Einkaufen für einen guten Zweck: Das Egypt Crafts Center

von Michaela Grom

Wenn die Sommerferien sich ankündigen, der Jahresurlaub in heimatlichen Gefilden näher rückt, schwärmen wie immer viele aus, um nach einem Mitbringsel für Freun-de und Familie zu suchen. Schön soll es sein, landestypisch, möglichst auch mit einem gewissen Gebrauchswert. Während sich die einen ins Getümmel des Khan el-Khalili stürzen, bevorzugen die anderen den kleinen Geschenkeladen um die Ecke. Aber warum nicht auch einmal einkaufen für einen guten Zweck, mit der Gewissheit, dass das Geld tatsächlich den Menschen zugute kommt, die darauf angewiesen sind? Für diese Idee stehen so genannte "Non-Profit-Organisationen", die sich dem Konzept des fairen Handels verpflichtet haben. Ein Beispiel ist das Egypt Crafts Center, kurz
ECC. - Papyrus hat in einer früheren Ausgabe schon darüber berichtet. Inzwischen hat sich vieles verändert im Center, vor allem hat es seinen Wirkungsbereich stark ausgeweitet. Michaela Grom hat sich im ECC umgesehen:

Ein sonniger Vormittag in Zamalek; die kleine Yahya-Ibrahim-Straße liegt noch ruhig und ein wenig verschlafen da. Die Farben wie immer: Straßenstaubgrau, Braun, ein wenig Gummibaumgrün. Wer hier im Haus Nummer 27 ins erste Stockwerk hinaufsteigt und die Türe gleich rechts öffnet, hat das Gefühl, eine andere Welt zu betreten - plötzlich sind da Farben: Kühnes Rot, leuchtendes Orangegelb, schillerndes Blaugrün. Der Blick fällt auf beduinische Stickereien vom Sinai, Webarbeiten aus Oberägypten, Töpferwaren aus dem Fayoum. Vielfältige Muster und Formen wetteifern um Aufmerksamkeit. Willkommen im "Egypt Crafts Center".

An der Wand gleich neben dem Eingang hängt ein großer Kelim, die bestechend schönen Muster und angenehm gealterten Farben machen ihn zu einer richtigen Augenweide. Daneben ist ein Schild angebracht: "Dieser Kelim ist NICHT zu verkaufen!" - Die energische Aussage irritiert. Soll hier nun etwas verkauft werden oder nicht? - "Dieser Kelim hat eine besondere Geschichte", erzählt Mona El-Sayed, die Managerin des Egypt Crafts Center. "Es ist ein altes und originales Stück. Eine der Weberinnen der von uns betreuten Gruppe in Mersa Matrouh brachte ihn zu uns, denn sie wollte ihn gerne verkaufen. Wir aber möchten die Frauen unserer Kelim-Gruppe ermutigen, solche Dinge wieder herzustellen; sie sollen nicht ihre eigenen Gebrauchsgegenstände hergeben. Einige Kunden waren schon sehr interessiert an dem Stück, sie würden wohl auch einen sehr guten Preis dafür bezahlen. - Aber darum geht es uns nicht. Natürlich: Die Weberin könnte den Kelim jetzt verkaufen. Sie bekäme Geld dafür, möglicherweise sogar sehr viel. Aber was wäre dann? Es wäre eben auch ein Stück ihrer Einrichtung weg, ein Stück ihrer Umgebung. Und es wäre wieder ein traditionelles Muster verloren."

Diese Geschichte steht beispielhaft für die Gratwanderung, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Egypt Crafts Center ständig zu absolvieren haben. "Wir wollen die Menschen ermutigen, Dinge herzustellen, die sie verkaufen können - aber eben nicht einfach irgendwelche Dinge. Wir wollen dazu anregen, eine Wertschätzung der eigenen Arbeit und der eigenen Tradition zu entwickeln. Viele unserer "Produzenten" denken, dass die Sachen, die sie täglich benutzen, wertlos sind, dass Handgemachtes weniger erstrebenswert und "schön" ist als zum Beispiel etwas aus Plastik. Sie kommen gar nicht auf die Idee, dass die traditionell hergestellten Gegenstände eine ganz eigene Schönheit besitzen können..."

Egypt Crafts wurde 1980 mit Unterstützung des italienischen Außenministeriums ins Leben gerufen als Teil der "Marketing Link"-Gruppe, die mit etlichen "community associations" und Kooperativen in Ägypten arbeitet. Ziel war es, den Herstellern handgefertigter, traditioneller Waren einen besseren Zugang zum Markt zu verschaffen und zwar direkt, ohne Einschaltung von Groß- oder Zwischenhändlern, und mit festgelegten, fairen Preisen. Später, als dann mehr und mehr Waren produziert wurden, hat sich das Egypt Crafts Center abgekoppelt und steht inzwischen mit eigener Handels- und Entwicklungseinheit zumindest formal auf eigenen Füßen. Noch kann nicht kostendeckend gearbeitet werden, bis Ende 2006 werden unterstützend Gelder aus einem Entwicklungsfonds fließen.

