Unterhaltung mit einer Wüstenheuschrecke

von Evelyn Kirkilionis

"Das waren noch Zeiten, als man von uns von den ‚Zähnen des Windes' sprach, ‚der Strafe Gottes' oder von einer der ‚großen biblischen Plagen' - mit dieser unbestimmten Furcht in der Stimme, zumindest doch mit einem gewissen Respekt! Aber heute, wer schaut denn noch ängstlich gen Osten, wenn eine dunkle Wolke aufzieht, weil er unser Herannahen fürchtet? Man vermutet doch heute höchstens noch einen brennenden Abfallhaufen!"

"Warum das heute so ist?" - "Nun, es ist wirklich schon eine ganz Weile her, dass wir zumindest ein klein bisschen Aufsehen erregten. Das war so vor rund 15 Jahren, als wir vom Sudan und Äthiopien aus eine kleine Völkerwanderung starteten. Ein Teil fand es traditionell natürlich in Ägypten nett, andere im Irak, Iran usw. Einige Trupps machten sich wie üblich auf nach Westen. Die Meetings zum Erfahrungsaustausch im Tschad und Mali waren ausgesprochen gut besucht, man zählte hin und wieder sogar bis zu 3 200 Teilnehmer pro m². Sicher, so eng geht das bei uns nicht alle Tage zu, das war schon der absolute Renner. Aber inspiriert von den Geschichten der Alten über Abenteurer, die es 1873/75 bis nach Deutschland und Österreich gebracht hatten, starteten ein paar Clans tatsächlich noch danach Richtung Norden, um es ihnen gleich zu tun. Aber sie haben sich anscheinend total verfranzt und dann doch einen weniger spektakulären Strandurlaub bei Rom und an der türkischen Küste vorgezogen. Trotzdem, sie haben 1988 erst mal halb Europa in Angst und Schrecken versetzt."

Einige Fakten im Überblick

Die Wüstenheuschrecke Schistocerca gregaria tritt in zwei Phasen auf, einmal der solitären, die Individuen bleiben in ihrem angestammten Gebiet und leben vereinzelt. Zum anderen in der gregären Phase, der wandernden also, bei der sich die Tiere zusammenrotten. Gregäre Wüstenheuschrecken schließen sich als noch flugunfähige Larven oder Hüpfer zu sog. ‚hopper bands' zusammen, als Adulte ziehen sie in Schwärmen umher. Zur Ruhe können sich im Larvenstadium bis zu 30 000 Tiere pro m² versammeln, bei wandernden Larvenbändern findet man ca. 300 Individuen pro m². Bei niedergegangenen Schwärmen versammeln sich bis zu 3 200 Tiere pro m².

Kleine Schwärme umfassen etwa 800 Millionen Tiere, die im Fluge etwa eine Ausdehnung von ein bis zehn km² haben können. Sehr große Schwärme erreichen eine Größe von 80 Milliarden mit einer Ausdehnung von 500 bis 1 000 km², man maß sogar einen Schwarm einer Ausdehnung von 135 auf 25 km (= 3 375 km²).

Gregäre Wüstenheuschrecken durchlaufen fünf Larvenstadien (L1 bis L5), solitäre zusätzlich ein sechstes. Ab L3 sind erste kleine Flügelansätze zu erkennen, aber erst bei der Häutung zum Adulttier werden die Flügel voll ausgebildet. Hüpfer wachsen von 7 mm auf 50 mm im L5-Stdium heran, adulte Weibchen sind ca. 6 bis 7 cm lang, misst man die Flügel mit etwa 8 bis 9 cm, Männchen sind etwas kleiner.

Ein gregäres Weibchen legt bis dreimal etwa 70 bis 100 Eier pro Gelege tief in den feuchten Boden ab. Bei guten allgemeinen Konditionen können bereits nach 12 Tagen die ersten Larven schlüpfen, die nach weiteren dei bis vier Wochen zur Adulthäutung ansetzen können.

