Wale und Wasser - mitten in der Wüste

Wadi el-Hitan und Wadi el-Rayan

von Bettina Knauth

Die Fortsetzung unserer kleinen Reihe über die Halboase Faijum führt in dieser Ausgabe in die Wüste, zu den südwestlich des Faijum gelegenen und durch einen Wasserfall ver-bundenen Seen im Wadi el-Rayan und den versteinerten Walfischknochen im Wadi el-Hitan. Beide Wadis gehören zur Wadi el-Rayan Protected Area, die geschaffen wurde, um die einzigartigen biologischen, geologischen und kulturellen Schätze der Region am südwestlichen Rande des El-Faijum Governorate zu schützen.

Wasser, mitten in der Wüste! Das tiefe Blau des ersten Sees des Wadi el-Rayan taucht wie eine Erscheinung unvermittelt aus dem goldgelben Sand auf.

Die sich dem Besucher präsentierende Idylle wurde von Menschenhand geschaffen: Die Seen des Wadi el-Rayan entstehen durch überschüssiges Drainagewasser von den Feldern des Faijum, das durch ein unterirdisches Kanalsystem in die 672 Quadratkilometer große Depression abgeleitet wird, die durch eine Kalksteinbarriere vom Faijum getrennt rund 40 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Durch die Einleitung des Drainagewassers soll der Qarun-See entlastet werden, in den vorher das gesamte salzhaltige Wasser floss - oft mehr als verdunsten konnte. So kam es immer wieder zu Überschwemmungen, die auf den Feldern schwere Schäden verursachten. Die Pläne für ein künstlich geschaffenes Wasserreservoir im Wadi el-Rayan stammten bereits aus der Zeit der britischen Besatzung, wurden aber erst 1966 begonnen und 1973 durch Überflutung der Depression in die Tat umgesetzt. Ur-sprünglich bildeten sich drei Seen, der dritte See ist inzwischen ausgetrocknet. Da der erste der verbliebenen Seen 32 Meter und der zweite See 42 Meter unter dem Meeresniveau liegt, hat sich durch das bestehende Gefälle ein rund drei Meter hoher Wasserfall zwischen den beiden gebildet. Dieser einzige permanente Wasserfall ist sozusagen das "Wahrzeichen" des Wadi el-Rayan - und seine Hauptattraktion.

Durch Schaffung des Wadi el-Rayan-Wasserreservoirs wurde aus dem einst trockenen Wüs-tenareal mit nur wenigen Quellen ein fruchtbares Tal, das Landwirtschaft, Industrie und Tourismus Entwicklungschancen eröffnen soll. Das Ministerium für Landwirtschaft und Landge-winnung will hier insgesamt 15 000 Feddan Wüste in fruchtbares Ackerland verwandeln. Auch wurden ehrgeizige Industrieprojekte in Angriff genommen, wie z. B. der Bau einer mit Solarenergie betriebenen Fabrik zur Produktion von Eis, mit dem täglich bis zu sechs Tonnen Fisch eingefroren werden können. Doch obwohl die Infrastruktur bereitsteht und auch kleinere Siedlungen gebaut wurden, wirkt die Gegend weiterhin eher verschlafen. Zudem musste man Rückschläge hinnehmen: So verwandelt sich der zweite See langsam von einem Süßwasser- in einen Salzwassersee. Zudem bedrohen Bohrungen nach Erdöl, Fischfang und die Ansiedlung von Menschen das ökologische Gleichgewicht des Wadis.

Derzeit bietet das mitten in der Wüste gelegene Wadi Lebensraum für viele Pflanzen, die wiederum vielen Tierarten Nahrung und Schutz garantieren. Selbst Gazellen und seltene Füchse finden sich hier. Unter den rund fünfzehn verschiedenen Arten von Wüstenpflanzen sind Nitraria retusa und Alhagi graecorum die bekanntesten und weit verbreitesten. Letztere bildet Wurzeln bis in die tiefsten Schichten aus, um eine maximale Wasserversorgung zu garantieren. Auch Dattelpalmen (Phoenix dactylifera) finden sich im Wadi el-Rayan.

Den von Schilfrohr und Riedgras gesäumten Rand der Seen nutzen Wasservögel und Fische als Brutplätze und Lebensraum. Der Fischfang ist eine Haupteinnahmequelle der Einheimi-schen. Nach Angaben der ägyptischen Umweltbehörde (Egyptian Environmental Affairs Agency, EEAA) findet man um die hundert Arten von einheimischen und Wandervögeln im Wadi Rayan; auch 15 bedrohte oder gefährdete Säugetiere und 16 Reptilienarten haben hier ihr Zuhause. Bei einer Rast unter den schattigen Pavillons oder einer kleinen Bootsfahrt mit buntgestrichenen Ruderbooten auf dem See lassen sich Wasserfall und einige der einheimischen Tiere beobachten.

