Tagebuch einer Mitausgereisten: Umweltbewusstsein - nicht in Ägypten?

von Bettina Knauth

Ägypten ist sicherlich nicht für seine Vorreiterrolle in Sachen Umweltschutz bekannt. Ich dachte auch, ich hätte mich in beinahe fünf Jahren in Kairo an einige Umweltsünden gewöhnt...

Aber kürzlich, es war wenige Tage vor dem Ramadan, fuhr ich knapp nach Sonnenuntergang über die Ring Road in Richtung Pyramiden. Vor mir befand sich ein Polizeiwagen mit vier Insassen, die mit irgendwelchen Pappschachteln hantierten und dann etwas zu essen schienen. Plötzlich öffneten sie wie auf ein Kommando die Fenster und warfen gleichzeitig die Schachteln aus dem Fenster. Eine der nun leicht als Fastfood-Container zu identifizierende Schachteln flog mir direkt auf die Windschutzscheibe. Nach dem ersten Schrecken dachte ich nur bei mir: Prima, mit solchen Vorbildern kann es ja nichts werden mit dem Umweltbewusstsein der Ägypter.

Die Liste der Umweltbelastungen ist lang in Ägypten. Beispiel Schadstoffbelastung: Nie ist die Luft in Kairo so schlecht wie im Herbst. Und das will etwas heißen, schließlich zieht es zu keiner Jahreszeit jemanden wegen des guten Klimas in diesen Moloch mit seinen 20 oder mehr Millionen Einwohnern.

Im Oktober herrscht die dickste Luft: Eine Glocke aus Abgasen, Ruß und Rauch liegt über der Stadt, bei ungünstiger Witterung manchmal tagelang. Die Sonne scheint nur leicht milchig vom Himmel, die Pyramiden sind von der Ring Road nur im Dunst zu erahnen. Angeblich ist das Reisstroh schuld, das auf den Feldern - verbotenerweise - immer noch abgefackelt wird. Schwarzer Ruß und intensiver Rauchgestank bezeugen diese Feuer - aber ist es wirklich nur Reisstroh, das verbrannt wird? Zweifel sind angebracht. In unserem ersten Kairoer Herbst war die Luft in der Innenstadt so schlecht, dass man sie anhand eines schwarzen Belags sehen konnte, wenn man sich mit einem weißen Taschentuch über die Stirn wischte.

Besonders nachts stank es bei uns in Haram auch im letzten Oktober derart nach Rauch, dass wir die Fenster wieder geschlossen und auf die Klimaanlagen zurückgegriffen haben, die wir doch in den nun kühleren Nächten eigentlich nicht mehr gebraucht hätten. Und wenn ich frühmorgens die Nase aus dem Fenster hielt, verging mir auch die letzte Lust auf eine Runde Jogging. Dabei wohnen wir doch wegen der guten Luft soweit draußen aus der Stadt.

Was sollen da erst die Bewohner der Innenstadt sagen? Nicht nur im Herbst sind sie von den verschiedensten Gerüchen geplagt: Abgase, Müllgestank, brackiges bis fauliges Wasser, kleinere und größere Feuer, bei denen wer weiß was verbrannt wird. Anfangs dachte ich beim Erspähen von Rauchfahnen immer, dass irgendwo ein Haus brennt... doch meistens wird wohl nur private Müllverbrennung betrieben. Andere Stadtteile, wie z.B. Maadi, leiden unter der Nachbarschaft von Zementwerken. Angeblich haben die Schadstoff-Filter erhalten - aber wurden diese auch in ausreichendem Maße eingebaut?

Ob im Stadtgebiet wohl regelmäßige Schadstoffmessungen durchgeführt werden? Besser nicht. Leid tun mir immer die Polizisten, die mitten in den Abgasen den Verkehr regeln (oder was auch immer tun) sollen. Am schlimmsten ist es unter den Hochstraßen, z.B. unter der 26. Juli-Straße auf Zamalek. Die Luft lädt mich hier nicht zu einem Einkaufsbummel ein. Von der Lärmbelästigung ganz zu schweigen.

Prima Klima? Nicht in Kairo. Wenn ich allein die schwarzen Dampfwolken sehe, die von mancherlei alten Autos, Bussen und Lkws ausgepufft werden. Schnell die Lüftung zu, sonst rauben sie einem den Atem. Diese fahrenden Schrotthaufen und Abgasschleudern sind allein schon eine Umweltsünde. Gibt es eigentlich einen ägyptischen TÜV? Wenn ja, kann er wohl nicht viel ausrichten. Oder läßt er sich leicht umgehen?

Ob hier viele Menschen Dreck am Stecken haben vermag ich nicht zu beurteilen. Aber in den Ohren! Eine Freundin klagte über starke Ohrenschmerzen. Der konsultierte Arzt fragte, wie lange sie schon ihr lebe - um ihr dann den Dreck zu zeigen, der sich über die Jahre in ihren Ohren angesammelt und den er ihr soeben herausgespült hatte.