Unter günstigen Bedingungen können bis zu drei Generationen in einem Jahr durchlaufen werden. Man unterscheidet im Allgemeinen Winterbrutgebiete (u.a. Sudan, Äthiopien, Saudi Arabien, Pakistan, Indien), Sommer- (u.a. Algerien, Äthiopien, Somalia) und Frühjahrsbrutgebiete (u.a. Mauretanien, Mali, Niger, Sudan, Pakistan und Indien), in denen sich in bestimmten Regionen dieser Länder Schwärme bilden können. So können sich z.B. in den Frühjahrsbrutgebieten in Nordafrika, dem mittleren Osten und Iran die Tiere als Folge ergiebiger Regenfälle stark vermehren. Nach der Regenperiode trocknen die Gebiete allmählich aus und die Schwärme wandern südwärts in die Regionen der Som- merbrutgebiete, z. B. Mauretanien und Mali, Tschad, Niger oder Sudan, Äthiopien. Manche ziehen auch ostwärts nach Pakistan und Indien. Allgemein wird mit der Windrichtung gezogen, so ist z.B. bei den Frühjahrs- und Sommerbruten eine grobe Zugrichtung vom Sudan aus nach Westen bis Mauretanien zu erkennen.

 

"Aber heute, welches Kind weiß denn noch, wie wir aussehen? - Übrigens, mein Name ist Greg. Genauer gesagt: Schistocerca gregaria, der MMM..CC..XVI. Ich stamme aus einer alten, geachteten Familie. Einer meiner direkten Vorfahren war sogar bei dem großen Einfall in Ägypten dabei gewesen, der in einer der berühmtesten Geschichtsbücher festgehalten wurde, ich glaube man nennt es Bibel. Damals brach mein Ururur....urgroßvater mit seiner gesamten Sippe auf, und begeistert schloss sich die versammelte Nachbarschaft gleich mit an." - "Wie, Sie wissen immer noch nicht ... ? Also dann, wenn Ihnen Schistocerca gregaria nichts sagt, wir werden auch Wüstenheuschrecken genannt oder Desert locust. Wir sind echte Wüstenbewohner und das Nomadenleben steckt uns einfach in der Hämolymphe." - "Was Hämolymphe ist? Ach, das ist dasselbe wie Blut." - "Also, hin und wieder packt uns die Abenteuerlust und dann starten wir zu einer großen Tour durch Nordafrika und angrenzende Länder. Früher waren wir eigentlich recht regelmäßig unterwegs, so alle zehn Jahre, manchmal sogar fast ununterbrochen über zwei oder drei Jahre hinweg. Aber in der letzten Zeit sind wir doch etwas bequem geworden.

Obwohl, ich muss sagen, im Moment juckt es mich auch gewaltig in den Tarsen, also den Füßen. Am liebsten würde ich sofort loshüpfen, wenn man mich nur ließe! Können Sie sich das vorstellen, man hat mich mit meinen Geschwistern hier auf der Forschungsstation einfach in einen Käfig gesperrt! Völlig unschuldig hinter Gittern! Schließlich sind wir gerade mal eine Woche alt, im Kindergartenalter also, und haben noch überhaupt nichts aufgefressen! Sippenhaft nenne ich das, Larvenmisshandlung, man sollte amnesty international einschalten! Gut, man kümmert sich um uns, schließlich haben wir noch vier Larvenstadien vor uns. Und die Verpflegung ist wirklich nicht schlecht. Wer bekommt schon ansonsten regelmäßig zarte Weizensprösslinge und Bohnenkeime vorgesetzt?

Es ist auch immer irgendwie was los, schließlich sind wir über 2000 im Käfig. Aber dauernd dieselben Typen und dieselbe Aussicht, eigentlich ist es ganz schön langweilig, und so eng!