Neun Vollzeitkräfte sind für das ECC tätig, wobei die Arbeit unmöglich zu bewältigen wäre ohne die zahlreichen Verbindungsleute im Land, die mit den inzwischen 33 Produktionsgruppen in Kontakt stehen. Schätzungsweise 2000 Menschen in ganz Ägypten arbeiten inzwischen mit dem Egypt Crafts Center zusammen; 80 Prozent davon sind Frauen. Für sie ist die Arbeit besonders wichtig, denn sie haben kaum andere Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Die Arbeit für Egypt Crafts ermöglicht ihnen, in ihrer gewohnten Umgebung zu arbeiten und darüber hinaus mit dieser Tätigkeit überlieferte kunsthandwerkliche Traditionen am Leben zu erhalten. Mit diesem Synergie-Effekt kalkuliert das Center.

Die Leute vom ECC sind immer weiter auf der Suche nach möglichen Projekten, nach Gruppen in ökonomisch benachteiligten Gebieten, um dort die Menschen anzuregen. Große Gruppen gibt es in Mersa Matrouh, wo Kelims hergestellt werden, und in el Arish auf dem Sinai. Hier sind es vor allem Beduinenfrauen, die traditionelle Stickereien anfertigen, "wobei wir von ECC darauf achten, dass die hergestellten Artikel auch einen gewissen Nutzwert haben", erklärt Mona. "Die wenigsten Leute möchten schöne Stickereien nur im Schrank lagern - aber wenn eine Tasche, ein Kissenbezug oder auch ein Brillenetui liebevoll bestickt ist, dann hat man Schönheit und Nutzen zusammengebracht."

Manchmal bedarf es nicht nur guter Ideen, sondern auch einer gewissen Beharrlichkeit und Überzeugungskraft, um neue Gruppen zu gewinnen oder neue Ideen anzuregen. Eine neue Gruppe entsteht gerade in der Nähe von Marsa Alam. Da ECC in ständigem Kontakt mit zahlreichen anderen Hilfs- und Entwicklungsorganisationen steht, bekamen sie in diesem Fall einen Hinweis auf eine kleine community, die unter schlechtesten Bedingungen ihr Auskommen sucht. Bei mehreren Besuchen dort fiel eine Art von Gebrauchsgegenstand den ECC-Verbindungsleuten besonders auf: Die Frauen der community fertigen für ihren eigenen Gebrauch aus Palmblättern und Ziegenleder größere und kleinere Körbchen an - kaboutah genannt -, die wie kleine Hütten aussehen. Kaboutah sind normalerweise nur für den Hausgebrauch: In den großen wird ein tönernes Kaffeekännchen aufbewahrt, in den kleinen die dazugehörigen Tässchen. Eine praktische Sache für die Benutzer/innen - aber dass Menschen aus den Industrieländern derartig viel Gefallen an den "urigen" Objekten finden könnten, dass sie Geld dafür bezahlen, haben die Produzentinnen zunächst nicht glauben mögen.

"Es hat lange gedauert, bis wir die Frauen überzeugen konnten, dass es tatsächlich Abnehmer für solche kaboutah geben wird", erzählt Mona. "Die Frauen haben es für einen Scherz gehalten. Warum sollten Menschen, die sich Kannen und Tassen aus modernsten Materialien kaufen können, die sich Warmhaltekannen und Kaffeemaschinen kaufen können … warum sollten diese Menschen ausgerechnet Interesse an solchen einfachen Palmblattkörbchen haben? Also haben wir zunächst zwei ältere, gebrauchte Körbchen ausgestellt, die aber nicht zum Verkauf bestimmt waren. Nach kurzer Zeit hatten wir eini-ge Interessenten, potentielle Käufer. Da haben sich zwei der Frauen in Marsa Alam bereit erklärt, probeweise einmal solche kaboutah für uns anzufertigen. Die anderen Frauen hielten sich zurück, haben noch abgewartet. Sie haben zunächst nicht einmal mit uns gesprochen. Der Aufbau einer Vertrauensbasis braucht Zeit."

Inzwischen stehen einige der Körbchen, größere und kleinere, im Verkaufsraum des ECC. Sie haben tatsächlich einen besonderen Reiz: mit all den Unvorhersehbarkeiten in der Form, all den kleinen Unregelmäßigkeiten, die handgearbeiteten Dingen eigen sind - und die auf "Industrieländler" eine so große Anziehungskraft ausüben.

