Unterwegs von Assuan nach Khartum - Auf der Spur der Schwarzen Pharaonen
Tagebuchaufzeichnungen von Ursula Mahlke, bearbeitet und zusammengefasst von
Bettina Knauth
Nach einer anstrengenden Anreise mit Nachtflug ab Kairo am 2. Advent 2003 erwache ich am Morgen des 8. Dezember im Hotel in Assuan und erfreue mich an dem Blick aus dem Hotelfenster, direkt auf Elephantine und hinüber in die Wüste. Assuan ist der Aus-gangspunkt unserer vierzehntägigen Reise in den Sudan. Wieder einmal habe ich eine Reise mit Tarek el Mahdi gebucht, mit dem ich bereits zwei Expeditionen in die Wüste unternommen habe. Dieses Mal besteht unsere Gruppe aus fünf Reisenden: Hannelore und Günter, Uta und Fritz und ich. Dazu kommen Tarek, Alaa und Ahmed als Fahrer, weiter unser Führer Gerd aus Ulm und Samah, ehemals Militärattaché in Khartum, als Ortskundige. Für Tarek ist es eine Pilottour, eventuell will er mit Samah sein Programm um Reisen in den Sudan erweitern. Auf dem Programm dieser ersten Reise steht eine Fahrt mit dem Jeep von Wadi Halfa nach Khartum, vorbei an den antiken Stätten der "Schwarzen Pharaonen".
An diesem Nachmittag noch soll es losgehen: Zunächst mit dem Schiff, das uns bereits im Hafen am Hochdamm erwartet. In der Ferne erkennt man den Kalabscha-Tempel. Das Schiff selber sieht eigentlich ganz manierlich aus. Einmal in der Woche fährt es in jeder Richtung zwischen Assuan und Wadi Halfa, montags nach Wadi Halfa. Nachdem wir unsere Kabinen bezogen haben, gehen wir an Deck. Mit großem Erstaunen betrachten wir die Riesenberge an potentieller Ladung. Was da alles auf das Schiff soll! Ein Lastwa-gen nach dem anderen trifft ein, alle sind mit überdimensionalen Säcken beladen. Was wohl in denen drin sein mag? Inmitten all dieser Warenmengen stehen auf einem Ponton auch noch unsere drei Fahrzeuge sowie ein Auto eines weiteren Ehepaars, das bis nach Kapstadt reisen will. Selbst unser Deck wird zugepackt, mit Säcken, Kisten, Stühlen, einer Polstergarnitur. Bewundernswert, wie die Arbeiter stundenlang das Schiff beladen! Sie müssen völlig am Ende sein, wirken aber noch immer gut gelaunt und haben Spaß dabei - eine bewundernswerte Mentalität!
Gegen 18 Uhr legen wir ab. Nun kommen uns die vielen Sitzgelegenheiten an Deck zugute. Obendrein haben wir Vollmond, der Sonnenuntergang beschert uns herrliche Farben ß und erst der Erdschatten! Man sieht ihn rund 10 Minuten nach Sonnenuntergang im Osten als großen, runden grauen Schatten, nach rund 20 Minuten ist er verblasst. Dann müssen wir hinunter in ein "Loch" an Aufenthalts- und Essraum. Viele Formulare gilt es auszufüllen. Das Visum für den Sudan haben wir bereits seit Assuan im Pass. Nach dem Essen - viele kleine Schälchen mit Foul, Käse, Leber, Salat und Marmelade - wollen wir noch an Deck. Doch das ist geschlossen, auch ist das Rauchen an Bord verboten, seit es an Deck ein Feuer gegeben hat.
Am nächsten Tag sind Hannelore, mit der ich mir die Doppelkabine teile, und ich früh wach. Wir gehen gleich nach oben, wo wir feststellen, dass unser Ponton und unsere Au-tos fort sind. Über Tag sind wir viel an Deck und betrachten, mal enger, mal weiter Rest-berge. Kormorane und Seeschwalben kreuzen unseren Weg. Gegen Mittag erreichen wir Abu Simbel. Der Ort selber wirkt auf mich groß und hässlich. Hier zweigt auch der Toschka-Kanal ab. Kurz nach Abu Simbel halten wir, vor dem Tempel war uns das leider nicht erlaubt. Warten wir auf unseren Ponton? Nein, auf Brot! Erst dachte ich, der Kapi-tän will mich mit dieser Auskunft auf den Arm nehmen, aber tatsächlich wird ein Säck-chen mit Brot geliefert. Gut, denn wir haben Hunger; Frühstück wurde uns nicht serviert und unsere Wagen sind ja nicht da!
Mit der Weiterfahrt weitet sich die Sicht: Im Westen erstreckt sich Wüste, im Osten sind noch Restberge zu sehen. Die Sonne brennt an Deck unbarmherzig, ich kann sie kaum noch ertragen und ziehe mich immer wieder in die Kabine zurück. Gegen 15 Uhr errei-chen wir Wadi Halfa, wo uns ein herrliches Gewühl und eine noch interessantere Büro-kratie erwarten. Für unseren Pass, den wir abgeben mussten, bekommen wir immer neue Zettel. Mit einem Lastwagen fahren wir zum Zoll, wieder schickt man uns hier und dort hin, alles ist etwas unübersichtlich. Das Gepäck vom Schiff häuft sich - einen Durch-leuchtungsapparat haben sie hier nicht. Wir trinken erst einmal einen Tee und genießen ein phantastisches Abendrot. Dann trifft unser Ponton ein, er darf sogar bei Dunkelheit anlegen. Wir müssen in die Wagen, unser Handgepäck wird kontrolliert. Zusammen mit drei Motorradfahrern, die länger durchsucht wurden, verlassen wir motorisierten Auslän-der den Zoll und gehen Fisch essen. Dann bringt uns Magdi, ein junger Sudanese, zu einem sehr schönen Platz, inmitten von Sand und Bergen. Aber die Polizei kommt sogleich dazu: Wir befinden uns im Grenzgebiet und müssen zurück in den Ort. Schließ-lich schlagen wir dort vor einer Mauer an einem Berg unsere Zelte auf.