Außerdem traue ich der Sache nicht so ganz, schließlich sind wir hier auf einer Forschungsstation. OK, sie sind wirklich sehr an unserem Wohlergehen und unserem Verhalten interessiert. Ich denke, über so manches in unserer Entwicklung sind sie sich immer noch nicht im Klaren. Aber daran möchte ich eigentlich auch nicht so viel ändern, etwas Privatissime will ja schließlich jeder haben. Trotzdem, irgendwie ahne ich Ärger, es hat was mit meiner Sippe zu tun. Die war ja nicht immer so ohne, das mit der Bibel habe ich ja schon angedeutet. Bei der Geschichte sollen wir ganze Landstriche kahlgefressen haben. Wenn Sie mich fragen, bestimmt ganz schön aufgebauscht, wie immer, wenn was von Mund zu Mund geht und die Presse sich einmischt. Aber muss man denn gleich so nachtragend sein, schließlich ist das mit Ägypten schon ein paar Tausend Jährchen her. In letzter Zeit waren wir recht anständig. Wie gesagt, das letzte Mal packte uns so richtig die Wanderleidenschaft 1986 bis 89. Da starteten wir sogar zu unserer ersten Atlantik-Überquerung und haben es 1988 bis in die karibische Inselwelt geschafft. Das sind von Zentralafrika aus immerhin rund 6.000 km. Gut, wir hatten etwas Rückenwind, warum soll man die Ost-West-Winde auch nicht ausnutzen, das machen wir meist so. Schließlich sind wir nicht bei der Olympiade. Aber wir haben diese Überquerung innerhalb von 10 Tagen geschafft, das gehört doch ins Guinnessbuch der Rekorde. Mitte der neunziger Jahre hatte es übrigens einige von uns auch noch gepackt, aber nichts im Vergleich zu den Achtzigern.

Finden Sie nicht auch, dass wir eigentlich zu negativ gesehen werden? Immer dieses Gejammer wegen der paar Pflänzchen. Sie müssen das Ganze auch von der anderen Seite betrachten. So eine Wanderung stellt ganz schöne Anforderungen. So eine Truppe von 80 Milliarden zusammenzuhalten ist alleine schon eine Leistung und auch logistisch eine echte Herausforderung. Die Masse will schließlich verpflegt werden, da kann man nicht wählerisch sein. Sie müssen sich vorstellen: wenn so eine Meute dicht an dicht niedergeht, ergibt das locker eine Fläche von 10 km², da können schon mal ein paar Äcker dazwischen geraten.

Um ehrlich zu sein, uns schmecken die Wildpflanzen in unseren heimatlichen Gefilden ja am besten. Aber nachdem inzwischen überall in unseren angestammten Wandergebieten immer mehr Felder angelegt wurden, bleibt uns ja kaum eine Wahl, als am Mais oder an der Hirse zu knabbern, wenn die uns halt in die Quere kommen. Und so verfressen, wie man uns immer darstellte, sind wir auch wieder nicht." - "Ja, ich weiß, man sagt uns nach, wird würden täglich unser eigenes Körpergewicht futtern. Na gut, hin und wieder, wenn wir so richtig Appetit haben, tun wir das wohl auch. Wenn Sie einen Tagesausflug, ich meine das bei uns im wahrsten Sinne des Wortes, hinter sich gebracht haben, dann bekommt man halt auch ordentlich Appetit, nicht? Aber streckenweise sind wir richtige Hungerkünstler. Wenn wir zum Häuten ansetzen, nehmen wir kein Hälmchen zu uns. Im Durchschnitt futtern wir also gar nicht so viel, besonders wenn man unsere Leistung betrachtet. Als Adulter, also als Erwachsener, würde ich an einem normalen Acht-Stunden-Arbeitstag so 15 bis 20 km/h fliegen. Wenn wir gut drauf sind, schaffen wir es auch schon mal auf mehrere Hundert Kilometer täglich. Machen Sie das mal den ganzen Tag bei sengender Sonne! Ich finde, wir sind wahre Überlebenskünstler. Optimal angepasst an unseren Lebensraum, schließlich können wir auf eine längere Evolution zurückblicken als Sie, liebe Leser. Heuschrecken gab es fast schon immer.

Und außerdem, wir hinterlassen auch etwas. Guano muss man mühselig einführen, dafür zahlen sie sogar eine Menge. Unsere Düngepellets fliegen wir sogar selber ein. Und auch wenn wir mal so durch ein Feld gegangen sind, das wächst doch wieder! Jemand hat ausgerechnet, dass die Pflanzen dann ertragreicher nachsprießen als ohne unseren Rückschnitt. Gut, wir wollten uns schon Mühe geben und nicht gerade zur Reifezeit von Sorghum oder Mais einfallen, dann ist das sicherlich schon etwas unangenehm." - "Ja, Sie haben ja recht, die Zahlen habe ich auch gehört. 1958 sollen in Äthiopien Getreidemengen vernichtet worden sein, mit der dort ein Jahr lang eine Million Einwohner hätten ernährt werden können. Das war schon ein peinlicher Ausrutscher. Ab os das so stimmt, der Presse sollte man auch nicht so ohne weiteres alles glauben.

