Eid Kebir - Impressionen vom Großen Fest

von Michaela Grom

Es ist kaum vorstellbar: Kairo kann ganz ruhig sein! Der tosende und lärmende Verkehr des Alltags ist dann auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Früh mor-gens, zum ersten Gebet, versammeln sich vor der benachbarten Moschee Tau-sende von Menschen. Ihr Beten und Singen ersetzt am Festtag die Hupen und Sirenen. Die Straßen, sonst brutal beherrscht von lärmenden Blechkolonnen, gehören jetzt - und nur jetzt - den Menschen. Wer doch noch mit dem Auto un-terwegs ist, muss langsam fahren oder sogar anhalten, wenn sich die Menge über die Fahrbahn drängt.

Dann das große Schlachten. Von unserer Wohnung aus können wir sehen, wie auf den benachbarten Dächern geschlachtet wird, ein Schaf, manchmal zwei, vielleicht sogar eine Kuh. Das "Opferritual" verläuft unspektakulär. Die Familie holt sich einige Plastikstühle aufs Dach, einen Tisch, auf dem der dargereichte Tee abgestellt werden kann. Die jungen Männer, manchmal auch Mädchen plaudern miteinander, während die Älteren dem Metzger zur Hand gehen, der mit ein, zwei geübten Schnitten das Schlachttier vom Leben in den Tod beför-dert und ausbluten lässt. Das Tier wird gehäutet und an Ort und Stelle zerlegt - ein Drittel für die Auftraggeber, ein Drittel für die Familie, ein Drittel für die Ar-men, so will es der Brauch. Auch die Schlachter bekommen etwas vom Fleisch. Später am Tag sieht man sie allein oder in Grüppchen durch die Straßen zie-hen und laut rufend ihre Dienste anpreisen - einen Hackklotz unterm Arm, Messer und Beil am Gürtel, in der Hand eine blutfleckige Tasche, gefüllt mit den Gaben ihrer Auftraggeber.

Wir gehen durch Darb el-Ahmar, eines der traditionelleren, einfachen Viertel. Hier wird vor dem Haus geschlachtet. Über die Sträßchen und kleinen Plätze rinnt das Blut, an einigen Straßenecken werden die Häute gestapelt. Inzwischen sind auch schon die Gerber unterwegs. Mit Hand- oder Eselskarren, manchmal mit Pickups fahren sie durch die Stadtviertel und sammeln die zottigen, blutigen Felle ein, um sie zu bearbeiten. Die Gerber haben ihren Standort hinter dem alten Aquädukt. Unter den Bogen des Bauwerks werden sich nach wenigen Tage die Häute meterhoch stapeln, ein schier unerträglicher Geruch liegt dann über dem Gerberviertel, verwesendes Fleisch, verbranntes Haar - wer neugierhalber anhält um zu schauen, wird sich bald eingestehen müssen, dass er hier eine physische Grenze erreicht.

Der Brauch, die Hände ins frische Blut eines Schlachttiers zu tauchen und damit Abdrücke auf Wänden, Türen, manchmal Autos zu hinterlassen, soll aus der Pharaonenzeit stammen. Den bluttriefenden Zeichen wird eine Schutzwirkung zugeschrieben. - Schutz ist wichtig, vor allem der Schutz vor dem "bösen Auge". Die Ansicht, dass einer, der vorgibt neugierig oder wohlmeinend zu sein, möglicherweise Böses im Schilde führt, ist weit verbreitet. So mancher schätzt es nicht, wenn man beim Schlachten zuschaut oder auch nur ein Kind anlächelt.

Andere sind ganz unbefangen. Zwei Metzger zeigen uns stolz die Köpfe, die sie gerade bearbeiten - einer gehörte zu einem Schaf, einer zu einem Kalb. Über-haupt hängen jetzt überall die Tierköpfe, wie Trophäen, bizarre Bezeugungen eines massenhaft vollzogenen Rituals. (Allerdings ist diese Symbolik hineinge-deutet von einer materiell sorglosen Europäerin. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen die Landeswährung rapide verfällt und die Preise in ungeahnte Höhen schnellen, wird alles, aber auch alles weiterverarbeitet. Die Köpfe des Schlachtviehs werden genauso verkauft und zubereitet wie die Füße, die Hufe. )

Den späteren Tag erfüllt das Lärmen der Kinder. Zum Fest haben sie neue Klei-der bekommen. Wenn sie Glück haben, gibt es in ihrem Viertel eine Art Jahr-markt. Vielleicht hat jemand ein altes, rostiges Metallgestell mit Schaukeln auf-gebaut, auf denen sie dann für ein paar Piaster hoch in den Himmel fliegen kön-nen. Oder jemand hat Pferde gebracht, auf denen man ein paar Minuten die Straße entlang reiten darf. Die größeren Jungen hoffen auf einen mietbaren Mo-torroller oder ein altes Moped. Da zeigen sie dann, was sie können - allein oder zu zweit, im halsbrecherischen Slalom und mit großem Getöse. Den nervösen Europäer führt all diese lärmende Lebensfreude mit schreienden Kindern, scheppernden Lautsprechern, knatternden Mopeds nah an den neuronalen Zusammenbruch. Geräusche, Gerüche, neugierige Blicke und Fragen fordern ein robus-tes Nervensystem und schier unendliches Vertrauen in die Menschheit.

Aber das Netz trägt; jeder lärmt für sich allein und im Verbund mit den Anderen und das ist auch schon alles. Im Zweifelsfall hilft als Sofortmaßnahme: eine stille Straße suchen, irgendeinen einen ruhigen Winkel, in dem nur ein paar Wasser-pfeife schmauchende Männer sitzen, wo ein Bäcker seine Waren feilbietet - knusprige simit-Kringel, mit geröstetem Sesam bestreut, oder frisches Dattelgebäck. Etwas davon knabbern, gar nicht erst hoffen, dass der Lärm abschwillt und in eigener Sache weiter unterwegs sein.

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