Die Zoologie des Mittelalters
Ein Exkurs von Dr. Lore Becker
Die Zoologie der Antike und des Mittelalters ist unserer modernen, naturwissenschaftlich geschulten Betrachtungsweise völlig entgegengesetzt. Kürzlich fiel mir ein mittelalterli-ches Zoologiebüchlein in die Hände, "Der Physiologus", um 200 nach Christus entstanden, sehr beliebt und weit verbreitet, schon damals in mehr als 20 Sprachen übersetzt.
Ich habe einige Tierbeschreibungen für Sie entnommen, Sie werden erstaunt sein. Die Beschreibungen sind eine Art "Fastfood" für die menschliche Seele, aus magisch-märchenhaften-mythischen Tiefen stammend und sich in einen religiös durchwirkten Grundbereich der Natur erhebend. Letzterer setzt sich durch, auch wenn die allegorischen Deutungen, mit denen er überzogen ist, uns modernen, aufgeklärten Menschen ein Lächeln entlocken. Die Beschreibungen sind genauso beschwörend faszinierend wie die Säulenkapitelle romanischer Dome mit ihrer rätselhaften Tiersymbolik, vor der wir magisch angezogen stehen, ohne sie intellektuell völlig durchdringen zu können. Sie sind Dokumente menschlicher Beheimatung zwischen dem Kreatürlichen und dem Göttlichen!
Hier also einige der Beschreibungen des "Physiologus":
Vom Pfau
Ist nämlich der Pfau ein ganz entzückender Vogel vor allem Geflügel unter dem Himmel, von prächtiger Farbe und mit lieblichen Fittichen, und schreitet umher hierhin und dorthin und siehet sich selber mit Freuden und plustert sich und windet sich und schaut sich nach sich selber um.
Aber wenn sein Blick auf seine Füße fällt, da schreit er wild und klagend auf, denn seine Füße stimmen gar nicht zu seiner sonstigen Gestalt.
Auch du, verständiger Mensch, so du anschaust deine Bestimmung und das Gute, das Gott dir gegeben, freue dich und sei glücklich und frohlocke in deinem Herzen, blickest du aber nach deine Füßen, das ist: nach deinen Sünden, dann schrei und weine zu Gott, und hasse dein Unrecht wie der Pfau seine Füße, damit du vor dem Bräutigam gerechtfertigt erscheinest. Wohlgeredet hat der Physiologus vom Pfau.
Vom Vogel Ibis
Ein unreines Tier ist nach dem Gesetz der Ibis. Zu tauchen versteht er nicht, sondern er sucht sein Nahrung am Rande der Flüsse und Seen, und vermag nicht hineinzugehen ins Tiefe, wo die reinen Fische schwimmen, sondern nur, wo die unreinen kleinen Fisch sich aufhalten.
So lern auch du geistlich tauchen, auf dass du kommest in den tiefen geistlichen Fluss, in die Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Denn so du nicht die beiden Hände ausbreitest und machst das Zeichen des Kreuzes, wirst du das Meer des Lebens nicht durchdringen können. Denn die Gestalt des Kreuzes durchdringt die ganze Schöpfung. Die Sonne, so sie nicht ihre Strahlen ausbreitet, vermag nicht zu leuchten; der Mond, so er nicht sein Doppelhorn ausbreitet, leuchtet nicht; das Vöglein, so es nicht seine Flügel ausbreitet, fliegt nicht. Mose, die Hände ausbreitend, überwand den Amalek, Daniel die Löwen. Jonas wurde in den Bauch des Walfisches, Thekla ins Feuer, zu den Raubtieren und Robben geworfen, und die Gestalt des Kreuzes hat sie errettet. Susanna wurde von den Greisen, Judith vor Holophernes und Esther vor Artaxerxes, und die drei Jünglinge im Feueröfen: alle wurden im Glauben gerettet, das aber, was schlechter ist als sie alle, das ist der Ibis. Von Sündern aber kann nichts anderes kommen als Sünde.
Vom Maulbeerfeigenbaum
Der selige Amos sagt: Ich bin kein Prophet und kein Prophetenjünger, sondern ein Geißhirt bin ich und schlitzte Maulbeerfeigen. Der Geißhirt aber hütet die Böcke. So spielt Amos die Rolle Christi. Wenn er aber sagt: "und schlitzte Maulbeerfeigen" so ist auch das geistlich gemeint, gleichwie Zachäus auf den Maulbeerbaum stieg.