Glauben Wie mir, das Timing ist nicht so einfach, schließlich ziehen wir hin und wieder kreuz und quer durch die gesamte Sahelzone einschließlich engrenzender Gebiete, da kann man schon den Überblick verlieren. Wenn sich dann noch eine ganze Reihe Clans wie 1988/89 aufmachen, Reisen bildet schließlich, hapert es schon mal mit der Korrdination. Dan mussman halt fressen, was einem so zwikschen die Mandibeln kommt. Da erwischt es gegebenenfalls eben mal ein paar Parkbäume und Gebüsebeete." - "Mandibeln? Das sind uner Kauwerkzeuge, unsere Zähne."

"Aber eines muss auch mal gesagt werden: Der Verlust der angestammten Wanderpfade der großen Herden Ostafrikas wird überall beklagt, man macht sogar Korridore frei. Aber natürlich kein Wort über unsere Bedürfnisse und unsere Einschränkungen in den letzten Jahrhunderten. Um ehrlich zu sein, wir fühlen uns diskriminiert. Wir sind auch schöne Tiere. Im ersten Larvenstadium sind wir zwar recht unauffällig und vorwiegend schwarz gefärbt. Als 7 mm kleiner Hüpfer muss man eben etwas Wert auf Tarnung legen. Aber in den nächsten 4 Larvenstadien entfalten wir unsere ganze Schönheit. Ein strahlendes Gelb mit hinreißenden schwwarzen Punkten und Streifen. Als geschlossene "hopper band" vereinigen wir uns zu einer wogenden Symphonie in Schwarz und Gold. Versammeln wir uns am Abend zur Nachrruhe in Büschen und Bäumen, könnt man uns glatt mit einem gelb-schwarzen Blütenmeer verwechseln. Als Adulte bekommen wir dann unsere gelb-braunen Flügel, kann aber insgesamt auch ein bisschen mehr ins Gelbe oder Rote gehen. Die Färbung finde ich eigentlich nicht so attraktiv, aber dafür können wir ja dann fliegen.

In vier oder fünf Wochen kann ich vielleicht schon zu meiner ersten Flugstunde starten, d. h. wenn es nicht zu kalt wird, sonst ist es wohl erst in sieben oder acht Wochen so weit. Soll sich manchmal sogar bis auf acht Monate rausziehen können, fürchterlich. Aber es geht ja jetzt auf den Frühling zu, da steigen die Temperaturen und es geht hoffentlich schneller. Fliegen, das muss ein wundervolles Gefühl der Freiheit sein. Bis dahin bleibt eben nur Fußmarsch. Aber das behindert unseren Wanderdrang keineswegs, wenn wir Lust dazu haben. Wir laufen manchmal zu Zig-Tausend los, das ist dann ein echtes Event.

