Neuer
Chefdirigent an der Oper
Christoph
Mueller dirigiert das
Cairo Symphonic Orchestra
Die Kairoer Oper
hat seit Herbst letzten Jahres einen neuen Maestro: Der international renommierte
Schweizer Dirigent Christoph Mueller leitet als Musikalischer Direktor und
Chefdirigent das Kairoer Symphonie-Orchester. Papyrus stellt ihn anhand seiner
Biographie und im Interview vor:
Christoph
Mueller studierte zuerst am Konservatorium in Basel Violine, bevor er sein
Dirigentenstudium an der Universität von Cincinnati (Ohio) in den USA begann.
1995 ging er als „Conducting Fellow“ nach Tanglewood, Massachusetts, und arbeitete
dort mit Seiji Osawa, Robert Spano und Leon Fleisher. 1996 wurde Mueller für
zwei Jahre Assistent von Vladimir Ashkenazy am Deutschen Symphonie-Orchester
Berlin.
Seit
1998 arbeitet er mit den Berliner Philharmonikern, mit denen er auch Auftritte
bei den Salzburger Osterfestspielen und am Berliner Festival hatte. 2002 gewann
Christoph Mueller den Internationalen Dirigenten Wettbewerb in Cadaques, Spanien.
Seither trat er als Gastdirigent mit dem Tschechischen Philharmonieorchester,
dem Orchestre National de Lyon, dem Tonhalle-Orchester Zürich, dem Rundfunk-Sinfonieorchester
Berlin, dem Orchestre de Chambre de Lausanne, dem Orchestre Philharmonique
de Luxembourg, dem Wiener Kammerorchester und mit dem Ensemble Modern Frankfurt
auf.
Im
Frühjahr 2001 wurde Christoph Mueller von Claudio Abbado als Assistant Conductor
für das Gustav Mahler Jugendorchester geholt. Seither dirigiert er das Orchester
beim Luzerner Oster-Festival und beim Olympischen Komitee in Lausanne. In
der Saison 2002/03 debütierte Mueller mit dem Scottish Chamber Orchestra,
dem Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt, dem Münchner Radio-Orchester, dem
Radio-Philharmonieorchester Hannover, der Jenaer Philharmonie und mit dem
Tokyo Symphony Orchestra. Er folgte weitere Einladungen des Orchestre Philharmonique
de Luxembourg und der Kammerakademie Potsdam.
Im
Sommer 2003 wurde Christoph Mueller von Claudio Abbado als Assistent Conductor
an das neu gegründete Luzerner Festival-Orchester
berufen. Mit Abbado arbeitete er an der Opernproduktion Cosi fan tutte in
Ferrara. Weiter trat er mit dem Boston Symphony Orchestra auf, gab seinen
Einstand mit der Slowenischen Philharmonie und dem Wiener Musikverein, bevor
er im Herbst 2003 seinen neuen Posten in Kairo antrat.
Soweit die Biographie Christoph Muellers.
Doch welcher Mensch verbirgt sich hinter diesen nüchternen Daten? Senta Walker-Nederkoorn
sprach für Papyrus mit ihrem Schweizer Landsmann:
Der Werdegang als Dirigent
führte Sie durch viele Länder Europas, zur Ausbildung auch in die USA. Als
weiterer Schritt Ihrer Karriere entschieden Sie sich für Kairo. Wollten Sie
klassische Musik einmal in einem anderen Kulturkreis spielen? Oder war es
die arabische Musik, die Sie hierher brachte?
Der erste Grund, weshalb ich jetzt
an der Kairo Oper arbeite, ist eigentlich ein egoistischer. Bis dahin hatte
ich das Glück, als Gastdirigent immer gute Orchester zu dirigieren. Das Angebot,
als Chefdirigent ein eigenes Orchester zu führen, kontinuierlich mit einem
Ensemble zu arbeiten, erscheint mir als neue, sehr gute Gelegenheit. Es ist
hier auch möglich, sehr viele Konzerte in einer Saison zu machen. Wir werden
fünfzehn Programme meist zwei Mal aufführen, so dass ich insgesamt etwa fünfundzwanzig
Konzerte dirigieren kann. Das ist weit mehr als der übliche Schnitt eines
Chefdirigenten.
Der zweite Grund war sicher auch meine
Neugier. Ich wusste nichts über das Kairo Symphonie-Orchester, nichts über
die Stadt und im Speziellen über Ägypten. Mein Interesse galt der griechischen
Kultur, auch der chinesischen, durch meine Frau, die Taiwanesin ist. Aber
die ägyptische Kultur „fehlte“ mir bis jetzt.
Können Sie uns etwas
über das Cairo Symphonic Orchestra sagen?
