Kleine Kairoer Baumkunde

Teil 4: Was blüht im März und April?

von Dr. Lore Becker

Der dominierende Prachtbaum des März ist der Kamelshuf, Bauhinia variegata, unser Orchideenbaum, der seine Blütenpracht durch die weiß-lila-violett-Oktave variieren lässt und den zu betrachten eine Art Blütenrausch beim Beobachter erzeugt. Ein Blütentraum aus dem Fernen Osten, aus China und Indien! Dort soll es 200 Arten geben. Von den fünf verschieden geformten Blütenblättern ist das größte immer intensiver lila gefärbt und mit schmucken Strichen und Streifen dekoriert. Die später erscheinenden Laubblätter sind etwas starr und ähneln dem Abdruck eines Kamelhufs. Sie geben dem Baum seinen Namen auch im Arabischen: Houf al Gamal. Der lateinische Name "Bauhinia" jedoch gilt dem Andenken eines Schweizer Brüderpaares aus dem 16. Jahrhundert, dei beide engagierte Botaniker waren und Bauhin hießen. Lustig sind die überaus zahlreichen Hülsenfrüchte dieses Baumes, die beim Reifen trocknen, knackend aufspringen und ihre "Bohnen" herausschleudern.

Die Bäume, die im Frühjahr zuerst ausschlagen und durch ihr frisches Laub in die Augen springen, sind die Weide, die wir auch von Deutschland kennen, der Maulbeerbaum und der Sissobaum Dalbergia sisso aus Indien. Dieser Sissobaum ist ein rindengefurchter Alleebaum, der geschnitten und geköpft und malträtiert ohne die geringste Pflege immer wieder austreibt, sich behauptet und dankbarst gedeiht.

Jetzt im März/April rieseln seine winzigen als solche kaum erkennbaren Schmetterlingsblütchen wie Schnee zu Boden und man muss schon die Brille aufsetzen, um die Blütenteile zu erkennen. Die sonst so stolze Fahne einer Schmetterlingsblüte ist hier auf Millimetergröße reduziert. Doch kompensiert das so helllichte Grün der jungen Blätter jede Show-Wirkung anderer Blütenteile. Einen ärgerlichen Schönheitsfehler hat dieser lebenstüchtige Baum jedoch: Er wirft seine reifen Hülsen nicht einfach ab, sondern lässt sie hässlich und dunkel vertrocknet übers Jahr zwischen den Ästen hängen.

Die Maulbeerbäume werden unsere Aufmerksamkeit bald wieder auf sich lenken, wenn die Schuljungen sie malträtieren, um an die früh reifen Früchte - weiße oder schwarze Maulbeeren - zu kommen, die wie blasse Himbeeren oder schwarze Brombeeren aussehen. Sie scheinen Leckerbissen für die Kinder zu sein, im Gegensatz zu der Japanischen Mispel, Beschmella japonica, die auch schon früh fruchtet, ein kleinerer Ostbaum mit betont starkem Aderrelief der Blätter und gelben erfrischend süßsäuerlichen, dattelähnlichen Früchten mit großen, glasigen Kernen darin.

Andere Obstbäume blühen erst noch: Aprikosen, Äpfel, Birnen, Zitronen. Doch fallen sie im Stadtbild kaum auf außer den dichten Blütenklungeln der Mango-bäume hinter den Gartenmauern, woran man aber die Einzelblüten kaum unterscheiden kann.

Doch auf dem Land ist derzeit die Orangenblüte ein duftendes Ereignis. An den Kanälen fängt jetzt auch die stachelige Nilakazie Acacia nilotica, der häufigste Baum des Niltals, mit goldgelben Mimosenbällchen an zu blühen. Alle Teile dieses Baumes, vom Harz bis zu den Doppelfieberblättchen, haben und hatten großen Nutzwert. Vorher blüht schon die Rhizinusstaude, der "Wunderbaum" Ricinus communis, mit den wundervollen Blättern. Und in der Wüste fangen die Tamarisken bald zu blühen an.

Noch etwas wirkt auffällig im April: Das sind die Herbstverfärbungen des Bo-Baumes (Buddhabaum) und der Färberfeige (Ficus religiosa und Ficus infectoria). Ihre Blätter variieren durch alle wunderschönen Gelb- und Goldbrauntönungen des Blattgrünabbaus und werden dann einfach abgeworfen (sehr zum Ärger der Straßenkehrer). Und dann treiben sie im Abstand von nur einer Woche ohne eingeschobene Winterruhe neue Blätter aus und zwar jetzt in allen Tönungen der Rot-Palette, leuchtend hellrot die Färberfeige, samtfarben dunkelrot glänzend der Bo-Baum. Doch sehr bald gewinnt das Chlorophyll wieder die Oberhand und lässt sie normal ergrünen. Jedes Jahr wieder dasselbe Schauspiel!

