Überall zu Hause
von Claudia Péan
Als junge Frau wagte Schwester Juliane Baldinger aus Grieskirchen/Oberösterreich den Aufbruch ins Ungewisse: Mit der Bibel im Rucksack trampte sie durch die halbe Welt und fand just in Jerusalem den Schlüssel für ihr künftiges Leben.
Es war bei einem "Coffee-morning", als ich das erste Mal auf Schwester Juliane aufmerksam geworden bin. Ich blätterte durch eine Zeitschrift die auf dem Tisch lag und stieß dabei auf einen Artikel von Wolfgang Engelmaier, der Zeitschrift "Alle Welt", der mich sofort fesselte. Nicht dass Sie glauben, dass wir bei dem "Coffee Morning" nichts zu plaudern hätten, aber die Zeitschrift stach mir sofort ins Auge. Dieser spannend er-ählte Artikel über eine Frau, die sich ihr Leben auf eine so wundervolle Weise erfüllt, hat mich einfach fasziniert. Schwester Juliane widmet ihr Leben Kindern, die zwar bei ihren Familien aufwachsen, aber von ihr tagsüber in einem ihrer Kindergärten zusätzlich betreut werden.
Mit enormer Hingabe und viel Geduld kümmert sie sich nicht nur um die gesund geborenene Kinder, sondern auch um jene Kinder, die behindert auf die Welt gekommen sind. Für diese Kinder hat sie vor kurzem einen besonderen Kindergarten in Berba eröffnet. In diesem kleinen Ort in der Wüste wird sie geliebt und geachtet.
Leider hatte ich nur kurz die Gelegenheit, mich mit Schwester Juliane zu unterhalten. Es war an einem für Kairo schon frühlingshaften Tag im März.
Die Gattin des österreichischen Botschafters, Frau Meg Trauttmansdorff hatte Schwester Juliane mit "ihren" Kindern in die Residenz nach Kairo eingeladen. Die kleinen "Wüstenbewohner" wollten einen Ausflug in den Zoo machen. Frau Trauttmansdorff hat in ihrem wunderschön angelegten Garten in "Garden City" die Kinder nach der langen Autobusfahrt mit leckerem Kuchen, belegten Broten und kühlem Saft bewirtet. Schwester Juliane stieg aus dem Autobus, - gefolgt von der brüllenden Kinderschar. Zu lange hatten die süßen "Fratzen" schon im Bus gesessen.
Endlich konnten sie die Beine ausstrecken und in den Garten laufen. Gefolgt von einigen großen " Heinzelmännchen" machten sich die Kinder aus Berba mit einem Lachen und einer Glückseligkeit in ihren Gesichtern über die Leckereien her. Mit Heinzelmännchen meine ich natürlich die fleißigen erwachsenen Helfer, die sich wie Schwester Juliane rührend um die Kinder kümmern und ihr zur Seite stehen. Mir tat es in der Seele gut mit anzusehen, wie glücklich Kinder sein können, die wenig, oder fast gar nichts haben.
Nun möchte ich Ihnen, liebe Leser, den packenden Bericht von Herrn Engelmaier
nicht länger vorenthalten. Viel Spaß beim Lesen!
Mit 24 Jahren saß Schwester Juliane Baldinger in Kitzbühel vor der
Franziskanerkirche und machte Gott einen Vorschlag: Sie würde wie Abraham
ins Ungewisse aufbrechen - ihr schwebte eine Weltreise vor mit der Bibel im
Rucksack - "und Du", sprach sie zum Herrn, "Du sollst mir zeigen,
was Du vorhast mit mir!" Damals arbeitete sie als Kellne-rin in einem Hotel
und wusste nicht recht, sollte sie sich verloben mit einem Arbeitskollegen und
"viele Kinder bekommen, mindestens zehn", oder sollte sie einen Weg
gehen, der ihr schon von Kindestagen an sympathisch erschienen war: ein Leben
als Ordensfrau.
Sie sparte zwei Jahre, dann brach sie auf. Von Wien mit dem Zug nach Jugoslawien,
wei-ter nach Griechenland und mit dem Schiff nach Zypern. Dort lernte sie junge
Leute aus Israel kennen, die sie in ihren Kibbuz einluden, ein Dorf mitten in
der Wüste, von dem Sr. Juliane noch in Erinnerung hat, dass es dort regnete
und ziemlich kalt war. Weihnachten verbrachte sie in Bethlehem und feierte Ostern
in Jerusalem; dort entschied sich ihr künftiges Leben: Denn eines Tages
klopfte sie an die Tür der Herberge der Sion-Schwestern - jener Orden,
dem sie sich wenig später für immer anschloss. Eigentlich hätte
sie ihre Reise noch nach Indien führen sollte, aber sie hatte ihr Ziel
schon erreicht.