Am folgenden Morgen ist es noch dunkel, als ich gegen 6 Uhr 30 aufstehe. Kein Wunder, denn die Uhren wurden noch einmal eine Stunde vorgestellt. Bitterkalt ist es auch. Wir stehen an einer Hauptstraße mit Blick auf den Bahnhof von Wadi Halfa, der aus einer Halle und aus einem langen Zug besteht, dem Zug nach Khartum. Vergeblich suche ich das alte, hübsche Wadi Halfa, wie ich es von einer Reise 1962 in Erinnerung habe. Dieser Ort befindet sich heute unter Wasser! Das neue Wadi Halfa ist weit auseinander gezogen; es gibt weder Asphaltstraßen noch Grün, dafür aber viel Staub. Tarek holt Benzin für den Kocher, so dass er Kaffee und Tee zum Frühstück servieren kann.
Auf unserem Programm steht der zweite Nilkatarakt, genauer der Felsen Abusir. Dort sollen uns Felszeichnungen und der schönste Blick auf den Katarakt erwarten. Aber es gibt Schwierigkeiten! Die Formalitäten sind noch nicht erledigt, und kein Motorboot ist aufzutreiben, das uns dort hinbringen könnte. Gerd will zunächst zum Basar, um einen Silberreifen aus Maria Theresien Taler zu kaufen. Die ganze Gruppe muss mit. Leider sind zwei Stunden Zeit für den Basar viel zu lang, er bietet nichts. Außerdem dürfen wir nichts fotografieren, weil wir unsere Pässe noch nicht zurück haben. Unser Ärger wird noch größer, als wir erfahren, dass die Reiseleitung nicht für alle geplanten Reiseziele Genehmigungen eingeholt hat: Soleb und Naga wurden kommentarlos gestrichen. Doch wir schaffen es nach massiven Beschwerden, dass die Genehmigungen nachgeholt werden! Geld haben wir auch gewechselt: Für einen Euro bekommt man 300 SL, das alte sudanesische Pfund, oder 3000 Dinare.
Aber wie soll es jetzt weitergehen? Sollen wir vom Berg auf den Nil blicken oder direkt zum Nil fahren? Wir entscheiden uns für die Weiterfahrt. Weit, weit erstreckt sich der Fluss, wir wären nie auf die andere Seite gekommen. Und vom zweiten Katarakt ist nichts zu sehen, er ist überflutet. Aber viele Vögel können wir beobachten: Flamingos, Reiher, verschiedene Läufer und Milane. Als wir Magdi nach Hause bringen, er wohnt etwas au-ßerhalb, treffen wir auf hübsche Nubierinnen mit ihren pittoresken Blumenkleidern.
Nun geht es endlich auf die große Fahrt: Zunächst müssen wir durch den "Steinbauch", die Fortsetzung der Kataraktfelsen. Schöne Berge mit Sand dazwischen, der dünenartig angeweht ist. Grauwacke, Grünstein und Granit sind die Hauptbestandteile der Felsen und Berge; Grauwacke verwittert kantig, Granit zu runden Formen. Wir bleiben nicht auf der Hauptpiste, wir wollen doch am Nil zelten und folgen einem großen Wadi in Rich-tung Fluss. Doch das Wadi verengt sich plötzlich und endet an einem Steilabfall - wir müssen zurück, finden aber bald einen schönen Platz zum Zelten, im Wadi Silla. Mit 20 Grad Celsius ist es auch abends nicht mehr kalt.
Am nächsten Morgen, mittlerweile haben wir Donnerstag den 11. Dezember, bin ich früh auf den Beinen und steige noch ein wenig den Berg hinauf. Der Morgenhimmel belohnt mich mit einem herrlichen Farbspiel: kräftig dunkelrosa Streifen und leichte rosa Wolken. Dann fahren wir zur Hauptpiste zurück und kommen in ein herrliches weites Wadi, das uns sogar mit ein wenig Grün überrascht. Plötzlich stoßen wir auf Menschen: Ein Last-wagen mit vielen Leuten und noch mehr Ladung an Bord ist liegen geblieben. Wir versu-chen zu helfen, doch scheint die Batterie leer zu sein. So setzen wir unsere Reise durch Berge, Sandverwehungen und gelegentlichem Grün fort und sagen am ersten, recht ärmli-chen Haus Bescheid, dass ein Lastwagen festliegt. Immer wieder überqueren wir Bergrü-cken, die quer zur Fahrtrichtung liegen. Der Steinbauch scheint kein Ende zu nehmen. Wieder ein Haus und eine Prachtakazie - hier war mal ein englischer Bahnhof! Einen Kilometer weiter lag das Grab von einem Englischen Major, aber es wurde abgetragen. Dann, plötzlich, taucht eine große, kräftig grüne Fläche vor uns auf: der Nil. Das kleine Dorf vor uns heißt Akascha. Weit können wir den Nil hinauf und hinunter sehen, ein wunderschöner Ausblick. Dann kommen wir wieder vom Nil ab, wieder geht es hinein in die Steinwüste, bevor wir in Ferka abermals auf den Fluss treffen. Dörfer, deren Häuser reich verzierte Türen und dazu Wände aufweisen, die ebenfalls noch mit Muster verputzt sind, säumen unseren Weg. Nach außen sind die Anwesen völlig abgeschlossen, gegen Wind, Sand und Staub. Dom- und Dattelpalmen gibt es allerorten. Der Adamsapfel mit dicken, runden, grünen Früchten wächst ebenso überall, wie Unkraut, da kein Tier dieses giftige Wolfsmilchgewächs frisst. Unsere Fahrzeuge ziehen dicke Staubwolken hinter sich her, als wir auf Nilschlammwegen dahin fahren - wie früher auf den Dammwegen nach Luxor.
