Teppiche, Tücher, Töpferwaren - Das Wissa Wassef Art Center in Harrania feiert sein 50jähriges Jubiläum

von Michaela Grom

Wer von Kairo aus kommend nach Harrania fährt - so er oder sie der internationalen Community entstammt und sich für Kunsthandwerk interessiert -, hat meist ein ganz bestimmtes Ziel: Das Ramses Wissa Wassef Art Center.

Man fährt die staubige Straße entlang, biegt beim Hinweisschild ab zum mit Müll überhäuften Kanal, um den ein paar Katzen streichen. Jetzt noch ein Stückchen, das Tor wird geöffnet - und der Besucher betritt einen geradezu idyllischen Ort: Ein weitläufiges Gelände mit Feldern und blühenden Bäumen, weiter hinten planschen Enten in einem kleinen Teich. Vor 50 Jahren begann der Architekt, Maler und Bildhauer Ramses Wissa Wassef an diesem Ort damit, seine Ideen zu verwirklichen.

"Lange schon hatte sich meine Vater mit dem traditionellen Kunsthandwerk Ägyptens beschäftigt", erzählt seine Tochter Suzanne. "Er wollte alte Traditionen wieder aufnehmen, die langsam auszusterben drohten. Schon damals breiteten sich die in Massenproduktion erzeugten Dinge aus. Sie waren billig, natürlich, das ist ein wichtiger Faktor. Aber das, was die Kunsthandwerker herstellten, wurde immer weniger wichtig fürs tägliche Leben. Wer würde diese Künste bewahren ?"
Gleichzeitig wollte Ramses Wissa Wassef eine Idee in die Tat umsetzen, von der er zutiefst überzeugt war: Er glaubte, dass jeder Mensch ein großes kreatives Potential in sich trägt, dass jeder voller Vorstellungs- und Gestaltungskraft ist. Durch starre, oft einseitige Lern- und Lehrformen wird dieses natürliche Talent gleichsam ausgetrocknet, verdrängt. Oder es kann nicht zur Entfaltung kommen, weil es zu wenig Zuwendung und Unterweisung erfährt. Ramses Wissa Wassef wollte mit Kindern arbeiten, wollte ihnen die Möglichkeit geben, in einer bestimmten Kunstform ihr künstlerisches Potential zu entfalten.

Schon 1952 war seine Wahl auf Harrania gefallen, ein Dorf, das damals ungefähr 1000 Familien umfasste. Warum Harrania, frage ich Madame Suzanne.
"Mein Vater wollte mit Kindern arbeiten, die noch nahe der Natur aufwuchsen, noch nicht beeinflusst waren von modernen Bildern und Einflüssen", erklärt sie. "Die Kinder kamen, waren neugierig, aber bis ein gegenseitiges Vertrauen da war, eine gegenseitige Beziehung, dauerte es noch. Mein Vater versuchte dann, den Kindern eine interessante Aktivität anzubieten - Stricken, Perlensticken, Arbeiten mit Ton. Später dann fragte er sie, ob sie etwas "Ernsthafteres" beginnen wollten. Er brachte einen Webrahmen mit und gefärbte Wolle und zeigte den Kindern, wie man damit umgeht."

Wenn man einen Wandteppich webt muss der Schussfaden nicht notwendigerweise von einer Längskante zur anderen geführt werden. An jeder beliebigen Stelle kann ein neuer Faden in einer anderen Farbe eingeführt werden. So können schon auf einer kleinen Fläche viele verschiedene Farben und Formen eingesetzt werden. Es entsteht gleichsam ein textiles Bild. Diese Technik - sie wird im Englischen tapestry weave genannt - war in Ägypten bereits zur Zeit der Ptolemäer verbreitet. Textilfragmente aus dem sechsten Jahrhundert belegen dies eindrucksvoll. Über lange Zeit war diese Kunst dann allerdings nahezu vollständig verschwunden.

