Geschichten aus Luxor:
Ziegenkauf
In Gourna, dem kleinen Dorf auf der Westbank, war der
wöchentliche Markttag. Hier wird hauptsächlich Gemüse und Obst der Saison
verkauft. Die Bauern haben so die Möglichkeit, ihre Produkte direkt an die
Bevölkerung zu verkaufen. Junge Mädchen oder alte Frauen bieten, auf einem
Stück Zeitungspapier ausgebreitet, manchmal nur ein paar selbst geerntete Zitronen
an. Aber auch Geschirr, Werkzeug und alltägliche Gebrauchsartikel werden von
den Händlern auf einem ausgebreiteten Plastikteppich feilgeboten. Auf dem angrenzenden
weitläufigen Platz ist der Tiermarkt für die Bauern.
Wir, zwei europäische Frauen, wollten einen
Ziegenbock für die schon vorhandenen Ziegendamen
erstehen. Kühe und Esel waren nicht mehr auf dem Gelände zu sehen und so hatten
die Ziegen den großen Platz für sich allein. Wir gingen näher an die Ziegen
heran, um zu sehen, welche uns am besten gefiel. Zwei oder drei Männer standen
in einiger Entfernung, aber keiner kam zu uns. Wie sollten sie auch wissen, dass
zwei Frauen eine Ziege kaufen wollten, wo dies Geschäft doch Männersache ist?
So gingen wir auf einen der Männer zu und fragten ihn nach dem Preis der
Ziegen. Nun merkte er wohl, dass wir Käufer waren. Radebrechend mit ein paar
arabischen Worten erklärten wir ihm, dass wir einen Ziegenbock kaufen wollten.
Er winkte er einen Mann heran, der gelangweilt an
seinen Eselskarren gelehnt stand und zu uns herüberschaute. Als dieser von unserem
Wunsch hörte, wurde er plötzlich sehr lebhaft und deutete uns an, wir sollten
uns auf seinen Pritschenwagen setzen, er wolle uns zu einem Bauern im angrenzenden
Dorf fahren. Mit Hilfe des Mannes setzten wir uns auf den Wagenrand und ließen
die Beine nach unten baumeln. Im Nu sprangen noch ein paar Kinder auf den
Karren und so fuhren wir los, in Richtung Dorf.
In einer Gasse vor einem Lehmziegelhaus hielt der
Mann an und bat uns in das Haus. Der Raum war nicht sehr groß, ziemlich düster
und mit den schmuddeligen Polstern auf den Sitzbänken aus Palmstäben wirkte
alles sehr einfach und ärmlich. Ein alter Mann setze sich neben den Mann und
uns gegenüber hockten zwei kleine Mädchen an der Mauer auf der Erde und
lächelten uns an. Nach einer Weile brachte eine junge Frau auf einem Plastiktablett
vier Gläser mit Tee. In Ermangelung der Sprache war die Unterhaltung sehr
schleppend und dürftig. Wir warteten, aber uns war nicht klar, ob wir auf den
Bauern oder auf die Ziegen warteten. Nachdem wir den Tee getrunken hatten,
erhob sich der Mann und wir folgten ihm durch einige enge Gassen, bis wir zu
einem Stall kamen in dem die Ziegen waren. Der Bauer führte uns drei junge
Ziegen vor. Wir konnten nicht unterscheiden, ob es männliche oder weibliche
Ziegen waren und die Freundin entschied sich für eine hübsche graue Ziege. Ja,
wurde uns beteuert, es sei ein Ziegenbock. Über den Preis wurde nicht viel gehandelt,
100 Pfund schienen uns angemessen für den hübschen Ziegenbock, das Geschäft war
abgeschlossen.
Wir hatten keine Vorstellung davon, wie wir die Ziege
nach Hause bringen sollten. Aber der Mann vom Markgelände hob das meckernde
Tier auf seine Arme und nachdem wir ihm erklärt hatten, wo wir hin mussten,
marschierten wir - in Begleitung eines halbwüchsigen Jungen und zweier Kinder -
durch die Gasse und dann einen Kilometer weiter durch die Wüste, bis wir daheim
angelangt waren. Der Mann setzte den Ziegenbock im Garten ab, bekam seinen
Trägerlohn und erbot sich, in zwei Stunden wiederzukommen um noch spezielles
Körnerfutter für 10 Pfund zu bringen. Der junge Ziegenbock verhielt sich noch
ein wenig verängstigt in der neuen Umgebung und drückte sich an uns. Aber als
er dann nach zwei Tagen zu den Ziegendamen in den Stall gebracht wurde,
behauptete er, ganz nach patriarchaler Manier, seine Position.
Inzwischen sieht eine der Ziegen Mutterfreuden entgegen.
