KENNTNISREICH UND KRITISCH:
HEIKO FLOTTAU
Er
hat die Leser der Süddeutschen Zeitung über viele Jahre hinweg auf dem Laufenden
gehalten, was im Nahen Osten gerade vor sich geht. Seine Berichte, Kommentare
und Analysen waren stets kenntnisreich, fundiert und von kritischer Distanz
geprägt. Seit Ende des Jahres 2004 ist Heiko Flottau nun im „Unruhestand“.
Michaela Grom hat sich mit dem Journalisten unterhalten, der auf ein bewegtes
Berufsleben zurückblicken kann.
Herr Flottau, wie lange leben Sie schon in Ägypten?
Ich war zum ersten Mal als Journalist
in Kairo von 1985 bis 1992, dann bin ich nach Osteuropa gegangen und schließlich
1996 wiedergekommen.
Wieso fiel Mitte der 80er Jahre die Wahl auf den Nahen Osten? War das Zufall
oder ein ausdrücklicher Wunsch?
Eher Zufall. Ich habe von 1978 bis
1985 in Jugoslawien gearbeitet, dann wurde ich gefragt, ob ich nach Kairo
gehen könnte. Der damalige Korrespondent hier wollte nämlich gerne nach Jugoslawien
wechseln. Ich kannte Kairo nicht, habe aber gleich ja gesagt
Mit welchen Gefühlen sind Sie damals hier angereist?
Na ja, das war
schon alles sehr aufregend. Angereist bin ich wohl mit einer Mischung aus
Abenteuerlust und Ängstlichkeit. Damals herrschte im Libanon, der ja ebenfalls
zu meinem Berichtsgebiet zählt, noch Bürgerkrieg. Mit solchen Dingen war ich
zunächst völlig unerfahren, in Jugoslawien war zu dieser Zeit ja noch kein
Krieg Ich habe mich zuerst gefragt, wie kriege ich das alles hin? Dann habe
ich mich entschlossen, zuerst einmal das Schwerste anzupacken und bin in
den Libanon gefahren. Vorher gab´s ja noch die Entführung eines ägyptischen
Verkehrsflugzeuges und den Überfall auf die „Achille Lauro“. Das fing also
alles so an, wie man sich den Nahen Osten vorstellt…
Wie haben Sie die Zeit im Libanon erlebt?
Zum ersten Mal bin ich Weihnachten
1985 in den Libanon gereist. Ich habe mich zunächst erkundigt, ob man überhaupt
fahren kann, denn es war schon gefährlich zu dieser Zeit. Wenn man erstmal
dort ist, bleibt einem nicht viel anderes übrig als sich vorzusehen und dann
seine Arbeit zu machen wie gewohnt. Die Kollegen vor Ort haben mir dankenswerter
Weise viel geholfen. Ich habe damals im Hotel „Commodore“ gewohnt, wo alle
Journalisten wohnten, und bin zwischen Ostbeirut und Westbeirut gependelt.
Natürlich gab es immer wieder Schießereien, es lief dann aber alles gut, ohne
böse Zwischenfälle. Ich bin mit den verschiedenen Bürgerkriegsgruppen in ihre
jeweiligen Gebiete gefahren…Jede Bürgerkriegsgruppe stellte damals einen eigenen
Journalistenausweis aus und man musste an den Checkpoints gut aufpassen, dass
man nicht den falschen Ausweis herauszog, also nicht den der Schiiten bei
den Maroniten oder umgekehrt…
Danach waren Sie endlich „richtig“ in Kairo, wie war das Leben hier damals?
Das Alltagsleben war für einen Europäer
viel schwieriger als heute. Es gab ja noch nicht die großen Supermärkte, es
gab nur ranzige Butter, nach einem Glas Wein bekam man Kopfschmerzen. Wenn
man Glück hatte, kannte man jemanden, der Sachen aus Deutschland besorgen
konnte. Für Ausländer hat sich das Leben hier inzwischen sehr verbessert;
für den durchschnittlichen Ägypter ja nun gar nicht…
Als Stadt fand ich Kairo immer schon
sehr hektisch. Damals gab es zwar weniger Autos, aber dafür auch weniger Tunnel
und Überführungen. Die Luftverschmutzung war auch schon erheblich. Also, ich
fand die Stadt zunächst sehr gewöhnungsbedürftig, ich hatte meine Schwierigkeiten
und war oft froh, wenn ich reisen konnte. Aber inzwischen, nach so langer
Zeit, ist Kairo – mit Abstrichen – mein Zuhause geworden.
