Uta Badran-Neujean
hat vor 15 Jahren dauerhaft in Kairo gelebt, inzwischen pendelt sie aus familiären
Gründen zwischen Deutschland und Ägypten. Die folgenden Impressionen hat sie
in Kairo im Ramadan niedergeschrieben, nach einem Suhur, der letzten Mahlzeit,
bevor der Fastentag beginnt
Wie beschreibe
ich den Schmutz, die Verkommenheit, wie die Zerfallenheit, die Abgegriffenheit?
Es fehlt
trotz aller Schönheit die Hässlichkeit; denn Hässlichkeit ist Mangel an Leben;
und das hier ist Leben pur. Es strömt und pulsiert mächtig aus erster Hand.
Meine Tochter sagt, ich solle fotografieren. Aber das Foto würde verklären,
romantisieren. Ganz einfach: Man sähe den Dreck auf dem Foto nicht.
Wir sitzen
in einem kleinen Straßenlokal in der Mohamed Ali Straße, mitten im alten Kairo.
Es ist nicht der antike Teil der Stadt, in dem sich Maria mit dem Jesuskind
verstecken musste. Es ist das Viertel der reichen Händler, der Bauchtänzerinnen,
der volkstümlichen Kairoer, der starken Frauen und Männer, der Muallimin,
die in keinem ägyptischen Theaterstück oder Film fehlen.
Es ist
halb eins in der Nacht, zwei Tage vor dem Ende des Fastenmonats Ramadan.
Wir hatten
das gute Essen der in diesem Monat üblichen Gastmähler satt und sehnten uns
nach Foul. Die hätten wir auch selber zubereiten können oder sie in einem
besseren Restaurant essen; aber wir wünschten uns ein schmutziges Lokal in
einer schmutzigen Gegend, wo es uns auch früher schon immer am besten geschmeckt
hat.
Die Tische
stehen auf dem Gehsteig unter den alten blau gestrichenen Arkaden. Das Haus,
das einst darüber lag, ist schon zerfallen. Es steht nur noch das Erdgeschoss,
das jetzt unter anderem den Kern des Lokals, die Küche, beherbergt.
Viele
Tische sind noch frei. Den meisten ist es noch zu früh für die letzte Mahlzeit
vor dem Fastentag.
Neben
uns sitzt eine Familie; Vater, Mutter und vier Kinder. Sie sehen nicht reich
aus. Sie sind sauber und ordentlich gekleidet. Vielleicht ist es für sie das
einzige Suhur, das sie im Ramadan
auswärts essen. Zur anderen Seite setzt sich nun eine größere lärmende Gruppe
junger Leute. Sie sehen wohlhabender aus und werden die Nacht bis zum Morgengrauen
genießen.
Unsere
Tischplatte wird auf Anwars Geheiß mehrmals gut abgewischt mit einem Tuch,
das alt und dunkel ist, aber das Sauberste im Lokal sei, so versichert uns
der Kellner. Er selbst trägt eine Hose und ein Hemd, das wohl zerknittert
ist und alt, jedoch außer ein paar Fettflecken sauber scheint.
Ein Junge
in sehr schmutziger Kleidung trägt über seinem Kopf ein riesiges rundes Tablett
mit vielen kleinen Blechtellern, gefüllt mit buntem Salat. Jeder der Gäste
erhält eins davon. Auf dem Tisch stehen zwei Plastikbecher, einer gefüllt
mit rotem Pfeffer, der andere mit einer
Mischung aus Salz und schwarzem Pfeffer.
Es kommt
eine Blechschale mit kleinen gepellten Eiern, den *Baladi-Eiern. Ägypter essen nur im Notfall, oder wenn sie es sich
nicht leisten können die großen Eier. Es folgt Rührei mit Pasterma, frisches
Fladenbrot und die Schälchen mit *Foul,
die mit dem jeweils bestellten Öl übergossen sind.
Das Essen
schmeckt: Anwar bestellt noch das übliche *Haga Sa´a, Sprite oder Cola, das man aus der Flasche trinkt. Der Salat
schwimmt in Whisky, so nennt man den scharfen Salatsaft.
Der Kellner
gibt einem herumstehenden Mann etwas Geld. Ihm fehlt ein Arm ganz und der
andere ist zu kurz geraten. Er steht nur einfach da und sieht ziemlich schüchtern
aus. Ich gebe ihm ein Pfund. Meine Enkelin sagt nur, ich solle ihm nichts
geben, er hätte wahrscheinlich seine Arme versteckt. Ich sage ihr, dass er
sicherlich ein sehr armer Mann ist.
Wir brechen
auf und fahren ein Stück mit dem Auto die Port Said Straße hinunter, parken
und gehen dann zu Fuß in die Muski-Straße in Richtung Khan el Khalili.
Hier drängen
sich dicht aneinander kleine und große Geschäfte, Straßenhändler, die ihre
Waren auf Karren oder auf der Straße sitzend anbieten. Hier findet man Kleidung,
Schuhe, Schals, Küchenwaren, Wäsche, und die tausend kleinen Dinge, vor denen
man stehen bleibt, sie anfasst und hoffentlich schnell genug einsieht, dass
man sie nicht braucht. Alles ist preiswert. Hier kaufen die Ägypter, die wenig
und noch weniger Geld haben.
Obgleich
es in dem Menschengedränge unmöglich erscheint, fahren hier langsam und hupend
kleine und größere Autos durch. Man sollte seine Füße aus dem Weg nehmen,
sonst rollen die Räder darüber, denn auf Füße können die Fahrer nicht auch
noch achten.
Ich kaufe
einen schönen schwarzen Schal, weil ich meine, dass ich ihn brauche. Nach
einigem Hin und Her verkauft ihn mir der Händler für 25 Pfund, weil ich ein
Gast sei, wie er sagt. Sonst verkauft er die Schals nur dutzendweise.
Die Straße
ist über und über bedeckt mit Papier und Plastiktüten. Jeden Abend werden
sie zusammengekehrt und, so sagt Nadia, recycelt.
Wir gehen
in Richtung Khan el Khalili und da die Straßenkehrer uns entgegenkehren, laufen
wir nun auf papierfreier Straße. Sie sieht deshalb nicht schöner aus. Die
meisten Läden haben hier schon geschlossen und die Dunkelheit verhüllt die
Hässlichkeit nicht.
Am Khan
el Khalili ist noch voller Betrieb. Für 80 Pfund malt ein Künstler Portraits.
Die Menschen drängen sich um ihn herum um ihm zuzuschauen. Eine Frau verkauft
Basma und mir unsere Zukunftsvoraussage. Auf einem kleinen Tisch steht eine
Art Schreibmaschine, deren Tasten aus Eisen sich nicht herunterdrücken lassen.
Das Ganze ist mit viel Firlefanz geschmückt. Berühren sollen wir die Taste,
sagt die Frau; dann dreht sie an einem Schwengel und ratternd spuckt der alte
Apparat einen Zettel aus, den die Frau abreißt und auf dem unsere Zukunft
zu lesen ist. Wir lachen, als Nadia es vorliest, aber es gefällt uns und wir
sind zufrieden.
Für die
meisten nächtlichen Besucher endet die Nacht mit dem Morgengebet.
Wir sind
schon um 4 Uhr wieder zu Hause.
Uta
Badran-Neujean
*Foul: braune Bohnen, Nationalessen
*baladi: ländlich
*Haga Sa´a: etwas Kaltes (kleine Flaschen Fanta , Pepsi o.ä.)