50 Euro
Joachim Sartorius (Hrsg): Alexandria - Fata Morgana, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2001. 316 Seiten, 35 Euro
Jean-Pierre Luminet: Alexandria 642 - Roman des antiken Weltwissens,
C.H.Beck, München 2003. 286 Seiten, 19,90 Euro
Arnulf Zitelmann: Hypatia,
Beltz & Gelberg, Weinheim 2004 (NeuauflageTB 639), 316 Seiten. 7.45 Euro
Peter O. Chotjewitz: Der Fall Hypatia - Eine Verfolgung, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2002. 262 Seiten, 22 Euro