Es gibt zwar immer ein paar schlappe Jahrgänge dazwischen, die lieber zuhause bleiben. Das sind die solitären Generationen. Wenn keine kritische Dichte erreicht wird und wir genug zu futtern haben, gibt es ja auch keinen Grund loszulaufen. Und kein Mensch nimmt Notiz von denen. Na ja, das letztere stimmt seit ein paar Jahren nicht mehr so ganz. Ich habe gehört, in manchen Ländern haben sie, kaum sind wir geschlüpft, ununterbrochen ein Auge auf uns. Andauernd kurven sie bei solchen Prospektionen gleich mit großem Staat durch die Gegend, manchmal mit mehreren Pickups und Unimogs auf einmal. In Mauretanien schlagen sie sogar Zelte in unseren Brutgebieten auf und machen ein richtiges Camp, nur wegen uns. Wie soll man sich da in Ruhe entwickeln können, wer weiß denn, was die vorhaben! Zimperlich waren die noch nie, da habe ich schon ganz üble Sachen gehört. So manche chemische Pestizidkeule wurde an uns ausprobiert. Bei unserem letzten berühmten Einsatz haben sie ja schließlich rund 16 Millionen Liter Insektizide ausgebracht, und außerdem noch 14 Millionen Kilogramm in Pulverform. Das hat gekostet. Sollen alles in allem so 500.000 € gewesen sein. Immerhin mussten sie fliegende Schwärme wie Larvenbänder behandeln, die über eine Fläche von 26 Millionen ha verbreitet waren. Das Ganze war ihnen anschließend auch nicht mehr so ganz geheuer. Man soll reihenweise tote Eidechsen und Vögel gefunden haben. Die ökotoxikologischen Untersuchungen brachten Verheerendes zu Tage. Manche Nomaden behaupteten sogar, dass in ihren Kamelherden viele Jungtiere verendeten und ungewöhnlich häufig Fehlgeburten auftraten. Mit den Nomaden kommen wir im Prinzip so unter Kollegen ganz gut aus. Wir fressen nämlich ihren Kamelen eigentlich nicht das Futter weg, auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird. Manche Leute scheinen noch nie was von Biologie und ökologischer Einnischung gehört zu haben. Wir ziehen ganz andere Pflänzchen vor als die Dromedare. Leben und Leben lassen war schon immer unsere Devise. Manche Nomaden sollen sogar die Prospektionstrupps, die auf der Suche nach Trupps von uns waren, in die falsche Richtung geschickt haben, wenn sie nach Heuschreckenvorkommen gefragt wurden. Ich sag ja, echte Kollegen.

Nun, nach 1986/88 hat man sich regelrecht gegen uns verbündet. GTZ, USAID, FAO, EMPRES, CRC, LUBILOSA und wie die Programme und Vereinigungen alle sonst noch heißen, und haben uns eine ganze Horde Wissenschaftler und Spezialisten auf den Hals geschickt, die uns noch heute verfolgen. Regelrecht ausspioniert haben sie uns. Inzwischen wissen sie, dass wir von der solitären Form zur gregären, also der wandernden, im Laufe einer Generation überwechseln können. Wie das geht überblicken sie zwar noch nicht so genau, ob da z. B. Pheromone oder sonst was eine Rolle spielen. Sie wissen auch, dass wir uns nicht versammeln und losfliegen, ohne dass wir eine kritische Dichte überschreiten. Und seitdem beobachten sie uns mit Argusaugen. Nichtsdestotrotz, an manchem knabbern sie sich nach wie vor die Zähne aus. Sie haben z. B. noch nicht genau herausbekommen, was konkret die Jungs und Mädels sich zusammenrotten lässt und wie wir den Zusammenhalt schaffen. Ein paar Pheromone stehen hier auch in Verdacht. Ich werde denen jedenfalls nicht auf die Sprünge helfen. Wer weiß, was die daraus machen. Wir haben da schon so unsere Erfahrungen.

Zum Glück kennen wir noch ein paar abgelegene Reservate in den verschiedenen Wüstenarealen, uns da zu besuchen ist ihnen meist zu beschwerlich. Wenigstens dort haben wir unsere Ruhe. Aber eigentlich sind wir überall in der arabischen Welt und der Sahelzone zu Hause. Vom äußersten Nordosten, auch teils in Indien und in Pakistan, bis zu den westlichen Küsten Marokkos und Mauretaniens. Und weil viele dieser Länder kriegs- und krisengeschüttelt sind, haben die was anderes zu tun als uns zu belästigen. Dort können wird ungestört leben, und wenn dann mal ausgedehnte Regenfälle für üppiges Grün sorgen und wir uns flott vermehren können, dann wechseln wir zum Nomadenleben über. Gregäre Weibchen legen zwei- bis dreimal ein Gelege mit so 70 bis 100 Eiern ab. Wir schaffen auch mehr als eine Generation in einer Saison." - "Was das heißt?" - "D. h. dass wir mehrfach den gesamten Entwicklungszyklus in einem Jahr schaffen. Solitäre Weibchen sorgen übrigens für noch mehr Nachwuchs. Da kommt nach und nach schon was zusammen. Tja, und dann wird's halt irgendwann eng, dann kribbeln uns schon als Larven die Tarsen und wir versammeln uns. Dann geht's los, als Larvenband auf zu neuen Ufern, besser gesagt, zu neuen Dünen.

