Ein deutsches Roadmovie im Wettbewerb um die „Goldene Pyramide“
Mio erntet
mit seiner Band großen Beifall beim jungen Berliner Publikum. Seine Pop-Musik
trifft den Zeitgeist, und wen wundert’s, dass eine Plattenfirma ihn unter
Vertrag nehmen will. Das allerdings zu harten Konditionen, die Mio nicht passen.
Er lehnt ab. Seine Freundin Stella ist damit gar nicht einverstanden. Denn
sie sieht die prekäre Finanzlage der beiden, ist sie doch diejenige, die mit
ihrem Job als Kellnerin die Brötchen verdient. Mio dagegen träumt von einer
eigenständigen Existenz im Musikgeschäft und eröffnet ihr, er wolle das Tonstudio
eines Freundes übernehmen, für günstige 80.000 €. Das einzige Problem: Mio
besitzt soviel Geld nicht.
Der Versuch, den Betrag bei seinem
Pflegevater locker zu machen, schlägt fehl und endet in einem von Mios spontanen
Ausrastern. Er zertrümmert die Frontscheibe eines PKW, der zur Reparatur vor
der Werkstatt des Pflegevaters steht.
Stella, für die es um das Überleben
im ganz normalen Alltag geht, drängt ihn wiederholt, eine ausstehende Entschädigungszahlung
für den Tod seiner bei einem Anschlag in Österreich ums Leben gekommenen Eltern
anzunehmen.
Zunächst weigert Mio sich. Schließlich
beschließt er widerwillig – doch wieder sehr spontan – nach Wien zu fahren
und nimmt Stella mit. Widerwillig, weil er, um die Entschädigung zu erhalten,
Kontakt mit seinem älteren Bruder Valentin aufnehmen muss. Denn Voraussetzung
für den Erhalt der ansehnlichen Summe, die Mio seiner Sorgen entheben würde,
ist die gemeinsame Empfangsbestätigung der Brüder.
Valentin wuchs bei einer Pflegefamilie
auf einem Bergbauernhof in Kärnten auf. Mio hat ihn, seit die Eltern 20 Jahre
zuvor gestorben sind, nicht gesehen und legt auch keinen Wert darauf.
Die Brüder, gespielt von Marek Harloff
(Mio) und Arno Frisch (Valentin) sind nicht nur in verschiedenen Familien
aufgewachsen, sondern in ihren Persönlichkeiten auch grundverschieden angelegt.
Mios Erscheinen auf dem Bauernhof
lässt bei Valentin das lebenslang verschüttete Kindheitstrauma zutage treten,
das auf den gewaltsamen Tod der Eltern zurückzuführen ist. Auch Mio selbst
würde das schreckliche gemeinsame Erlebnis zu gern verdrängen, das während
all der Jahre das Leben der Brüder nicht nur unterschwellig beeinflusst hat.
Seine volle Sprengkraft wird nun im Verlauf der Begegnung im Verhalten der
Brüder zueinander offensichtlich.
Die nicht kontrollierbare Vehemenz
des Traumas und der Druck, den Mio angesichts der ablaufenden Frist für den
Kauf des Tonstudios verspürt, verleihen dem Film einen großen Teil seiner
Spannung und seines Tempos.
Stella (Mavie Hörbiger), der einzige
weibliche Part, spielt dabei eine wichtige, in sich schlüssige und konsequente
Rolle.
Die Tragik um die Brüder findet ihren
Höhepunkt in sehr dramatischer Weise.
Die Beziehung zwischen Stella und
Mio, durch die Geschehnisse hart auf die Probe gestellt und von Stella beendet,
erhält zum Schluss einen neuen Impuls: Mio erkennt, dass ihm Stella jenseits
von Reichtum und Ruhm immer noch etwas bedeutet.
Hier stellt sich für mich die Frage,
ob der Showdown um Mio und Valentin nicht als Ende genügt hätte. Die Filmemacher
jedoch wollten einen Ausblick in eine hoffnungsvolle Zukunft wagen und haben
deshalb das „bitter-süße Happy End“ (Produzent M. Vogt) hinzugefügt.