Die Insel Sai ist im Gespräch: Gerd will zu einer Stelle fahren, von der aus man sie gut sehen kann. Dann soll entschieden werden, ob wir übersetzen. Doch plötzlich stehen wir bereits an einer Fähre, er ist eine Abkürzung gefahren. So werden wir ein ums andere Mal vor vollendete Tatsachen gestellt - aber meist keine schlechten! Auch die Überfahrt ist schön, vor allem die Ufer mit den gestuften Schlammschichten. Da ein Wagen zurück-bleiben muss - es passen nur zwei Autos auf die Fähre - kann ich zweimal fahren. Auch Günter ist ganz begeistert: Er hat Bülbül, Nilgans und zum ersten Mal einen Krokodils-wächter gesehen. Wir besichtigen noch den Bischofssitz am Ufer der Insel; hier befanden sich einmal fünf Kirchen! Im Abendlicht sehen die Ruinen vor dem Nil und einem mar-kanten Berg im Hintergrund herrlich aus. Auch der Zeltplatz am Fluss, gleich neben dem Bischofssitz, ist wildromantisch, ganz zu schweigen vom Sternenhimmel und dem Mond-aufgang. Inzwischen ist es nachts so warm geworden, dass ich aus dem Schlafsack steige.
Am nächsten Morgen wollen wir früh weg, fahren aber noch über die Insel, durch weit auseinander gezogene Dörfer, auf der Suche nach Brot. Die Insel, die recht kahl wirkt, soll viel bieten: Funde von prähistorischer bis in die islamische Zeit. Dafür bräuchten wir aber einen Fachmann - und Zeit. Nachdem wir Brot gefunden haben, besichtigen wir auf der Rückfahrt zur Fähre noch eine schöne Gubba (ein Grabmal, ähnlich unseren Sheikhgräbern, aber gestuft), einen Friedhof und weitere Ruinen, alles gehörte wohl zum Bischofssitz. Wieder auf der Ostseite des Nils angekommen fahren wir durch schöne Dörfer, immer dicht am Fluss entlang. Was auffällt sind einige Minarette, die verzierten Tore, die Bushaltestellen und Wasserstellen mit Krügen. Die Dörfer sind schwer zu foto-grafieren: zu weit liegen die Gehöfte auseinander, sie sind zudem mit Mauern umgeben. Überall ist es sehr sauber; alles macht keinesfalls einen ärmlichen Eindruck; in einem Hof erblicke ich sogar eine Satellitenschüssel.
Schneller als erwartet erreichen wir Soleb (Sulb) und fahren direkt zum Bootsmann, der uns über den Fluss setzen soll. Auf dieser Nilseite müssen wir zuvor weit laufen; es ist heiß und schwül. Wieder bewundere ich die Uferlandschaft: große, gelb blühende Bü-sche. In weitem Bett fließt der Fluss dahin. Drüben ist es nicht weit zu unserem Ziel, ei-nem eindrucksvollen Tempel, dem Tempel von Soleb. Er wurde um 1400 vor Christus von Amenhotep III. gebaut und von 1957 bis 1963 ausgegraben. Im ersten Hof befinden sich vier Säulenstümpfe. Durch einen Pylon kommt man in den zweiten Hof. Hier stehen noch Säulen mit Papyruskapitellen. Auf einem Säulenstumpf erkannt man ein Relief, das die besiegten Nubier zeigt. Bevor der Tempel durch ein Erdbeben zerstört wurde, gab es hier auch eine Widderallee bis hinunter zum Nil. Mir gefällt der Horus am besten: Stark verwittert, aber so lebendig wirkend, steht er ganz allein vor dem Tempel. Zurück am Ausgangspunkt fahren wir weiter den Nil entlang, durch Dörfer und Palmenhaine, dann wieder etwas vom Fluss entfernt, durch steiniges Gelände. Schließlich finden wir einen guten Standplatz am Nil. Ich muss vorsichtig aus dem Zelt steigen: Es geht gleich ab-wärts! Am Nil finden wir ein wenig Anbaufläche, eine Sandbank - und Krokodile, junge Krokodile, rund 70 cm lang. Weitere Krokodilspuren führen ins hohe Grün
Am folgenden Tag, es ist Samstag, wollen wir nach Sabu fahren. Gerade als wir einpa-cken, kommt ein alter "Bekannter" vorbei, unser Lastwagen aus dem Steinbauch. Wieder geht es zunächst durch die Dörfer am Nil. Dann steigen wir auf einen recht hohen felsi-gen Berg rechts der Straße, der uns mit Mauerresten und einem großartigen Blick auf den Fluss belohnt. Im Nil können wir Felsen und Sandbänke ausmachen und sehen auch unse-re ersten Kamele, seit wir den Sudan erreicht haben. Vorher haben wir nur Esel und Zie-gen ausmachen können. Am östlichen Ufer treffen wir wieder auf landwirtschaftliche Nutzfläche, gegenüber erspähen wir Sand und Weite, mit vereinzelten Bergen. Auf den Leitungen entlang der Straße sitzen manchmal grüne Spinte. Dann taucht ein Felsen auf der linken Straßenseite auf: Sabu! Eine Galerie von Gravuren bietet sich uns dar: Giraf-fen, Strauße, Rinder, Menschen, Hunde - meist sind die Abbildungen recht klein, in un-terschiedlichen Techniken und Qualitäten ausgeführt. Hier sind auch Boote dargestellt - wir sind halt am Nil, und nicht in der Wüste! Ein großer, flacher Fels wurde zum Mahlen benutzt, eine Mahlschale reiht sich an die andere! Wir essen gegenüber dem Felsen unter Palmen am Wasser, das hier weder breit noch tief ist. Ein Mann auf einem Esel und eine Frau, die ein großes Holzbündel auf ihrem Kopf transportiert, durchqueren den Fluss. Vielleicht handelt es sich nur um einen Seitenarm oder bei dem anderen Ufer um eine Insel? Nach kurzer Weiterfahrt kommen wir an ein Gebirge aus Granitboldern. Wir stei-gen hoch, finden eine Kirche, an deren Rückseite sich Gravuren befinden sollen. Erst als Fritz mit seinem Schirm für Schatten sorgt, können wir zwei sehr schöne Hörnertiere und einen Riesenmenschen erkennen, der einen karierten Schurz trägt, gestreifte Arme und eine nubische Frisur hat. Etwas weiter weg entdecken wir eine große, phantastische Gra-vur von einem Löwen und schließlich auch die berühmte Abbildung eines Elefanten, die wirklich toll ist. Heiß ist es hier oben, über 30 Grad Celsius im Schatten!