Das getöpferte und glasierte Geschirr aus dem Fayoum ist schon ein "Dauerbrenner" im La-den; ganz neu sind dagegen aparte Skulpturen aus Büffelhorn, die von einer Gruppe im Governorat Beheyra hergestellt werden. So etwas ist bislang selten in Kairo zu finden und die ersten Stücke haben sich gut verkauft - sogar das Rohmaterial findet Abnehmer, erzählt Mona. "Um zu zeigen, woraus diese Schnitzereien gemacht sind, haben wir zwei ganze Hörner daneben gelegt - ein poliertes und eines, das noch völlig unbearbeitet war. Und was ist passiert: Immer mehr Leute wollten ein solches "naturbelassenes" Büffelhorn kaufen!"

Bei der Herstellung der bestickten, gewebten, getöpferten oder geflochtenen Waren macht das Center zunächst keine Vorgaben. "Wir lassen die Leute so arbeiten, wie sie es wollen", sagt Mona. "Zumeist besorgen sie sich ihr Material selbst, entscheiden über Far-ben und Muster. Wir ändern nichts. Wir melden uns höchstens zu Wort, wenn aus dem Gefühl heraus, etwas ganz Besonderes herstellen zu wollen, die Dinge zu sehr "aufgepeppt" werden - wenn zum Beispiel plötzlich Federn oder bunte Pailletten auf bestickten Tüchern auftauchen, weil die Frauen meinen, dass nur so etwas Abnehmer findet…"

Wichtig ist den Mitarbeitern des ECC eine kontinuierliche Qualitätskontrolle. Mona zeigt mir ein Tuch, das so nicht in den Laden kommen wird. Die Fäden der Stickerei sind schlecht verwahrt und hängen herunter; die Ränder sind eher lieblos umgenäht. "Wir machen die Frauen auf solche Dinge aufmerksam", erzählt Mona. "Wenn sie ihre Waren sorgfältig herstellen, können sie einen guten Preis dafür bekommen. Unsere Kunden kaufen ja nicht aus Mitleid bei uns - es soll ihnen gefallen! Gleichzeitig hat es etwas mit Respekt zu tun, mit einer Wertschätzung der eigenen Arbeit. Wenn ich das, was ich mache, ernst nehme, werde ich versuchen, es möglichst gut zu machen. Wenn es gut gemacht ist und ich einen guten Preis dafür bekomme, wächst mein Selbstvertrauen, es wachsen die Ideen und die Lust weiterzuarbeiten. So dreht sich die Spirale nach oben. Bei denn rein kommerziell gemachten Dingen ist es umgekehrt: Die Produzenten bekommen wenig, oft müssen die ohnehin schon schlechten Preise noch nach unten korrigieren. Es sind viele Zwischenhändler da. Zuletzt wird die Ware zu einem hohen Preis verkauft - aber der, der sie hergestellt hat, musste sich mit ganz wenig zufrieden geben.

Er wird also in kurzer Zeit viel herstellen müssen und darunter leiden dann die Qualität und die Intensität der Arbeit".

Auch im Center selbst wird immer weiter nach Verbesserungsmöglichkeiten gesucht. Im Moment überlegen die Mitarbeiter, wie sie die Waren noch besser präsentieren können.

Wohin fällt der Blick eines Kunden, sobald er die Verkaufsräume betritt? Sind die Tonkrüge gut drapiert? Sollen noch mehr erklärenden Tafeln bei den angebotenen Produkten stehen - oder eher weniger? Vielleicht Fotos, die die Frauen bei der Arbeit zeigen, damit die Dinge nicht bezugslos daliegen? Die Website muss neu gestaltet werden! - Die Arbeit bei Egypt Crafts ist ein ständiges Pendeln zwischen guter Absicht und Professionalität.

Beim Hinausgehen fällt mein Blick wieder auf den alten Kelim. Wie ist das Dilemma denn eigentlich gelöst worden? Mona lächelt verschmitzt: "Wir haben uns auf einen Kompromiss geeinigt. Wir haben die Weberin ermutigt, nach dieser Vorlage einen neuen Kelim herzustellen. Der alte Kelim bleibt so lange hier, bis der neue fertig ist. Das wird sicher eine Weile dauern, denn dieses alte Muster ist sehr anspruchsvoll. Wer es gewebt hat, wird die Arbeit zu schätzen wissen, die darin steckt. Und die Weberin wird schließlich zwei sehr gute Stücke besitzen. Sie kann dann selbst entscheiden, welches der beiden sie verkaufen will …" Guter Wille erfordert oft viel Diplomatie.

Zu finden ist das Egypt Crafts Center in Zamalek
27, Yehya Ibrahim Str., 1. Stock, Apt. 8
Geöffnet täglich 9 - 20 Uhr, freitags 10 - 18 Uhr
Website: www.egyptcrafts.com

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