Mohammeds Felafelstand
Eine Bekannte führte mich zum
Felafelstand von Mohammed, der eigentlich Lehrer ist. Wir gingen zu der
schmalen Hinterseite eines Hauses. Einige Männer saßen auf Bänken an der
Hauswand. Wir grüßten und manche reichten uns die Hand. In diesem Hinterhofstreifen
- man kann wirklich nur Streifen sagen - hatte der junge Mann einen
Essverkaufsstand aufgebaut. Man musste vorsichtig laufen, damit man nicht den
Abhang hinunterfiel, der sich gleich daran anschloss und in einem zum Teil
ausgetrockneten, aber zugleich mit wenig tümpeligem Wasser gefüllten Graben
endete. Es war eine Art Theke quer aufgebaut, an der man gerade noch vorbeigehen
konnte. Am Ende dieses Ganges stand ein kleiner Tisch auf dem ein Frittiertopf
mit heißem Fett aufgestellt war. Der Topf, der auf einer Gasflamme stand, war
schwarz von verbranntem Öl. Ursprünglich war er wohl aus hellem Aluminium
gewesen, was noch an kleinen Stellen zu erkennen war.
Der Angestellte Achmed schöpfte
mit einem breiten Messer aus einer Schüssel eine grünweiße Paste. Die Paste
besteht aus Salat, Tomaten, Begdunis und Sesam. Diese strich er sehr gekonnt
auf ein messingfarbenes Handgerät das ähnlich wie eine Speiseeiskelle funktioniert.
Er strich die Paste glatt und ließ sie, mit einem Klick auf die Kelle, in das
heiße Fett fallen. Nach einigen Minuten fischte er mit einer Gabel flache,
runde, knusprige Taler, ähnlich wie bei uns die Fleischküchle, aus dem Fett.
Mohammed hatte sich inzwischen auf
einer Bank einen Korb mit runden Fladenbroten hingestellt, schnitt diese in
zwei Hälften, klappte sie wie Taschen auf und legte in jede Hälfte eine dieser
knusprigen Felafel. Er füllte sie mit sauer eingelegten Mohrrüben- und Gurkenstücken
auf. Da ich noch nicht gefrühstückt hatte, bekam ich plötzlich solchen Hunger
und Appetit auf diese verführerisch duftenden Felafel, dass ich mir gleich zwei
reichen ließ. Sie schmeckten herrlich. Dazu nahm ich Tee, der in kleinen
Wassergläsern serviert wird, bei denen man nicht weiß, kann man sie ohne Bedenken,
ohne eine Krankheit zu bekommen an den Mund führen oder nicht. Ich hatte keine
Bedenken, wollte sie jedenfalls nicht haben. Der Tee - man kann das Glas kaum
anfassen, so heiß ist es -schmeckte gut.
Nach nicht allzu langer Zeit war
plötzlich die Hölle los in diesem Hinterhausstreifen. Von allen Seiten strömten
etwa acht- bis zehnjährige Schüler und Schülerinnen herbei, streckten
schmutzige Geldscheine hin und bekamen von Mohammed und seinem Verkäufer die
gefüllten Fladenbrote in die Hand gedrückt, wenn sie sie gleich essen wollten
oder in arabisch bedruckte weiße DINA 4-Seiten gehüllt, wenn sie sie mitnehmen
wollten.
Das heißt, die Jungen bekamen
schnell ihre Brote. Die Mädchen standen da, reichten ihr Geld immer wieder hin,
bekamen aber nichts. Resigniert setzten sie sich neben uns auf die Bank und
warteten. Der Strom der Schüler nahm kein Ende und so warteten die Mädchen
weiter geduldig, aber mit zerknirschten Gesichtern. Die Bekannte und ich forderten
sie mit Gesten auf, sich doch wieder vorne anzustellen, aber es half nichts,
sie bekamen nichts.
Meine couragierte Begleiterin
stand auf, nahm einem der Mädchen den Geldschein aus der Hand, hielt ihn mit
beiden Händen ganz nahe an den Verkäufer und bekam ein Brot in die Hand
gedrückt. Sie gab dem Mädchen das Brot, nahm dem nächsten Mädchen den Geldschein
ab, verfuhr wie vorher. Da merkte der Verkäufer, was sie bezwecken wollte. Mohammed
sagte etwas auf Arabisch zu ihm und sie bekam nichts mehr. Die Jungens wurden
weiter bevorzugt. Sie resignierte und setzte sich wieder. Als kleinen Trost
steckte sie zweien der Mädchen einen Kugelschreiber in die Tasche ihrer
hellbeigebraunen, zum Teil in den Nähten aufgerissenen und manchmal fleckigen
Schulkleider. Die Mädchen freuten sich. Als die Jungens bedient waren, kamen endlich
auch die Mädchen an die Reihe. Wir fragten Mohammed, warum die Mädchen so lange
nicht bedient wurden. Er wollte uns nicht verstehen und gab eine arabische Antwort,
die wir nicht verstehen konnten. Für ihn war das Thema damit erledigt
Elvira Grünert
Elvira Grünert hat nach ihrer
Pensionierung ihre Begeisterung für Ägypten entdeckt. Jeweils für einige Wochen
im Jahr wohnt sie in Luxor, um dort Eindrücke zu sammeln und Geschichten zu schreiben.