Weiter geht es durch eine Landschaft mit Sand und Boldern, die sich mit großen Dörfern abwechselt. Dann entdecken wir, zwischen Boldern links der Straße, die Statue des Ta-harqua, einer der großen Könige der Kuschitischen Dynastie: Die "Könige vom Heiligen Berg", dem Gebel Barkal, eroberten ein Reich vom Zusammenfluss des Weißen und Blauen Nils bis ans Mittelmeer. Ausgangspunkt war die Hauptstadt Napata, südlich des vierten Katarakts gelegen. Kaschta, Fürst von Napata, wird um rund 750 vor Christus als erster Vertreter der kuschitischen Dynastie Herrscher über Oberägypten. Ihm folgen Pi-anchi, Schabaka, Schabataka, Taharqua , Tanwetamani u.a.m.
Wir sind nahe der Stadt Tumbos. Aber erst geht es noch einmal an den Nil, zum dritten Katarakt (s. Foto unten). Ich finde ihn nicht so bedeutend - der Blick von unserem Berg am Morgen hat mich mehr beeindruckt! Bald erreichen wir Tumbos. Grün und sauber ist es hier. Tumbos ist mit Kerma zusammengewachsen, dort wird es voll, eng, schmutzig und unübersichtlich. Auf dem Markt kaufen wir einige Vorräte ein. Kerma war einst ein bedeutender Handelsplatz, zur Zeit des Mittleren Reiches wohl auch ägyptische Kolonie. Bereits 1913 und 1916 wurde der Handelsplatz von G.A. Reisner bzw. der Havard Boston Expedition ausgegraben; auch heute finden hier noch Ausgrabungen statt. Es ist die ein-zige Stadt des Königreiches von Kerma (2500-1500 v. Chr.), die bisher systematisch aus-gegraben wurde. Tuthmosis I. (1528-1510 v. Chr.) zerstörte Kerma. Auf dem Grabungs-gelände der Stadt dürfen wir nicht wie geplant zelten, aber daneben geht es. Auf diesem Privatgelände soll ein Touristendorf entstehen. Beim Aufstehen am nächsten Morgen schauen wir uns genauer um: Wir entdecken eine Deffufa, wie man diese für Kerma typi-schen Backsteinbauten nennt (s. Foto rechts). Es ist ein riesiges, eckiges, massives Mons-ter. Man weiß nicht, war es ein Grab, Handelsposten oder auch nur ein Beobachtungs-turm. Umgeben ist die Deffufa von einem großen Friedhof. Acht große Hügel sind wohl Fürstengräber, das Gefolge wurde lebendig mitbestattet. Andere Gräber sind kleiner. Eine Besonderheit sind die Pfannengräber, wohl die Grabform eines Wüstenstamms. Wir stei-gen auf die Deffufa, sie ist groß und hoch, erbaut aus relativ kleinen Lehmziegeln, aus Hohlräumen hat man einige Fundstücke geholt, die in der Nähe aufbewahrt werden. Auf dem ganzen Friedhofsgelände sind Grundrisse gekennzeichnet, wir finden auch einige Scherben der Kerma-Keramik, die in Form und Ausführung nahezu perfekt schien. Dann kommen wir auf eine großes Ausgrabungsgelände der Sudanesen: Alles scheint hier aus verschiedenen Zeiten zu sein. Voller Stolz zeigt man uns einen Tempel von Thutmosis III. (1490-36 v. Chr.) und darüber gebaut einen aus der Napata-Zeit (750 v. Chr.), dazu einen freigelegten Brunnen. Die Ägypter nannten die ganze Gegend "Kusch" - Kerma, Napata (Barkal) und Meroe.
Nach Kerma fahren wir wieder durch Dörfer und sehen Wasserstellen. Einmal kommen wir an eine große Gubba mit Dompalmen, die sogar noch Früchte tragen. Mittags machen wir Halt gegenüber von Dongola. Dann haben wir Kawa im Visier. Hier liegt der einzige Tempel aus der Zeit Taharquas, unter ihm wurde Kawa zweites Heiligtum nach dem Ge-bel Barkal. Möglicherweise stand hier bereits ein Tempel Echnatons und später von Tut-anchamun. Der Tempel Taharquas war umgeben von einer großen ummauerten Stadt, die man aber (noch) nicht ausgegraben hat. Auch vom Tempel ist nicht viel geblieben. Einen Kilometer weiter östlich befindet sich ein ausgedehnter Friedhof mit rund 1000 Gräbern. Da wir für Kawa keine Genehmigung haben, will Gerd schnell weiter. So fahren wir über Furchen, mühsam vorbereitet für den landwirtschaftlichen Anbau, dann wieder über Sand und Dünen und durch Oasen. Auch im Anschluss an die Oasen scheint Fläche für die Landwirtschaft urbar gemacht zu werden, Einheimische sind mit Kühen am pflügen. Manchmal durchqueren wir auch ein steppenartiges Gebiet, mit Büschen wie Heidekraut überzogen, in dem Kamele weiden. Schließlich zelten wir an einer großen Sicheldüne und genießen auf ihrem "Gipfel" den Sonnenuntergang.
