"Ein Wunder, dass ich nicht
Die Entstehungsgeschichte
eines „Garten Eden“
Relaxen auf
gepflegtem, sattgrünem Rasen, umgeben von einem bunten Blumenmeer, zur Abkühlung
ein Bad im Pool und später, wenn der kleine Hunger kommt, steht wie von Zauberhand
ein leckeres Barbecue bereit. Am Ende des Tages zur Erinnerung ein paar hübsche
Pflanzen für den eigenen Garten mit nach Hause nehmen und eventuell noch den
Bedarf an Kräutern und/oder frischem Bio-Gemüse decken. Klingt zu schön, um
wahr zu sein? Doch unweit vom Moloch Kairo, in der Nähe der Dahshur-Pyramiden,
liegt, ein wenig versteckt, „Blooms Nursery and Gardens“. Diese wundervolle
kleine Oase bietet die ideale Umgebung für einen perfekten Tag fern des Lärms
der Stadt. Ein Ort zum Toben und Spaß haben für die Kleinen, ein Platz zum
Entspannen und Träumen für die Erwachsenen.
„Blooms“ ist eher ein Produkt des
Zufalls als das Ergebnis einer Vision. Jeder einzelne Entwicklungsschritt
erfolgte aus einer Selbstverständlichkeit für das Nächstliegende heraus. Die
Frau, die diesen „Garten Eden“ erschaffen hat, ist Jehan Nour El Din. Ihr
Erfolgsrezept: Liebe, Leidenschaft und ein langer Atem.
Frau Jehan erzählt mit Begeisterung
von ihrem Garten und ihre Augen leuchten. Aber hätte man ihr vor ca. fünfzehn
Jahren erzählt, dass sie einmal so etwas Wundervolles auf die Beine stellen
würde, hätte sie denjenigen vermutlich ausgelacht.
Ein Garten entsteht:
1992 kauft Frau Jehans Mann, Ahmed
Ammar, ein Haus in der Nähe von Dahshur. Vor diesem Haus befindet sich ein
Acker. Dieser bleibt zunächst ungenutzt. Bis ein Jahr später der älteste Sohn
seiner Mutter vorschlägt, daraus einen Garten zu machen. Frau Jehan, die von
sich selbst sagt, dass sie schon immer sehr entscheidungsfreudig war, stimmt
diesem Vorschlag sofort zu. Sie besorgt sich Gartenzeitschriften und engagiert
Spezialisten, die das Land nach ihren Vorstellungen in einen farbenfrohen
Garten umwandeln sollen. Obwohl sie sich vorher nie mit dem Thema Blumen beschäftigt
hat, entsteht unter ihrer Anleitung ein schöner Garten, in dem sich Familie
und Freunde am Wochenende zur Erholung und zum gemütlichen Beisammensein treffen.
Sie selbst jedoch ist mit dem Ergebnis noch nicht vollkommen zufrieden, daher
stellt sie einen neuen Gärtner ein. Mit ihm entwickelt sich eine sehr gute
Zusammenarbeit, die bis heute anhält.
Der Beginn einer Leidenschaft:
Der Tag, an dem ihr Ehemann mit drei
dicken Gartenlexika nach Hause kommt, wird zu einem Wendepunkt in Frau Jehans
Leben. Nachdem sie die Bücher durchgeblättert hat, steht ihr Entschluss fest:
„Mit Hilfe dieser Bücher bekomme ich das auch hin!“ Die Wandlung von der passiven
zur aktiven Gärtnerin beginnt. Frau Jehan liest, kauft Pflanzen und kümmert
sich um ihre Pflege. Über einen Weg aus Versuch und Irrtum dringt sie immer
tiefer in die Geheimnisse der Pflanzenwelt ein. Inspiriert durch die Bilder
in ihren Magazinen ist ihr Traum ein farbenfroher Garten mit möglichst großer
Blumenvielfalt. Sie beginnt ihre Arbeit mit einjährigen Blühern, muss aber
feststellen, dass dies langfristig gesehen sehr viel Arbeit macht. Daher möchte
sie auf mehrjährig blühende Blumen umstellen. Ein weiteres Problem stellt
das Angebot auf dem ägyptischen Blumenmarkt dar. Es gibt einfach nicht die
Vielfalt, die sie sich wünscht. Der Katalog eines britischen Blumenversandhandels,
der ihr in die Hände fällt, bringt sie ihrem großen Ziel wieder einen Schritt
näher. Das umfangreiche Angebot verführt und sie bestellt gleich Samen im
Wert von ca. GBP 800,00. Doch dieses Projekt geht schief. Von den bestellten
Samen wächst nicht ein Pflänzchen! „Ein Wunder, dass ich nicht gleich wieder
aufgegeben habe“, sagt sie. „Aber ich lernte aus meinem Fehler, kaufte zukünftig
kleinere Mengen und arbeitete daran, die Ursachen für den Misserfolg zu finden.“
Die Blumensamen aus dem Ausland überfordern
anfangs auch ihren Gärtner. Wie soll man Blumen pflegen, die man gar nicht
kennt? Irgendwann lässt er sich aber von der Leidenschaft Frau Jehans anstecken.