Einfach ist das nicht, und wie jedes Abenteuer auch riskant. Überall warten Wüstlinge auf uns. Überfälle von Eidechsen sind an der Tagesordnung, dann diese Ameisenlöwen, bei der Masse, die unterwegs ist, übersieht man schon mal ihre Bodentrichter und purzelt rein. Und erst diese Schlupfwespen, reihenweise verschleppen sie uns in ihre Bauten. Nicht zu vergessen die Ameisen, Skorpione, Käfer. Schakal, Wüstenfuchs und -wolf sind auch nicht wählerisch. Ganz übel sind die Vögelschwärme, kann ich Ihnen sagen. Sogar Küstenvögel suchen uns mitten in der Wüste heim. Man erzählt sich, dass ein Larvenband von 500.000 Tieren in wenigen Stunden von einer Kolonie Sperlinge niedergemacht wurde. So tragisch dies natürlich für meine Verwanden war, das Ereignis entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Diese Larven sind nämlich, da wir uns ja in den letzten Jahren ausgesprochen rar machten, auf einer Feldstation in Mauretanien mühselig gezüchtet und dann freigelassen worden. Man wollte sie mit einem dieser ganz üblen Massenvernichtungsmittel behandeln, ich glaube mit Green Muscle. Netter Name, aber echt ekelhaftes Zeug, auch wenn es als biologisches Schädlingsbekämpfungsmittel bezeichnet wird. Das ist so eine ganz widerliche Pilzkrankheit, die nur uns Heuschrecken befällt. Nichtsdestotrotz, biologisch hin oder her, Gift bleibt doch Gift für uns! Damit wollten sie den Trupp eigentlich traktieren, um zu wissen, ob es wirklich funktioniert und wie gut. Aber nichts war's, die Vögel waren schneller. Diese zweibeinigen Asympathen müssen ganz schön lange Gesichter gemacht haben. Viel Arbeit für nix!"

"Ja, Sie haben recht, Green Muscle oder Green Guard, das sind die modernen Insektizide, Dieldrin ist schon lange out. Sollen umweltfreundlich sein und Wirbeltiere, Vögel und fast alle anderen Insekten nicht beeinträchtigen. Früher haben sie ja versucht, Schwärme mit brennenden Autoreifen zu verscheuchen - einfach lächerlich! Haben uns in Gräben gekehrt und zertrampelt. Hunde und Hühner auf uns gehetzt! Besonders am frühen Morgen, wenn es noch kühl ist, wir uns also kaum bewegen können, sind sie über uns hergefallen und haben uns von den Büschen geschüttelt und eingesammelt - hinterhältiges Pack! Und gegessen haben sie uns auch, schon immer. Heute stehen wir bei so manchem aberaten Gourmet-Tempel sogar auf der Speisekarte. Ich finde das ausgesprochen geschmacklos.

Den putzigen Geräten von früher haben wir ja nur ein müdes Lächeln abgewinnen können. Auch mit Niem, hat man es schon versucht. Das ist so ein Extrakt aus dem Samen des Niembaumes, eigentlich eine altbekannte Sache. Das Zeug machte richtig schlapp, man will gar nicht mehr so richtig fliegen oder laufen, und die Eientwicklung wird auch gestört. Da ist man natürlich leichte Beute für Feinde. Im Kleinen funktioniert es ganz ordentlich, doch zum Glück haben sie es im großen Stil nicht so ganz auf die Reihe bekommen. Bei eventuellem Massenauftreten wollten sie natürlich auch gleich riesige Mengen und in gleichbleibender Qualität von diesem Hausmittelchen zur Verfügung haben. Das war der Haken. Und technisch können sie es nicht herstellen, sind viel zu viele Bestandteile des Samens, die letztendlich wirken. Tja, die Natur lässt sich halt nicht so einfach kopieren, und es macht eben die Komposition. Für größere Plagen also ungeeignet.

