„Das Wort habe
ich nicht in meinem Wörterbuch“, sagte kürzlich die Gastronomin Ulrike El
Gamal im Interview über das hierzulande so beliebte „malesch“,
„macht nichts“. Auch in meinem Wortschatz kam malesch anfangs nicht vor. Als ich vor fünfeinhalb Jahren nach Kairo
kam, machte es mir etwas aus, wenn man mein gutes Geschirr zerdepperte, Beulen
in mein Auto fuhr, mich versetzte etc.
Inzwischen rutscht mir diese Form
der Entschuldigung auch öfter heraus. Schließlich scheint man in Ägypten mit
malesch über fast alles hinwegzugehen.
Kleines Wort, ganz groß: Malesch,
die Allzweckwaffe, entschuldigt alles, drückt dabei gleichzeitig ein leichtes
Bedauern aus. Ist doch alles nicht so schlimm!? Malesch schleuderte mir der Taxifahrer entgegen, der mich gegen Ende
des Ramadan kurzerhand auf die Straße setzte, weil ihm der von mir gewünschte
Weg (knapp 1 km!) zu lang wurde. Malesch
signalisiert mir der Minibusfahrer, der gerade den Lack meines Autos weiter
dezimiert hat, als er versuchte, sich an meinem am Straßenrand geparkten Fahrzeug
vorbei zu schieben. Malesch sagt
der Schneider, der einer Bekannten ein Kleid so auf den Leib schneiderte,
dass sie nicht wusste, wie sie wieder hinaus kommen sollte. Des gleichen Wortes bedient sich der Schreiner, der nach drei Monaten das
gewünschte Möbelstück noch immer nicht fertig hat, auch der Mann in der Reinigung,
der den besten Anzug meines Mannes ruinierte. Bestimmt sagte es selbst der
Zollbeamte, der nach acht Monaten Quarantäne Pinsel für die DEO befreite,
nachdem bewiesen war, dass sie nicht aus Schweineborsten bestehen (zuvor hatte
dieser Verdacht bereits tagelang den gesamten Container mit Unterrichtsmaterialien
stillgelegt). Vielleicht entschuldigt auch ein Arzt den missglückten Eingriff
mit einem einfachen „Malesch!“?
Und muss einmal nicht Malesch herhalten,
so ist es bestimmt „Mafisch muschkela“,
alles kein Problem.
Drei Wörter
braucht bekanntermaßen der des Arabischen Unkundige in Kairo: „Inscha´allah“,
„Bukra“ und – natürlich – „Malesch“. Jemand hat die drei essentiellen Vokabeln
unter dem griffigen Kürzel „IBM“ zusammengefasst. „Inscha´allah“ – wir haben die Redewendung „So Gott will“ ja auch im
Deutschen, allerdings wird sie seltener eingesetzt. Wie pflegte Pastor Steinbrecher,
der ehemalige Pfarrer der Deutschen Evangelischen Gemeinde, zu sagen: „Unser
Gott will immer!“ Darüber maße ich mir kein Urteil an. Aber warum sollten
wir uns nicht bemühen, sollten selbst die Initiative ergreifen, versuchen
unsere Aufgaben zu erfüllen, und für unser Handeln und dessen Folgen einstehen? Wenn jemand verspricht,
„bukra“, „morgen“, würde er wiederkommen
oder „bukra“ würde erledigt, was
erledigt werden muss, ist selten tatsächlich der folgende Tag gemeint. Besondere
Vorsicht gilt es zu walten, wenn die Aussage lautet: „Bukra fil mischmisch!“, d.h. „Morgen gibt
es Aprikosen“: Dann wartet man unter Umständen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag!
Schließlich reifen die kleinen gelben Früchte nur einmal im Jahr, ab Ende
Mai – und nach drei Wochen ist die Saison vorbei. Dagegen würde in Deutschland
„Morgen gibt es Spargel!“ direkt eine lange Zeitspanne beschreiben.
Malesch ist aber das gefährlichste der drei Wörter: Bedenklich sollte
es stimmen, wenn man sich über Missstände, Verspätungen, gebrochene Versprechen
und andere Enttäuschungen mit einem einfachen Wort hinweg setzt. Wenn sie
uns nicht mehr berühren, man sich nicht wirklich über sie ärgert. Ich jedenfalls
rege mich auf, wenn ich daran denke, dass ich in fünf Jahren Ägypten ein fast
komplettes Porzellan-Geschirr plus Glas-Service (teuer in einem schwedischen
Möbelhaus erstanden) und unzählige Gläser hier eingebüßt habe. Oder über die
Macken an meinem kleinen Flitzer. Oder über Leute, die ohne Nachricht einfach
nicht kommen. Oder… die Liste ist lang. Andererseits: Ist es die Sache wirklich
wert, dass ich mich aufrege? Trifft auf mich folgender Ausspruch eines lang
in Kairo ansässigen Bekannten wirklich nicht zu: „Wenn man ‚malesch’
sagt und es auch wirklich so meint, dann war man zu lange in Ägypten!“?
kn