Mit der ersten Generation von Webern, die im Jahr 1953 begann - es waren 15 Jungen und Mädchen im Alter von 10 bis12 Jahren - wollte Ramses Wissa Wassef die Tradition wiederbeleben. Zugleich wollte er Kindern, die nicht die Möglichkeit hatten, zur Schule zu gehen, einen Weg eröffnen, sich zu entwickeln durch kreatives Arbeiten.
"Eine der Bedingungen war, keine Zeichnungen oder Vorlagen zu verwenden.", sagt Suzanne Wissa Wassef, "Wenn man ein Foto anschaut, dann ist der Blick bereits gestaltet - vom Auge des Fotografen. Er hat bereits seine künstlerische Lösung gefunden. Mein Vater wollte aber, dass die Kinder ihren eigenen Blick, ihre eigene Sichtweise entwickeln. Er respektierte ihre Persönlichkeit, ihre Ideen. Beim Weben muss die Vorstellungskraft stark sein, denn man muss vorher wissen, was man darstellen möchte. Wichtig ist auch, dass der Weber dabei Zeit hat, seine Komposition in seinem eigenen Tempo zu entwickeln. In vielen künstlerischen Techniken kann man ein relativ schnelles Anfangsresultat erzielen, aber ein gewebtes Bild aufzubauen, langsam, Garnstück für Garnstück, das kann Tage dauern. Das Kind kann darüber nachdenken, was es tut, was es gestalten will. Wenn es die Probleme der spezifischen Webtechnik löst, um ein gewünschtes Ergebnis zu erzielen, dann gibt das dem Kind enormes Selbstvertrauen."
Von den fünfzehn, die angefangen haben im Jahr 1953, arbeiten heute noch sechs Frauen aktiv mit im Art Center in Harrania. Mit ihnen zusammen arbeiten Frauen und Männer der nächsten "Generation" von Webern, die im Jahr 1972 angefangen hat, angeleitet von Suzanne Wissa Wassef.
"Ich habe mit den Kindern der Weber der ersten Generation gearbeitet", berichtet sie," aber es war sehr schwierig. Die Mütter kamen immer, haben geschaut, haben Ratschläge gegeben - es war praktisch unmöglich für die Kinder, ihre eigenen Vorstellungen zu entwickeln, manche haben schnell die Lust verloren. Nur zwei - beide mit einer wirklich starken Persönlichkeit - sind geblieben. Wir haben dann nach anderen Kindern gesucht, deren Eltern noch nicht hier im Center arbeiteten."
Jede/r hat einen eigenen Platz in den Werkstätten und einen eigenen Webrahmen. Jeder kann entscheiden, mit wem er gerne zusammen in einem Raum arbeiten will. Es ist ein ruhiges Arbeiten, nur manchmal unterbrochen vom Spiel der Kinder, die die jüngeren Weberinnen begleiten. Bis einer der großen Wandteppiche mit den Maßen 2 mal 3 Meter fertiggestellt ist, dauert es 7 bis 8 Monate, manchmal auch länger.
Die Weberinnen und Weber wohnen in direkter Nähe. "Die tägliche gemeinsame Arbeit schafft Bindungen fast wie bei einer großen Familie", meint Suzanne Wissa Wassef. "Wir werden oft auch in die privaten Probleme unserer Weber mit einbezogen. Mit der ersten
Generation haben wir praktisch die gesamten Familiensorgen durchlebt. - Und wir haben dadurch auch direkt mitverfolgt, wie die Tätigkeit hier das Leben der Menschen beeinflusst. Früher haben die Mädchen mit 16 Jahren - manchmal sogar noch jünger - geheiratet. Die Jahre vorher verbrachten sie im Haus, halfen bei der Hausarbeit.
Die jungen Weberinnen hier dagegen verdienten ihr eigenes Geld, sie be-kamen von Anfang an Geld, auch als sie noch lernten. Die Mädchen konnten also etwas zum Lebensunterhalt der Familie beisteuern. Dadurch wurden sie anders, respektvoller behandelt - also konnten sie mit der Familie sprechen, um mit dem Heiraten noch etwas warten zu können - denn die meisten wollten noch einige Zeit länger arbeiten. Die meisten haben dann erst mit ungefähr 20 Jahren geheiratet. Manche suchten auch gezielt nach einem Ehemann, der es ihnen erlauben würde, dass sie weiter aus dem Haus gehen und arbeiten. Wieder andere haben erst bis ein, zwei Jahre nach der Hochzeit gewartet, haben dann mit ihrem Ehemann geredet, um ihm dann doch die Erlaubnis zur Arbeit zu entringen. Die Arbeit gibt Selbstvertrauen, Zufriedenheit, erfüllt mit Stolz. Die Frauen wissen, dass sie etwas Besonderes und Einzigartiges tun. Während der Arbeit wurden und werden Informationen ausgetauscht - über Haushalt, Babypflege, Kindererziehung. Das waren und sind Themen, über die hier geredet werden kann, wo wir auch Hilfestellung, Rat geben können. Es ist wie eine große Familie. Wir sind sozusagen der stützende Hintergrund, müssen aber immer da sein, mit Ideen und Inspiration, wir müssen den Leuten nah sein ..."