Wie du weißt, sind in der Maulbeerfeige, ehe dass sie geschlitzt wird, Schlupfwespen drin, die sogenannten Stechfliegen, wohnend im Dunkeln, kein Licht erblickend. Unter sich aber sprechen sie: Welch großes Land bewohnen wir! Dabei hocken sie doch in der Finsternis. Wenn nun aber die Maulbeerfeige geschlitzt wird und sie kommen heraus, da erst erschau-en sie den Glanz der Sonne und des Mondes und der Sterne, und sprechen bei sich: Im Dunkel haben wir gesessen, ehe die Maulbeerfeige geschlitzt wurde. Geschlitzt aber wird sie am ersten Tag, am dritten Tage wird sie dargereicht und wird zur Speise für alle.
Aufgeschlitzt wurde nun auch die Seite unseres Herren Jesus Christus mit der Lanze, und alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und am dritten Tage, als er von den Toten auferstand, sahen wir die geistlichen Lichtbringer, so wie die Schlupfwespen, wenn die Maulbeerfeige geschlitzt ist, die unvergänglichen Lichtbringer sehen. Das Volk, das in der Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und die im Land und Schatten des Todes saßen, denen ist ein Licht aufgegangen.
Wenn die Maulbeerfeige geschlitzt ist, wird sie am dritten Tage zur Speise. Gleichermaßen unser Herr Jesus Christus, nachdem sein Seite aufgeschlitzt war, ist er am dritten Tage von den Toten auferstanden und wurde Leben und Speise für alle.
Vom Hasen
Des Hasen hat David gedacht: Der Felsen ist den Hasen eine Zuflucht. Der Physiologus sagt von ihm: Er ist ein guter Läufer. Wenn er gejagt wird, flieht er in felsiges und an-steigendes Gelände, und dann werden die Hunde samt dem Jäger müde und haben nicht Kraft ihn zu erjagen, und so kommt er heil davon. Wenn er sich aber zu abschüssigem Gelände wendet, kann er nicht so gut rennen, weil seine Vorderbeine zu kurz sind, und im Nu fasst ihn der Hund. Und deshalb sucht er die Stellen, wo es nach oben geht.
So auch du, Mensch, so du verfolgt wirst von den feindlichen Mächten samt dem Jäger, dem Teufel, der Tag für Tag danach trachtet, dem Menschen nach dem Leben zu stellen: Suche den Felsen und die Höhen, von welchen auch David sagt: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher mir Hilfe kommen wird.
Vom Sittich oder Papagei
Der Sittich, den man auch Papagei nennt, ist ein Vogel von der Größe eines Rebhuhns, ganz grün oder auch weiß, und ahmt die Menschenstimme nach. Und er unterhält sich; und redet wie ein Mensch und ist höchst wunderbar zu hören, wie manche von ihnen lieblich plaudern mit menschlicher Rede, und kaum magst du ihr Gespräch unterscheiden von dem eines Menschen.
So ahme auch du, o Mensch, die Stimmen der Apostel nach, die den Herren preisen, und preis auch du ihn, nachahmend die Gemeinde der Gerechten, auf dass du gewürdigt werdest, der lichten Orte derselben auch teilhaftig zu sein.
Von der Schwalbe
Die Schwalbe kommt wieder, wenn der Winter vorbei geht, samt dem Frühling. Und im Morgengrauen zwitschert sie, und weckt die Schlafenden auf zum Tagwerk.
Auch die vollkommenen Asketen, sobald der Wintersturm des Leibes vorbei ist,
nämlich: jegliche Begierde des Fleisches erloschen ist, wachen in Reinheit
von ihrem Lager auf, und sie gedenken beim Morgengrauen in andächtiger
Übung der Weissagungen Gottes, und sie erwecken diejenigen, die beschwert
sind in dem Schlaf, dazu, das Gute zu wirken, indem sie rufen: Wach auf, der
du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird Christus dir als ein Licht
aufgehen. Und wiederum: In der Frühe werde ich vor dich hintreten, und
du wirst mich anblicken. Wohlgeredet hat also der Physiologus von der Schwalbe.
Sie bringt einmal Junge hervor, und dann nicht mehr. Mein Heiland ist einmal
im Mutterleib getragen, einmal geboren, einmal begraben, einmal von den Toten
auferstanden. Ein Gott, ein Glaube, eine Taufe, ein Vater aller. Wohlgesprochen
hat also der Physiologus von der Schwalbe.