„Blackout Journey“ ist eine lange
und streckenweise tragische Reise in die Vergangenheit zweier Brüder, die
nach vielen, zum Teil unerwarteten Wendungen schließlich zu einer beginnenden
Freundschaft führt. Es ist beeindruckend mitzuerleben, wie sich aus Mios zutiefst
ablehnender Haltung eine Annäherung hin zu Valentin entwickelt.
Die eigens komponierte Musik und
die an Mios goldfarbenem Citroen-Cabrio vorbeiziehenden, teilweise in die
Dramaturgie miteinbezogenen Landschaften unterstreichen die Gefühlslagen und
Stimmungen der Protagonisten. Sehr wohltuend empfand ich, dass der Film von
klaren Szenen lebt.
Dem Team um Produzent und Mit-Autor
Maximilian Vogt und Regisseur Sigi Kamml ist mit „Blackout Journey“ ein sehenswerter
Film gelungen, sowohl die Darsteller, die Szenarien und die Musik als auch
das spannend ausgelegte Sujet betreffend.
Ich habe ihn anlässlich seiner Weltpremiere
beim Cairo International Filmfestival gesehen. Unter 18 Beiträgen vertrat
er Deutschland im Wettbewerb um die „Goldene Pyramide“, dem ägyptischen Filmpreis.
Im Anschluss an die Filmvorführung
hatten die Organisatoren des Filmfestivals im Grand Hyatt Hotel eine Pressekonferenz
anberaumt. Zunächst berichteten Maximilian Vogt und sein Co-Autor hier über
die vierjährige Entstehungszeit ihres Films, der zwar auf einem tatsächlich
stattgefundenen Terroranschlag basiert, aber vom Inhalt her reine Fiktion
ist.
Gegenstand der Fragen der ägyptischen Medienvertreter und –vertreterinnen
war hauptsächlich der Inhalt des Films. Auf Unverständnis stieß zum Beispiel
bei einem Zuschauer, dass im Film eine Person dargestellt wird, deren Rolle
durch eine Krankheit lebt. Valentins Verhalten, das stark auf Verdrängung
ausgelegt ist, wurde auch von einem anderen hinterfragt, der sich einzelne
Szenen erklären ließ. Ein weiterer Zuschauer erkundigte sich genauer über
den Zusammenhang zwischen Film und Filmtitel. In der Absicht der Filmemacher
lag es, zu erreichen, dass sich die Eindrücke von der Reise in die Vergangenheit
der Brüder durch die Rückblenden und die Blackouts in Valentins Rolle verdichteten
und im Titel spiegeln. Eine Frage konzentrierte sich auf die Art, wie sich
die Annäherung zwischen den Brüdern vollzieht. Die leisen Gesten, die im Film
zum Tragen kommen und neben Mios Poltereien einen Teil seines Charmes ausmachen,
konnten schnell übersehen werden. An dieser Frage zeigte sich für mich, mit
welch unterschiedlicher Symbolik und Ausdrucksform in der Körpersprache die
verschiedenen (Film-)Kulturen anscheinend arbeiten.
Ich fand die Pressekonferenz sehr
interessant für mich persönlich, denn mir war vorher nicht bewusst, wie verschieden
die Perspektiven der Kino-Zuschauer sein können. Meine Erfahrung bei der Betrachtung
von Kinofilmen war die, dass speziell Männer eher auf die Technik achten und
anschließend z. B. über Kameraeinstellungen, die Logik der Handlung und den
Gesamteindruck diskutieren. Viele Frauen, mit denen ich über Filme gesprochen
habe, hinterfragen die psychologischen Aspekte, die in einer Rolle oder Handlung
angelegt wurden.
Im Frühjahr
wird „Blackout Journey“ in die deutschen Kinos kommen – schauen Sie ihn sich
an!
Astrid Kühnemann
P.S.: Leider (wie ich finde) wurde „Blackout Journey“ nicht für die „Goldene Pyramide“ nominiert.