Ägyptische
Episoden
Der Nil
Ich bin mir sicher, dass der Nil
früher mal ein Mann war, der sich aus irgendeinem Grund in der Wüste befand.
Er stand kurz vor dem Verdursten. Es war mitten in der tiefsten äthiopischen
Wüste, und er war nicht nur durstig, sondern hatte auf einmal Heimweh nach
dem Meer in Ägypten. Er lag im Sand und streckte seine Arme aus, schlang sie
umeinander, betete und wünschte sich nichts mehr, als dass sie immer weiter
wüchsen, bis sie zum Mittelmeer reichen würden. Den heißen Wüstengöttern irgendeiner
weit zurückliegenden Dynastie gefiel dieser Wunsch. Sie erschufen mitten in
der Wüste Süßwasserquellen und verwandelten die verschränkten Arme des Mannes
in einen langen Fluss mit weit ausgestreckten Fingern.
Betten
In Alexandria wohne ich in der Wohnung
der Familie eines Freundes. Es ist eine sehr schöne Wohnung. Mit Kronleuchtern
und Seidentapeten, echten Perserteppichen, in Perlmutt gefassten Koransuren
und so weiter. Ich könnte nun versuchen zu beschreiben, wer noch mit mir in
dieser Wohnung wohnt, aber das ist alles etwas verworren und ich weiß nicht,
wohin dieser Versuch führen würde.
Ich kann sagen,
dass es einen Vater gibt und eine Mutter. Aber schon das ist nicht richtig,
weil der Vater meistens nicht da ist. Dafür eine Tante, die mit dem Bruder
des Vaters verheiratet ist, und deren Tochter mit dem Sohn des angeheirateten
Mannes der Schwester des Vaters verheiratet ist, der und die auch sehr oft
da sind. Um die Sache aber einfacher zu machen, und weil ich mir das alles
nicht merken kann, darf ich sie Tante oder Onkel nennen.
Dann kommen
ab und zu noch Menschen, die Cousin oder Cousine heißen. Sie sind manchmal
vierzig Jahre alt und manchmal vier. Sie kommen einfach so und bleiben, so
lange sie wollen, meistens aber länger. Das ist möglich, weil jedem Gast gleich
ein Kleidungsstück angeboten wird, so dass man nie eigene Sachen zum Wechseln
mitbringen muss.
Man kommt in
der Wohnung an, und wenn man ein Mann ist, erhält man eine einfarbige oder
gestreifte Galabeiya, frisch gestärkt. Und wenn man eine Frau ist, ein leuchtendes
Kleid mit Blumenmuster. Kinder bekommen, was sie wollen, das ist hier einfach
immer so.
Davon handelt diese Geschichte:
wie man nämlich eine Wohnung einrichten muss, in der die Menschen einer Großfamilie
leben sollen. Ich fange mit dem Wohnzimmer an, weil im Wohnzimmer der Kühlschrank
steht. Um ehrlich zu sein: Ich habe noch nie einen so großen Kühlschrank in
einer Wohnung gesehen. In meinem ganzen Leben nicht. Da passt, wenn es sein
muss, mit Sicherheit ein halbes Rind rein, und es muss sein. Der Stauraum
beträgt bestimmt vier Kubikmeter. Der Kühlschrank ist ein einheimisches Produkt,
das nach Konstruktionsplänen amerikanischer Ingenieure gebaut wurde. In der
Tür befindet sich daher einen Eiscrasher, damit jeder es sich gleich mit einem
kalten Glas Wasser gemütlich machen kann.
Dafür gibt es im Wohnzimmer zwei
Garnituren von Sitzgruppen. Eine mit viel Gold und Brokat, und eine, die man
schmutzig machen kann. Daneben Stühle und Tische für die Kinder und natürlich
zwei große Esstische, an denen jeweils zehn Menschen Platz haben und deren
Stühle man auch sonst benutzen kann, wenn die Sitzgruppen nicht ausreichen
sollten. Weiter gibt es riesige Tabletts, auf denen zwanzig Teegläser Platz
haben und große Einkaufstüten voll mit Gebäck und Obst.
Die Wohnung hat drei Schlafzimmer.
In jedem Zimmer stehen zwei Doppelbetten, in denen bis zu drei Erwachsene
und fünf Kinder unterkommen können. Kinder schlafen im Sardinenprinzip, das
heißt, Kopf an Fuß, was sehr niedlich aussieht. Das ist auch das einzige,
was ich über die hiesigen Schlafgewohnheiten sagen kann, denn natürlich schaue
ich nachts nicht in die Zimmer fremder Leute oder frage sie am nächsten Tag,
mit wem sie die Nacht verbracht haben. Und ich habe mein eigenes Zimmer, werde
also nicht in das System miteinbezogen. Auch meinen Freund kann ich nicht
fragen. Ich weiß, er würde viel lieber mit mir in einem Zimmer schlafen als
zum Beispiel im Bett seiner Mutter oder eines Cousins. Gerade nachts haben
wir uns nämlich immer unglaublich viel zu erzählen. Aber selbst die Frage
danach, wo er geschlafen hat, verbietet sich von selbst.
Alles, was ich sonst herausgefunden
habe, ist demnach eine Mischung aus Vermutung und Kombination. Neulich hatte
zum Beispiel jemand Geburtstag, und es kamen ungefähr zwanzig Gäste: Tanten,
Onkel, Cousins und Cousinen. Verteilt auf zwei Schlafzimmer á zwei bis drei
Betten, ergibt das 3.5 bis vier Menschen pro Bett, was schlechterdings unmöglich
ist. Meine Annahmen:
1.
Es wurde überhaupt nicht geschlafen.
2.
Einige Menschen haben auf Perserteppichen geschlafen.
3.
In den großen Wandschränken befinden sich zusätzliche Betten.
4.
Es wurde in Schichten geschlafen, wie in Japan.
5.
Jedes Ehepaar hat die Kinder auf den Bauch genommen, es wurde sozusagen doppelstöckig
geschlafen.
6.
Nachts entstehen wie von Geisterhand neue Betten.
7.
Die Betten sind in Wahrheit immer vorhanden, ich kann sie mit meinen europäischen
Augen nur nicht sehen.
Auch wenn
ich heimlich in die Zimmer gesehen hätte, fürchte ich, hätte das nicht viel
zur Klärung beigetragen. Wie gesagt, tragen alle Männer weiße oder gestreifte
Globis und die Frauen alle das gleiche Kleid, nur in unterschiedlichen Farben.
Und vielleicht tauschen sie auch untereinander, wenn ich nicht hinsehe.
Karla Reimert
Karla Reimert Montasser ist seit zehn
Jahren immer wieder in Kairo - und seit drei Jahren mit einem Ägypter verheiratet.
Seit mehreren Jahren schreibt sie Geschichten über Kairo, die in Magazinen
wie etwa dem Kairo-Band der Zeitschrift "entwürfe" aus der Schweiz
veröffentlicht wurden.