Was siehst Du, wenn ich „blau“ sage?

 

Leben in Kairo aus Sicht einer Mode-Dozentin

 

 

 

Spätestens seit der High School in South Dakota bin ich beeinflusst von positivem Gedankengut. "Das Leben ist eine große Chance, nimm sie Dir und lebe nach Deinen eigenen Vorstellungen! Nutze Deine Talente, Deine Phantasie, Deinen Humor und Deine Liebe. Du selbst entscheidest, wie Dein Leben ist! Nutze Deine Möglichkeiten!“ - So meine Worte an die ägyptischen Studentinnen und Studenten. Leicht gesagt.

 

Meine Ideen werden bestaunt und mit Skepsis zur Kenntnis genommen. So einfach ist es hier nicht. Die jungen Frauen und Männer legen bisweilen mehrstündige Wege zurück, um am Unterricht im neu gegründeten Mode-Fachbereich teilzunehmen. Es fehlt an vielem. Erwartungen werden zähneknirschend neu definiert. Trotzdem finden sich hoffnungsvolle Studenten, die sich für freiwillige Workshops melden und bereit sind, dafür Freizeit und das spärliche Taschengeld zu opfern. Wir fangen an, zu entwerfen und zu schneidern. Die Mühe trägt Früchte. Hatte jemand gesagt, dass wir unsichtbar sind? Jetzt nicht mehr!

 

Wir finden Unterstützung seitens der deutschen Entwicklungszusammenarbeit CIM, der Deutschen Botschaft in Kairo, von Kultur-Institutionen, Galerien, jungen Künstlern, die mit Freude und Engagement helfen. Auch in Europa finden sich Partner, in der Textilindustrie, auf universitärer Ebene, wir machen Workshops und Ausstellungen, die Presse ist gut, strahlende Gesichter unter den Studenten, Erfolg macht schön.

 

Trotz Stolz und Freude ist es ein täglicher Kampf, auch gegen gesellschaftliche Normen. Gegen Zweifel und Mutlosigkeit in einer Stadt, die aus allen Nähten platzt und sich existentiellen Fragen stellen muss. - Ist die Farbe Rot für dich angenehm? Was siehst du, wenn ich "blau" sage? Warum müssen die Abnäher eines Kleides unter der Brust sein? Was passiert, wenn man sie dahin setzt, wohin sie nicht gehören? Magst du die pharaonischen Inspirationen? Gehört das zu dir? Was magst du an deiner Stadt, wo bist du gerne, wo findest du Energie? Was ist das Schlimmste an Kairo? Bist du gerne Ägypterin? Warum willst Du deine Entwürfe in der Modenschau zeigen? Ist es schön, sich zu zeigen? Was zeigst du gerne?

 

Wir sind mitten in Dokki, die Fakultät der angewandten Künste, ein neu eingerichteter Fachbereich im lichten 6. und 7. Stock, mit Blick über den großen Campus der Cairo University. Die Fakultät eine Baustelle, überfüllt, marode. Die Studentinnen und Studenten – auf mir völlig unerklärliche Weise voller spontaner Energie, humorvoll, lebenslustig. Sie arbeiten mit Stoffen, Glas, Metall und Keramik, entwickeln Möbel, Schmuck, Skulpturen und bei uns Kleider, es gibt Video- und Fotokünstler, erfinderische junge Leute mit wenig Geld und viel Engagement. Gegen alle Widerstände, wohl wissend, dass ihre Voraussetzungen nicht die besten sind. Auf eine besondere Art gibt es ihnen besondere Kraft. Ich lerne und staune.

 

Vor den Toren der Fakultät – der Verkehr, der einem den allerletzten Nerv raubt, wenn das nicht der Smog und die Hitze geschafft haben, das allgegenwärtige Hupkonzert. Und innerhalb der bewachten Fakultätsmauern – eine kleine City für sich, biedere Angestellte, auch aufgedonnerte Kreative, Profs in dunklen Anzügen, Frauen in bunten Gewändern, der Schleier wie ein Schmuck, Studentinnen in hautengen Hüftjeans, Hand in Hand mit dem Liebsten, so als sei gar nichts dabei. Es ist aber was dabei. Wer sieht dich? Wer sagt´s dem Vater? Keiner soll es ihm sagen. Bist du sicher, dass du diesen willst? Du bist noch so jung!

