Aus Alt wird Neu

 

 

 

Dies ist die Geschichte einer alten Liebe, die vor nunmehr 11 Jahren eher zufällig begann, dann langsam, aber stetig gedieh, in gelegentlichen Wutausbrüchen über nicht zu leugnende Mängel eskalierte und am Ende nach einer grundsätzlichen Renovierung aller körperlichen Bestandteile in neuem Licht erstrahlt!

 

Ich spreche von meiner Wohnung – auch wenn manch einer das falsch verstanden haben mag! Im Juni 2004, eigentlich völlig überraschend, erklärte sich meine Vermieterin bereit, mir die Wohnung zu verkaufen, in der ich seit meiner Ankunft in Dokki lebe. Ich hatte dies bereits vorher mehrfach angeboten, da eine grundsätzliche Renovierung anstand, diese aber von der Besitzerin nicht in Angriff genommen wurde und jeweils abschlägig beantwortet worden war. Da auch meine Bemühungen um andere Wohnungen am Zustand, der Lage oder den überzogenen Preisvorstellungen gescheitert waren, hatte ich die Hoffnung vorläufig aufgegeben, umso überraschender diese Wendung! Der Verkauf sollte nach meiner Rückkehr aus den Ferien erfolgen und für mich erhob sich die Frage, wann ich die Renovierungen in Angriff nehmen wollte. Vor meiner Sommerreise hatte ich noch drei Wochen Zeit, um Vorbereitungen zu treffen. Ich fand einen Ingenieur, der den Umbau vornehmen wollte, ich fand eine Anwältin, die den Verkauf  abwickeln sollte und ich fand Materialien, die ich bei der Ausstattung der Wohnung verwenden konnte. Das war das Einfache!

 

Nachdem die Vertragsunterlagen in den Ferien nicht nach Deutschland geschickt wurden, glühten die Telefondrähte in das Urlaubsziel meiner Anwältin, die allerdings nur die Säumigkeit beim Bereitstellen der Verkaufsunterlagen vermelden konnte. Ohne Vertrag wollte ich aber nicht loslegen und die Bauarbeiten sollten doch schon am Tag nach meiner Rückkehr beginnen; also diese um einen Tag verschoben und mit einem Mitarbeiter der Anwaltskanzlei zu der verkaufenden Familie, die nun plötzlich die Konditionen ( LE statt Euro, Erhöhung des Preises, Einrichtungsgegenstände der Wohnung) verändern wollte. Kurz vor dem Abbruch der Verhandlungen und einem energischen chalass(!) wurde ich dann doch noch zu meinen Konditionen „in die Familie“ aufgenommen. Es war getan, aber es war schwierig und unangenehm!

 

Nun sollte das Kreative, das Neue beginnen – es begann und wie! Nun zu Hause zwei Zimmer ausgeräumt, die Einrichtung auf das Dach geschafft und es konnte losgehen! Meist drückten sich 5 Arbeiter auf der Baustelle herum, rissen die Bodenbeläge heraus, stemmten die Wände auf und tranken Zucker mit Tee, so dass ich alle zwei Tage ein Kilo dieses Kraftelixiers kaufen musste. Nach einem furiosen Beginn ein Dämpfer: der Vater des mohandes war überraschend gestorben, die Bauarbeiten ruhten – einen Tag, dann ging es wieder los. Niemand konnte verstehen, dass ich die wunderschönen Gipselemente in den Zimmerdecken loswerden wollte, viele Anwohner und Bekannte rissen sich um die alten Fenster und Türen, die ich eigentlich nur loswerden wollte, aber alle gratulierten mir, dass die Bauarbeiten zügig vorangingen. Ich war anderer Meinung! Wenn die Stahlarbeiter, die an der Isolation meiner Außenwand arbeiteten, mir versprachen, dass sie am Freitag um 10 Uhr kommen würden und dann entweder gegen 16 Uhr oder gar nicht anrückten, dann war ich wütend; wenn Abfälle und Schutt tagelang das Treppenhaus blockierten, schäumte ich und wenn mal wieder ohne System (wie kann man so oft Reste oder Materialien umlagern?) und Sauberkeit gearbeitet wurde, dann explodierte ich! Es war eine tolle Zeit!

