Eintauchen in das volkstümliche Ägypten mit KAIRO KONKRET

von Bettina Knauth

Was wissen wir, vor allem wenn wir als Ausländer auf Zeit hier leben, eigentlich über das Alltagsleben der Ägypter? Haben wir einmal versucht, Kairo aus der Perspektive eines einfachen Ägypters zu sehen? Wenn Sie diese Fragen mit "wenig" bzw. "nein" beantworten können, aber neugierig auf eine Begegnung dieser besonderen Art wären, dann sind Sie bei KAIRO KONKRET an der richtigen Stelle. Denn Vera Jeschke, die Initiatorin der gleichnamigen Veranstaltungsreihe, will den in Kairo lebenden Ausländern bzw. Ausländerinnen - speziell aus der deutschsprachigen Community - ein Gespür für das Alltagsleben in ihrem Gastland vermitteln und Begegnungen auch mit den einfachen Ägyptern ermöglichen.

Seit Mai letzten Jahres lebt die Islamwissenschaftlerin und Ethnologin mit ihrer Familie in Kairo. Als "Referentin für interreligiöse und interkulturelle Begegnung" am Ökumeni-schen Institut Kairo will sie Möglichkeiten des kulturellen Austauschs und der Begeg-nung mit Ägypten anbieten und, wo nötig, Hilfestellungen zum gegenseitigen Verständ-nis geben. Bei einer gelungenen interkulturellen Begegnung, so sagt Vera Jeschke, sitzt hierzulande, auch wenn sie nicht explizit auf der Tagesordnung steht, die Religion immer mit am Tisch - egal ob es sich nun um den Islam in seinen Ausprägungen oder um die verschiedenen Konfessionen der koptischen Kirche handelt.

Die gebürtige Würzburgerin selbst ist kein Ägypten-Neuling: Seit sie im Studienjahr 1992/93 ein Jahr in Kairo verbrachte, hat sie Zugang zur Kultur und zu den Menschen hier und spricht ihre Sprache. Später hat sie jede berufliche oder private Gelegenheit genutzt, um Ägypten einen Besuch abzustatten. Durch ihre Tätigkeit für das bischöfliche Hilfswerk MISEREOR lernte sie auch den außerstädtischen Kontext kennen; Tätigkeiten in Minya und Oberägypten weiteten ihren Blick, wie sie sagt, und trugen zu ihrem Verständnis des ägyptischen Alltagslebens bei. Denn auch in Kairo, so hat sie beobachtet, läuft das Leben teilweise ähnlich ab wie auf dem Land: "Oft sind halbe Dörfer in die Stadt abgewandert, wo ihre Bewohner weiter so leben, als befänden sie sich noch in ihrer ursprünglichen Umgebung", sagt Vera Jeschke. Als Beispiel nennt sie ein Viertel 200 Meter von der Hussein-Moschee entfernt, wo Mensch und Tier eng miteinander leben und nebeneinander auf dem Boden schlafen. Durch ihre Einblicke aus verschiedenen Blickwinkeln hat Vera Jeschke eine große Bandbreite möglicher Themen für KAIRO KONKRET gesammelt.

Gleich nach den Sommerferien begann sie mit dem "Eintauchen in das volkstümliche Ägypten", wie der programmatische Titel ihrer Veranstaltungsreihe KAIRO KONKRET lautet. Die ersten Termine richteten sich vor allem an Neuankömmlinge. Sie sollten ihnen ermöglichen, Ägypten und seine Bewohner als liebenswert zu entdecken und so manches besser verstehen zu lernen. In der Tat erleichterten Veranstaltungen wie der Crash-Kurs "Ägyptisch für Ahnungslose" mit einer Einführung in die Etikette und "Wo Ägypter einkaufen" den Einstieg. Denn die Teilnehmer an diesen Abenden, zumeist neu angekom-mene Lehrer, "kommen immer wieder dazu, haben nun erste Arabischkenntnisse und setzen sich stärker mit Ägypten auseinander", wie die Referentin berichtet. So fällt ihre erste Bilanz nach vier Monaten KAIRO KONKRET positiv aus: Jede geplante Veranstaltung hat stattgefunden, mit zwischen 8 bis 15 Teilnehmern, bei Bedarf wurde ein Thema zweimal angeboten oder es wurden zwei Veranstaltungen pro Woche angesetzt.

Unterschiedliche Einstellungen innerhalb der Community hat Vera Jeschke beobachtet: Während die einen furchtlos und offen auf andere Menschen zugehen und tatsächlich eintauchen wollen in dieses für sie bisher fremd gebliebene Land, war die Mehrheit bisher wenig motiviert und hat auch kaum Gelegenheiten genutzt, diesen anderen Blick auf Kairo zu werfen. Vera Jeschke findet dafür Verständnis; sie meint auch den Grund zu kennen: "Ohne ein Wort Arabisch erschließt sich einem diese andere Welt nicht, mache ich im Gegenteil vielleicht sogar schlechte Erfahrungen." Gerade für Ausländer, die hier in Kultur- und Bildungseinrichtungen tätig sind, aber auch für Leute aus der Wirtschaft, hält sie es für hilfreich, sich intensiver mit Ägypten, seinen Bewohnern und ihrer Sprache auseinander zu setzen.

