Tagebuch einer Mitausgereisten: Bin in 30 Minuten da!
von Bettina Knauth
Zeitangaben sind so eine Sache
Nicht nur, aber gerade in Kairo, wo widrige
Um-stände selbst bei gutem Willen häufig zu Verspätungen führen.
Auch deckt sich das Zeitgefühl eines Ägypters/ einer Ägypterin
nicht unbedingt mit dem von uns Europäern. So empfiehlt es sich immer eine
gewisse Karenzzeit einzukalkulieren, wenn Termine genannt werden oder einzuhalten
sind.
Dabei ist es unerheblich, ob es sich um das Versprechen eines Handwerkers handelt, morgen wiederzukommen, ob der Fahrer sagt, er werde am frühen Vormittag eintreffen oder der Gärtner verspricht, die Blumen um 3 Uhr nachmittags zu gießen. Ob der Schreiner beteuert, das gewünschte Möbelstück in zwei Wochen zu liefern oder der Verkäufer schwört, die Hose sei in einer halben Stunde leicht geändert. Oder der neue Drucker des PAPYRUS eine Lieferzeit von zehn Tagen in Aussicht stellt. Gehen wir besser davon aus, dass sich das Zeitempfinden unseres einheimi-schen Gesprächspartners nicht mit unse-rem deckt. Oder seine Uhr, falls er überhaupt eine hat, anders tickt als unsere. Und schlagen in Gedanken, je nach Bedarf, ein paar Minuten, Tage, Wochen oder Monate drauf. Das schont auf jeden Fall die Nerven und erspart manche Aufregung.
Wenn mir der Verkäufer im Laden sagt, die gewünschte Ware würde aus dem Lager geholt, ich möge nur fünf Minuten warten, frage ich misstrauisch, ob er ägyptische oder deutsche fünf Minuten meint. Dann muss er meistens lachen, was aber nichts daran ändert, dass ich garantiert länger warten muss. Und mein Versuch, ihn zur Ehrlichkeit anzuhalten, verpufft.
Was ist der Grund für diese Diskrepanz und Ungenauigkeit? Will man niemanden enttäuschen? Oder nicht zugeben, dass man es nicht schneller schafft? Glaubt mein Gegenüber wirklich an seine Zeitangabe oder weiß er schon, wenn er sie ausspricht, dass er sie nicht wird halten können?
Der Katalog der Ausreden ist lang und vielfältig. Auf Platz Eins steht sicherlich der Verkehr: Staus, Unfälle, blockierte Straßen müssen als Grund für manche Verspätung herhalten. Wenn mal wieder ein VIP samt Anhang unterwegs ist, geht gar nichts mehr. Nicht selten ist die vermeintliche Ausrede gar keine, war der Verkehr wirklich schuld daran, dass man nicht pünktlich ans Ziel kommt oder der Besucher nicht rechtzeitig eintrifft. Das wachsende Verkehrsaufkommen kann auch durch immer neue Straßen und Fly-overs nicht aufgefangen werden. Und je mehr jeder versucht, möglichst schnell ans Ziel zu kommen, je aggressiver fährt er/sie - und so mehr Unfälle passieren. Verspätungen können sich auch potenzieren: Der Fahrer trifft bereits wegen einer Straßensperre nicht pünktlich ein, so kommt man zu spät von zu Hause los, steht dann noch im Stau usw. Beliebt als Ausrede sind auch das Zuspätkommen der Haushaltshil-fe, des Handwerkers, des Babysitters. Obwohl das auch wieder mit dem Verkehrsaufkommen zu tun haben kann.
Nun neige ich sowieso dazu, mir Zeitrahmen zu eng zu stecken, Termine ohne
Karenzzeit aneinanderzureihen. Ja, oft gebe ich mir schon gar keine Mühe
mehr, pünktlich zu sein. Um nicht nervös zu werden, trage ich meist
keine Uhr, schaue höchstens mal aufs Handy. Apropos, gleich muss ich
was, schon so spät? Höchste Zeit für die Redaktionssitzung, jetzt
aber los! Ma' salama.
zurück