Das Cairo Symphonic Orchestra ist –
wie das Cairo Opera Orchestra – Teil des Cairo Opera House. Als das führende
Orchester besteht es zu 48 Prozent aus nicht-ägyptischen Musikern, vor allem
Osteuropäern: Russen, Ukrainern, Bulgaren, Rumänen. 52 Prozent der Musiker
kommen aus Ägypten, die meisten von ihnen sind hier auch ausgebildet worden.
Es gibt in Kairo ein Konservatorium. Die besten Schüler werden in das Cairo
Symphonic Orchestra aufgenommen. Viele von ihnen haben auch die Chance, im
Ausland Erfahrungen zu sammeln. Ein Beispiel dazu: Das Orchester „West-Östlicher
Diwan“, geleitet von Daniel Barenboim, vereint Musiker aus Palästina, Israel
und den Arabischen Staaten. Dieses aus politischen Visionen gegründete Ensemble
hat musikalisch viel zu bieten. Es ist sehr spannend, mit so verschiedenen
Leuten zu arbeiten. Trotz der vielen Nationen spricht man eine gemeinsame
Sprache. Das ist die Stärke der Musik.
Wie entsteht dann aus
dieser Vielfalt ein harmonischer Klangkörper?
Das ist meine Arbeit. Gerade bei den
nicht-ägyptischen Musikern gibt es eine starke Fluktuation. Diese ist begründet
in der finanziellen Situation der Oper, im ägyptischen Pfund speziell. Osteuropäischen
Musikern bieten sich seit einiger Zeit Chancen, anderswo besser zu verdienen.
Die neuen Musiker und die jungen Musikstudenten vom Konservatorium, die instrumental
sehr gut sind, aber unerfahren im Orchesterspiel, müssen in ein Ensemble integriert
werden. Dies ist eine anstrengende, aber dankbare Aufgabe.
Von der ersten Probe, wenn das Orchester
das Stück liest – häufig wurde das von mir gewählte Repertoire lange nicht
mehr gespielt oder es ist neu – bis zum Konzert ist es ein weiter Weg in ein
paar wenigen Tagen. Ich bin begeistert, wie das Orchester dann an den Konzerten
spielt. Die Musiker sind immer motiviert und wollen Musik machen. So ist meine
Suche nach einer gemeinsamen Sprache viel einfacher. Doch die Arbeit an sich
ist sehr grundsätzlich. Ich muss versuchen, einen gemeinsamen Streicherklang
zu erzeugen, die Intonation bei den Holzbläsern zu verbessern, die Blechblasinstrumente
als integralen Teil klanglich mit dem Orchester zu verschmelzen. Auch die
Balance im Orchester ist ein wichtiges Thema. Das sind, wie gesagt, grundsätzliche
Arbeitsprozesse, die in allen Orchestern vorgenommen werden müssen; es ist
wie die tägliche Reinigung. Ein Orchester, es kann noch so gut sein, braucht
diese Prozedur. Deswegen ist meine Arbeit hier nicht grundsätzlich anders
oder schwieriger als in einem anderen Orchester.
Gibt es dennoch Bereiche,
wo Ihre Arbeit hier neue Aspekte aufweist?
Bei der Arbeit mit dem Orchester: nein.
Es sind eher die Umstände an der Kairoer Oper als Organisation, die für mich
neu sind. Die Oper ist ein staatlicher Betrieb mit sehr vielen Arbeitnehmern.
Es ist sehr schwierig, einen solchen Betrieb zu koordinieren. Gewisse Sachen
wie Programmhefte termingerecht, mit richtigen Angaben versehen, zu produzieren,
das ist nicht immer einfach. Der Apparat ist einfach sehr groß.
Rein musikalisch erlebte ich diesen Herbst etwas Neues, den
Ramadan. Die Arbeit mit dem Orchester wurde davon natürlich beeinflusst. Die
Hälfte der Musiker fastete, was sich gegen Ende der Proben ganz natürlich
als Konzentrationsmangel manifestierte. Darauf musste man Rücksicht nehmen.
Doch die Musiker versuchten mit den Kräften, die sie zur Verfügung hatten,
gute Musik zu machen.
Was sich in den Konzerten
auch bezahlt gemacht hat. Die Besucherzahlen sind gestiegen.
Ich weiß nicht genau, woran das liegt.
Aber ich hoffe, es hat damit zu tun, dass durch die Arbeit der letzten Monate
die Leute merkten, dass da ein neues Element erscheint. Einige äußerten sich
dahin, dass das Orchester motivierter spiele. Das freut mich am meisten, da
es ja eine meiner Hauptaufgaben ist, das Orchester zu motivieren. Es soll
gut spielen. Aber auch technisch muss es stimmen, und die Liebe zum gespielten
Stück soll vom Zuhörer gespürt werden.
