Identität im Spannungsfeld zweier Kulturen

von Baraka Maatwk

"Identitäten sind hochkomplexe, spannungsgeladene widersprüchliche Gebilde -
nur der, der behauptet, er habe ein einfache, eindeutige, klare Identität,
der hat ein Identitätsproblem."
(Zitat: Sami Ma'ari, nach Heiner Keupp)

Am Dienstag, dem 30.9.2003 fand ein Vortrag der deutschen Diplom-Psychologin Nicole Bömeke statt, organisiert von BAZ, dem Binationalen Austausch Zentrum in Kairo. Hier eine kurze Zusammenfassung des interessanten und anregenden Vortrages.

Die Frage der 'Identität' wird auch in Europa z. Zt. heftig diskutiert. Im Zuge der Globalisierung wird die Besinnung auf die sogenannten Wurzeln immer brisanter. Die Medien, die die weite Welt ins Haus holen, tragen dazu bei, dass man über die eigene Nasenspitze hinaus schaut. Dass dies aber nicht einfach ist, erfahren wohl die Menschen am ehesten, die mit Partnern aus anderen Kulturkreisen zusammenleben und auch deren Kinder.
Das Miteinander in der Familie, die hier in Ägypten ja auch die weiteren Familienmitglieder mit einbezieht, bringt unweigerlich die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, mit sich.

In Psychologie und Soziologie wird der Begriff "Identität" unterschiedlich gebraucht. Jedoch umfasst Identität in vielen Definitionen die Teilaspekte der 'Ich - Identität' und der 'sozialen Identität': Die 'Ich-Identität' ist quasi die Struktur der individuell gemachten Erfahrungen, auch Emotionen und Gedanken dazu, die sich wie ein roter Faden durch den Lebenslauf hindurchzieht. Die soziale Identität stellt die dem Individuum durch Rollenerwartungen abverlangten Verhaltensstrukturen dar.
Diese beiden Teile der Identität stehen im ständigen Widerstreit miteinander, da vom Individuum auf der biographischen Dimension verlangt wird, so zu sein wie kein anderes - in der sozialen Dimension hingegen wird erwartet, so zu sein wie alle anderen des sozialen Kontexts. Die "Aufgabe der Identitätsbildung" besteht darin, das persönliche Ich und das soziale Ich in ein Balanceverhältnis zueinander zu bringen.
Dieser Definitionsversuch kann noch um den Aspekt der ethnischen Komponente erweitert werden. "Ethnisch" bezieht sich hierbei auf nationale, rassen-spezifische oder religiöse Charakteristika. Nach Barth finden sich folgende Elemente in den meisten ethnischen Definitionsansätzen wieder:
" Biologische Kontinuität der Abstammung
" Gemeinsame kulturelle Werte und Ausdrucksformen
" Gemeinsames Forum für Kommunikation und Interaktion
" Selbst- und Fremdidentifikation der Unterschiedlichkeiten im Vergleich zu anderen Volksgruppen.

Die Persönlichkeitsentwicklung im 'mono-nationalen' Umfeld kann nach dem Psychoanalytiker Erikson in verschiedene Phasen eingeteilt werden.
Diese Phasen sind gekennzeichnet durch Konflikte zwischen neuen Lebensdimensionen und ihrer Bedrohung. Während die physiologische Reifung die Art und Reihenfolge der Entwicklungsphasen bestimmt und damit relativ universell ist, bestimmt die Kultur bis zu einem gewissen Grad das Tempo, vor allem aber die konkreten Inhalte und Lösungsmöglichkeiten der Konflikte Da Konflikte Spannungszustände erzeugen, streben diese nach Auflösung.
Die Spannung muss gelöst werden, und zwar durch überwiegend positive Erfah-rung, um eine gesunde Identität aufbauen zu können. Negative Ausgänge einer Phase stellen nämlich eine unsolide Basis für den Übergang in eine höhere Phase dar.

Warum ist es nun wichtig, zu wissen, wer man ist und wer man nicht ist?
Die Identität umfasst das Gefühl des Einzelnen, sich als etwas zu erleben, das Kontinuität besitzt. Auf dieser Basis können Handlungsziele entwickelt werden. In sozialer Hinsicht ist Identität insofern wichtig, als sich Handlungspartner, also das Umfeld, an der Gleichheit und Kontinuität der Persönlichkeit orientieren können. Sie stellt somit eine Orientierungshilfe zur Einschätzung unserer Person für die Umwelt und auch für uns selbst dar.
Die Frage, in wieweit der ethnische Bezug wichtig ist für eine gute psychische Gesundheit, hat widersprüchliche Studien hervorgebracht. Jedoch lassen sich zwei Kernaussagen finden: Zunächst einmal sollte die eigene Herkunft akzeptiert und in das eigene Selbstkonzept integriert werden. Des weiteren sind alle möglichen Kombi-nationen, denen vielleicht in den verschiedenen Studien nicht genug Rechnung getragen wird, machbar und können mit gutem psychischem Funktionieren einhergehen, vorausgesetzt, das Individuum wird in seiner Wahl von seiner Umwelt akzeptiert und unterstützt.