Er beginnt, Fragen zu stellen und ist mit zunehmendem Spaß bei der Sache.
Die Zusammenarbeit funktioniert immer besser und ihre Beharrlichkeit zahlt
sich aus. In der nächsten Saison gedeihen die Blumen prächtig. „Endlich hatte
ich meinen Traumgarten“, sagt sie fast ein wenig überrascht.
Das „Kind“ bekommt seinen Namen:
Als der Garten 2001 Frau Jehans Ansprüche
rundum erfüllt, entschließt sie sich zu einer Ausstellung. „Als ich einer
Bekannten von meinem Vorhaben erzählte, fragte sie mich nach dem Namen meines
Gartens. Ich überlegte und da ich alles Blühende liebe, nannte ich ihn ‚Blooms’.“
Beim Besuch der Ausstellung verliebt
sich ihre schottische Freundin in den romantischen Ort. Sie möchte die Hochzeit
ihres Sohnes gerne dort feiern. Frau Jehan stimmt zu, für diesen Anlass etwas
auf die Beine zu stellen. Schließlich empfängt sie jedes Wochenende ihre Familie
und Freunde hier. Die Hochzeitsfeier wird ein voller Erfolg. Die Gäste fühlen
sich wohl, genießen den Garten, den Pool und ihr Barbecue. Gleichzeitig ist
die neue Idee geboren: Frau Jehan beschließt, den Garten ganzjährig für Publikum
zu öffnen.
Frau Jehan:
Spätestens seit der Ausstellung hat
die Arbeit im Zusammenhang mit dem Garten so zugenommen, dass Frau Jehan ihren
Beruf als Lehrerin an der CAC aufgibt, um sich voll und ganz ihrer neuen Aufgabe
zu widmen.
Die Begeisterung für ihre Arbeit
ist vor allem in der Gemeinschaft der hier in Ägypten lebenden Ausländer sehr
groß. Verschiedene Gruppen, darunter CSA und Caire Accueil, arbeiten immer
wieder gerne mit ihr zusammen, bitten sie um Vorträge oder Ausstellungen.
„Aber es ist nur ein Hobby“, wird
sie nicht müde, zu betonen. „Ich bin kein Spezialist, habe erst spät angefangen,
mich mit dem Thema zu beschäftigen. Doch wenn es Fragen zum Thema Blumen gibt,
die ich nicht ohne weiteres beantworten kann, schlage ich in meinen Büchern
nach, bis ich die Antwort gefunden habe.“
Ihr „Hobby“ fordert einen Großteil
ihrer Zeit. Zu Beginn jeder Saison werden die Samen zunächst in Töpfen gezogen.
Wenn die Zeit zum Umpflanzen gekommen ist, setzt sie sich an einen Tisch,
und arrangiert alles mathematisch-akribisch anhand von Farben und den erwarteten
Pflanzenhöhen. Wenn ihr eine Pflanze besonders gut gefällt, nimmt sie sich
schon dann vor, im nächsten Jahr ein ganzes Beet nur mit dieser einen Pflanze
anzulegen. „Es ist wie mit der Mode“, sagt sie. „Im einen Jahr gefällt mir
diese Farbe oder jene Pflanze besser, im nächsten wieder etwas ganz anderes.“
Ihre Energie und ihre Begeisterung
sind so groß, dass sie sich in ihrer Arbeit nicht nur auf Dahshur beschränkt.