Was die Liebe zum gespielten Stück, zur klassischen Musik angeht,
möchte ich etwas besonders hervorheben: Das Symphonieorchester Kairo, als
ältestes Orchester im arabischen Raum, hat eine lange Tradition im musikalischen
Kulturaustausch. Bei meinen Anfragen bei Gastdirigenten und Solisten erfahre
ich immer wieder, dass viele gar nicht wissen, dass die klassische Musik hier
gerne gehört wird, dass es Kindern möglich ist, Musikunterricht zu nehmen,
dass Studenten an einer Hochschule ein Instrument
studieren können. Umgekehrt ist uns im Westen die klassische Arabische
Musik doch eher fremd. Deswegen bin ich beeindruckt von der Tatsache, dass
hier in Kairo für ein ägyptisches Publikum jede Woche ein Konzert mit klassischer
Musik stattfindet.
Wie ist denn Ihre Position
als Dirigent des Orchesters? Findet hier auch Kulturaustausch statt? Welchen
Umgangsstil pflegen Sie?
Mein Ideal als Dirigent und meine Vorstellung
von Musikmachen generell ist Zusammenarbeit. Ich gebe eine gewisse Grundidee
vor, aber ich erwarte von Orchestermusikern, dass sie selber teilnehmen, dass
sie mitdenken, dass sie nicht nur meinem Schlag folgen. Jeder einzelne Musiker
spielt nur dann motiviert, wenn er das Gefühl hat, freiwillig etwas zum Ganzen
beizutragen. Dies lässt sich meines Erachtens nicht vereinbaren mit einem
diktatorischen Führungsstil. Bis jetzt hatte ich hier mit diesem Ansatz keine
Probleme. Grundsätzlich wird mir als Dirigent Respekt entgegengebracht. Ich
habe natürlich gewisse Machtmittel, die aber nur im Notfall eingesetzt werden.
Die Musiker wissen das, spüren aber hoffentlich auch meinen Respekt, den ich
ihnen entgegenbringe. Mir wurde zwar geraten, hier als Chef markant aufzutreten.
Ich kann das, wenn es sein muss, aber das ist selten nötig. Natürlich muss
ich ab und zu mal ganz klare Vorgaben geben. Aber im Musikmachen als unfehlbarer
Herrscher aufzutreten, ist sicher fehl am Platz, kann von den Musikern nie
wirklich akzeptiert werden. Das Verhältnis zwischen Dirigent und Orchester
ist immer etwas Heikles. Es braucht uns, aber wir müssen unsere Arbeit mit
Feingefühl machen. In meiner Arbeit muss ich ständig korrigieren, was für
keinen Musiker grundsätzlich angenehm ist. Ein entspannter, respektvoller
Arbeitsstil erleichtert es den Musikern, Kritik anzunehmen, sie konstruktiv
umzusetzen.
Kürzlich wurde ein Unterstützungsverein
für die Kairoer Oper gegründet. Sind Sie ein aktives Gründungsmitglied?
Das ist interessant.
Tatsächlich wusste ich davon bis jetzt nichts. Manchmal gibt es natürlich
Kommunikationsschwierigkeiten an der Oper durch sprachliche oder kulturelle
Hürden. Obwohl leitendes Mitglied der Oper, bin ich rechtlich ein Ausländer.
So habe ich zum Beispiel kein Zeichnungsrecht für Geld. Aber wir sind in der
glücklichen Lage, dass Dr. Ines Abdel Dayem, meine administrative Direktorin,
als Ägypterin diese Kompetenzen hat. Sie ist Soloflötistin, kennt das Orchester
und die Situation an der Oper schon seit vielen Jahren. Durch ihre Ausbildung
in Frankreich ist sie auch mit meiner europäischen Denkweise vertraut, was
für unsere Zusammenarbeit sehr hilfreich ist.
Gibt es auch Kontakte
mit der Administration der Oper?
Das Pressebüro war einige Male bei
mir. Es hatte Interviews mit verschiedenen Zeitungen organisiert. Auch mit
dem Designbüro arbeiten wir zusammen. Da ist eine persönliche Anwesenheit
von Nöten, wenn ich meine Vorgaben umgesetzt haben will. Allgemein muss ich
viel persönlich einschreiten in den Bereichen, die mit Administration zu tun
haben. Dann funktioniert es meistens. Wenn ich aber nicht da bin, können erhebliche
Probleme auftreten. Der Apparat ist schwerfällig. Mein momentaner Eindruck:
Viele Motivierte werden durch einige Nicht-Motivierte gebremst.