Montagmorgen, unsere zweite Woche hat begonnen. Uta entdeckt einen Skorpion, den sie auch gleich fotografiert. Dann fahren wir durch schöne Dörfer und noch malerischere Oasen. In einer machen wir Halt um Brot zu kaufen. Hier kommen die Eselchen zum Trinken zu einem achtzig Meter tiefen Brunnen. Schließlich fahren wir zu einer Fähre an den Nil. Der Platz ist umgeben von dichten, wunderschönen Palmen. Doch wir setzen nicht über. Bald darauf sind wir in Alt-Dongola, dem Zentrum des mittelalterlichen Nu-biens. Das riesige Stadtzentrum wird seit 1964 von Polen ausgegraben. Weithin sichtbar steht hoch auf einem Hügel ein kastenartiges Gebäude, das "die Kathedrale" genannt wird. Vielleicht handelte es sich dabei um einen Königspalast? Eine Inschrift im Innern verkündet, dass das Gebäude 1317 in eine Moschee verwandelt wurde. Auf der Höhe der Kathedrale befinden sich viele Häuserruinen, weiter unten dann die Gubbas und der große Friedhof. Ebenfalls etwas tiefer und in Richtung Nil liegt die Kirche der Granitsäulen, die Ähnlichkeit mit Farras aufweist. (s. Foto. Farras, die Kirche auf der westlichen Nilseite am Nasser-Stausee, wurde beim Umsetzen der Tempel entdeckt. Aufnahmen aus Farras schmücken im Museum in Assuan einen ganzen Raum.) Vermutlich stammt diese Säu-lenkirche aus dem achten Jahrhundert. Wie auch die anderen Bauwerke wurde sie in si-cherer Entfernung von den Fluten des Flusses errichtet. Die Säulen dort im Sand bilden einen schönen Kontrast zu dem Grün am Nil. Mehrere Kapitelle liegen im Sand, eines wurde als Reibschale genutzt. Alt-Dongola finde ich sehr schön, von den Farben wie auch von der Atmosphäre her.
In Alt-Dongola verlassen wir den Nil und fahren 120 Kilometer querfeldein zum heiligen Berg Barkal, dem "Karnak Nubiens". Wie aus dem Nichts tauchen unterwegs leuchtend grüne Flecken auf - Wüstenkürbisse, wie wir feststellen. Wir finden auch versteinertes Holz, große und schöne Stücke. Als wir uns dem Nil wieder nähern, wird die Fahrt immer beschwerlicher: Steine, Sandfelder, Abbrüche, ein ständiges Auf und Ab. Unweit des Flusses kommt dann der Gebel Barkal in Sicht, daneben erkennen wir acht kleine, spitze Pyramiden, sehr hübsch anzusehen. Gerd würde am liebsten zwischen ihnen zelten, aber ein Wächter taucht auf und schickt uns ein Stückchen weiter. Da die Pyramiden den Stil Meroes zeigen - drei Grabkammern, abgesetzte Kanten - stammen sie wahrscheinlich aus meroitischer Zeit. Warum sie wohl hier errichtet wurden?
Am nächsten Morgen steigen wir den Gebel Barkal hinauf. Er liegt auf Höhe des vierten Katarakts und ist ein 100 Meter hohes Sandsteinmassiv. Der Blick vom Gipfel ist herr-lich: Nil, Dörfer, Felder, ganz unten und winzig die acht Pyramiden. Zum Nil hin erblickt man den Amun-Tempel, der unter Ramses II. entstand und nach Karnak der zweitlängste Tempel ist. An der südostlichen Ecke des Berges ist ein Fels abgespalten, ob er bearbeitet wurde, vielleicht sollte aus ihm eine Taharqua-Säule entstehen (s. Foto links oben)? Am Fuß des Felsens stehen zwei Hathorsäulen, die Taharqua-Säulen genannt werden und ursprünglich den Eingang zum Tempel bildeten (s. Foto Mitte). In ihrer Nähe befindet sich auch ein Grab mit einer zwar stark verwitterten, aber schönen Statue des Gottes Bes davor. Im Grab sind Farbreste zu sehen; wir erkennen eine Figur, die Sternendecke und die geflügelte Sonne über dem Eingang. Im Amun-Tempel stehen noch eine Säule und sechs Widder der ursprünglichen, zum Nil hin führenden Allee. Ein großer Granitblock weist Gravuren auf. Durch die Nähe des Flusses gibt es viele Vögel, wir erkennen Schmutzgeier, Rot-Milan, Reiher und Segler.
El Kurru heißt unser nächstes Ziel, es liegt acht Kilometer südlich vom Gebel Barkal. Die Straße, steinig und staubig, verläuft parallel zum Nil, vorbei an hässlichen Häusern. Auf der dem Nil zugewandten Seite befinden sich ein altes Minarett und ein Friedhof mit hübschen Gubbas. El Kurru ist die älteste Totenstadt Kuschs, erstanden ist sie um 860 vor Christus. Fünf von den sechs Königen, die damals über Ägypten herrschten, sind hier begraben. Einst standen hier auch Pyramiden, man konnte in Kurru gar die Entwicklung der Pyramiden beobachten: vom Grabhügel über die Mastaba bis hin zur von Ost nach West ausgerichteten Grabanlage mit einer Pyramide darüber, die aber kleiner, spitzer und glatter als in Ägypten war. Östlich wurde eine Kapelle vorgebaut. Könige bekamen zwei Grabkammern, die Königinnen nur eine. Heute ist der Friedhof ein Trümmerfeld. Wir steigen tief in zwei Gräber hinab. Das erste ähnelt den Gräbern in Ägypten, im zweiten Grab, dem Grab des Tawetamani, finden wir eine sehr schön dargestellte Szene der Mundöffnung, den König mit zwei Göttern (vom Eingang rechts, s. Foto rechts) sowie auf der linken Seite eine Darstellung des Toten im Sarkophag. In Kurru befanden sich auch 24 Pferdegräber; die Tiere wurden stehend begraben, mit dem Kopf nach Süden.
