Ramadan, der islamische Fastenmonat

von Alfred Huber

Nach der Überlieferung bezieht der arabische Mondmonat Ramadan seine Heiligkeit nicht so sehr aus der Tatsache, dass gefastet wird, sondern aus der Offenbarung des Korans, die in diesem Monat erfolgte. Der Beginn der ersten islamischen Offenbarung geschah in einer der letzten zehn ungeraden, aber sonst nicht genau festgelegten Nächte des Ramadan, und zwar in der "Nacht der Bestimmung" ("Laylat al-Qadr"), von der es in der 97. Sure heißt:

"Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate.
In ihr steigen die Engel und der Geist nach dem Gebot ihres Herrn hinab ...
Sie ist voller Heil bis zum Anbruch des Morgenrots."

Das Fasten im Monat Ramadan von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang ist die vierte "Säule" im Islam neben dem Glaubensbekenntnis, dem Gebet, der Armensteuer und der Pilgerfahrt nach Mekka. - Letztere allerdings nur, wenn der Gläubige finanziell dazu in der Lage ist.

Die allgemeine Verpflichtung zum Fasten beginnt am Tag nach dem 29. oder 30. Sha`ban, und zwar dann, wenn der Neumond verlässlich gesehen wurde. Die Nacht des 29. Sha`ban wird "Laylat al-Ru'ya" genannt, weil dabei kollektiv nach dem Neumond Ausschau gehalten werden soll. Bei der Bestimmung des Fastenanfangs am 1. Ramadan verlässt man sich heute aber mehr auf die Astronomie, weil diese verlässlicher ist als das bloße Auge. Vor allem der Sternwarte in Heluan kommt eine wichtige Rolle bei der Bestimmung des Neumonds in Ägypten zu.

Der Beginn des Ramadan wurde früher in Ägypten durch Kanonenschüsse von der Zitadelle in Kairo aus angekündigt. Der allabendliche Kanonenschuss zur Anzeige des Sonnenuntergangs im Ramadan ist bis heute geblieben, und wird mittels Fernsehen oder Radio in die Häuser getragen. Die Kanone steht heute im freien Gelände im Stadtviertel Darrasa. Dieser Kanonenschuss ist dann allabendlich sozusagen der Startschuss für die Fastenden zum Beginn der Mahlzeit, welche auch "Iftar" - "Fastenbrechen" - genannt wird.

Die Pflicht zum Fasten betrifft alle muslimischen Gläubigen, sofern sie erwachsen, ihrer Sinne mächtig und auch sonst in der Lage sind, das Fasten (Siyam) zu halten. Davon befreit sind schwangere, stillende und menstruierende Frauen, Kranke, Altersschwache und Reisende, denen das Fasten nicht zugemutet werden kann. Wird aus irgendeinem Grund nicht gefastet, sind die betreffenden Fastentage zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen.

Bei Kindern wird - wie das Gebet auch - das Fasten zur Pflicht, sobald das Kind das Pubertätsalter erreicht hat. In manchen Familien werden Kinder schon früher dazu erzogen. Es ist ein freudiges Ereignis, wenn das Kind sein erstes Fasten im Ramadan zustande bringt. Zuerst einen halben Tag, dann mehrere Tage und so im Laufe der folgenden Jahre immer mehr, bis es dann später in der Lage sein wird, den ganzen Monat lang zu fasten.

Gültig ist das Fasten, wenn der Muslim die Absicht (Niya) zu fasten mündlich formuliert. Diese Absichtserklärung ist täglich vor Tagesanbruch vor Beginn des Fastens abzulegen. Manche Rechtslehrer halten auch eine zu Beginn des Fastenmonats geäußerte Niya für ausreichend.

