Falsch war
der Titel dieser Kolumne, die ich in den letzten fünf Jahren verfasst habe.
„Tagebuch einer Miteingereisten“ hätte er lauten müssen. War ich doch aus
meiner Heimat ausgezogen, um mich auf das Abenteuer Ägypten eingelassen. Augenzwinkernd,
ironisch, aber auch selbstkritisch habe ich versucht, mich mit der anfangs
so fremden Kultur auseinanderzusetzen, indem ich Dinge schilderte, die mir
im Alltag widerfuhren oder auffielen.
Nun also das
letzte Kapitel. Eine Warnung vorweg: Es hat amüsantere Folgen gegeben, denn
das „Mitausreisen“ bot wenig Grund zum Lachen. „Nun erwischt es uns also auch!“,
das war mein erster Gedanke, als mein Mann zum ersten Mal von einer neuen
beruflichen Aufgabe sprach. Abschiede hatten wir schon viele gefeiert, nun
sollte es unser Abschied werden? Der Gedanke gefiel mir anfangs gar nicht.
Nach monatelangem Hin- und Her zwischen „Wir bleiben“ und „Wir gehen“ war
ich schließlich aber froh, dass überhaupt eine Entscheidung gefallen war,
auch wenn sie gegen Kairo ausfiel. Dass sich die Moskau-Pläne dann doch noch
zerschlagen haben, entbehrt nicht einer gewissen Ironie…
„Bloß nicht nachdenken!“ lautete
meine Devise gegen den aufkommenden Abschiedsschmerz. Arbeit gab es genug:
Wochenlang habe ich unseren Hausrat gesichtet, vorsortiert und Dinge ausgesondert.
Getreu der Devise „Business as usual“ ging ich weiter meinen diversen Aktivitäten
nach, als würden wir mindestens bis zum Sommer in Kairo bleiben, ließ keine
Party, keinen Urlaub aus. Aber dann dachte ich zwangsläufig immer wieder bei
verschiedenen Anlässen: „Das ist das letzte
Mal, dass … (ich den Basar besuche, an dieser Sitzung teilnehme, auf diesem
Platz spiele, etc.).“ Still fing ich so für mich an, Abschied zu nehmen. Einladungen
zu Abschiedsessen bei guten Freunden folgten. Und wie immer hatte ich das
Gefühl, eigentlich noch mehr Zeit zu brauchen.
Dieses Gefühl
hielt bis zuletzt an. Aber irgendwann war er dann da, der Tag X. Am Vortag
war der Container auf den Weg geschickt worden, gerade rechtzeitig vor der
großen Abschiedsparty. Noch ein Frühstück bei lieben Freunden, das Schließen
der letzten Koffer, dann stand das „Taxi“ vor der Tür. Am Flughafen flossen
die Tränen reichlich, erst recht beim Start der Maschine. Die Flugbegleiterin
reagierte prompt und spendierte zwei Gläschen Schampus gegen die Katerstimmung.
- Eine gelungene Ablenkung.
In Frankfurt angekommen waren wir
erst einmal froh, die Eltern wieder zu sehen und gemeinsam das ganze Gepäck
heil nach Hause zu schaffen. Die Kinder stürzten sich johlend auf den ersten
Schnee seit sechs Jahren, den sie am Flughafen von den geparkten Fahrzeugen
kratzten. Wenigstens konnten wir „zuhause“ die Kälte draußen lassen und froren
nicht wie in Kairo noch im Haus.
Ungewohnt, dass alle Leute um mich
herum Deutsch sprechen. Aber in was für ein Land bin ich heimgekehrt? Keine
Spur von der Lebensfreude der Ägypter, trotz aller Sorgen: Die Stimmung in
der Heimat scheint mies, angesichts von Wirtschaftsflaute und Rekordarbeitslosigkeit.
Diskussionen über Hartz IV, Lohndumping und Mindestlöhne bestimmen die Schlagzeilen.
Feinstaub ist (sagen wir einmal) in aller Munde. Ob es in Kairo Messungen
dieser Art gibt? Das Preisniveau ist merklich gestiegen; an den Euro muss
ich mich immer noch gewöhnen. Und was ist aus der deutschen Kultur geworden?
Das Lied von Schnappi, dem Krokodil vom Nil liegt auf Platz Eins der Hitparade
und in der Zeitung lese ich, dass Nagellack für Hunde der neue Trend sei.
