Sakha und Saint Dimyana: Unterwegs im Delta auf den Spuren der Heiligen Familie

von Ursula Mahlke

Wieder habe ich mich einer Reisegruppe um Dr. Cornelis Hulsman angeschlossen, um der Reiseroute der Heiligen Familie zu folgen. Dieses Mal führt uns die Reise ins Nildel-ta, nach Sakha und zum Konvent von Saint Dimyana. In Sakha befindet sich ein Stein, auf dem der Fußabdruck des Jesuskindes zu sehen sein soll; das Frauenkloster der Heili-gen Dimyana ist für seine schönen Ikonen bekannt.

Vor dem Krieg 1967 waren wir oft im Delta gewesen. Ich liebte das Delta mit seiner Wei-te, dem saftigen Grün, den Palmen, Kanälen und den Dörfern mit ihren Lehmhäusern. Gut kann ich mich an diese Häuser mit Stroh und Mist auf dem Dach erinnern - und an die Menschen, wie sie mit ihren Eseln und Gamusas (den hier typischen schwarzen Kühen) umherzogen. Dieses Bild vor Augen schloss ich mich gern der Gruppe um Herrn Hulsmann an: Wieder mal ins Delta zu fahren, war für mich ein Anreiz für den Ausflug. Aus Alexandria kommend, stieß ich etwas südlich von Tanta zu der Kairoer Reisegruppe und folgte dem Bus in meinem Auto. Zunächst fuhren wir Richtung Kafr el Sheikh, mitten durchs Delta.

Meine Erwartungen wurden bitter enttäuscht. Das Delta ist zersiedelt. Es gibt kaum noch Weite und Grün, keine Palmen mehr. Dafür viele Dörfer und Ortschaften, groß, hässlich und schmutzig - Steinhäuser, bis zu drei oder vier Stockwerke hoch, unverputzt oder mit bröckelndem Putz. Hier hindurchzufahren ist eine Strapaze, bestehen doch die Straßen meist nur aus Schlamm, Steinen und Löchern, dazu sind sie verstopft von Autos älterer Bauart. Vor allem scheint hier der Hauptabsatzmarkt für den alten Peugeot 404 zu sein! Wir fuhren natürlich mit Polizeischutz, der vor und hinter dem Bus fuhr und die Kreu-zungen mit lautem Tatütata räumte. Doch bis meine Mitfahrer und ich in meinem Privat-auto folgen konnten, war die Kreuzung meist wieder dicht und der Bus verschwunden. Als wir in Kafr el Sheikh ankamen, hatten wir den Bus schon länger aus den Augen verloren. So war uns entgangen, dass der Bus kurz zuvor nach Sakha abgebogen war. Man musste uns schließlich vom 15 Minuten entfernt liegenden Kafr el Sheikh zurückholen!

Die Kirche von Sakha liegt mitten im Ort. Die Kirche und die benachbarten Gebäude machen einen netten, gepflegten Eindruck. In Sakha und den umliegenden Dörfern werden rund 750 christliche Familien betreut. An dieser Stelle stand schon im 10. Jahrhundert eine Holzkirche. Unter Mohamed Ali wurde dann in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine neue Kirche errichtet. Sie war aus Stein, nur Dach, Kuppel und Chor waren noch aus Holz. Die heutige Kirche wurde anstelle jener früheren Kirche in den Jahren 1965 bis 1970 gebaut. Nichts ist von den alten Holzarbeiten geblieben, nur eine steinerne Wand aus dem 10. Jahrhundert und der Altar aus dem 19. Jahrhundert erinnern an die Vorgängerkirchen. Über dem Eingang hängt ein großes Gemälde, das Maria mit dem Jesuskind auf dem Esel zeigt. Joseph geht neben beiden her. Drinnen ist in einer Glasvitrine der "Bikhas Isous", der Stein mit dem Fußabdruck des Jesuskindes ausgestellt. In der Büche-rei von Deir al-Muharraq in der westlichen Wüste findet sich ein Manuskript zu diesem Stein: Auf ihrer Flucht, so heißt es dort, kam die Heilige Familie nach Sakha. Maria war sehr durstig, doch es gab kein Wasser. Das Jesuskind berührte einen Stein und hinterließ einen Fußabdruck. Aus dem Stein quoll plötzlich Wasser hervor - Wasser, das heilende Kraft besaß. Weiter wird berichtet, dass dieser Stein später im Deir al-Maghtis gefunden wurde, im "Monastary of the pool", zu dem Pilger zur Heilung und Taufe kamen. Auch die Heilige Dimyana soll dort getauft worden sein.