Aber heute laufen sie ja zu ungeahnter Form auf. Mit dem GPS bestimmen sie unsere Lebensräume exakt." - "GPS? Das ist so ein Global Positioning System, mit dem man mit Hilfe von Satelliten genau seine Position in einer Gegend bestimmen kann. Mit einem GPS findet man den Punkt auch immer wieder. Früher brauchte man ortskundige Führer, um sich irgendwo in der Wüste zurechtzufinden. Heute hat man dafür so ein keines Gerät. Ich sag ja, die Romantik geht dahin. Also, mit dem Ding sammeln sie überall Daten über uns, wo wir vorkommen eben. Dann schauen sie noch, wie viele wir momentan sind, welches Larvenstadium und welche klimatischen Bedingungen vorherrschen. Und dann vermitteln sie das Ganze mit einem satellitengestützten High-Tech-System über Zwischenstationen bis in eine Zentrale in Rom. Damit wollen sie frühzeitig unsere Entwicklungschancen abschätzen. Auch Satelliten-Infos über Gebiete mit guten Regenfällen werden mit eingebaut. Nichtsdestotrotz, üppige Vegetation sagt noch lange nichts darüber aus, ob wir uns auch wirklich propper entwickeln. In den letzten Jahre war in so manchen Gebieten die Vegetation ganz ordentlich. Aber wir hatten einfach keine Lust bei dem ganzen Wirbel, den sie um uns machen.

Z. B. diese Versuchsstation hier in Port Sudan. Sie versuchen möglichst viele von uns heranzuzüchten. Ich frage mich die ganze Zeit nur, warum? Wohl ist mir irgendwie nicht dabei, Heuschreckenfreundlichkeit nehme ich denen nicht so ganz ab. Was da wohl noch auf uns zu kommen mag? Aber, ich glaube, ich werde mich demnächst erst mal häuten, die meisten meiner Kollegen haben das schon hinter sich. Das ist ein ganz schöner Kraftakt und eine mentale Herausforderung, haben mir die Zweitklässler gesagt. Das kann auch schief gehen, da muss das Timing stimmen. Die kleinste Störung in dieser Zeit, und man kann nicht mehr richtig aus der Haut fahren. Hässlich, so verkrüppelte Fühler oder Beine. Und wenn es einen in der Pubertät erwischt, kann es sogar die Flügel treffen. Nicht auszudenken, die ganze Zukunft ist ruiniert! Mit den modernen Mitteln, die sie gegen uns verwenden, tritt das massenhaft auf. IGRs nennt man die, Wachstumsregulatoren, das ich nicht lache, Regulatoren. Gift ist das, nicht nur für uns, auch wenn es vor allem nur Pflanzenfresser trifft. Aber Eidechsen verderben sich auch gehörig den Magen, wenn sie ein paar von so besonders aufgepeppten Hüpfern erwischen. Na ja, aber immer noch besser als die ganzen anderen modernen Pestizide, auch wenn von denen inzwischen nur 2 bis 8 g/ha eingesetzt werden müssen und dadurch nur wenig in die Umwelt ausgebracht wird. Trotzdem, Gift ist Gift. Manche Mittel wirken ja nicht sehr lange, zerfallen innerhalb von wenigen Stunden oder Tagen." - "Doch, es werden auch andere, länger wirkende Substanzen versprüht, auch wenn man versucht, möglichst wenig davon auszubringen. Mit manchen Mitteln behandeln sie lediglich Streifen der Vegetation, z. B. vor Ackerland, wenn wir im Anmarsch sind. So versuchen sie auch die Umweltbelastung herabzusetzen. Und wenn wir so in Formation darüber laufen, erwischt es uns dann, übel diese Kontaktgifte. Wenn wir das wüssten, könnten wir ja unsere Laufrichtung ändern. Aber wir bevorzugen eben eine Wanderrichtung mit dem Wind, das nutzen die richtig hinterhältig aus. Aber ich sollte mich nicht so aufregen. Ich hab jetzt noch was Wichtiges vor. Ich sollte mir jetzt mal ein sicheres, ruhiges Plätzchen suchen und mich zurückziehen und ein bisschen meditieren vor der großen Aktion. Bis später also ...!"

Leider kam es nicht zu einer Fortsetzung dieser Unterhaltung, weil - wie uns berichtet wurde - unser Gesprächspartner am 20. Januar unweit seines Geburtskäfigs in einen unbekannten Nebel geriet.

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