von Hella Eckardt
Ägypten war ein beliebtes Reiseziel auch schon in der Antike. Schriftquellen
nennen die Pyramiden und den Sphinx als 'Touristenattraktionen' und römische
und griechi-sche Graffiti bezeugen die Präsens antiker Besucher an vielen
altägyptischen Mo-numenten.
Von besonderer Bedeutung in römischer Zeit war der so genannte Koloss von Mem-non. Dies ist eine von zwei monumentalen Sitzstatuen, die ursprünglich den Eingang zu einem Tempel des Amenhotep III. bewachten. Auch heute noch beeindrucken die einsamen majestätischen Statuen (der Tempel ist längst verschwunden) den modernen Besucher auf dem Weg von Luxor und dem Nil zum Tal der Könige.
Dank eines 'Naturphänomens' wurde die rechte der Statuen in der frühen Kaiserzeit zu einem regelrechten Pilgerziel. Nach einem Erdbeben im Jahre 27 v. Christus erzeugte die Statue jeden Morgen einen eigenartigen Klang, der als Gesang interpretiert wurde. Dieser Ton rührte wahrscheinlich von Spannungen und Rissen im Gestein der Statue her, die durch die plötzlichen Temperaturschwankungen am Morgen zum Vibrieren gebracht wurden. Obwohl einige Autoritäten (wie zum Beispiel Plinius) eine natürliche Ursache vermuteten, hielten die meisten Besucher den Gesang für ein Wunder. Man glaubte, dass die Statue den äthiopischen König Memnon zeigt, der nach Homer um seine Mutter Eos weint. Es ist interessant, dass so in der römischen Zeit ein altägyptisches Monument ganz durch eine klassisch-griechische Brille gesehen wird.
Der singende Koloss erlangte große Berühmtheit und ist in mehreren Schriftquellen verewigt (cf. Plinius, Nat. Hist. 36.58; Strabo, Geog. 17.I.46; Juvenal, Sat. 15.5). Von besonderem Interesse sind die über hundert griechischen und lateinischen Inschriften und Grafitti, die, von antiken Besuchern hinterlassen, noch heute die Unterbeine der Statue zieren. Nach Art vieler touristischer Grafitti ist der Sinngehalt oft auf einen Namen und ein Datum begrenzt, aber einige Inschriften enthalten weitreichendere Informationen. Viele Besucher schrieben einen kurzen (von Homer inspirierten?) Vers und einige hinterließen eine Berufsangabe. Danach wurde der Koloss nicht nur von Kaisern (Hadrian und Severus) und hohen Verwaltungsbeamten (z.B. der Prä-fekt von Ägypten) sondern auch von normalen Soldaten besucht. Der Präfekt T. Ha-terius Nepos besichtigte Memnon "im fünften Jahr unseres Herrn Hadrian" und hörte Memnon "am 12. Tag vor dem 1. März um 7.30 morgens". Einige Besucher kommen mehrmals, so zum Beispiel ein Centurion, der sich zwischen November 80 n. Chr. und Juni 81 n. Chr. dreizehnmal verewigt. Auch Frauen reisten zu dieser Touristenattraktion, darunter auch die gelehrte Julia Balbilla im Gefolge der Sabina, der Frau Hadrians.
Die Inschriften am Koloss von Memnon enden in der späteren Kaiserzeit, wahrscheinlich weil die Statue aufhörte zu singen. Warum sie bis heute stumm geblieben ist, ist unklar, aber die Schuld wird meist einer Restauration und Reparatur unter Kaiser Septimius Severus (193-211 n. Chr.) gegeben. Spätrömische Grafitti in einigen Gräbern im Tal der Könige bezeugen jedoch, dass Theben noch lange eine 'Touristenattraktion' blieb.