Für Kinder in binationalen Familien stellt sich nun das 'Problem' , dass schon im Elternhaus und somit in einer frühen Phase zwei verschiedene Kulturen und die damit verbundenen unterschiedlichen Rollenerwartungen und Orientierungsangebote präsent sind. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es binationale Kinder mit der Ich - Komponente der Identität einfacher haben, denn sie verlangt ja, einzig-artig zu sein. Dieses bringen die binationalen Kinder ja teilweise automatisch mit, da sie ja in der Gesellschaft anders sind als die meisten anderen (mononationalen) Kinder. Jedoch stehen sie immer wieder vor einer Entscheidungsnotwendigkeit, da sie unterschiedliches Verhalten, ersichtlich aus den Verhaltensweisen der Eltern, für sich selbst in Einklang bringen müssen, um in der Gesellschaft zu funktionieren. Binationale Identitätsbildung ist, allgemein gesagt, um folgende Aspekte erschwert:
" Kognitive Dissonanz
" Loyalitätskonflikte
" Stolz / Minderwertigkeitsgefühle
" Suche nach verbindlicher Wahrheit

Kognitive Dissonanz bezieht sich auf das negative und aktivierende Gefühl, wenn zwei Wissenseinheiten (Kognitionen), die miteinander verbunden sind, als diskrepant empfunden werden. Zur Auflösung des sich daraus ergebenden Spannungszustandes kommen Maßnahmen in Betracht wie z.B.
-Änderung der einen oder anderen Kognition
-Auflösung der anfänglich in Beziehung stehenden Kognitionen
-Herunterspielen / Leugnen der Wichtigkeit der Kognitionen
-Ablenken oder Vergessen
Die Kinder bzw. Jugendlichen müssen ständig ihre Bedürfnisse oder Erkenntnis der Dinge mit den unterschiedlichen Erwartungen und Werten der Eltern sowie der Umwelt in Einklang bringen. So möchte z.B. ein Jugendlicher gern irgendwann einmal Alkohol probieren. Der muslimische Vater wird dem nicht zustimmen. Entscheidet der Jugendliche gegen den Alkohol, um die Liebe des Vaters nicht zu verlieren, muss er sein Bedürfnis unterdrücken, was unter Umstände dazu führen kann, dass er sich nicht mehr authentisch fühlt, da Bedürfnis und Handeln dann auseinander klaffen. Er kann sich aber auch über den Sinn oder Unsinn der Alkohol-Verbots informieren und eventuell davon überzeugt werden, womit sich die Dissonanz auflösen würde.
An diesem Beispiel lässt sich zusätzlich der damit verbundene Loyalitätskonflikt verdeutlichen, nämlich dann, wenn die Mutter nichts gegen den Alkohol einzuwenden hat. Jede Entscheidung bedeutet, gegen den anderen Elternteil zu sein.
Besonders brisant wird es, wenn in der Familie bestehende Vorurteile, wie die sogenannte Überlegenheit des Westens gegenüber der arabischen Welt verbal oder nonverbal vermittelt werden. Bei mangelnder Unterstützung wird das Kind innerlich zerrissen, denn es will ja die Liebe beider nicht verlieren, muss aber Stellung beziehen. Gefahr besteht immer dann, wenn Kinder in einen Polarisierungsstrudel hineingezogen werden und für eigene Zwecke der Eltern instrumentalisiert werden.
Noch dringender wird die Frage der Religion empfunden. Die Familie ist die kleinste Keimzelle des interreligiösen Dialogs. Jeder Mensch ist auf der Suche nach verbindlicher Wahrheit. Die Frage nach der Wahrheit ist so fundamental, weil sie ein solides Bezugssystem darstellt und damit das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und klaren Zukunftsvorgaben beinhaltet, was Lebensängste reduziert.

Es lassen sich in der Gesellschaft und auch in binationalen Familien immer wieder drei, jedoch unbefriedigende Lösungsversuche dieser Frage beobachten:

1. Die Verfestigungsstrategie
Sie beinhaltet einen sogenannten Wahrheitsabsolutismus: Nur meine Religion ist die wahre, alle anderen sind unwahr. Diese Haltung hat eine Abwertung oder Ignorierung anderer Religionen zur Folge, womit sie jeglicher Diskussionden Boden entzieht.

2. Die Verharmlosungsstrategie
Hier wird behauptet, dass jede Religion in ihrer Essenz auf die gleiche Weise wahr ist . Alle Differenzen werden eingeebnet und unterdrückt ,die grundlegende Frage des Menschen nach letzter Verbindlichkeit wird ausgelassen.