Kurz vor Erreichen des Wasserfalls passiert der Besucher ein neuerbautes Besucherzentrum der Wadi el-Rayan Protected Area. Dieses Naturschutzgebiet wurde 1989 mit finanzieller Unterstützung durch die italienische Regierung geschaffen, um auf 1759 Quadratkilometern verschiedene Habitate, jedes mit eigenen biologischen, geologischen oder kulturellen Besonderheiten, zu erhalten. Insgesamt plant die EEAA, rund 15 Prozent des Staatsgebietes unter die Obhut von Nationalparks zu stellen, um solche Gebiete von herausragendem Interesse und deren Schönheit zu schützen und ihr ökologisches Gleichgewicht zu bewahren. Neben dem bereits beschriebenen Gebiet rund um die Seen zählen zur Wadi el-Rayan Protected Area auch faszinierende Landschaften und Formationen in der Wüste, mit seltenem Wildlife und einzigartigen Fossilien vergangener Kreaturen, außerdem Überreste antiker Kulturen.

Das Wadi el-Hitan ("Tal der Walfische") in der entlegenen nordwestlichen Ecke des Parks gehört aus paläontologischer Sicht zu den interessantesten Gebieten der Erde. Vor rund 40 Millionen Jahren befand sich hier während des Eozän rund zwei Millionen Jahre lang ein Ozean, das Tethys Meer. Dann hoben kontinentale Verschiebungen das Gelände, das Meer wurde zurückgedrängt, die Überreste der Meeresbewohner waren in Sedimenten gefangen. Heute kann man in dem acht Quadratkilometer großen Gelände, dem früheren Südufer des Ozeans, die versteinerten Skelette von primitiven Walen, Haifischzähne, Muscheln, Korallen und andere Spuren marinen Lebens entdecken. Auch versteinerte Mangrovenwurzeln sind stumme Zeugen jener Epoche.

Von besonderem Interesse für die Wissenschaft sind die Walfischskelette; insgesamt 250 Exemplare wurden bisher ausgemacht. Als die ersten 1830 entdeckt wurden, dachte man zunächst, es handele sich um die Überreste eines prähistorischen Reptils, deshalb nannte man die Species Basilosaurus, "Königseidechse". Heute ordnet man sie den Walen zu, genauer den Zeuglodon, einer ausgestorbenen Walart. Das Wadi el-Hitan wird auch Wadi Zeuglodon genannt. Insgesamt drei Arten der Zeuglodon wurden ausgemacht: Basilosaurus Isis, Prozeuglodon und Dorudon. Lediglich der kleinere Dorudon war eventuell ein Vorläufer späterer Walarten, alle anderen sind wohl mit den heutigen Walen nicht direkt verwandt. Die Basilosaurus waren noch keine reinen Meeresbewohner, sie waren Amphibien, die jederzeit an Land kommen konnten: Ihre langen, schlanken Körper wiesen als Vordergliedmaße ein Paar kräftiger Schwimmflossen auf (ähnlich denen der Seehunde), hinten "liefen" sie auf kleinen, aber perfekt ausgebildeten Hinterbeinen, mit Oberschenkel, Kniescheibe, Schien- und Wadenbein, die am Ende zu Füßen mit vier Zehen gebogen waren. Mit Ausbildung der Flossen hatten die Zeuglodon lediglich den ersten Teil des Übergangs vom Land- zum Meeresbewohner hinter sich. Bei den Urahnen der Wale, wie wir sie kennen, verlängerte sich dann der Rücken, die hinteren Gliedmaßen verschwanden nach und nach. Heute erinnern nur noch kleine Auswüchse an Hinterbeine, wie sie die Zeuglodon noch aufwiesen. Diese Walart erreichte eine Länge zwi-schen 12 und 24 Metern, die Tiere wogen bis zu sieben Tonnen. Der Basilosaurus und seine Verwandten verfügten über lange, weiße Sägezähne und ernährten sich von Fisch, Weichtieren, Krustentieren und Phytoplankton.

Rund ein Dutzend der besten Fundorte von Walfisch-Wirbelsäulen sind links und rechts neben dem markierten Track durch Seile markiert und gesichert. Andere Rückgrate liegen unter Erd- oder Schutthügeln begraben, weshalb man weder auf diese Anhäufungen klettern noch über sie hinweg fahren sollte. Den Besucher faszinieren aber nicht nur die Fossilien. Die Landschaft allein wäre die Anreise wert: Das Walfischtal zieren wunderschöne karamelfarbige Felsblöcke, die aussehen, als hätte man sie mit Glasur überzogen oder mit Sirup durchtränkt. Große und kleine verwitterte Sandsteinfelsen sind wie zufällig dekoriert hier und da über die Ebene verstreut. Sandrippen zieren in Linien und Kreisen die Felsen, als wären sie heraus gemeißelt worden. Ein Werk der Erosion. Wie von Künstlerhand geschaffen sind aus den Felsblöcken skurrile Skulpturen entstanden - eine Burg, Pilzköpfe, ein Seehund, ein Kamel, die Formationen lassen sich vielfältig interpretieren.