Das Kloster wurde 1483 von den Mamluken niedergebrannt. Wann der Stein mit dem Fußabdruck verschwand - kurz bevor das Kloster niederbrannte oder schon während der Eroberung durch die Araber - weiß man nicht. Dr. Meinardus, ein bekannter Forscher auf dem Gebiet der Geschichte der koptischen Kirche, konnte in den Jahren 1960 bis 1970 den Ort des Klosters nicht lokalisieren. Bei Bauarbeiten und Grabungen vor der Kirche wurde dann 1984 der Stein entdeckt. Er lag 1,5 m tief, verborgen unter dem Kapitell einer Säule. Papst Shenuda bestätigte die Echtheit des Steines und des Fußabdrucks. Um den Stein zu sehen kommen alljährlich viele Pilger nach Sakha. Am 1. Juni jeden Jahres, zu der Jahreszeit, zu der die Heilige Familie nach Ägypten kam, wird der Stein vom obersten Bischof in einer feierlichen Prozession um die Kirche getragen. Neben Reliquien und einer schönen alten Altarwand gibt es in der Kirche zwei Ikonen von Astasir el Rumi, einem bekannten Ikonographen aus dem 19. Jahrhundert. Am besten hat mir persönlich eine dritte Ikone gefallen, die das Leben Christi darstellt. Sie wirkt griechisch, aber man kann sie nicht genau datieren. Stammt sie aus griechischer Zeit oder von einem späteren Künstler aus Konstantinopel oder Zypern? Wir haben keine Zeit, darüber nachzudenken, denn zu lange haben wir in Sakha verweilt, die Nonnen im Konvent Saint Dimyana er-warten uns bereits! Aber Pater Mattias, der seit 1975 in Sakha Priester ist, hat uns alles so liebevoll und ausführlich gezeigt und erklärt.

Dimyana liegt in der Nähe von Bilqas. Es ist ein Dorf mit christlicher und moslemischer Bevölkerung. Die Strecke von Sakha nach Dimyana fährt sich besser als der erste Teil. Nicht so viele Ortschaften und das Delta wirkt hier auch freundlicher - mehr Grün, mehr Weite. Der Konvent liegt etwas außerhalb des Ortes - eine große Kirche mit einem großen Gebäudekomplex. Das Nonnenkloster erinnert mich etwas an Abu Mena. Ein Aufenthalt der Heiligen Familie in Dimyana wird in keinem Manuskript erwähnt, doch berichten bis heute mündliche Überlieferungen, dass sie hier Rast gemacht hat. An dem Platz des heuti-gen Konvent stand einst der Konvent der Heiligen Dimyana. Sie lebte hier mit 40 Jungfrau-en, alle starben den Märtyrertod während der Christenverfolgung im 4. Jahrhundert.

Als wir uns der Kirche nähern, sehen wir Hunderte von Zelten, eine richtige Zeltstadt. Ein Mulid wird gefeiert! Bunte Verkaufsstände drängen sich überall, bis hin zum Kirchenein-gang, und dazwischen fröhliche, festlich gestimmte Menschen. Ein wahres Volksfest, weit entfernt vom Nahda, der Gebetszeremonie zu Ehren eines Heiligen, aus der sich der Mulid entwickelt hat. Ich hätte mich gern unters Volk gemischt, aber wir wollen ja den Konvent besichtigen! Der Metropolitan Bishoi empfängt uns und begrüßt uns in einer der vier Kirchen ausgiebig. Er ist ein älterer Herr mit großer Ausstrahlung, die er auf uns wirken lässt: Immer wieder setzt er sich für das uns begleitende Fernsehteam und die zahlreichen Fotoapparate ins rechte Bild.

Dann dürfen wir essen, besser gesagt speisen, an einer festlich gedeckten und reichhalti-gen Tafel. Anschließend fahren wir mit dem Aufzug aufs Dach hinauf, von wo wir einen guten Überblick über das große Kloster und die etwas karge Umgebung haben. Früher war diese Gegend als "Wilderness of Bilqas" bekannt, wegen ihrer Salzmarschen. Dort oben verweilen wir ein wenig, bis alle Fotografen zum Zuge gekommen sind. Weit oben in dem riesigen Klostergebäude, in dem ich mich mehrmals verlaufe, liegt noch eine neue moderne Kapelle. Sie ist sehr schön, mit einer Atmosphäre, die Geborgenheit vermittelt.