Vieles lässt sich mit Wasser säubern, mit dem - weil reichlich vorhanden - mehr als verschwenderisch umgegangen wird. Zudem wäscht der frühjährliche Regen vieles in Stadt und Land rein. Aber auch die Wasserqualität wäre einen prüfenden Blick wert. Was bei uns so aus dem Brunnen kommt, riecht mitunter sehr merkwürdig, meistens aber stark gechlort. Und ist zudem durch Sand verunreinigt. In einigen Häusern sollen teure Filteranlagen jetzt Abhilfe schaffen, doch nicht jeder Vermieter ist zu dieser Anschaffung bereit. Von Nachbarn eingereichte Messungen haben in der Vergangenheit mitunter eine starke bakterielle Verunreinigung der Wasserproben ergeben. Ein bis vor drei Jahren hier tätiger "Experte" erzählte gern davon, wie er eine Brunnenprobe an der Universität Darmstadt untersuchen ließ. Dort, so berichtete er, hätte man das ganze Labor zusammengerufen, denn was die Wasserprobe aus Kairo enthielt, das kannte man bislang nur aus dem Lehrbuch...

Doch zurück zu der eingangs erwähnten Episode der Müllentsorgung: Der Polizeiwagen war sicherlich ein extremes Beispiel. Aber immer wieder beobachte ich Leute, die ihren Müll einfach auf die Straße oder über die Mauer in die Kanäle werfen. Dann möchte ich am liebsten aus dem Auto springen und diese Menschen schütteln, ihnen bewusst machen, was sie dort tun, zumal die Müllkübel oft wenige Meter weiter stehen. Vielleicht könnte ein "Adopt-a-highway" System Abhilfe schaffen, wie ich es im Sommer in Kalifornien kennen gelernt habe? Dort übernehmen Privatpersonen, Firmen, Sportvereine jeweils ca. zwei Meilen Highway als Paten und halten diesen Abschnitt sauber. Doch hier dürfte das Verantwortungsbewusstsein fürs Gemeinwohl wohl nicht ausgeprägt genug sein. Eher der umgekehrte Effekt ist zu erwarten: Die Leute würden möglicherweise erst recht ihren Müll auf die Straße kippen, weil ihn ja jemand beseitigt.

Besucher aus Deutschland fragen mich manchmal, ob wir eine Mülltrennung haben. Kopfschüttelnd verneine ich und merke, wie sehr ich mich daran gewöhnt habe, den ganzen Müll in eine Tonne zu kippen. In Deutschland haben wir phasenweise bis zu 16 (!) verschiedene Müllsorten getrennt gesammelt und brav zum Wertstoffhof gefahren. Unvorstellbar für jeden Ägypter, oder? Doch immerhin gibt es hierzulande ja die Sabalin. Wo befände sich Kairo ohne diese fleißigen Müllsammler, -trenner und -verwerter? Mitten im Müllberg.

Als kürzlich der für uns zuständige "Müllwagen", ein betagter Pick-Up, zusammenbrach und nicht erschien, herrschte schon nach zwei Tagen Müllnotstand im Compound. Unüberriechbar türmten sich die Müllsäcke am Straßenrand; da lernt man die tägliche Müllentsorgung erst schätzen. Doch auch unsere Müllabfuhr habe ich schon beobachtet, wie sie wenige Kilometer von unserem Compound entfernt Säcke von ihrem Müllwagen in der Wüste abgeladen haben. Warum? Ich habe nicht angehalten und gefragt. Und wenn wir den mühsam während der Wüstentour gesammelten Müll an der erstbesten Tankstelle entsorgen, wer sagt uns, dass er nicht gleich wieder dort landet, wo wir ihn nicht haben wollten: in der Wüste?

Insgesamt muss ich aber schon zugeben, dass sich in punkto Umwelt in den letzten Jahren einiges verbessert hat in Kairo. Die Stadt ist sauberer geworden, keine Frage. Sabalin und Straßenkehrer leisten sicht- und riechbar gute Arbeit. Müllkippen und Müllverbrennungsplätze wurden nach außen, außerhalb der Stadtgrenzen verlagert. Offene und stinkige Kanäle wurden geschlossen. Bäume wurden zahlreich gepflanzt. Aber es gibt noch vieles zu tun. Die langsamste Veränderung vollzieht sich sicherlich in den Köpfen: Bis sich hierzulande ein Umweltbewusstsein entwickelt hat, wird es noch ein langer und schwieriger Weg sein... Vielleicht könnte die Regierung eine Kampagne für mehr Umweltbewusstsein ins Leben rufen? Fernsehspots könnten z.B. zu diesem Zweck gestaltet und geschaltet werden, ähnlich der Filmchen, in denen das Händewaschen (erfolgreich?) propagiert wurde.

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