Die Erosion schuf nicht nur die Kulisse für die einzigartigen Zeugen einer längst untergegangenen Epoche, sie wird die Fossilien und die Felsen langfristig auch zerstören. Noch stärkere und raschere Schäden kann aber der zunehmende Tourismus in diesem geologischen Freilichtmuseum anrichten. Besucher sollten sich, um die Einzigartigkeit dieses Ortes zu erhalten, immer das Motto des Parks in Erinnerung rufen: Nichts außer Foto- oder Videoaufnahmen mitnehmen, nichts außer Fußabdrücken zurücklassen!

Auf der Rückfahrt vom Walfischtal lohnt noch ein Besuch des markanten Tafelbergs el-Mudawara am südlichen Rand des zweiten Wadi el-Rayan-Sees; die sich an den Berg anschließende einsame Bucht ist ein bevorzugter Platz zum Picknicken und Fotografieren. Hoffentlich bleibt die Idylle erhalten, denn die Parkverwaltung plant ab hier Felukkafahrten zur Beobachtung der Vogelwelt des Sees.

An keiner Stelle im Wadi el-Rayan präsentiert sich dem Besucher der faszinierende Kon-trast zwischen dem tiefen Blau der Seen, dem helleren Blau des Himmels, dem Goldgelb des Sandes und dem Braungrün der Uferpflanzen auf so eindrucksvolle Art wie hier bei el-Mudawara.

Anreise:

Wadi el-Rayan erreicht man am besten über die am Remaya Square in Haram abzwei-gende Straße nach Faijum. Kurz nach Passieren der Kontrollstelle am Eingang des Fai-jums und der Ausgrabungsstätte Karanis (auf der linken Straßenseite) zweigt rechts die Straße in Richtung "Wadi el-Rayan" und "Auberge du Lac" ab. Die Abzweigung ist gut beschildert. Nun einfach der Straße folgen, die sich am Seeufer entlang schlängelt. Zum Wadi el-Rayan folgt man der kurz vor dem Seeende abzweigenden Straße nach links (ca. 48 km ab Abzweigung von der Faijum-Straße, Wadi el-Rayan ist ausgeschildert). Der Straße ca. 7 km folgen, dann über einen Kanal fahren und weiter an diesem entlang. Nach weiteren 2 km den Kanal nach links verlassen, des Tickethäuschen ist nun bereits sichtbar. Nach weiteren 13 km zweigt links die Sandstraße hinunter zu den Wasserfällen ab. Ach-tung: An Freitagen ist der Wasserfall ein beliebtes Ziel für Busladungen voller Ausflügler!

Die Weiterfahrt zum rund 55 km entfernten Wadi el-Hitan ist nur mit einem Allrad-Fahrzeug möglich (Minimum: zwei Fahrzeuge). Vor dem ersten See im Wadi el-Rayan zweigt rechts, in der Nähe eines Radiomastes, ein gut markierter Track ab. Vorbei am sog. "Berg nahe der Hölle" (Gebel Gar Guhannam) führt die Strecke zum Fundort der Walfischskelette. Bitte halten Sie sich an die Vorschriften des Parks und bleiben Sie auf dem markierten Weg. Berühren und bewegen sie die fragilen Zeugnisse einer längst vergangenen Epoche nicht! Einige seltene Stücke sollen im Visitor Center nahe des Wasserfalls ausgestellt werden, für diejenigen, die nicht bis zum Walfischtal fahren können.

Tipp: Auch wenn Sie ohne Fourwheel-Drive unterwegs sind, fahren Sie übers Wadi el-Rayan hinaus noch gut 10 km Asphaltstraße weiter bis zum o.a. Tafelberg al-Mudawara. Der wunderschöne Blick lohnt den Umweg allemal (auf die Idee brachte uns der Tondok, d.h. Ägypten individuell von W. u. S. Tondok, Reise Know-How)!

Am Eingang des Wadi el-Rayan Protektorats sind moderate Gebühren zu entrichten: LE 5 für Ausländer, LE 1 für Einheimische und Residents sowie LE 5 pro Fahrzeug. Falls das Tickethäuschen geschlossen ist und man beim Wasserfall kein Ticket vorweisen kann, werden die Gebühren eventuell dort nachgefordert.

Derzeit ist eine Polizeipatrouille unumgänglich, wenn man über Faijum anreist. Alternativ kann man zunächst rund 130 km auf der Straße nach Bahariya und von dort Offroad zum Wadi el-Hitan fahren. Die Rückfahrt führt dann über die oben beschriebene Strecke, vor-bei am Wadi el-Rayan(GMX-Koordinaten auf Anfrage).

Quellen:

Cassandra Vivian, The Western Desert of Egypt. An Explorer's Handbook, AUC 2000. Ein Muss für jeden, der die Wüste auf eigene Faust erkunden möchte.

In der Al-Ahram Weekly sind zwei Artikel über Wadi el-Rayan bzw. Wadi el-Hitan er-schienen: "A whale of a time" von Saher El-Bahr, Issue 445, 2. - 8. September 1999, und "Chocolate sprinkels and caramel topping" von Jenny Jobbins, Issue 534, 17.-. 23. Mai 2001.

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