 

Das Temperament der jungen Leute in der Uni so wie außerhalb - Konzentration fällt schwer, ich gewöhne mich nicht an die Lautstärke, immer Lärm, so viel Lärm. Selbst hier tönt es laut, Bauarbeiten und die Klänge der Moschee aus dem Lautsprecher, Musik von irgendwo, man kann nicht leise reden, wie auch im Straßencafé, während der Hochzeitsfeier, im Kino, selbst beim Dinner, kein Raum für die leisen Töne. Was passiert, wenn man nur flüstert?

 

Für mich ist das Schöne  da, wo es ruhig ist. Die Menschen in den Sinai-Tälern, die wunderbaren Beduinen, Menschen in der Wüste, in den kleinen Gemeinschaften außerhalb des Chaos. Menschen zu Hause, in der Familie, im Privaten. Liebevolle Menschen. Da, wo man den Kampf um die tägliche Existenz und die Sorge um eine unsichere Zukunft vergessen darf, wo es Geborgenheit und Wärme gibt.

 

Für die Ausländer ist es ein anderes Zuhause. Eine Freundin hat mal gesagt „Das Beste an Kairo ist die Sicherheit, dass morgen die Sonne scheint“ – und das große Angebot an Home-delivery. Pizza, Drycleaner, der Lebensmittel-Laden um die Ecke, die Apotheke, selbst der Elektriker – alle bringen ihre Waren ohne Murren bis zur Wohnungstuer. Mindestbestellmengen gibt es nicht, wo ein Pfund zu verdienen ist, geht man weite Wege. Zeit ist nicht teuer, Geduld auch nicht. Inscha'Allah – so Gott will – wird alles gut. Morgen vielleicht, oder übermorgen, und wenn nicht, dann gibt's das Zauberwörtchen "malesch", "mach dir nichts draus, immer mit der Ruhe, man soll annehmen, was Gott beschert".

 

Gott ist gut, er ist voller Vergebung, wie die Menschen hier. Für mich eine der Größen dieser Gesellschaft. Mir ist hier oft vergeben worden. Kleine Fehler, über die hinweggesehen wird, freundliche Gesichter, besorgt, mitfühlend. In den persönlich schlimmsten Tagen meiner Kairo-Erfahrung erinnere ich die fragenden Blicke meiner Studentinnen und die stets wiederholte  Frage "Do you need anything?" – was so viel heißt wie „Ich bin da für dich und ich werde dir helfen, melde dich bei mir, du gehörst zu mir“..... Schöne Botschaften.

 

Einladungen sind obligatorisch. Familien, die über Generationen zusammenhalten. Frauen kochen mit Bravour, ein Dinnertisch mit Leckereien. Aus Respekt und Bewunderung für die großartige Küche esse ich, entgegen meinen Gewohnheiten, zu viel. Und dann, in aller Ruhe, auch noch Süßigkeiten und Kaffee. Bis man sich nicht mehr regen mag. Kein Wunder, dass für diese Häuslichkeiten so viel Zeit eingeplant wird. Die Geste dem Gast gegenüber – wir haben viel und geben gerne, du bist willkommen. Ich nehme die Herzlichkeit mit mir.

 

Das Essen ist Symbol für Wohlstand, eine Illusion für viele. Wohl für die Allermeisten in Kairo. Auch das golden bemalte Sofa im Wohnzimmer und die Vitrinenschränke mit dem "guten" Porzellan, das mitunter über Monate nicht benutzt wird, sind solche Illusionen. In dem steten Bemühen, sich wohl versorgt zu zeigen. Das verlangt der Stolz. Dieser orientalische Stolz. Warum stehst du nicht zu dem, der du nun mal bist? Immer wird so viel geheuchelt. Bei uns in Deutschland sind die Menschen ehrlicher. Dafür weniger herzlich, irgendwie. Widersprechen sich Ehrlichkeit und Herzlichkeit? Ist Kritik ein Kompliment? Manchmal ist der schöne Schein solch eine Erleichterung!