Nach Al-Gazzali, dem großen Theologen und Mystiker, ist das Fasten das "Tor zum Gottesdienst." Er unterscheidet drei Arten des Fastens: Das Fasten der Allgemeinheit, das Fasten der Heiligen und das Fasten der Propheten. Das normale Fasten beschränkt sich auf die Enthaltung von Essen, Trinken, Rauchen und Geschlechtsverkehr. Die höhere Art des Fastens schließt auch die Ent-haltung von geistigen und seelischen Unsitten und Gebräuchen ein. Dadurch wird das Fasten zum "Dschihad an-Nafs," zum Kampf gegen die eigene Triebseele, wobei die umfassende spirituelle Reinheit und Perfektion angestrebt werden soll. Somit gewinnt das Fasten erst dann seine religiöse Tiefe, wenn zum Fasten des Leibes die Übung verschiedener Tugenden hinzu kommt: z.B. die Zügelung der Augen, der Ohren, der Zunge, das Vermeiden von Lüge und Verleumdung.

Nach islamischer Auffassung führt das Fasten die Gläubigen zur Übung der Geduld und stärkt ihre Kraft zur Überwindung der Widerwärtigkeiten des Lebens. Im Koran (2, 183 f.) wird Fasten im Ramadan ausdrücklich als Weg und Anleitung zu Frömmigkeit und Gottvertrauen vorgeschrieben.

Immer wieder wird in der islamischen Überlieferung die starke soziale Komponente des Fastens im Ramadan betont. Nach vollbrachtem Fasten soll man sich nicht der Völlerei hingeben, sondern an die ärmeren Mitbürger denken. Darum werden die Fastenden angewiesen, Speisen und Lebens-mittel an die Bedürftigen weiterzugeben. Das Fasten soll auch im Wohlhabenden das Mitgefühl für den Armen erzeugen und ihm den "Geschmack des Hungers" vor Augen führen.

So kann man im Ramadan in verschiedenen Stadtteilen Kairos beobachten, wie manche Geschäftsleute Tische und Stühle auf die Gehwege stellen (manche im bunten Zelt), damit alle Armen oder Obdachlosen, oder diejenigen, die nicht rechtzeitig nach Hause können, wie z.B. Taxifahrer, Polizisten oder Straßenreiniger, zum Zeitpunkt des Fastenbrechens in den Genuss einer warmen Mahlzeit kommen. Außerdem unterhalten so gut wie alle Moscheen und sonstigen religiösen oder karitativen Institutionen in Ägypten einen eigenen Armentisch im Ramadan, genannt "Ma'idat ar-Rahman". Berühmt sind die großen Armentische im Kairiner Stadtviertel Mohandessin, wo Tausende Menschen gleichzeitig mit einem warmen Menü verköstigt werden.

Der islamische Fastenmonat wird von der Mehrzahl der Muslime geradezu sehnsüchtig erwartet. Nicht so sehr aus selbstquälerischen Motiven, sondern weil der ganze Mensch im Ramadan - wie die Gläubigen selbst sagen - in seiner geistigen wie in seiner körperlichen Erscheinungsform angesprochen wird und dadurch zu einer Einheit und Vollkommenheit gelangt, wie zu keiner anderen Zeit des Jahres. Immer mehr Gläubige nehmen den Monat Ramadan zum Anlass, den Koran vollständig, von Anfang bis Ende zu lesen, manchmal sogar mehrmals.

Das lebhafte gesellschaftliche Leben am Abend und während der Nacht ist ein wirksamer Ausgleich für die meditative Atmosphäre des Tages. Es sollen zwar die spirituellen Dimensionen im Ramadan überwiegen, die weltlichen Vergnügungen dürfen deshalb aber nicht zu kurz kommen.