 

Nach der Schule ging es los ohne Pause! Lösung von Problemen, Fällen von notwendigen Entscheidungen oder Besorgen von wichtigen Teilen wie Kacheln oder Türgriffen, was mir nicht rechtzeitig mitgeteilt worden war. Am Abend dann nach der Endreinigung irgendein Nahrungsersatz wie McDo und bevor einem die Augen zufielen, noch schnell den Unterricht vorbereitet. Ich hoffe nur, dass meine Schüler außer dem Abmagern meiner Gestalt nichts gemerkt haben! Dann das Liegebett auf dem Balkon, in einem halbfertigen Zimmer oder im Bauschutt  aufgeschlagen und dem Körper etwas Ruhe gegönnt – immer in der Hoffnung, dass es ja irgendwann vorbei sein müsse! Froh war ich allerdings, den Vorschlag des mohandes, dass er in den Sommerferien arbeiten könne oder ich ausziehen sollte, nicht angenommen habe. Und das war gut so, denn wenn es auch hinterher von der Optik nett aussieht, so ist doch Kontrolle und immer wieder Kontrolle ein „MUSS“!

 

Nette Begegnungen gab es auch, wenn man mitten in der „Schutthalde“ von den Arbeitern zum „feudalen“ Mittagessen mit aish bälädi, Soße und fuul eingeladen wird oder im größten Chaos auf dem Balkon plötzlich die Papageienblumen anfangen zu blühen, obwohl ich ihnen jahrelang ohne Erfolg zugeredet hatte und die Drohung auf dem Balkone stand, sie beim Aufräumen vom 15. Stock zu werfen! Und mittendrin sitzt der mohandes und überwacht die Arbeiter, betet auf einem alten Zementsack oder muss sich meine Klagen oder Arbeitswünsche für den nächsten Tag anhören! Ab und zu konnte ich ihn sogar zu körperlicher Arbeit bewegen, wenn ich in seiner Nähe Schutt entsorgte oder Staub beseitigte. Schon war er bei mir, versuchte mir meine Arbeitsmaterialien zu entreißen oder rief Mahmoud oder Mohamed und entschloss sich dann auf mein energisches la-a mir als Assistent zu dienen! So leicht kann man pädagogisch wirken!

 

Nicht verhehlen will ich, dass es natürlich keinerlei Arbeitsschutzmaßnahmen gab! Der kahrabegi (Stromleger – man beachte, was ich in dieser Zeit an neuem Wortschatz zu meinem Küchenarabisch hinzufügen konnte) musste ja unbedingt auf der einen Seite in die Wandöffnung schauen, als auf der anderen Seite der Stemmer mit dem Meisel noch die Öffnung erweiterte – malesch – und das Auge wurde rot und röter und auch meine Augentropfen, die ich im Chaos auftreiben konnte, wollten nicht helfen. Die Stahlarbeiter mochten nicht mit Handschuhen arbeiten und wunderten sich, wenn sich die Fixierdrähte in die Finger bohrten. Zudem zeigte mein Verbot von Kinderarbeit nur während meiner direkten Anwesenheit Wirkung. Und auch der Junge, der wie alle anderen immer barfuss die alten Kacheln abschlug, durch Schutt und über nagelstarrende Parkettleisten marschierte und mit einem völlig entzündeten und auf die doppelte Größe angeschwollenen Fußzeh da stand und nicht wusste, dass er mit seinem Leben spielte!

 

Nun ja, es ging voran, wenn auch nicht so flott, wie ich es wollte! Aus den im Voraus besprochen 4 Wochen sollten dann 7 Wochen („before Ramadan“) werden, - doch da zog ich die finanzielle Notbremse! Das zog! Plötzlich wimmelte es in der Wohnung vor Handwerkern, die Kontrolle wurde meine Hauptarbeit. Anruf beim mohandes, dass irgendetwas nicht stimmt oder klappt! Besichtigung der Missstände, Ausbesserung, Aufregung, „Zustände und Krisen“ und dergleichen mehr! Am Ende war ich froh, als endlich alle weg waren und ich in Ruhe und mit Muße das Aufräumen und Einrichten beginnen konnte!

 

(Fortsetzung folgt)

 

Wolfgang Engelhorn

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