 

Mein größter Respekt gehört dem Erfindungsreichtum und der Einsatzbereitschaft der Studenten. Zu Fuß durch die chaotischen Märkte, um einen besonderen Reißverschluss zu finden, um passende Stoffe, Knöpfe, Haken und Bänder zu organisieren, sich mit Handwerkern zu einigen, die besticken und häkeln, bemalen und färben, die Accessoires zaubern und – einfach nie zuverlässig sind. Aus Prinzip. Aus einem völlig entspannten Lebensprinzip. Malesch – Insha'Allah bokra – mach dir nichts draus, morgen wird's was, hoffentlich. Vielleicht. Oder eben übermorgen. 

 

Wir entwickeln kommerzielle Mode, Kollektionslinien, die für den Verkauf im In- oder Ausland zu nutzen wären, würde man sie produzieren. Für Frauen, verschleiert oder unverschleiert, für Männer und für Kinder. Praktika während der Semesterferien sind Teil des Lehrplanes ebenso wie Schnitterstellung und textile Fertigung. Um aber eine eigene künstlerische Handschrift zu erlernen, ist Unterricht in Illustration und Kreativität Voraussetzung. Ohne Wurzeln keine Flügel. Der Kreativunterricht ist eine Herausforderung. Ich bestehe beharrlich darauf, dass Stilgefühl nicht bewertet werden sollte. – „Nein wirklich, es gibt kein richtiges oder falsches Design. Wenn es aus Deiner Phantasie kommt, muss es wohl gut sein! Willst Du es schneidern? Dann los!" Verwunderte Blicke. Skepsis. Dann die Überraschung – es geht ja! Die Entwürfe für kreative Mode und Phantasiegewänder sind wunderbar. Naiv im besten Sinne, lebenslustig, herrlich. Verschleiert und unverschleiert, jedem das Seine und je individueller, desto besser.   

 

Wir sind beim Bremer Stadtkirchentag eingeladen. Entwürfe zum Thema „Innen und Außen“, ein Kreativ-Workshop in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut Kairo. Wie fühlt sich eine junge Frau unter dem Schleier? Die Frage berührt viele in Deutschland, und auch mich in Kairo. Wir fragen also, die mutigen Freiwilligen stellen sich dem Thema und versuchen, ihre Emotionen in textile Kreationen zu verwandeln. Die Aufgabe ist nicht leicht, Ängste werden formuliert, Unsicherheiten, aber auch Überzeugungen, klare Aussagen, Selbstbilder, die den jungen Designerinnen entsprechen. Sie scribbeln die ersten Entwürfe, entwickeln farbige Designs und arbeiten an Schnitten und Materialien für Engel, Fische, ein Bienenzüchterkleid, eine rosige Organza-Blume, ein Goldkugel-Kleid, von mir respektlos das „Ferrero-Rocher-Ding“ genannt, ein Kostüm aus 1001 Nacht, ein Kleid mit Schloss um die Hüfte, und einige andere.

 

In Kairo zeigen wir unsere Phantasiekleider zum Thema "InsightOut - wer bin ich in meinen Verhüllungen?" open-air mit Live-Musik im Garten des Goethe-Instituts in Dokki, in Bremen dann im Museum der Paula Modersohn-Becker, klein aber fein. Die vier mitgereisten Studentinnen – drei verschleiert und eine nicht – werden zwei Wochen lang zu verschiedenen Veranstaltungen eingeladen, um sich zu ihrem Thema zu äußern. Ich bin gespannt und auch nervös. Später frage ich mich, warum eigentlich, mit Bravour meistern sie ihre Persönlichkeits-Fragestunden. Nein, unglücklich sind sie nicht und unterdrückt auch nicht. Eigentlich können sie so ziemlich alles tun, was sie wollen, schließlich sind sie ja auch hier in Deutschland.

