Zur Aufführung des Kindertheaterstückes von Paul Maar durch die Arbeitsgemeinschaft Theater der Neuen Sekundarstufe am 5. Mai 2003
von Petra Birkenbach
Seit nunmehr 25 Jahren gibt es an der Deutschen Evangelischen Oberschule die
sogenannte Neue Sekundarstufe. Zum ersten Mal aber fand in diesem Schuljahr
eine Theater-AG von Schülern aus diesem Schulzweig statt, die an diesem
Maiabend ihre erste Produktion vorstellen sollte. Etwas Besonderes stand also
auf dem Programm.
Gleich die erste Szene dieses bekannten Kindertheaterstückes markierte
die Hauptperson Stefan als Außenseiter, der seinem aggressiven Mitschüler
Micky nicht gewachsen ist. Stefan ist isoliert, dabei wünscht er sich nichts
sehnlicher als einen Freund, "der immer kommt, wenn ich will". Wie
gerufen tritt nun Phantomas auf, der in einer fulminant gespielten Szene mit
Stefan eine Raumschifffahrt simuliert. Anscheinend mühelos bewegen sich
die Darsteller in der Schwerelosigkeit, so dass die erwartungsvolle Spannung
der Zuschauer ersten Lachern wich. Der erfundene Freund agiert von nun an auf
Befehl - "Du sollst jetzt ein Spieler sein!" - und erträgt Stefans
Selbstbehauptungsstrategien widerstandslos. Stefans vom Publikum milde belächelte
"Pokerskatregeln" kommen allerdings im anschließenden Kartenspiel
mit den Eltern nicht so recht an. Folgerichtig verliert Stefan und verlässt
nach trotzigem "Mit euch spiel ich nicht!" den Raum. Das ahnungsvolle
Publikum spendete großen Applaus für den Verlierer, der jetzt seiner
Phantasiefigur die Gelegenheit eröffnet, Stefans aggressive Seite zum Vorschein
zu bringen. In suggestiver Sprechweise animiert er Stefan, die Lieblings-CD
seiner Eltern zu zerstören, nachdem diese ohne ihn ausgegangen waren. Das
lautmalerisch vorgetragene "Kratzen! Kratzen!", alsbald von Stefan
übernommen, erzeugte eine beinahe unheimliche Atmosphäre, die in Phantomas'
animalisches Lachen mündet. Die darauf folgende Szene lässt Stefan
zudem als Dieb des Schals seiner Mitschülerin Katja erscheinen, so dass
die bange Frage einer Zuschauerin in der Pause, ob es denn ein Happy End gebe,
durchaus berechtigt klang.
Die Enttäuschung über sein Versagen Katja gegenüber lebt Stefan
in einer martialischen Phantasmagorie aus, in der zur Erheiterung des Publikums
als kleine Hommage an die DEO zwei altgediente Lehrer der N-Stufe als berüchtigte
Kämpfer genannt werden. Komödiantisch geht's zu, als Katja in der
anschließenden Straßenszene Stefans an Phantomas gerichtete Zurechtweisungen
auf sich beziehen muss und vorerst erbost das Feld ihrem unsichtbaren Konkurrenten
überlässt. In der nun folgenden Schlüsselszene gesteht Stefan
der zurückgekehrten Katja die "Existenz" seines Freundes und
schickt ihn schließlich sogar weg. Zunächst unbeholfen betreten Katja
und Stefan gemeinsam neues Terrain. Das Spiel des Mädchens folgt anderen
Regeln, auf die sich Stefan aber vorsichtig einlässt. Das markige Auftreten
im Weltraum ist einem phantasievolleren Rollenspiel gewichen und findet im Bild
vom Fliegen einen romantischen Ausklang. Eine anrührende, mit sphärischer
Musik untermalte Szene, die auch den Schluss bilden könnte, wäre da
nicht Stefans Vater, der nun alle seine Kräfte bündelt, um das Problem
seines Sohnes mit männlicher Logik an der Wurzel auszureißen. Selbst
die einsame alte Nachbarin wird dazu eingespannt, und es entsteht ein herrliches
Durcheinander auf der Bühne. Die ausgelassene Stimmung wird am Ende abgelöst
durch die bewegende Schlussszene, in der Frau Goetz - direkt in den Zuschauerraum
sprechend - versucht den abgelegten Freund für sich zu gewinnen.
Das die Aula der DEO etwa zu einem Drittel füllende Publikum spendete sogleich
rhythmischen Applaus, der sich erst legte, als Schulleiter Selbert die Darsteller
und die Leiter der Theater-AG mit freundlichen Worten bedachte und ihnen für
ihren großartigen Einsatz dankte.