Wir besichtigen ein noch größeres Pyramidenfeld auf einem Wüstenplateau: In Nuri am westlichen Nilufer sind 19 Könige und 53 Königinnen begraben. Von Karima setzen wir zunächst nach Merowe über, die Fähren ähneln sich. In Merowe gehen wir auf den Markt und füllen unsere Wasserkanister. Farbenfroh und lustig finde ich die Drei-Rad-Taxen, die es hier gibt. Mit dem Fotografieren muss ich hier aber vorsichtig sein, man hat es nicht gern. Nach Rast in einem Orangenhain außerhalb der Stadt fahren wir nach Nuri, ausnahmsweise auf Asphalt, denn dort am vierten Katarakt wird ein Staudamm gebaut. In Nuri stehen viele gestufte Pyramiden, doch sind sie stark verwittert. Auch die Taharqua-Pyramide ist nur noch ein Steinhaufen, dabei war sie einmal das größte Bauwerk Kuschs! Ein Wärter erscheint mit einem Polizisten im Schlepptau. Nun bekommen wir Probleme, denn wir haben keine Genehmigung für den Besuch Nuris. Nach langem Hin und Her geben wir ihnen die Erlaubnis für Naga - und sie sind zufrieden Wir fahren die Asphalt-straße in Richtung Staudamm, der von Chinesen gebaut wird. Ein unwegsames Gelände, überall treffen wir auf Ausläufer des Katarakts und auf Bauschutt, trotzdem zelten wir mittendrin.
Am Morgen erblicken Gerd und Günter das Kreuz des Südens. Weil der Mond nicht mehr so hell scheint, ist es gut zu erkennen. So weit südlich sind wir bereits vorgedrun-gen! Wir müssen zurück nach Merowe. Gerd biegt aber kurz vor dem Ort nach links ab, in zunächst unwegsames Gelände. Aber dann haben wir Glück und finden eine Piste. Nachdem wir weitere Kataraktausläufer passiert haben, kommen wir in ein breites Wadi mit Akazien, Palmen und Mauerresten. Dann stoßen wir auf ein altes Kloster und eine Kirche, mit einer kleinen Arena, Rundbogen und einem Taufbecken. Weiter fahren wir wieder kurz durch Berge hindurch und kommen in eine Riesenarena, fast rund und eben, mit Akazien, grauen und grünen Büschen und Kamelen. Umgeben ist diese Arena von schönen Bergketten. Eine dieser Bergketten überqueren wir und befinden uns erneut in einer Arena, genau so schön und weit ist wie die zuvor. Nur gibt es hier noch eine Was-serstelle, an der gerade Hochbetrieb herrscht: Kamele, Ziegen, Esel, Menschen - alle ver-sorgen sich mit Wasser. Die Kamele, es sind auch weiße darunter, haben richtige Lehmschüsseln, in die das Wasser geschüttet wird. Auf der Weiterfahrt wechseln sich Berge mit weiten Flächen ab. 283 Kilometer sind es durch die Bayuda-Wüste von Merowe nach Atbara.
100 Kilometer vor Atbara zelten wir. Eine weite Ebene, nur ein Hügelchen,
ein Strauch und weit rechts eine Bergkette - sonst nichts. Wir haben den 18.
Breitengrad erreicht. Donnerstagmorgen geht es gleich weiter, durch eine Weite
und Öde, die erst kurz vor Atbara endet, als wir in ein weites Wadi kommen.
Ein Beduine nähert sich uns und möchte Wasser. Wir geben es ihm gern
- mit einigen Zugaben, so dass er glücklich da-von zieht. Kurz vor dem
Ziel versperrt uns ein Bahndamm den Weg. Wird die Strecke gebaut oder abgerissen?
Wir können es nicht ausmachen. Kurz entschlossen räumen wir ein paar
Schwellen aus dem Weg und kommen hinüber. An der Fähre herrscht reger
Be-trieb. Viele Esel sind mit Grün beladen und müssen auf der Fähre
entladen und entschirrt werden. Alaa ist mit seinem Wagen von Eseln eingekeilt.
Während der Überfahrt sehe ich Krokodilwächter und einen Spornkibitz,
auf der Bayuda-Seite. Durch einen hässlichen, schmutzigen Ort geht es weiter
nach Shendi bzw. Meroe, in das Gebiet zwischen dem fünften und sechsten
Katarakt. Hier auf der staubigen, sandigen Piste sind wir mit Sicher-heit falsch,
denn es existiert auch eine Asphaltstraße. Gerd hält ein Auto an,
das uns auf den richtigen Weg führt. Kurz nach der Tollstation sehen wir
links die Pyramiden von Meroe. Wir sollen extra bezahlen, unsere Erlaubnis gilt
angeblich nur für den Besuch der Königsstadt! Was bleibt uns anderes
übrig? Unweit der Pyramiden zelten wir. Während es die anderen gleich
zu den Pyramiden zieht, steige ich auf den Berg und genieße die herrliche
Aussicht auf Nord- und Südfriedhof, auf Sand, Dünen und schwarze Steine
im Vorder- und Berge im Hintergrund.