3. Umarmungsstrategie
Hier heißt es, dass es zwar eine wahre Religion gibt, aber alle anderen Teile davon sind. Es sind alle Religionen miteinander verbunden, aber es gibt eine höhere. Negativ hierbei ist, dass doch wieder die anderen Religionen zu einer niederen oder partiellen Wahrheit herabgesetzt werden.

Was also tun, wenn doch alles zum Scheitern verurteilt ist?
Im Hinblick auf die Kindererziehung sollte sich jeder Elternteil zu seiner Religion bekennen und sich in seiner religiösen Identität nicht verleugnen. Wichtig ist jedoch, eine unbegrenzte Bereitschaft zum Zuhören und Kennenlernen der anderen Religion zu zeigen und zu leben. Wertneutral zu sein, wäre ein erstrebenswertes Ziel.
Dem Kind in zu jungen Jahren eine Wahl zuzumuten, würde vom Kind eine der Entwicklung unangepasste Entscheidung abverlangen. Daraus können sich unberechtigter Scham und Zweifel ergeben, wenn das Kind versagt. Es muss auf alle Fälle eine lebbare Entscheidung getroffen werden, an der sich das Kind orientieren kann. Das bedeutet u.a., feszulegen, wie und ob die jeweiligen Anlässe/Feste gelebt werden.

Wie die Beiträge aus dem Publikum zeigten, ist die Auseinandersetzung mit der Religion innerhalb der Familie eines der Hauptthemen. War sie in Deutschland nicht so relevant, so steht man jedoch vor Ort durch Gesellschaft und Staat unter Zugzwang. Religion ist hier keine private, sondern öffentliche Angelegenheit. Dadurch kommt auch für die Mütter in binationalen Familien die Frage nach der eigenen Identität im verstärkten Maße auf. Der ganz alltägliche Umgangang beeinflusst das Kind und bedeutet Weichenstellung oder Wertevermittlung. Ein häufiges, allerdings nicht religiöses, Beispiel wurde genannt: Jemand wirft Papier einfach auf die Straße. Was sagt die Mutter? Ist der aber dumm! Dies ist eine klare Wertung. Neutral zu sein, würde bedeuten, die Antwort zu geben: Nein, der ist nicht dumm, er kennt das nicht anders.
Unterschiede und Gegensätzlichkeiten müssen eingestanden und akzeptiert werden. Sie zu erkennen, ist nicht das Problem, wohl aber die Unterschiede mit Abwertungen zu belegen, weil damit wieder der Loyalitätskonflikt geschürt würde. Eltern sollten sensibel sein für ihre eigenen Empfindungen, wenn sie sich z.B. bei negativen Gefühlen gegenüber einer Andersartigkeit ertappt haben. Werden diese Empfindungen, die zu eigener Zerrissenheit führen können (wenn auch nur unbewusst) in die Familie getragen, kann das auf die Kinder übertragen werden.
Sicherlich ist es kein einfaches Unterfangen. Da geht man mit Mann und Kindern in die Fremde und plötzlich ist wirklich alles fremd. Durch den nahen Kontakt mit der Familie und Gesellschaft ist es für die hier verheirateten Frauen eine echte Leistung, sich darauf einzulassen und die eigene Identität zu hinterfragen. Leider gibt es auch hier wieder kein Allgemeinrezept. Alle möglichen Formen und Gestaltungen sind 'erlaubt' und man steht keineswegs vor der einzigen Alternative, entweder rein deutsch oder rein ägyptisch sein zu müssen. Wichtig ist es, einen Standpunkt zu finden und den Partner in seinem Sein zu akzeptieren, so dass sich die Kinder daran orientieren können. Sie müssen die Aktionen und Reaktionen abschätzen können. Dabei muss ein gewisser Standpunkt nicht für alle Ewigkeiten gelten, sondern kann durchaus verändert werden.
Durch die Globalisierung, durch leichtes Reisen und durch die Kenntnisse, die wir heutzutage über andere Völker haben, ist der Begriff der sogenannten "Patchwork-Identität", der von Heiner Keupp im wesentlichen geprägt wurde, entstanden. Damit wird sich vom traditionellen Identitätsbegriff, dem Standardteppich, entfernt. Durch ständig neue Anregung und Orientie-rungsangebote befindet sich die Identität in einem steten Wandel. Es wird vom Individuum in der multikulturellen Gesellschaft oder multikulturellen Familie verlangt, flexibel in unterschiedlichen Kontexten zu handeln. Aus verschiedenen Angeboten an Sinnelementen und erfahrenen Lebensstilen werden immer wieder lebbare Konstruktionen zusammengesetzt, die dann in unterschiedlichen Lebensphasen unterschiedliche Identität darstellen können. Wichtig ist, dass eine innere Kohärenz nicht abhanden kommt. Auch ein Patchwork-Teppich ist ein Teppich..

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