Armes Deutschland!
Zu den Annehmlichkeiten
der Rückkehr gehört das Einkaufen im Supermarkt. Nur nicht die Preise vergleichen!
Mit Begeisterung stürze ich mich auf Wirsing, Feldsalat, Rhabarber, unzählige
Apfelsorten und genieße die Vielfalt an der Wurst- und Käsetheke. Schnell
gewöhne ich mich wieder daran, meine Waren selber einzupacken. Oder den Wagen
selbst zu betanken. Dafür wird nicht überall und jederzeit ein Trinkgeld verlangt.
Aber muss eine Flasche Wasser im Restaurant wirklich umgerechnet 40 LE und
eine Tankfüllung stolze 500 LE kosten? Reisen und Ausgehen wird so zum Luxus.
Im Haushalt
muss ich mich wieder an die Mülltrennung gewöhnen. Was gehört in den normalen
Abfall (so wenig wie möglich, angesichts einer Mini-Mülltonne), was in den
Gelben Sack? Papier und Glas werden ebenfalls getrennt gesammelt, aber wann
wird was abgeholt? Eine Wissenschaft für sich; nachträglich lerne ich die
Arbeit der Sabalin erst richtig zu schätzen. Unsere Perle wird wohl am meisten
von den Kindern vermisst, die nun verstärkt lernen müssen, selber aufzuräumen
und im Haushalt mit anzupacken.
Wer weiß, für was es gut ist! Diesen
Spruch ihrer Mutter gab mir eine Freundin aus Kairo mit auf den Weg. Bis Oliver
seinen neuen Job antreten wird, wohnen wir im Haus der Schwiegereltern, die
sich auf einer längeren Auslandsreise befinden. Die Kinder fühlen sich wohl
hier im Kreis Offenbach und gehen gern in die Schule. Wir erfreuen uns am
ersten richtigen Frühling seit sechs Jahren; die Pollen hatte ich jedoch nicht
vermisst…
Scheidenden
sagt man ja selten etwas Gutes nach. Wieder entpuppte sich der Moloch Kairo
als Dörflein, die Gerüchteküche brodelte. Über das Ausmaß von Klatsch und
Tratsch habe ich ja an dieser Stelle schon berichtet. Selber Gegenstand wüster
Gerüchte zu sein traf mich trotzdem unvorbereitet und verletzte mich tief.
Viel Unwahres, das angeblich aus erster Hand stammt, wurde unter dem Siegel
der Verschwiegenheit verbreitet, wie wir hörten. Einen Effekt hatte der unerfreuliche Vorgang: Er erleichterte
uns den Abschied aus Kairo. Und reduzierte unseren großen Freundes- und Bekanntenkreis
schnell auf die Kontakte, die hoffentlich auch Bestand haben werden.
Derzeit schauen
wir nach vorn, nicht zurück: Wir sind aus- und nach Deutschland eingereist,
aber noch nicht wirklich angekommen. Mit Blick auf eine neue berufliche Perspektive
hoffen wir nun, bald unseren gesamten Hausstand nach Jahren wieder unter einem
Dach versammeln und erneut Fuß in Deutschland fassen zu können. Gegen Heimweh
nach Kairo sind wir dennoch alle nicht geimpft, weder die Eltern noch die
Kinder. Die Frist, die seit unserer Rückkehr verstrichen ist, ähnelt der Länge
eines Sommerurlaubs. Nur geht es dieses Mal nicht nach Ägypten zurück. Auch
die Kinder sprechen nun öfter von den Freunden, die sie vermissen. Unser Jüngster
meinte neulich, in Kairo sei es schöner gewesen, weil es nicht so viel geregnet
hätte. Nach einer fast 10stündigen Rückfahrt aus dem Osterurlaub beklagte
er sich darüber, dass Deutschland so groß sei und fragte, ob wir nicht den
Sommerurlaub in Ägypten verbringen könnten…
So bald werden wir wohl nicht auf
Urlaub nach Ägypten zurückkehren, doch wer weiß? Allen, die im Sommer Ägypten
verlassen werden, wünsche ich eine gute Ausreise und alles Gute. Für uns war
es eine schöne, eine unvergessliche Zeit. Vielleicht sagen wir bald gemeinsam
„Ma’ salama Kairo“?
Bettina Knauth