Die KAIRO KONKRET-Veranstaltungen finden in der Regel zweimal im Monat mon-tagabends statt und bieten eine große Bandbreite an Themen, u.a. standen im Herbst Be-suche bei einem Möbelbauer und bei Caritas Égypte zum Thema "Alphabetisierung und Mädchenbeschneidung" auf dem Programm. Für den Januar sind ein Moscheebesuch für Männer und ein Abend über die Kaufkraft des Pfundes geplant, für März ein Gesprächs-abend mit Frauen, die hier leben und teils zum Islam konvertiert sind. Zum Konzept von KAIRO KONKRET gehört auch, dass die Gruppe möglichst im Anschluss an die jewei-lige Veranstaltung noch gemeinsam ausgeht, sozusagen als Nachlese des Gehörten und Gesehenen - oder um sich einfach bei einer gemeinsamen Wasserpfeife, einem Saft oder einem Koshari-Mahl ein wenig besser kennen zu lernen.

Langfristig sollen neben der bereits angelaufenen Veranstaltungsreihe zwei weitere The-menreihen etabliert werden: eine im Bereich Entwicklung und Entwicklungszusammen-arbeit, eine andere mit interreligiösem Inhalt. Entwicklungsthemen liegen Vera Jeschke besonders am Herzen, schließlich wurde sie von MISEREOR nach Kairo entsandt, um die Zusammenarbeit im Bereich der Entwicklungshilfe zu fördern. So gehört es neben der Organisation von Veranstaltungen zu ihren Aufgaben, Kontakte zwischen den Religionen und Konfessionen zu knüpfen und zu deren Verständigung beizutragen sowie Kontakte zu anderen Entwicklungshilfeorganisationen, durchführenden wie finanzierenden, zu pflegen. All diese Kontakte können dann umgekehrt wieder in ihre Veranstaltungen ein-fließen. Erste Verbindungen hat Vera Jeschke im ökumenischen Bereich aufgenommen; Kontakte etwa zur evangelischen Gemeinde, "die dadurch erleichtert werden, weil mein Mann Heiko evangelisch ist", wie sie sagt.

Zunächst auf drei Jahre ist Vera Jeschkes Tätigkeit am Institut angelegt. Für sie ist es ein "Traumjob", weil er ihre Interessen und Qualifikationen optimal verbindet. Auch ihre Familie, Ehemann Heiko Skusa, ein Diplomchemiker, und die Töchter Leah (4) und Mariam (knapp 2) fühlen sich wohl in Kairo. Hier nutzen Vera Jeschke und Heiko Skusa auch mehrere Gelegenheiten, ihrem Hobby, dem Gesang, nachzugehen; beide singen in verschiedenen Chören.

Egal ob beruflich oder privat unterwegs: Vera Jeschke hält die Augen offen, "scannt" Leute und Orte, wägt ab, ob sie interessant für eine Veranstaltung wären. Insbesondere interessiert sie das "Volkstümliche": "Ich beobachte das Leben, das auf der Straße statt-findet, das beeinflusst ist von Traditionen und Gebräuchen, wo die Religion eine der trei-benden Kräfte ist, die das Leben organisiert und einteilt, ohne dass man sich auf einer intellektuellen Ebene mit ihr auseinander setzt. Wo man Dinge tut, einfach weil man sie schon immer so gemacht hat." Daneben möchte sie Themen auf die Tagesordnung setzen, die auch die ägyptische Gesellschaft beschäftigen: Alphabetisierung, Beschneidung, Gesundheitsvorsorge, um nur einige zu nennen.

Jeden KAIRO KONKRET-Abend bereitet sie sorgfältig vor: Routen wollen abgelaufen, Kontakte geknüpft werden. Erst wenn eine Vertrauensbasis geschaffen ist, kann die ange-kündigte Gruppe zu Besuch kommen. Auch wenn die Ausländer wohl Fremdkörper bleiben, so hofft Vera Jeschke doch, ihnen Türen zu öffnen, die ihnen ohne Vorarbeit verschlossen geblieben wären. Und umgekehrt will sie auch den Ägyptern Kontakte zu Ausländern ermöglichen, die ein gegenseitiges Verständnis fördern können.

Positive Eindrücke will das Eintauchen in das volkstümliche Ägypten vermitteln, dabei ist sich Vera Jeschke schon bewusst, dass wir als Ausländer jederzeit die Freiheit haben, wieder aufzutauchen aus dem Leben in Ägypten: "Aber es ist schade, wenn man gar keinen Kontakt mit Ägypten und den Ägyptern hat. Anstrengend ist das Leben hier so oder so." Dabei erleichtert die "Malesch-Kultur", wie sie es nennt, das Leben ungemein: "Als Deutsche plane ich zwar auch mein Leben hier, doch braucht man die Kraft zu akzeptieren, dass in Ägypten die Dinge mal nicht so laufen wie man sie geplant hat. Dann muss man es eben anders machen, auch wenn das mitunter neue Energien erfordert."

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