Am folgenden Freitag liegt ein langer Tag vor uns: Meroe, Musawwarat es Sufra
und Naga gilt es zu bewältigen. Eigentlich bräuchte man für die
ganze Fahrt, wie wir sie ma-chen, zwei bis drei Tage länger
Zu der
Anlage in Meroe gehören die Königsstadt mit Amun-Tempel, östlich
der Löwen- und der Sonnentempel und hinter einer Geröllebene im Osten
ein aus drei Teilen bestehender Friedhof. Es ist die größte Pyramidenansamm-lung
überhaupt: Wir gehen zunächst zum Nordfriedhof, dem "Vornehmen",
denn alle 44 Pyramiden gehörten Kronprinzen oder Königen. Der Italiener
Ferlini begann 1834, die Pyramiden niederzureißen, um an die Schätze
zu kommen. Als Frédéric Cailliand 1822 nach Meroe kam, standen
noch alle. 1842 besuchte Lepius Meroe und riet Berlin, einen Teil der von Ferlini
geraubten Schätze zu erwerben, den anderen Teil hatte man vorher für
die königliche, bayrische Kunstsammlung erworben. In Meroe ist heute vieles
restauriert, die glatten, spitzen Pyramiden sind neu errichtet, die alten sind
halt etwas verwittert.. Die Pyramiden von Meroe wurden mit dem Shadduf erbaut,
in der Mitte fand man einen Holzpfahl. Diese Bauweise erklärt sowohl den
starken Neigungswinkel von 65 bis 73 Grad bei einer Höhe von 30 Metern
als auch den Umstand, und dass den Pyramiden die Spitze fehlt. Unter der Pyramide
lagen die Grabkammern, meistens waren es drei, die Pyramide selbst war lediglich
ein Denkmal. Im Osten war ihr eine reich geschmückte Kapelle vorgebaut.
Wir stampfen von einer Pyramide zur anderen - ein Spielbrett, Steine mit einem
Relief wurden neu verbaut. In den Kapellen, die geöffnet haben, finden
wir Reliefs, die etwas eigenständisch Nubisches aufzeigen: der Schmuck
der Königinnen, die Ochsen mit ihren dicken Seilen. Bis zur letzten Pyramide
des Nordfriedhofs laufen wir und dann hinüber zum Südfriedhof. Immer
wieder genießen wir schöne Ausblicke his hinunter in die Ebene im
Westen und über die Dünen zu Pyramiden und Bergen. Der Südfriedhof
ist der älteste, er bot lediglich Platz für zwei Generationen, während
der Nordfriedhof 600 Jahre als Begräbnisstätte diente. Und dann gibt
es noch den Westfriedhof für ärmere und weniger bedeutende Leute,
zu dem wir als nächstes fahren. Die Pyramiden dort sind größtenteils
zerfallen, lediglich Stümpfe und eine einzige gut erhaltene Pyramide stehen
noch. Aber in der Ferne sieht man die anderen Pyramiden! Hinter der Pipeline
liegt dann der Sonnentempel auf einem Hügel, eine breite Rampe führt
zu ihm hinauf. Leider hat er geschlossen, es ist auch kein Wächter zu sehen.
Beduinenkinder nähern sich uns und beobachten uns neugierig.
Als letztes fahren wir zur Königsstadt, die gleich hinter der Bahn liegt. Ein riesiges Ge-lände, auf dem aber nicht mehr viel steht. Wir betreten den Amun-Tempel, in dem wir zwei bis drei Widder, Mauerreste, Säulenstümpfe und eine ganze Säule betrachten. Ur-sprünglich war es ein großer Tempel, rund 100 Meter lang. Meroe war das Birmingham Nubiens: Südlich des Atbara-Flusses fand man Eisenerz, das hier verarbeitet wurde. Viele Akazien stehen auf dem Gelände, zwischen Schlackenhalden finden wir Eisenstücke und Tonröhren, mit denen beim Brennen Luft zugeführt wurde. Auch in der Königsstadt müs-sen wir wieder um die Eintrittsgenehmigung ringen, denn unsere sind lediglich hand-schriftlich, verlangt werden aber Formulare!
Zurück auf die Teerstraße. Es sind siebzig Kilometer bis zur Abzweigung
nach Musawwarat es Sufra und dann noch dreißig Kilometer Piste. Letztere
erweist sich als sehr staubig, wir erkennnen aber Akazien und schöne, einzeln
stehende Berge. Wir kommen an der Abfahrt nach Naga vorbei, das wir später
anschauen wollen. Erst steht Musawwarat es Sufra auf unseren Programm, genauer
die große Anlage und der Löwen-tempel. Zunächst eilen wir mit
dem Auto zum Löwentempel, errichtet zwischen 250 und 200 vor Christus zu
Ehren des Löwengottes Apedemak und ehrenamtlich restauriert von der Ostberliner
Universität. Der recht kleine und unscheinbare Tempel besteht aus einer
länglichen Halle, die man durch ein Pylontor betritt. Außen befindet
sich eine Abbildung des Gottes Apedemak, der Leben spenden soll. Im Tempel betrachten
wir den Thron für das Götterbild und dahinter das Relief von zwei
großen Elefanten. Darunter ist ein Fries mit kleinen Elefanten und auf
der Seitenwand der Hauptgott mit Pfeil und Bogen und einem Löwen.dargestellt.
Hinter dem Tempel befindet sich ein Hafir, ein Wasserbehälter, mit einem
Durchmesser bis zu dreihundert Metern und einer Tiefe von sechs Metern. Die
große Anlage, die wir anschließend besichtigen, besteht aus einem
Gewirr an großen Steingebäuden. Von ihrer Größe her sucht
sie ihresgleichen in Ägypten und im Sudan. In ihrem Kern erhebt sich ein
Tempel, von dem noch recht viele Säulen erhalten sind. Am Ende einer Mauer
steht ein steinerner Elefant, den ich mir aber imposanter vorgestellt hatte
(s. Fotos oben). Seltsame Rampen erregen unsere Aufmerksamkeit: Ob man auf ihnen
Elefanten hinauf gebracht hat? Auf alle Fälle spielte der Elefant hier
eine wichtige Rolle!