Das ägyptische Leben im Fastenmonat ist von alten Traditionen und Bräuchen geprägt. Man kann sogar von einer eigenen "Ramadan-Kultur" sprechen. So gibt es spezielle Ramadanspeisen und -getränke, außerdem eine Vielzahl an Süßigkeiten . Die Folklore kennt eine Menge von Ramadan-Liedern, die von Kindern und Erwachsenen gesungen werden. Die Straßen und Plätze wurden früher, vor Einführung der Elektrizität, während des Ramadans mit kunstvollen Laternen beleuchtet. Bis heute kann man die daraus entstandene Ramadan-Lampe ("Fanus") finden, die zu einem Symbol des Fastenmonats geworden ist. Kinder gingen damals mit kleinen Fanus-Laternchen von Haus zu Haus, sangen Ramadan-Lieder und bekamen dafür Gaben in Form von Münzen oder Süßigkeiten. Dieses nette Brauchtum ist bis heute, allerdings nur noch in ländlichen Gebieten oder in manchen traditionellen Stadtteilen, beibehalten worden.

Auch in der Literatur nimmt der Ramadan einen großen Platz ein. Ramadan-Erlebnisse sind nicht nur ständig wiederkehrende Motive in den Autobiographien oder Erinnerungen diverser Autoren, sondern es gibt auch zahlreiche Schriftsteller aus frühislamischer Zeit bis in unsere Tage, die poetische Reflexionen über den Ramadan aufgeschrieben haben.

Eine bekannte Figur der ägyptischen Folklore ist der Musahharati, der Mann, welcher die Gläubigen zum "Suhur", zum letzten Essen vor der Morgendämmerung aufwecken soll. Früher war der Musahharati oft ein professioneller Geschichtenerzähler, heute begnügt er sich meist mit dem Ausruf: "isha ya nayim, wahhid ad-dayim" (wach auf, oh Schlafender und bezeuge die Einheit des ewigen Gottes), wobei er auf einer kleinen Tabla trommelt und von Haus zu Haus zieht, um so die Menschen zum Frühstück vor Tagesanbruch zu wecken.

Der Ramadan beeinflusst das Leben in Ägypten ganz entscheidend. Abgesehen vom hektischen Stau auf den Straßen kurz vor dem "Iftar,", von den tagsüber leeren Cafes und Gaststätten und vom Rummel nach dem abendlichen Fastenbrechen sind auch Industrie, Handel und Medien ganz auf Ramadan eingestellt. Die Tageszeitungen und Magazine veröffentlichen eigene Ramadan-Seiten oder Beilagen. In Kinos und Theatern herrscht Hochbetrieb; auch das Fernsehen strahlt im Fastenmonat neue Familienserien sowie religionsgeschichtliche Fernsehspiele aus - oft bis zum Beginn des nächsten Fastentages. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass von religiöser Seite immer wieder Rufe laut werden, die spirituelle Seite des Ramadan nicht zu vernachlässigen und das Konsumdenken einzuschränken.

In diesem Zusammenhang werden bekannte Aussprüche des Propheten Mohammed über Ramadan und Fasten in Erinnerung gerufen, zum Beispiel: "Wer den ganzen Ramadan mit Glauben und Verantwortungsbewusstsein fastet, dem vergibt Gott seine vergangenen Sünden." In einem anderen Hadith heißt es: "Wenn jemand im Ramadan eine Pflicht erfüllt, gleicht dies siebzig in anderen Monaten erfüllten Pflichten. Dies ist der Monat der Geduld, und der Lohn der Geduld ist das Paradies. Dies ist der Monat der Versöhnung, der Besinnung und der menschlichen Annäherung. Der Beginn dieses Monats ist Barmherzigkeit, seine Mitte Vergebung und sein Ende Befreiung vom Feuer der Hölle."

Es gibt Traditionen und Überlieferungen aus allen Epochen der islamischen Geschichte, die Zeugnis von der Bedeutung des Monats Ramadan für die orientalische Kultur geben. Für viele Menschen in Ägypten bezieht sich die Heiligkeit und der Segen dieses Fastenmonats aus einem weiteren Ausspruch des Propheten, wonach "im Ramadan die Pforten des Paradieses offen stehen und die Pforten der Hölle geschlossen sind."

Der ungebrochene Enthusiasmus, mit dem der Ramadan in Ägypten gefeiert wird, ist jedenfalls auch heute noch ein unvergessliches Erlebnis.

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