Kleine Kairoer Baumkunde

Teil 2: Was blüht im November und Dezember?

von Dr. Lore Becker

Die großen Tropenbäume sind zur Winterruhe übergegangen und vegetieren - sommerverstaubt und schläfrig - vor sich hin.

Nur eine Heckenpflanze aus der Familie der Wolfsmilchgewächse beginnt sich zu regen, der Weihnachtsstern Euphorbia pulcherrima, auch Poinsettia genannt. Sie entfaltet leuchtend rotgefärbte Hochblätter, zwischen denen die kleinen eigentlichen Blütchen fast verschwinden. Ihre vielen Namen bewundernder Art kreisen um ihr hübsches Aussehen: "Tochter des Konsuls" (Bint el qonssol) heißt sie auf Arabisch, "Flammenblatt" (Flame-leaf) auf Englisch und "Scharlachrote Euphorbie" (Euphorbe écarlate) auf Französisch. Da wir sie in Deutschland nur als zierliche Topfpflanze und beliebtes Geschenk zur Advents- und Weíhnachtszeit kennen, sind wir erstaunt, sie hier als üppigen Busch in den Vorgärten wuchern zu sehen. Aber auch die hiesigen Gärtner züchten jetzt zur Weihnachtszeit reihenweise "Konsulstöchter" in Töpfen. Wer wünscht sich nicht so eine schmucke Pflanze zur Winterszeit ins Zimmer!

Noch ein Strauch oder Baum, der zwar nicht so besonders schmuck ist, dafür aber bis zu 10 Metern hoch werden kann, macht durch seine roten Beerenfrüchte zur Weihnachtszeit auf sich aufmerksam, weshalb die Engländer ihn "Christmas Berry Tree nennen: Es ist Schinus terebinthifolius, der "Brasilianische Pfefferbaum" (Filfil arid), der hier in keinem Weihnachtsbukett fehlen darf. Er stammt, wie sein Name sagt, aus Brasilien und wird in Ägypten auch als Heckenpflanze in Gärten und Parks gepflanzt.

Da können wir gleichzeitig auch seinen Schwesternbaum mit den hübschen Hängeästen und zartgegliederten Hängeblättern vorstellen, auch wenn der erst später blüht und Früchte trägt: der "Peruanische Pfefferbaum" (Schinus molle). Aus seinen kleinen Beeren wird in Peru ein berauschendes Getränk herge-stellt.

Da es in der Natur nicht viel Blühendes im November und Dezember gibt, können wir heute einmal die wichtigsten Schattenbäume Ägyptens näher bringen. Sie stammen aus der Familie der Feigenarten, Ficusgewächse. In der letzten Ausgabe von Papyrus haben Sie bereits die Sycomore ("Pharaofeige", Ficus sycomorus) kennengelernt. Die Schattenbäume aus der Ficusfamilie beglücken uns nicht mit Blüten, auch haben nur zwei der zahlreichen Vertreter essbare Früchte. Aber ihre relativ großen, ledrigen und immergrünen Blätter bilden dichte Schattendächer und geben Schutz und Kühlung vor der sengenden Sommerhitze. Die verbreitesten Arten seien hier aufgelistet:

Ficus carnica, die strauchartige "Essfeige", Ficus sycomorus, die essbare "Pharaofeige", Ficus elastica, der "Gummibaum" (der hier sehr groß wird, während wir ihn in Deutschland nur als Topfpflanze kennen), Ficus retusa bzw. nitida, die "Stutzerfeige" (der meistgepflanzte Schattenbaum Kairos, mit lorbeer-ähnlichen Blättern, der in alle möglichen Formen zugeschnitten werden kann), Ficus benjamini, die "Benjaminfeige" (mit etwas kleineren Blättern und dekorativ leicht hängenden Ästen, heute eine beliebte Topfpflanze), Ficus benghalensis, der "Bengalische" bzw. "Indische Feigenbaum" (mit weit ausladenden Luftwurzeln, womit er Straßen und in Indien, wo er Banyan heißt, ganze Märkte überspannen kann), Ficus infectoria, die "Färberfeige" (die im Frühjahr in ganz kurzer Zeit ihre Blätter goldgelb verfärbt und abwirft und das Laub wechselt, wobei die neuen Blätter in der ersten Zeit wunderschön rot sind) und schließlich Ficus religiosa, der "Buddhabaum" (Bo-Tree). Auch er wechselt im Frühjahr die Blätter, verfärbt sie goldfarben vor dem Abwurf und treibt sofort neue dunkelrote Blätter. Den meist hochstämmigen Baum erkennt man sofort an den wunderschönen Blättern, die in eine lange Spitze ausgezogen sind, wovon sich der gotische Spitzbogen ableiten soll. Die Blätter sitzen auf einem sehr langen Stiel und ähnlich unserer Zitterpappel bewegen sie sich bei jedem Lufthauch.

Es gibt noch etliche andere Ficusarten in Ägypten. Der Orman-Garten zeigt mehr als ein Dutzend ausländischer Ficusarten, in der der Universität gegenüberliegenden Ecke. Die Blätter aller Ficusarten, mit Ausnahme der religiosa, sind mehr oder weniger länglich-oval, ledrig und immergrün. Sie spenden dichten Schatten.

Wer hätte Feigenbäume schon mal blühen gesehen! Hunderte von winzigen grünen und harten, nur millimetergroßen Knubbelfrüchtchen sitzen oft an den Ästen entlang. Nur beim Banyan sind sie ein wenig größer und weniger zahlreich und färben sich bei Reife dunkelrot. Nur bei Ess- und Pharaofeige wachsen sie sich zu saftigen und essbaren größeren Früchten aus. Aber ob groß oder klein, essbar oder holzig - der Grundbauplan ist bei allen Feigenfrüchten gleich: Der Blütenboden ist bei ihnen praktisch nach außen gekehrt, während die zahlreichen kleinen Blütchen aus ihren Fruchtknoten, die im Blütenboden sitzen, für uns natürlich unsichtbar in den Hohlraum ragen, der durch ein enges Loch mit der Außenwelt verbunden ist, wodurch die winzigen Feigenfliegen zur Befruchtung Einlass finden.

Benutzte Literatur:

Das Baumbuch von Maadi. Mit Text und Zeichnungen von Ursula Kamel. (In den Bibiotheken der beiden deutschen Schulen DEO und DSB erhältlich)
Street Trees in Egypt von M. Nabil El Hadidi und Loutfy Boulos, Zeichnungen von Magdi El-Gohary.
Illustrated Polyglottic Dictionary of Plant Namens von Armenag K. Bedevian, 1936

zurück