Auch vor ihrem Haus in Maadi gibt es jedes Jahr ein neues Farbarrangement.
Findet Frau Jehan selbst noch die Zeit für Entspannung und
Nichtstun in ihrem Garten?
„Natürlich bin ich auch mal einfach
zum Nichtstun mit meinem Mann und der Familie dort. Aber das eigentlich Entspannende
ist die Arbeit mit meinen Pflanzen!“
Das aktuelle Projekt:
Vor fünf Jahren begann Frau Jehan,
sich mit einem neuen Garten-Thema zu beschäftigen. Dieses Projekt widmet sie
der Züchtung von Bio-Gemüse. Hierfür hat ihr Mann ein Feldstück in der Nähe
von Dahshur gekauft. Momentan nutzt sie erst ein kleines Teilstück. Und wieder
gilt es, viel zu lesen und viele Fragen zu stellen. Hier muss sie sich ein
völlig neues Gebiet erschließen. Die Idee hat allerdings einen traurigen Hintergrund:
In den vergangenen Jahren hat die Familie Ammar gleich mehrere Verwandte und
Freunde an den Krebs verloren. Frau Jehan führt die Ursache der Krankheit
unter anderem auf chemisch behandelte Lebensmittel zurück und möchte nun im
Rahmen ihrer Möglichkeiten einen Beitrag zu einer gesünderen Lebensweise leisten.
Darum schloss sie sich mit einer interessierten Gruppe aus Freunden und Bekannten
zu einer Kooperation zusammen. Die Mitglieder zahlen eine bestimmte Summe
und erhalten nun jeden Monat ihren Anteil von dem, was geerntet wird. Das
kann viel, wenig oder sogar mal gar nichts sein – schließlich befindet sich
das Projekt noch in der Entwicklungsphase. Doch in den erfolgreichen Monaten
wird üblicherweise mehr geerntet, als die Kooperation verarbeiten kann. Hier
gilt es, zusätzliche Abnehmer zu finden.
Schon jetzt besteht die Möglichkeit,
bei Frau Jehan sein Interesse zu bekunden. Sie plant, eine Liste von Kaufwilligen
zu erstellen und zukünftig z. B. per E-Mail das aktuelle Angebot zu verbreiten.
Das Projekt hat sein Ziel erreicht, wenn der Garten eine ausgewogene Palette
unterschiedlichster Gemüsesorten hergibt. „Schließlich bringt es nichts, wenn
ich Bio-Blumenkohl zubereite und gleichzeitig behandelte Zwiebeln verwende.“
Das Thema der organischen Landwirtschaft
begeistert Frau Jehan. In ihren Bemühungen wird sie von einem professionellen
Berater unterstützt und von einer Organisation, die unter anderem „Bio-Zertifikate“
ausstellt (welches sie, da sie sich noch im Anfangsstadium befindet, noch
nicht hat). Diese Organisation gibt auch Tipps, wo sie z. B. chemisch unbehandelte
Samen kaufen kann.
Inzwischen kennt sie auch viele kleine
Tricks der biologischen Schädlingsbekämpfung. Angefangen bei verschiedenfarbigen,
mit Kleber beschichteten Tafeln, bis zum Einsatz von Marienkäfern werden hier
einige „Geschütze“ aufgefahren, um das Gemüse auf biologische Weise vor den
verschiedensten Angriffen aus der Natur zu bewahren.
Die Ergebnisse können sich sehen
lassen. Die genießerischen Rückmeldungen aus dem Bekanntenkreis sprechen für
sich: „Ein Geschmack, der uns an unsere Kindheit erinnert und den wir schon
völlig vergessen hatten!“
Blooms Nursery
& Gardens ist ganzjährig geöffnet. Besuche sind in Kleingruppen ab 10
Personen möglich und sollten 14 Tage vorher bei Frau Jehan (Handy: 012-213
60 72) angemeldet werden. Der Tag bei Blooms inklusive Barbecue und Poolnutzung
kostet L.E. 80,00. Bei Anmeldung erhält man eine detaillierte Anfahrtsskizze.
Wer ausschließlich am Kauf von Pflanzen oder Gemüse interessiert ist, kann
sich ebenfalls direkt an Frau Jehan wenden, auch per E-Mail: jehanammar@hotmail.com