Nun gehen wir weiter zu den Nonnen, in den Ausstellungs- und Verkaufsraum für ihre Ikonen. Sie malen sie selbst, verkaufen sie und tragen so zum Budget des Klosters bei. Ich selber verstehe wenig von Ikonen und habe auch keinen rechten Zugang zu ihnen, aber viele Mitreisende kaufen eifrig Ikonen. In der Kirche, in der er uns begrüßt hat, verabschiedet uns der Metropolitan Bishoi nun wieder, zum Andenken an den Konvent von Dimyana bekommt jeder Besucher noch ein kleines Geschenk.

Doch dies ist noch nicht das Ende des Besuches: Gemeinsam gehen wir in die alte Kirche außerhalb des Gebäudes. Während sich die Mulid-Besucher hier zum Gebet drängen, zeigt und erläutert uns der Metropolitan Bishoi stolz die Einlegearbeiten in der sehr schö-nen Ikonostase (Altarwand). In der sich anschließenden Kirche befindet sich das Grab der Heiligen Dimyana. Zuletzt schreiten wir noch die alten Mauern tief im Erdboden ab. Inzwischen ist es spät geworden, langsam werde ich unruhig - ich wollte doch noch bei Tageslicht zurück nach Alexandria! Aber der Metropolitan Bishoi, ein erstaunlicher, außergewöhnlicher Mensch, überrascht mich, indem er mir seinen Wagen mit Fahrer zur Verfügung stellt. So werde ich durchs Mulid-Gedränge hinausgelotst, dann muss ich nur noch dem Wagen vor mir folgen. Die Straße führt kaum durch Dörfer. Das Delta zeigt sich hier in der Nähe der Küste mit vielen Palmen und noch mehr Grün von seiner besten Seite.

Etwas westlich von Damietta erreiche ich die Küstenstraße, die von Port Said über Da-mietta und Rashid fast parallel zum Wasser bis Alexandria führt. Die neue, auf sechs Spuren angelegte und in vier Spuren ausgebaute Straßen ist wenig befahren und noch weniger beschildert. Es gibt weder Raststätten noch Tankstellen. Interessant ist die Stre-cke: Oft ist das Land rechts und links unbebaut, trocken und flach bis zum Horizont, dann sieht man wieder einmal Palmen und plötzlich relativ hohe Dünen. Der Sand weht bis auf die Straße, geräumt wird nicht! Im Gebiet der haffähnlichen Strandseen sieht man nur Wasser rechts und links. Ohne Zeitdruck würde ich sicher hier und da anhalten! Bei Rashid wird es schon dunkel, zudem kommt Nebel auf. Gegen 21 Uhr bin ich zu Hause in Agami.

Es war ein langer und anstrengender Tag, doch er hat sich gelohnt: Sakha, Dimyana, das Delta und die neue Küstenstraße habe ich gesehen. Anders als bei der fast familiären At-mosphäre der Abu Hinnis Fahrt aber spürte ich bei dieser Fahrt nach Sakha und Dimyana wegen des Fernsehteams und des Ikonenverkaufs eine eher zielgerichtete, fast kommer-zielle Absicht - schade! Doch habe ich mich schon für die nächste Fahrt angemeldet. Den Spuren der koptischen Geschichte zu folgen ist interessant und man bewegt sich dabei abseits der normalen Touristenrouten.

Dr. Cornelis Hulsman organisiert und führt mehrmals im Jahr ein- bis zweitägige Touren auf den Spuren koptischer Traditionen in Ägypten. Sollten Sie an Reisen dieser Art interessiert sein, wen-den Sie sich Dr. Hulsmann: Tel/Fax: 3803424, E-mail: jourcoop@intouch.com

Frau Mahlke berichtete bereits in der Mai/Juni-Ausgabe von PAPYRUS über eine Pilgerfahrt mit Dr. Hulsmann nach Deir Abu Hinnis. Die pensionierte Lehrerin und passionierte Reisende beschrieb in den letzten Jahren viele ihrer Reisen im PAPYRUS.

zurück