Tagebuch einer Mitausgereisten

 

Lust und Frust - beim Golf

 

 


Alles fing damit an, dass ich meinem Mann einen Golfkurs zu Weihnachten schenkte Er fand Gefallen an dieser zeitaufwändigen Freizeitbeschäftigung, trainierte fleißig – und die Familie bekam ihn nun auch am Wochenende nicht mehr zu Gesicht. So entschloss ich mich ein halbes Jahr später, schweren Herzens, es auch einmal mit diesem Sport zu versuchen. Vorurteile hatte ich genug: Elitesport, teures Freizeitvergnügen, Beschäftigung für alte Leute. Vorurteile, die bei Nicht-Golfern immer wieder Spott und Sprüche wie: „Spielst du schon Golf oder hast du noch... (gemeint ist die andere schönste Nebensache der Welt)?“ nach sich ziehen.

 

Schon mit meiner ersten Unterrichtsstunde begann die Achterbahn der Gefühle – und sie hält bis heute, gut vier Jahre später, an: Habe ich einen Ball gut getroffen und fliegt er erstaunlich weit, denke ich: Jetzt habe ich den Bogen raus – und versage flugs darauf beim nächsten Schlag kläglich. Reiße ich an einem Tag meinen Caddy zu spontanen Beifallsbekundungen hin, schüttelt er am Tag danach nur missbilligend, mitunter gar mitleidig, den Kopf. Spiele ich ein Superturnier, gewinne gar einen Preis und denke, dass nun endlich der Knoten geplatzt ist, so belege ich beim nächsten Mal bestimmt wieder den letzten Platz (eine muss sich ja opfern!). Lust und Frust auf dem Platz: Heute hui, morgen pfui. Wie sagte unsere Golffreundin Olly in Kairo immer so treffend: Beim Golfen lernt man Demut!

 

Wie soll man auch an so viele Dinge gleichzeitig denken: Kopf unten, Ball anschauen, Schultern ruhig halten, Rücken gerade, Po raus, Füße parallel, fester Stand, lockerer Griff, aber feste Handgelenke, linker Ellenbogen gerade, ruhiger Rückschwung, aus der Hüfte schwingen, Schläger durchziehen – und immer ganz locker bleiben. Das soll doch Spaß machen, nicht in Arbeit ausarten!

 

Wer redet von Handicap 10, 23 oder 36? Mein Handicap ist mein Körper, der selten das macht, was mein Kopf ihm sagt. Den Kopf sollte ich sowieso aus dem Spiel und erst recht unten lassen. Kaum denke ich: „Na, ob der Schwung wohl etwas wird?“, da fliegt der Ball auch schon ins Rough, ins Abseits. Nicht nur die Fairways im Dreamland oder Mena House kenne ich bestens, auch jeden Quadratzentimeter abseits der bespielbaren Bahnen. Dank Flugkurven wie Hook und Slice verschwinden die Bälle spurlos. Wir verschwinden auch – ins Gebüsch und versuchen, sie wieder zu finden. Ob mal jemand ausgerechnet hat, wie viel Zeit pro Golfrunde man durchschnittlich mit dem Suchen von Bällen zubringt? Oder mit den oft vergeblichen Versuchen, Bälle aus den Wasserhindernissen zu angeln? Es soll auch Leute geben, die Golf zum Vergnügen spielen…

 

Vieles, fast alles, spielt sich im Kopf ab. Denke ich, gut drauf zu sein, bin ich bestimmt zu verkrampft, zu ehrgeizig und es läuft schlecht. Bin ich dagegen alles andere als siegessicher, spiele ich locker  und gut. So auch auf Plätzen, die ich nicht kenne, auf denen ich nicht ständig daran denken muss, wie ich das Loch beim letzten Mal vermasselt habe.

 

Überhaupt, das Loch! Und die Angst vor ihm! Golf wäre eine wirklich nette Freizeitbeschäftigung, wenn man nicht am Ende jeder Bahn den winzigen Ball in dieses kleine Loch bringen müsste!