Ein gelungener Theaterabend ging damit zu Ende; dies vor allem aufgrund der
hervorragenden schauspielerischen Leistungen der AG-Mitglieder, allen voran
Mohamed Hussein als Stefan, der seine Rolle mit einer spielerischen Intensität
füllte, die nichts zu wünschen übrig ließ. Seine lustvolle
Darbietung trug wesentlich zum Erfolg der Inszenierung bei. Sein 'fiktiver'
Partner Phantomas alias Ahmed Omran spielte seine Rolle ebenfalls voll aus.
Ihm gelang es, verschiedene Seiten der Phantasiefigur und damit Stefans zu zeigen.
Dabei brillierte er nicht nur im rasanten Rollenspiel mit Mohamed Hussein, sondern
war auch geradezu perfekt im Verschwinden. Ausgezeichnet besetzt war auch die
Rolle des aggressiven Gegenspielers Micky. Er präsentierte dem Publikum
einen unsympathischen Widerling, dessen soziale Probleme offensichtlich sind.
Fatma Shafik als Darstellerin der verständnisvollen Stiefmutter überzeugte
gleichfalls. Sie zeigte glaubwürdig eine heitere und geduldige Verena und
hob gekonnt den einfühlsamen, aber auch selbstbewussten Charakter der Figur
hervor. Den Part ihres Mannes Bruno hatte Ahmed Ragab übernommen, dem man
schon aufgrund seiner körperlichen Statur die Vaterrolle mühelos abnahm.
Zunächst etwas zurückhaltend agierend, entfaltete er erst gegen Ende
sein volles komödiantisches Talent. Bemerkenswert, wie intensiv er einen
leeren Stuhl anstarren konnte! Immer für einen Lacher gut war deren Nachbarin
Frau Goetz in der Darstellung von Sarah Abdelghany. Ihr gedehntes "Nicht?"
wurde von den Zuschauern schnell als seniles Markenzeichen angenommen. Licht
ins Dunkel brachte schließlich Heba Khalil als Katja. Sie gab dem unerschütterlichen
Interesse des Mädchens für Stefan Raum und nahm durch ihr souveränes
Spiel voll für sich ein.
Die Inszenierung kam ohne aufwändige Kostüme und Masken aus. Die Schauspieler
traten in Alltagskleidung auf; einzig Phantomas war weiß geschminkt. Ebenfalls
einfach bot sich das von Youssef Hanafi und Rano Michael unter der Leitung von
Christopher Krätschmar entworfene Bühnenbild dar. Zwei Wandbilder
und eine helle Tischdecke sowie ein Baum aus dünnem Holz genügten,
um die szenischen Wechsel anzukündigen, unterstützt durch Julian Wishahi
und Simon Schätz in der Technik, die auch die unterschiedlichsten Musikstücke
einspielten.
Die Schüler aus der 8., 9. und 10. Jahrgangsstufe schafften es mit Leichtigkeit,
ihren Text sicher, sprachlich im wesentlichen mühelos und überdies
klar verständlich vorzutragen. Dies ist sicher der dramaturgischen Leistung
von Ulla Kröll-Müller und Hermann-Josef Müller zuzurechnen, die
es darüber hinaus zu Wege brachten, in allen Darstellern eine ansteckende
Spielfreude zu wecken. Wie wäre es sonst möglich gewesen, zwei Heranwachsende
dazu zu bringen, wie Hühner laut gackernd auf einem Tisch zu hocken?
Die Auswahl dieses Stückes des erfolgreichen Autors und Illustrators Paul
Maar lässt Verständnis für Probleme mancher Jugendlicher erkennen,
in ein neues Umfeld hineinzuwachsen, und passt insofern recht gut hierher. Im
Programmheft zur hiesigen Inszenierung findet sich folgender Hinweis zum Verhältnis
von Realität und Fiktion in schwierigen Lebensphasen: "'Freunderfinder'erzählt
davon, wie Phantasie in einer kritischen Lebenssituation ein Stück Wirklichkeitsbewältigung
bedeutet, zeigt aber auch, daß Phantasie nicht das wirkliche Leben bestimmen
darf." Dass Fiktion z.B. in Form eines Jugendtheaterstücks das wirkliche
Leben bereichern kann, durfte der Zuschauer an diesem Abend konkret erleben.
Ulla Kröll-Müller und Hermann-Josef Müller haben gemeinsam mit
den beteiligten Schülern der N-Stufe diese bewundernswerte Leistung vollbracht.