Arbeiten Sie auch mit
der höchsten Führungsebene zusammen?
Ich wurde vom Vorgänger des jetzigen
Chairman engagiert. Dr. Samir Farag war persönlich sehr interessiert, dass
ich nach Kairo komme und gut empfangen werde. Aber als ich hier anfangen sollte,
wurde er von der Oper weg als Gouverneur nach Luxor berufen. Mit dem neuen
Chairman, Dr. Kamel, haben noch kaum Kontakte stattgefunden, auch begründet
durch seine krankheitsbedingte Abwesenheit. Demgegenüber wurde ich vom Publikum
mit Begeisterung aufgenommen. Positive Feedbacks kamen auch vom Goethe-Institut,
von der internationalen Community, den Konservatoriums-Studenten. Trotzdem
gab es am Anfang eine Strömung in der Presse, die aus politischen Gründen
einen Ägypter an meiner Stelle bevorzugt hätte. Doch das Orchester und ich
halten uns an die positiven Reaktionen des Publikums, an die zunehmende Zahl
der Konzertbesucher. Meine langjährige Erfahrung mit auch sehr guten Orchestern
gibt mir die Gewissheit, dass hier prima Arbeit geleistet wird, dass wir neue
Wege beschreiten und uns ständig verbessern. Deswegen machen wir mit Begeisterung
weiter.
Wie sieht das von Ihnen
zusammengestellte Programm aus?
Ich habe für die Saison als Schwerpunkt
die vier Symphonien von Brahms ausgewählt,
dazu das Deutsche Requiem, und das Violinkonzert. Ein Brahmszyklus also während
der Saison. Dies bedeutet für das Orchester das Einüben von komplexen, klanglich
anspruchsvollen Werken. Durch kammermusikartiges Zusammenspiel wird auch das
Hören geschult. Die Musik ist schön, melodiös und wird vom Publikum geliebt.
Ich persönlich liebe sie auch. Brahms liegt mir besonders. So denke ich, dass
das Orchester auch viel von meiner Brahmsinterpretation profitieren kann.
Weiter kommen englische Komponisten dazu,
auch russische Musik, wie Tschaikowskis 2. Symphonie. Dann gibt es ein paar
moderne Werke, die um 1945 entstanden sind. Da war ich eher vorsichtig, weil
das Orchester noch etwas Zeit braucht, um in diese Klänge hineinzuwachsen.
Einen Schwerpunkt bilden die beiden Schweizer Komponisten Franc Martin und
Arthur Honegger. Natürlich wird als wichtiger Programmpunkt auch neuere ägyptische
Musik gespielt. Zusätzlich findet im Januar/Februar während zwei Wochen ein
arabisches Musikfestival statt, wo das Orchester, nebst Kammermusik, drei
Konzerte mit vielen Uraufführungen spielen wird. Ich freue mich darauf, das
Abschlusskonzert zu dirigieren.
Haben Sie zum Jahresbeginn
noch Wünsche, musikalischer Art, ans Publikum, an die Oper, Wünsche persönlicher
Art?
Da fallen mir ganz praktische Sachen
ein. Unser Tubist, ein junger Ägypter, ist kurzfristig weggezogen. Dafür wünsche
ich mir einen Ersatz. Der zweite Wunsch wäre: gute Instrumente, z.B. moderne
Kontrabässe mit fünf Saiten. Dann eine leisere Aircondition im Probensaal.
Mein Wunsch ist sicher auch, dass das Orchester immer motiviert spielt und
sich immer weiter verbessert. Dies wird sich hoffentlich auch positiv auf
die Besucherzahlen auswirken. Auch die Werbung an der Oper soll professioneller
gemacht werden. Die Oper selbst sollte mehr Interesse daran zeigen, ein volles
Haus zu haben, um ihre Daseinsberechtigung zu unterstreichen.
In meinem Beruf habe ich das Glück, Menschen für eineinhalb
Stunden in eine bessere oder andere Welt zu entführen. Das ist der Sinn, die
Motivation meiner Arbeit; abgesehen davon, dass ich gar nicht anders könnte.
Die Musik ist wie eine Sucht für mich.
Der Beruf als Dirigent hat wunderbare Seiten. Aber er verlangt
auch viele Opfer. Persönlich leidet das soziale Leben durch die vielen Reisen
und Hotelaufenthalte. Das Pendeln zwischen Europa, Kairo und den USA, wo meine
Frau arbeitet, ist ermüdend. Aber ich habe keine Wahl. Und wenn es funktioniert,
wenn ich mit einem Orchester eine Beziehung aufbauen kann, so wie hier in
Kairo, dann habe ich den schönsten Beruf der Welt.
Senta Walker-Nederkoorn