„Wir geben
die Angel, fischen müsst ihr selbst“
Unter dieses
Motto hat Ilse Schwarz ihren in Deutschland eingetragenen Verein "Moses
von Theben" gestellt. Als sie sich vor vier Jahren eine Reise nach Ägypten
gönnte, war sie wohl auch an den Monumenten und der alten Kultur interessiert,
aber schon am zweiten Tag ihres Aufenthaltes faszinierten sie die Menschen
hier viel mehr. Vor allem die Armen, so meinte sie, brauchen Hilfe. Sie sah
die kleinen Kinder mit verkrüppelten Armen und Beinen, die Mutter, die vom
Ehemann verlassen mit ihren sechs Kindern ihr Leben fristen musste und den
kranken Vater, der Medizin brauchte und sie sich nicht leisten konnte.
Wieder in Deutschland, gründete
sie den Verein, sammelte Gelder, Rollstühle, Gehhilfen, schrieb Firmen an,
organisierte Basare, verkaufte geschenkte und gesammelte Sachen auf Flohmärkten.
Die Fluggesellschaft Air Berlin ermöglichte es ihr, all die sperrigen und
schweren Güter kostenlos nach Luxor zu transportieren. In Ägypten wurden die
hilfreichen Sachen sehnlich erwartet und eingesetzt. Eine deutsche Therapeutin
kümmerte sich um die richtige Anwendung der Geräte.
Als dann eine 90-jährige Nachbarin
in Deutschland, die als Kriegerwitwe mit Nähen ihre Familie ernährt hatte,
auf ihre Geburtstagsgeschenke zu Gunsten des Vereines verzichtete und anregte,
mit diesem Geld mittellosen Ägypterinnen das Nähen beizubringen, entstand
bei Ilse Schwarz die Idee, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Eine Lokalzeitung
brachte einen Bericht darüber und einige Leute spendeten ebenfalls Geld. So
konnte Ilse Schwarz mit einer neu gekauften und zwei gebrauchten Nähmaschinen
eine Näh- und Stickschule für junge Frauen aus armen Familien in Luxor und
Umgebung gründen. Die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten begann und zusammen
mit der Engländerin Judith Marshall, die Ilse Schwarz in Luxor kennen lernte,
wurde sie fündig.: In einem Dorf, fünfzehn Fahrminuten von der Fähre Luxor
entfernt und von allen angrenzenden Dörfern gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln
erreichbar, mietete sie vier Räume. Räume, die aus ungetünchten Lehmziegelwänden
bestanden. Der Fußboden war festgetretener Lehmboden, es gab keinen Wasser-
und Stromanschluss und auch kein Dach. Jeder Raum war gefüllt mit Ästen, Blech,
Plastiktüten und Abfall. Ilse Schwarz mietete den Platz für einhundertfünfundzwanzig
Pfund im Monat. Mit ihren bescheidenen Mitteln ließ sie eine einfache Toilette
einbauen, ein Raum wurde überdacht und hellblau gestrichen, der Lehmboden
mit Beton bedeckt, elektrische Leitungen und Steckdosen gelegt. Es wurden
zwei Schränke, zwei große Tische und einige kleine für die Nähmaschinen angeschafft.
Die Vermieter, ein junges Ehepaar mit zwei Kindern, standen mit Rat und Tat
zur Seite. Hoda, die Ehefrau, war von der Nähschule sofort begeistert und
brachte sechs junge Mädchen im Alter von achtzehn bis einundzwanzig Jahren
die Nähen und Sticken lernen wollten.
So konnte im Januar 2004 die bescheidene
Schule eingeweiht werden. Schwester Maria, die vor Jahrzehnten im Müllviertel
von Kairo eine ähnliche Schule gegründet hatte, bot Ilse Schwarz an, zwei
der Schülerinnen bei kostenlosem Aufenthalt in Kairo auszubilden. So fuhren
Hoda und die junge Seinab, natürlich nach vorheriger Genehmigung durch deren
Familien, in Begleitung von Judith Marshall nach Kairo. Dort lernten sie in
acht Tagen die verschiedenen Nähte, Verschlüsse, Knopflöcher und Stickarten
zu fertigen. Sie gaben ihr Wissen an die daheim gebliebenen Mädchen weiter
und Hoda ist inzwischen als Lehrerin soweit, dass sie eine neue Gruppe von
sieben Mädchen allein ausbilden kann und dafür ein kleines Gehalt bekommt.
Mit Begeisterung sticken die Mädchen
Bilder mit naiven Motiven, wie Palmen, Kamele, Wasserträgerinnen, Flötenspieler
und Pyramiden. Kreuzstiche mit weihnachtlichen Motiven für Karten waren im
letzten Jahr die "Renner" bei den jungen Frauen. Dabei achten Ilse
Schwarz und Judith Marshall sehr auf die Rückseite der gestickten Handarbeiten,
denn auch die soll ordentlich aussehen.
Ziel des Vereines ist es, die jungen
Frauen Nähen und Sticken zu lehren und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit
zu einem kleinen Einkommen zu geben. So werden die entstehenden Arbeiten
an Geschäfte und Touristen-Besucher verkauft. Achtzig Prozent des Erlöses
erhalten die Mädchen und zwanzig Prozent der Verein, um neues Arbeitsmaterial
kaufen zu können. Diese zwanzig Prozent reichen natürlich nicht aus um die
Unkosten zu decken oder gar Neuanschaffungen und Investitionen zu finanzieren,
deshalb sind Spenden immer wieder sehr willkommen.
Für den Verkauf sorgen Ilse Schwarz
und Judith Marshall mit viel Phantasie und Zeitaufwand und so war neulich
die Freude groß, als ein Fair-Trade-Geschäft in Luxor den Auftrag für einhundert
Stofftaschen gab und ein Restaurant seine Handtücher mit hauseigenem Emblem
bestickt haben wollte.
Irgendwann werden die Frauen vielleicht
einmal so gut sein, dass sie Röcke, Blusen oder Galabiyas nähen können. Der
Anfang wurde schon gemacht: Zwei hübsche, in Gemeinschaft genähte Kinderkleider
hängen im Schulraum.
Ein kleiner Schatten fällt auf
die Euphorie, denn der Vater von Hoda, der, wie sich jetzt herausstellte,
der eigentliche Besitzer der Räume ist, möchte diese verkaufen. Nach einem
langen Nachmittag zähen Ringens um den Preis mit dem alten Mann wäre Ilse
Schwarz bereit gewesen, die Räume privat zu kaufen, weil der Verein nicht
so viel Geld besitzt. Nachforschungen haben jetzt aber ergeben, dass der Vater
gar nicht der eigentliche Besitzer ist, sondern das Grundstück nur von der
Regierung gepachtet hat und eigentlich gar nicht verkaufen kann.
Anschrift:
Moses von Theben e.V.
El Beirat El Tod, Luxor, West Bank
Tel: 0020 10538 1602
Elvira Grünert