Zweimal im Jahr verwandelt die ganze "Familie" das Gelände in ein buntes Farbenmeer. Dann wird die Wolle gefärbt, zum großen Teil mit Pflanzenfarben. Auf dem familieneigenen Gelände werden viele der die benötigten Pflanzen angebaut - Reseda für die Gelbtöne, Färberröte (auch Krapp genannt) fürs Rot, vom Pekannuss-Baum das Beige und Ocker. Nur Indigo und den pink/violetten Farbstoff der Cochenille-Laus müssen die Wissa Wassefs einführen. Die Wolle wird eingefärbt und zum Trocknen aufgehängt. "Es ist wie ein großes und buntes Fest der Farben."

Nach dem Tod von Ramses Wissa Wassef im Jahr 1974 führten seine Frau Sophie Habib Gorgy und die Töchter Suzanne und Yoanna das große Experiment weiter - und haben es noch erweitert. Yoanna hat die Feinweberei mit Baumwolle und die Batikarbeiten eingeführt im Arts Center. Suzanne fühlte sich zu einer anderen Arbeit hingezogen, dem Töpfern. "Schon mein Vater hat sich dafür interessiert", erzählt sie. "Er arbeitete gerne mit Ton, experimentierte mit verschiedenen Formen von Brennöfen, mit unterschiedlichen Glasuren. Manchmal fuhren wir in die Wüste, um dort Steine zu holen - Feldspat und Quarz brauchte er für bestimmte Glasuren. Mir gefällt beim Töpfern zum einen der technische Aspekt - das Formen auf der Töpferscheibe hat etwas Mechanisches, das fast schon wieder meditativ ist. Für mich ist es der ideale Ausgleich. Außerdem mag ich die praktische Funktion - man fertigt Gegenstände zum täglichen Gebrauch. Gegenstände, von denen man dann isst oder aus denen man etwas trinkt."
Die internationale Community in Kairo schätzt das Wissa Wassef Art Center, für Ausflüge, als Abwechslung zur hektischen Großstadt und als Fundgrube für Mitbringsel. - Und die Vielfalt der Geschmäcker und Traditionen beeinflusst ihrerseits zumindest die Töpferwerkstatt auf ganz eigene Weise: Ob nun eine Familie aus Japan Teetassen und Gefäße in spezieller japanischer Form sucht oder eine Dame aus Holland einen Butterkühler in Auftrag gibt - Madame Suzanne fertigt solche Dinge auf Anfrage und lässt die neugewonnenen Kenntnisse dann auch wieder in ihre eigene Formensprache einfließen.
Bei aller Zufriedenheit mit dem Projekt, das der Vater begann und die Töchter weiterführen, hat Suzanne Wissa Wassef aber auch Wünsche für die Zukunft. Dass wieder mehr Anfragen kommen für Ausstellungen im Ausland zum Beispiel. "Die Textilkunst wird oft nicht so ganz ernst genommen", beklagt sie. "Vor einigen Jahren war deutlich mehr Interesse an unserer Arbeit zu spüren." Ein weiterer Wunsch: "Dass dies hier nicht nur eine Insel, eine Oase bleibt, sondern eine positive Auswirkung auf Andere hat, dass die Grundidee sich weiterverbreitet. Wir versuchen hier vor Ort etwas Gutes zu bewirken, Leute in einer guten Art zu beeinflussen - und was dabei herauskommt, ist feine Kunst. Ägypten ist ein riesengroßes Land und es gibt noch einiges an traditionellem Handwerk - hier, in Oberägypten, in den Oasen. - Aber diese Fertigkeiten verschwinden, sie sterben langsam aus. Viele schöne Dinge werden höchstens noch gemacht, damit Touristen sie mögen und kaufen. Und irgendwann weiß niemand mehr, wie etwas in der richtigen Art und Weise angefertigt wird ... "

Inzwischen wächst die Siedlung Harrania, aus den 1000 Familien sind inzwischen 10 - 12.000 geworden. In ein paar Jahren wird die Siedlung das Anwesen der Wissa Wassefs wohl vollständig umschlossen haben. Die Ideen und Fertigkeiten sind dann hoffentlich dort, wo sie ankommen sollten: in den Köpfen und Herzen der Menschen.

Wegbeschreibung:
Von Giza kommend Richtung Kairo auf der Pyramidenstraße am 2. Kanal rechts einbiegen. Das Ramses Wissa Wassef Art Center liegt an der Straße nach Sakkara. Am Anfang der Ortschaft Harrania weist ein Schild den Weg. Hier rechts abbiegen. Nach dem kleinen Kanal wieder rechts.
Museum und Ausstellungsraum sind geöffnet zwischen 10 und 17 Uhr.
Tel. 385 07 46 oder 385 04 03

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