Es ist schon ärgerlich, wenn man sich beim Putten so viele unnötige Schläge einhandelt. Die kurzen, am Loch vorbeigespielten zählen schließlich genauso viel wie die langen, raumgreifenden zuvor. Aber ich persönlich spiele gern mit Leuten, die das Golfen nicht zu ernst nehmen, die auch nach vier Putts noch lachen können. Malesch! Dabei spielen sich auf dem Platz mitunter Dramen ab. Wer hat sich und anderen nicht schon mal damit gedroht, die Schläger zu verkaufen oder die Schuhe an den Nagel zu hängen? Oder gar vor lauter Wut die Schläger durch die Gegend geworfen? Dabei ist das Equipment selten schuld an der Misere, auch wenn die Werbung uns vorgaukelt, dass es der neueste Driver oder Putter sein muss.

 

Auch für Paare kann eine Runde Golf zu einer echten Belastungsprobe werden, vor allem wenn – wie bei uns häufig der Fall – einer schlecht und eine gut (oder umgekehrt) spielt. Lust und Frust auf einmal vertragen sich nicht. Nicht selten soll es bei Paaren auf dem Golfplatz zum Ehekrach kommen, gehen Freundschaften oder gar Ehen auseinander. Golfen, ein gefährlicher Sport? Es kursieren auch Horrorgeschichten von Mitspielern, die von fremden Bällen getroffen werden, oder von Anfängern, die einem Schläger zu nahe kommen und eine Platzwunde davontragen.

 

Ein schwieriger Sport ist das Golfen  allemal. Hat man den eigenen Körper einigermaßen an den ungewohnten Bewegungsablauf gewöhnt, gilt es noch einige fundamentale Regeln zu erlernen. An der Regelkunde entzündet sich manch ein Streit im Flight, vor allem in Turnieren. Etwa darüber, ob ich nun den Ball straffrei droppen darf oder einen Strafschlag in Kauf nehmen muss. Dann gibt es Leute, die nicht zählen können, die sagen, sie hätten sechs Schläge bis ins Loch gebraucht, obwohl es acht waren. Oder solche, die absichtlich einen Ball am Loch vorbei spielen, damit das Handicap nicht verändert wird. Überhaupt, dieses Handicap, das doch Aufschluss darüber geben soll, wie gut jemand spielt: Ein Freund wurde gar in einem renommierten Kairoer Club gefragt, welches Handicap man denn auf seine Karte schreiben solle. Mit Spielern bzw. Spielerinnen, die Probleme mit dem Zählen oder den Regeln haben oder ein falsches Handicap angeben, macht das Golfen gar keinen Spaß.

 

„Gehst du schon wieder Golf spielen?“, fragte mich mein Mann in Kairo oft, wenn er ins Büro fuhr. Wer warnt einen schon vor den Risiken und Nebenwirkungen dieses Sports? Niemand. Dabei ist Golf eine Droge, Golf macht süchtig. Für mich war das Golfen in Kairo die ideale Beschäftigung, um mich zu bewegen (mit dem Trolley laufend, nicht im Kart sitzend), an der Luft (da wo sie wirklich noch frisch ist) und im Grünen (wo es nicht überlaufen ist). Das Wetter ist meistens golffreundlich, was gut ist, denn ich bin eine richtige Schönwetterspielerin. Schon in langen Hosen und mit langen Ärmeln kann ich nicht gut spielen, die engen mich ein. Und vom Winde verwehte Bälle mag ich auch nicht. Was werde ich nur in Deutschland machen?

 

Sollte es auf dem Platz wieder nicht gut gelaufen sein, dann gehe ich schnell über zum „19. Loch“, besonders gern bei den deutschen Golfern in Kairo. Oft wurde ich gefragt, warum ich mich nach dem Golfen so schick anziehe. Ganz einfach: Wenn ich 18 Loch lang schlecht ausgesehen habe, will ich wenigstens beim geselligen Beisammensein danach eine gute Figur abgeben...

 

Bettina Knauth

 

PS. Wer es trotz der geschilderten Schwierigkeiten mit dem Golfen versuchen will, dem kann ich nur gratulieren. Und raten, sich nicht entmutigen zu lassen! Adressen der einzelnen Clubs finden Sie unter „Sport & Freizeit“ im Papyrus-Anhang. Denn ganz ehrlich: Nun, im eisigkalten Deutschland vermisse ich das Golfen doch sehr – auch wenn ich hier genug Grün um mich herum habe.

 

 

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