Als Postulantin kümmerte sie sich in einem Kinderheim um Babys, die von ihren Müttern ausgesetzt worden waren, und gelangte über Frankfurt, wo sie eine theologische Ausbildung absolvierte, und Kairo, wo sie Arabisch lernte, nach Berba - ein kleiner Ort in Mittelägypten; hier, zwischen üppig bewässerten Feldern am Rande der Wüste, Ochsenkarren und kleinen Cafés, vor denen die Männer ihre Wasserpfeifen paffen, befindet sich die Zentrale ihres Ordens für die gesamte Mittelmeer-Provinz.
Die Sion-Schwestern unterhalten in Berba eine kleine Klinik, für die Schwester Juliane die Verantwortung trägt; dabei kommt ihr eine Krankenschwester-Ausbildung zustatten, die sie als junge Frau einmal gemacht hat. Am häufigsten leiden die Leute an Entzündungen der Augen und der Haut - eine Folge des vielen Staubs in der Luft. Viele Frauen kommen mit schweren Verbrennungen in die Ambulanz, weil ihr kleiner Kerosin-Kocher umgefallen ist und die Kleider Feuer gefangen haben.
Schwester Juliane pflegt die Frauen gesund und hilft ihnen mit Kleinkrediten, damit sie sich einen stabilen Ofen kaufen können; andere verwenden das geborgte Geld für die Anschaffung einer Nähmaschine, eröffnen einen kleinen Laden oder starten eine Hühnerzucht. Vielen gelang es mit dieser Starthilfe von rund hundert Euro, die binnen zwei Jahren zurückbezahlt werden, ihr Leben entscheidend zu verbessern. Dabei helfen auch die Alphabetisierungs- und Haushaltskurse für junge Frauen, die Sr. Juliane abends im Or-denshaus anbietet; an den Vormittagen begrüßt sie die behinderten Kinder der Gegend, für die sie einen Kindergarten eingerichtet hat, und wann immer ihr Zeit bleibt, pflegt sie den Garten, den sie am Ortsrand angelegt hat: Das großzügige Areal lockt mit Schatten spendenden Bäumen, duftenden Sträuchern, Schaukeln, einem Grillplatz und sogar einem kleinen Karussell - Schulklassen und Familien aus der nahe gelegenen Millionenstadt Minya sind daher gerne hier zu Gast.
Heimweh nach Österreich hat Sr. Juliane selten, außerdem kommt sie jedes Jahr einmal nach Hause nach Grieskirchen im Hausruckviertel, um bei ihrer betagten Mutter zu sein. Ihr Vater starb bald nach dem Krieg, da war sie gerade drei Jahre alt. Als Kind hat sie viel Zeit auf den Feldern ihrer Eltern verbracht, mit fünf konnte sie Traktor fahren. Die Bauern, sagt sie, seien einander weltweit sehr ähnlich: "Ob in Österreich oder in Ägypten, sie haben dieselben Sorgen und Anliegen - was sie anbauen sollen, ob ihnen Gott ein gutes Wetter schickt, wie sich die Preise entwickeln"; und noch etwas verbinde sie: "Dass sie sich gegenseitig helfen auf dem Land, wenn Not am Mann ist und ein paar kräftige Arme gebraucht werden."
Ein Erbe ihrer Kindheit am Bauernhof ist Sr. Julianes Liebe zu Tieren; derzeit profitiert davon eine kleine rote Katze, die ihr am letzten Ostersonntag zugelaufen ist. Eine neue Leidenschaft hat sie erst in Ägypten entdeckt: das Surfen im Internet. "Das mit den E-mails ist super, das ist, wie wenn man Tür an Tür sitzen würde", lobt sie die moderne Nachrichten-Technik.
Über die Internet-Ausgaben der österreichischen Zeitungen hält sie sich am Laufenden über die Ereignisse daheim - schaut nach, ob wir noch eine Regierung haben und wer die WM-Abfahrt gewonnen hat oder wie die Fußball-Nationalmannschaft gespielt hat; immer wenn Österreich antritt, fiebern die Leute im Dorf mit: "Meistens verlieren wir halt", bedauert die Schwester, "aber da kann man nur sagen malesch, Schwamm drüber, oder insch´allah, so Gott will, gewinnen wir das nächste Mal!"
"Heimat", mit diesem Begriff verbindet sie vor allem eines: Sicherheit - "Ein Ort, wohin ich jederzeit zurück kann, wo ich einen Pass habe, wo man mich versteht"; aber auch in Berba ist sie schon ganz zu Hause. Sie weiß, wie der Hase läuft, wie man Dinge einfädelt, "das ist ja in arabischen Ländern noch komplizierter als bei uns!" Und sie liebt die Menschen in Berba, vor allem die Kinder: " Die wollen lachen, spielen und etwas lernen, genau wie bei uns; deswegen kann man sich überall, wo man lang genug ist, zu Hause fühlen!"
Wolfgang Engelmaier