Ein Arsenal an Lehnwörtern und Ziffern: So viel Arabisch steckt im Deutschen

von Bassam Sabbagh

Aus dem Arabischen in europäische Sprachen übernommene Wörter sind - mehr als griechische oder lateinische - in Jahrhunderte währendem Gebrauch so verändert worden, dass in vielen Fällen das Etymon, also die Stammform, nicht gleich erkennbar ist. Ähnlich verhält es sich mit Lehnwörtern aus anderen Sprachen des islamischen Kulturkreises, wie der türkischen und persischen Sprache.

Die erste Übernahme arabischer Wörter und damit verbundener Begriffe hob allerdings weit in vorislamischer Zeit an, zunächst ins Griechische, was nicht zuletzt durch die Feldzüge Alexanders des Großen und seine Städtegründungen in Arabien und Ägypten bedingt war. Aus dem Griechischen gingen diese Lehnwörter ins Lateinische und aus diesem hervorgehende Sprachen, später in germanische Sprachen über. Die meisten Lehnwörter wurden also nicht jeweils direkt übernommen, vielmehr gingen sie durch mehrere europäische Sprachen hindurch. Hier nun soll nur denjenigen nachgespürt werden, die sich auch in modernen europäischen Sprachen indogermanischer Herkunft finden.

Die wichtigste Zäsur, welche die Zeiten größerer und geringerer Formänderungen der Entlehnungen trennt, war die Erfindung der Buchdruckerkunst. Während bis dahin der Volksmund die fremd lautenden Wörter dem eigenen Zungenschlag ungehemmt anpasste, wirkten der Buchdruck und die durch ihn sich ausbreitende Lesekultur und Schulbildung eher bewahrend.

Wörter, die erst in den letzten Jahrhunderten aus dem Arabischen ins Deutsche übernommen wurden, stehen daher der Grundform so nahe, dass man ihren Ursprung ohne weiteres erkennt. Allerdings ging mit der Änderung der Form vielfach ein Bedeutungswandel einher. Hatte schon das hellenistische Zeitalter die Entlehnung orientalischen Sprachgutes begünstigt, so gab später die Entstehung des Christentums Anlass zur Übernahme vieler semitischer Wörter ins Griechische und Lateinische.

Mit Beginn des Mittelalters, nachdem sich der Islam von der malaiischen Halbinsel bis Südwesteuropa verbreitet hatte, reichte das arabische Sprachgebiet in das Abendland hinein. In mehreren hundert Jahren arabischer Herrschaft auf der Pyrenäenhalbinsel wurde der Wortschatz des Spanischen, Portugiesischen und Katalanischen, aber auch der des Provenzialischen, Französischen und Italienischen reichlich vom Arabischen durchsetzt. Sehr groß ist die Einwirkung der arabischen Sprache und Kultur auf die Inseln Malta, Sizilien und Sardinien sowie auf Unteritalien. Diese Entwicklung wurde durch Kaiser Friedrich II. und seine hohenstaufischen Vorgänger gefördert und durch die Kreuzzüge verstärkt. Ein Gutteil ihrer Entwicklung verdanken die romanischen Sprachen arabischer Lehrtätigkeit in allen südeuropäischen Zentren der Gelehrsamkeit. Von besonderer Wichtigkeit sind die arabischen Elemente im europäischen Wortschatz der Anatomie, Medizin, Botanik, Mathematik, des Militärs, Handels und der Astronomie.

Doch nicht nur die Sprachen Europas, auch die Lebensumstände der Menschen wurden durch den Orient bereichert. Baumwolle hat die ganze Welt erobert und Gewürze, Kaffee, Tee, Zucker und viele andere Lebens- und Genussmittel sowie Blumen sind Gaben des Morgenlandes. Flieder, Jasmin und Tulpe zieren die europäischen Gärten. Weiterhin sind viele Sternennamen arabischen Ursprungs, beispielsweise Aldebaran (von al-badran = die zwei Monde) und Algo (ein Doppelstern, der wegen des Wechsels seiner Lichtstärke nach dem seine Gestalt wechselnden Wüstendämon gol benannt wurde: al-gol = der Gol). Und das lautmalerisch scheinende "Heckmeck" ist auf das Arabische haqi milki zurückzuführen. Als Juden und Moslems nach 1492 aus Spanien verdrängt wurden und auch nach Deutschland kamen, brachten sie das Kreditwesen mit: Der Gläubiger forderte den Kredit mit den Worten haqi milki (= mein Eigentum, mein Recht) zurück, woraus eben die Verballhornung entstand.