Vom Elefanten
Ist ein Tier im Gebirge, heißt Elefant. Das hat einen Rüssel an sich, damit es alle Tiere vernichten kann, auch leitet es Speis und Trank mit diesem Rüssel zu sich. Aber es hat keine Gelenke in sich und kann sich deshalb nicht bücken und nicht schlafen legen. In diesem Tier ist keine Begierde nach Vereinigung. Wenn es nun Junge zeugen will, geht es fort ins Morgenland, nahe beim Paradies. Dort aber ist ein Baum, Mandragora genannt, dorthin also geht das weibliche und das männliche Tier, und die Elefantin nimmt zuerst von dem Baum, und sogleich wird sie hitzig, dann gibt sie auch dem Männchen davon, und sie reizt ihn mit Neckerei so lange, bis auch er davon nimmt, und dann frisst er davon, und auch er wird hitzig, und so vereinigt er sich mit ihr und sie wird trächtig.
Und wenn dann die Tage erfüllt sind, dass das Weibchen gebäre, wie macht sie das? Sie geht in einen See, und misst das Wasser so ab, dass er ihr bis ans Euter reicht, und so wirft sie; denn würfe sie auf dem Lande, dann könnte sie nicht mehr aufstehen, weil sie keine Kniegelenke hat. Und das Neugeborene treibt auf dem Wasser und so saugt es an seiner Mutter sieben Tage lang. Der Elefant selbst aber hält, während sie Geburtswehen hat, Wa-che wegen der Schlange, denn die Schlange ist die Feindin des Elefanten, und wenn der Elefant sie findet, dann stampft er sie zu Tode. Wenn dann das Junge auf seinen eigenen Beinen gehen kann, kommt es zusammen mit seinen Eltern aus dem Wasser heraus.
Wenn der Elefant aber schlafen will: Wie macht er das? Er geht weg zu schräg geneigten Bäumen, und lehnt sich an sie an, und so schläft er.Und auf welche Weise fängt ihn der Jäger? Der Jäger merkt sich die Bäume, wo der Elefant schläft, und dann geht er vor dem Elefanten hin an die Stelle, wo derselbe sonst ist, und hackt den Baum mit dem Beile kräftig an, bis er beinahe umfällt. Nun kommt der Elefant und merkt nicht die Kerbe an dem Baum und lehnt sich daran, willens zu schlafen, und gleich bricht der Baum ab und wirft ihn nieder, und da liegt er nun und kann nicht mehr aufstehen. Jetzt kommt der Jäger, und findet ihn daliegen, und macht mit ihm zu seinem Vorteil, was er will.
Wenn aber kein Jäger kommt: Auf welche Weise kommt der Elefant dann wieder hoch? Er schreit mit gewaltiger und klagender Stimme, und unter dieser Stimme kommt ein an-derer großer Elefant, und der plagt sich dann ab und kann den Hingefallenen nicht aufheben. Darauf schreien die zwei Elefanten, und unter ihrer Stimme kommen zwölf Elefanten, und die plagen sich dann ab, und können den Hingefallenen nicht aufheben.
Jetzt aber schreien die zwölf Elefanten zusammen mit den zwei anderen, und unter ihrer Stimme kommt ein kleiner Elefant, und der kommt und legt seinen Rüssel darunter, und er lüpft ihn hoch, und vermöge seiner Erfahrung und Geschicklichkeit richtet er ihn auf.
Die Art des Elefanten ist so: Wenn du von ihm Haare oder Knochen an einem Ort verbrennst, dann dringt dort kein böser Geist noch ein Drache noch irgendein Übel ein.
Nun lasst uns beginnen, das Gleichnis aufzulösen: Es ist das Abbild von Adam und Eva. Als Adam und sein Weib im Garten Eden waren vor der Übertretung, da wussten sie nichts von der Vereinigung und dachten nicht ans Beisammensein. Aber als das Weib von dem Baume aß, nämlich von der Mandragora im Geiste, und auch ihrem Manne davon gab, da erst erkannte Adam die Eva, und sie gebar den Kain auf das arge Wasser, so wie David sagt: Hilf mir, o Gott, denn die Wasser gehen mir bis an die Seele.
Als nun der große Elefant kam, das ist: das Gesetz, da konnte es den
Gefallenen nicht aufrichten. Darauf kamen die zwölf Elefanten, das ist
die Schar der Propheten, und auch diese konnten ihn nicht aufrichten. Später
als alle anderen kam der kleine Elefant, nämlich Christus der Gott, und
richtete auf den Gefallenen vom Boden. Denn der der oberste von allen war, nämlich
der Christus und der neue Adam, ist geringer geworden als alle. Erniedriget
hat er sich selber, die Gestalt eines Knechtes annehmend, auf dass er alle errette.
Wohlgesprochen hat der Physiologus vom Elefanten.
Benutzte Literatur: "Der Physiologus". Tiere und ihre Symbolik. Übertragen
und erläutert von Otto Seel, 1960 Artemis-Verlag AG Zürich und München