Wir fahren zurück bis zur Abzweigung nach Naga und rund acht Kilometer
weiter quer-feldein, durch trockenes Terrain mit Akazien und Beduinen, das mich
an Namibia erin-nert. In Naga angekommen stoßen wir zuerst auf eine etwas
erhöht gelegene Wasserstel-le. Geschöpft wird das Wasser mit Bälgen
und mit Hilfe eines Kamels, das zieht. Die Einheimischen sind zunächst
abweisend, aber nachdem wir sie mit Zigaretten und Tablet-ten besänftigt
haben, dürfen wir auch fotografieren. Eine alte Frau mit nur zwei Zähnen
im Mund freut sich ganz besonders über die Zigarette. In langer Reihe kommen
die Tiere - vor allem Schafe, Ziegen und ein prächtiger schwarz-weißer
Bulle, zum Trinken; alle drei Tage gibt es Wasser. Ein stattlicher älterer
Herr scheint hier der "Wassermeister" zu sein, er hat die Aufsicht
über das kostbare Nass.
Mit dem römischen Kiosk besichtigen wir das best erhaltene Gebäude aus meroitischer Zeit. Er passt hervorragend in seine Umgebung. Den daneben gelegenen Löwentempel bildet wieder eine einräumige Halle mit Pylontor; am Pylon befindet sich seitlich eine löwenköpfige Schlange. Außerdem Apedemak mit vier Armen und dargestellt aus drei Perspektiven, zwischen dem Königspaar Natakamani und Amanitere aus spätmeroitischer Zeit. Vorn am Pylon wird gezeigt, wie ein Löwe Gefangene frisst und das Königspaar Gefangene erschlägt. Die Frauenfigur erinnert mich an die Königin von Punt im Deir el Bahari (Hatschepsut-Tempel). Als letztes steht an diesem Tag der Amun-Tempel auf dem Programm. Eine herrliche Widderallee führt hinauf. Am schönsten ist ein Widder, der ganz allein steht. Am Pylon und auch an einer seitlichen Säule ist die geflügelte Sonne abgebildet. Die Säulen sind malerisch, vor allem jetzt im Abendlicht. Rechts vom Tempel finden wir am Berg einen herrlichen Zeltplatz. Ein Uhu ruft die ganze Nacht, wir können ihn auch hoch oben auf den Felsen sehen.
Es ist Samstag, der 20. Dezember. Unser letzter Urlaubstag. Morgens bekommen wir Besuch: Eine ganze Reihe Kinder sitzt in einiger Entfernung und arbeitet sich dann lang-sam näher an uns heran. Aber das von uns zubereitete Fladenbrot mit Marmelade ver-schmähen sie - was der Bauer nicht kennt! Bescheiden nehmen sie lediglich einige Nüsse und Kekse an. Wir passieren noch einmal den Amun-Tempel und die Wasserstelle, beide sehen im Morgenlicht besonders schön aus. An Beduinenunterkünften vorbei geht es auf die Piste nach Musawwarat es Sufra und dann zurück auf die Asphaltstraße. Nun bleiben noch 180 Kilometer bis Khartum. Die Gegend ist flach und kahl, einzelne schöne Berge sorgen für ein wenig Abwechselung. Dann tauchen Granithaufen auf, es sind die letzten Restberge. Wir kommen dem Nil näher, durchqueren die ersten etwas größeren Orte mit Autos, Reparaturwerkstätten und Marktständen. Je näher wir der Stadt kommen, desto voller und hässlicher wird es. Man sieht kaum Hochhäuser, aber die Sudanesen scheinen Farben zu lieben. Die Taxen sind orange. Es herrscht viel Verkehr. Wir fahren über den Nil, leider versperrt uns ein Geländer die Sicht, Fotografieren ist sowieso verboten. Gerd ist ganz unglücklich, dass er den Zusammenfluss von Weißem und Blauen Nil nicht auf-nehmen kann. Unser Ziel ist der Deutsche Club, wo wir auch übernachten werden, eine Oase in Khartum. Auch wenn nicht alles so ist, wie ich es mir vorgestellt habe, so genie-ße ich doch erst einmal die Dusche. Nach dem Essen im Garten des Clubs fahren wir zum Nationalmuseum. Ob es wirklich geschlossen hat, wie uns eine Reisegruppe aus Khartum bereits in Musawwarat es Sufra berichtet hatte? Ja, es stimmt. Aber was ich von außen sehe, sieht alles so ungepflegt aus, dass ich gar nicht mehr traurig bin. So laufen wir am Nil entlang, vorbei an ehemaligen, jetzt geschlossenen Restaurants, schaffen es aber auch auf diesem Wege nicht, bis zum Zusammenfluss der beiden Nilarme vorzudringen.
Auf der Fahrt nach Omdurman zum Grabmal des Mahdi kommen wir an einer hübschen neuen und großen Moschee vorbei. Dieser Mahdi führte Ende des 19. Jahrhunderts den Aufstand gegen die Engländer und wurde von Lord Kitchener nördlich von Khartum geschlagen. Das Grabmal ist nett anzuschauen, es hat einen Goldturm mit spitzer Kuppel und kleineren Kuppeln an den Ecken. Daneben befindet sich eine Moschee mit hohen Minaretten aus rotem Backstein. Dann fahren wir zum Basar, wo mir das Bummeln und Gucken viel Spaß machen. Nachdem ich hier und da etwas probiert habe, kaufe ich Karkadeh-Tee und Rosinen. In einem Garten in Nilnähe treffen wir uns schließlich zum Abschiedsessen. Zurück im Hotel bleiben nach dem Kofferpacken gerade noch drei Stunden, bis wir wieder aufstehen müssen, denn nachts um halb vier Uhr geht es zum Flughafen. Trotz des dortigen Gedränges haben wir weniger Schwierigkeiten als erwartet, auch nicht am Zoll, so dass wir am nächsten Morgen mit nur einer Stunde Verspätung gegen 11 Uhr in Kairo landen.
14 interessante Tage im Sudan liegen hinter uns. 1582 Kilometer haben wir zwischen Wadi Halfa und Khartum mit unseren Fahrzeugen zurückgelegt, lediglich 300 davon auf asphaltierten Straßen. Wahrlich keine Erholungsreise, aber eine sehr interessante Tour, die ich weiter empfehlen kann.