Wie hat ein Journalist damals hier gearbeitet, in
der Zeit vor Satellitenfernsehen und Internet?
Wir saßen in einem ziemlich fürchterlichen
Büro in der Kasr-el-Nil-Straße. Was uns damals zur Verfügung stand, waren
Telefon und Fernschreiber. Die Telefone funktionierten nur sehr schlecht,
also haben wir unsere Beiträge durchtelefoniert oder wir haben eben uns an
den Fernschreiber gesetzt, mühsam ein Band getippt, dieses Band haben wir
dann so nach und nach durchlaufen lassen. Irgendwann gab es dann ein Faxgerät!
Das fand ich großartig, denn das ging natürlich viel besser. Aber zunächst
war die Arbeitsweise schon recht urtümlich.
Es folgte eine Zeit in Polen und teilweise auch in
Ihrem früheren Berichtsgebiet Jugoslawien..
Mein eigentliches Gebiet umfasste
Polen, das Baltikum, Weißrussland, die Ukraine. In Jugoslawien herrschte damals
schon Bürgerkrieg, da bin ich dann immer wieder hingefahren, um den dortigen
Kollegen zu entlasten. Es war natürlich sehr spannend, diese Zeit in meinem
früheren Berichtsgebiet mitzuerleben – in Belgrad Milosevic, Tudjman, all
diejenigen, die ich aus meiner früheren Zeit dort kannte. Das Schreckliche
für mich war die Erkenntnis, dass all diejenigen, die ich in meinen früheren
Artikeln als Dissidenten „gefeiert“ hatte, sich letztlich als Nationalisten
geoutet haben - was sie immer waren und was wir nicht gemerkt haben oder nicht
merken wollten -, dass sie sich dann gegenseitig bekriegt und so zu dieser
Situation maßgeblich beigetragen haben. Das war sehr enttäuschend und ich
habe das dann auch so beschrieben.
…und dann zog es den Berichterstatter zurück nach Ägypten???
Dass ich nach Kairo zurückkam, hatte
private Gründe. Aber auch beruflich war ich damals, 1996, relativ optimistisch;
ich dachte, es wird friedlich und ich werde als Journalist die Entstehung
eines palästinensischen Staates miterleben und beschreiben. Ich habe die ausklingende
Islamistenwelle journalistisch begleitet und dann regelmäßig Reisen in die Region gemacht. Na, und dann
kam alles ganz anders…
Es kam der 11. September 2001, es
kam die Intifada 2002, es kam der Irak – in den letzten Jahren bestand der
Grossteil meiner Arbeit aus Krisenberichterstattung.
Ist das für einen Journalisten auf Dauer nicht sehr nervenaufreibend?
Man beschreibt die ganze Gegend vor
allem unter dem Krisen- und Kriegsgesichtspunkt. Das hat natürlich eine gewisse
Berechtigung, was dabei aber zu kurz kommt, ist, dass man auch Positives beschreibt.
Zum Beispiel Ägypten: Natürlich kann man viel kritisieren, aber darüber hinaus
hätte ich gerne noch mehr Artikel geschrieben, die die Menschen beschreiben,
die die Kultur beschreiben und die Verständnis für das Land wecken.
Da war es fast eine Abwechslung,
an meinem Buch (s. Besprechung
S. 55) zu arbeiten, die Informationen zusammenzufassen, die
ich in den letzten Jahren gesammelt hatte. Natürlich habe ich auch Etliches
neu recherchiert und hinzugefügt.
Welche Pläne haben Sie für den kommenden „Unruhestand“?
Ursprünglich hatten wir vor, nach
Berlin zu ziehen. Nun ist es aber so, dass meine Frau aus beruflichen Gründen
noch einige Jahre hier bleiben wird. Ich werde dann vielleicht ein bisschen
Hausmann spielen, möchte das Land genießen – etwas, wozu ich in all den Jahren
nie gekommen bin… Und vielleicht setze ich mich auch noch mal hin und schreibe
ich an einem neuen Buch…
Fotos: Michaela Grom und Reinhard Baumgarten mg