Je nach Dauer der winterlichen Kälteperiode ist es Ende März bis Anfang April soweit, dass das Blaufieber aus unseren geliebten Jakarandabäumen ausbricht, ehe sie neue Blätter entfaltet haben, und wir in ein Meer von Blaufarben getaucht werden. Himmelsblau, Meeresblau, Veilchenblau, Glockenblumenblau - wer kann es benennen! Es schwebt wie eine Legierung von Himmels- und Meeresfarbe und Frühlingsseeligkeit über uns in den Baumwipfeln und lässt uns immer wieder dazu aufblicken. Die Blüten sind fünf Zentimeter lange gebauchte Glöckchen wie kleine Trompeten und sitzen in lockeren Blütentrauben, die von unten nach oben hin aufblühen. Die Früchte sind froschkopfähnliche holzige Kapseln - sehr zum Basteln von Phantasietieren geeignet - und wurden schon im Septemberheft vorgestellt.

Jacaranda acucifolia bzw. Jacaranda mimosifolia heisst auch Palisander und stammt aus Brasilien und Peru. Der Name wurde ihr von brasilianischen Eingeborenen gegeben. Der Baum ist wegen seiner Blütenschönheit in tropischen und subtropischen Ländern weit verbreitet worden.

Ende April oder Anfang Mai - ebenfalls je nach Dauer der Winterkälte - beginnen schon früh der Elefantenohrbaum (Enterolobium cyclocarpum) mit dem neugetriebenen jungen doppelt gefiederten Blättern und etwas später der Paschabartbaum, die Sirisakazie (Albizia lebbek), sich mit unauffälligen weißlichen Pinselblüten aus zahlreichen Staubgefäßen zu überziehen, die beim letzteren fein duften wie früher die parfümierten Paschabärte. Wegen der glänzenden, im Wind raschelnden langen Schoten, die letzterer ausbildet und lange auf sich sitzen lässt, heißt der Baum bei den Engländern boshafterweise auch "Ladie's Tongue Tree". Der Baum wurde - wie manche anderen tropischen Alleebäume auch - schon von Mohamed Ali eingeführt und säumt die Einfahrtsstraße nach Maadi bis zur Farouk-Moschee, während die schönwüchsigen Elefantenohrbäume auf der Corniche von Maadi zur Stadt sich mit Flamboyants abwechseln.

Etwa zur gleichen Zeit gegen Ende April bzw. Anfang Mai beginnen auch die Dattelpalmen Phoenix dactilifera an zu blühen. Vierzig Arten gibt es in Ägypten! Sie treiben nun dichtgedrängt und zuhauf cremeweiße Blütenrispen an der Basis der langen Wedelblätter des Palmenschopfes. Die Palmen sind zweihäusig, d.h. es gibt nur rein weibliche und rein männliche Bäume. Armlange männliche Staubblütenrispen der guten Dattelarten kann man sogar auf dem Markt kaufen und in die weiblichen Bäume zur Bestäubung hängen. Die Bestäubung besorgt dann der Wind. (Bei der Anlage einer Dattelpalmenpflanzung bevorzugt man weibliche Bäume, die man aus Baumschößlingen der weiblichen Mutterbäume heranzieht, weil nur diese die Datteln bringen. Die männlichen Bäume beschränkt man auf ganz wenige Exemplare irgendwo am Rande der Anpflanzung.)

Die Rispenstiele der bestäubten weiblichen Blütenstände wachsen sich dann kräftig aus und spreizen vom Stamm ab. In Klungeln zusammengedrängt entwickeln sie dann zentnerweise Dattelfrüchte. Jeder kennt das eindrucksvolle Bild von der Dattelernte her im Oktober). Bereits zur Zeit der Pharaonen schätzte man Dattelfrüchte.

Auch die in Kairo als Alleebaum weit verbreitete Fächerpalme Washingtonia robusta sowie die vornehme Wedelpalme Roystonea regia, die Königsplame mit den ebenmäßig glatten hellen Säulenstämmen, treiben herabhängende helle Blütengirlanden fremdländischen Aussehens, an denen sich feste rundliche und nicht essbare "Dattelfrüchte" entwickeln.

Benutzte Literatur:

"Das Baumbuch von Maadi", mit Text und Zeichnungen von Ursula Kamel (in den Bibiotheken der beiden deutschen Schulen DEO und DSB erhältlich)
"Street Trees in Egypt" von M. Nabil El Hadidi und Loutfy Boulos, Zeichnungen von Magdi El-Gohary
"Illustrated Polyglottic Dictionary of Plant Namens" von Armenag K. Bedevian, 1936
Schroeder "Reiseführer durch das Pflanzenreich der Tropen" bzw. "Reiseführer durch das Pflanzenreich der Mittelmeerländer", beide von Werner Grandjot
"Farbatlas Tropenpflanzen" von Andreas Bärtels im Verlag Ulmer

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