 

„Ich wollte mich verschleiern, aber ich machte mir Sorgen, dass der Schleier meine Persönlichkeit verändern würde. Als ich mich dann verschleierte, fand ich, dass er mich nicht verändert hat, im Gegenteil, er hat mir Respekt und Würde verliehen. Der Schleier ist eine gute Sache, nichts Schlechtes, wie einige Leute ihn verstehen. Aber das verschleierte Mädchen muss davon voll und ganz überzeugt sein, das ist etwas nur zwischen ihr und Gott.“

Sara Amir

 

„Der interkulturelle Dialog ist wie ein Spiel. Wir brauchen die richtige Taktik, damit es nicht zu einer Hetzjagd kommt. Wir müssen eine Balance finden. Wir möchten uns ausdrücken und den Leuten zeigen, was wir bei diesem Thema empfinden. Wir wollen zeigen, wer wir wirklich sind. Im Endeffekt sind wir ganz normale junge Frauen. Wenn wir mit anderen Frauen in Kontakt kommen, wollen wir niemanden verletzen. Wenn wir uns gegenseitig tolerieren können, dann können wir auch Freunde werden.“

May Shaalan

 

„Mein Brainstorming zum Thema Schleier: Licht, Paradies, Mit-Sich-Im-Reinen-Sein, Gebot Gottes, Furcht vor der Hölle, Frieden, Islam, Ethik, Koran, Gott, Senken des Blickes, wahres Glück, das Verbotene.

Das Wichtigste aber ist: Dem verschleierten Mädchen wohnt eine Energie und Bewegung inne, die sie ausleben kann, und trotzdem hält sie sich an ihre Religion. Mit ihrem Schleier kann sie alles machen, was sie will, wenn sie sich nur passend kleidet und dabei Gottes Pflichten erfüllen.“

Hend Salah-el-Din

 

“Woher wollt ihr wissen, wer ich im Innern bin? Ihr sollt nicht nur nach dem äußeren Anschein urteilen. Versucht, mir näher zu kommen. Hört, was ich zu sagen habe. Wenn ihr Angst vor mir hättet, müsste ich um die Beziehung zwischen uns fürchten. Ihr werdet sehen, ich bin ganz anders. Ihr werdet mich mögen.“

Amany Abdel Rahman

 

Mit klassischen Kreativ-Fragestellungen wie "Wer bin ich in meinen eigenen Augen und wen präsentiere ich meiner Umwelt?" sollen die Studentinnen und Studenten ihre persönliche Position und auch die Impulse ihrer Umgebung reflektieren. Sie sollen zu einer eigenen stilistischen Aussage finden. Die Kleidung ist eine universelle Sprache, unsere zweite Haut, mit der wir viele Signale unserer Umwelt gegenüber setzen. Um zu einem individuellen Ausdruck zu finden, muss man Farbe (und Form) bekennen – ob verschleiert oder unverschleiert, konservativ oder modern, verhalten oder extravagant, ist persönliche Definition.

 

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass viele der verschleierten jungen Frauen besonders gewagte und körperbetonte Entwürfe gestalten. Von sexy Abendmode bis zu trendgerechter Casualwear ist das Repertoire nicht weniger vielfältig als das der "freizügigen" Kommilitoninnen, die häufig forscher an der Uni auftreten. Bisweilen entstehen Entwürfe, die Überraschung und allgemeine Anerkennung finden – hochmodern und sehr körperbewusst – von genau den Studentinnen, die sich sehr zurückhalten, wenig Englisch sprechen, im traditionellen Gewand … ganz entspannt ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Unter der Verschleierung findet sich eine Welt, die keine Grenzen kennt, Regenbogenfarben und stretchy Stoffe, um die Körperrundungen drapiert, künstlerische Komplimente an die Frau, für die sie bestimmt sind.

 

Stil beginnt, wo Kontraste sich überschneiden. Was unvereinbar scheint, liegt oft nah beieinander. Wenn also "gutes" Styling heißt, eine Harmonie von Körper und Kleidung zu finden, werden hier Konflikte überwunden und eine Ebene der Kommunikation bietet sich an. Sie birgt Toleranz, Offenheit und - hoffentlich auch Lebensfreude!

 

 

 

                                                                                                           			Susanne Kümper

 

 

Susanne Kümper lebt und arbeitet seit mehreren Jahren als CIM-Expertin in Kairo und unterrichtet Modedesign an der Cairo University.

 

 

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