Die Wanderung der arabischen Ziffern nach dem Westen hat ihre eigene Geschichte. Auch ist das "x" der Mathematiker, welches schon im 11. Jahrhundert für die Bezeichnung der Unbekannten gebräuchlich war, eine Abkürzung des arabischen Wortes schei (= eine Sache, etwas) in der damaligen Schreibweise "xei".

Es sei noch erwähnt, dass neben den Zahlzeichen auch Lautzeichen, vor allem Buchstaben der griechischen Sprache, die zwischen der arabischen und lateinischen vermittelte, aus arabisch-semitischen Formen entwickelt wurden.


Beispiele arabischer Lehnwörter:

Admiral von al amir = Befehlshaber
Alchimie von alkimia = mittelalterliche Chemie, "Goldmacherkunst"
Algebra von al dschebr = Verbindung getrennter Teile
Alkohol von alkhol = Bleiglanz zum Färben der Brauen
Amalgam von amal al-gama = Hoffnung auf Vereinigung
Arsenal von dar (es) sina`a = Haus des Handwerks, Schiffswerft
Artischocke von shock-ard = Stachel der Erde
Atlas von atlas = glattes Seidengewebe
Azimut von as-sumut =Winkel, den ein Vertikal- oder Höhenkreis mit dem Meridian bildet
Elixier von al-iksir = Stein der Weisen
Gala von chila =Ehrengewand, wie es morgenländische Herrscher verschenken
Gamasche von dadamsi = Leder aus Gadames (in Tripolis)
Gazelle von ghazala = wilde Ziege
Giraffe von zarafa
Gitarre von kitarra
Havarie von awarija = beschädigte Ladung
Intarsia von tarsi = Einlegearbeit
Joppe von dschubba = Obergewand mit langen Ärmeln
Kaliber von galib = Form, Modell
Karaffe von garaff = weitbauchige Flasche
Karat von quirat = kleines Gewicht
Kif von kef = Vergnügen, Freude, getrocknete Hanfblätter
Lazur von lazaward = undurchsichtige Lackschicht
Laute von al´ud = Holz
Lila von lailak = Flieder
Limone von limun = Zitrone
Magazin von mahazin (Plural von mahazan) = Lagerhaus
Maske von mas-chara = Possenreißer
Matratze von al matrah = Lager, Kissen
Razzia von ghaswa, ghaziia = polizeilicher Überfall
Safari von safar = Reise
Satin von atlas zaituni = glattes Gewebe (für chin. Ausfuhrhafen Tsan-tung)
Sheriff von sharaf, sharif = Ehre, ehrenhaft
Sirup von sarab = Trank
Talisman von tilisman (Plural von tilasm) = Zauberbild
Tambur von tanbur = Trommel
Tarif von arafa = Wissen
Tasse von tas(a) = Schälchen
Ziffer von sifr = leer



Der Autor:
Dipl.-Ing. Arch. Bassam Sabbagh, geboren am 07.12.1936 in Jaffa, Palästina, absolvierte sein Vorstudium an der Technischen Hochschule Graz und sein Hauptstudium an der Universität Stuttgart. Er ist Mitglied der Architektenkammer Baden-Württemberg. Seit geraumer Zeit forscht er in arabischer Baukunst und Geschichte vom 8. bis 10. Jahrhundert und in mittelalterlicher Baukunst in Europa ab dem 10. Jahrhundert. Er ist Dozent für Arabisch an den Volkshochschulen Ludwigsburg und Leonberg.

Dieser Artikel wurde der Papyrus-Redaktion freundlicherweise von der Alumni-Zeitschrift der Universität Stuttgart, mit Zustimmung und Ergänzungen von Herrn Sabbagh überlassen.

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