Eine Flussfahrt, die ist lustig, oder 5 Deutsche im Boot
von Wolfgang Engelhorn
Lange schon hatte ich die Idee, mit dem Segelboot auf dem Nil ein paar Tage unterwegs sein zu wollen, aber einerseits fand ich nie Mitreisende und andererseits ist es von Seiten der Behörden aus Sicherheitsgründen verboten, alleine zu reisen! So war ich froh, als ein Kollege (Hans Göppert) im letzten Jahr endlich seine Zustimmung signalisierte und wir dann für das schulfreie Wochenende im November diesen Jahres unser Vorhaben umsetzen wollten. Zwischenzeitlich waren wir auch noch fünf geworden, da Maria und Anne sowie Evelyn zugestiegen waren! Die Flüge nach Assuan und von Luxor zurück nach Kairo wurden reserviert, mein bekannter Kapitän Aissa auf Elefantine Island angerufen und so ging es am Donnerstag- abend (30.10.) los.
Nachdem wir uns, nach einigen Irrfahrten, glücklich auf dem Flughafengelände am Terminal 2 für die Domestic Flights getroffen hatten und das Flugzeug - wie bei Egypt Air eigentlich üblich - mit 45- minütiger Verspätung startete, konnte kaum mehr etwas schief gehen. Aissa wartete schon bei der Fährstation und brachte unser Gepäck auf unser Boot, während wir uns noch einmal stärkten, denn man weiß ja nie ...! Das Boot war erst einen Monat alt und die Aufenthaltsfläche (ca. 20 m² groß) mit Polstern und Kissen komfortabel hergerichtet. Um den kühlen Wind abzuhalten, hatten unsere weiteren Crewmitglieder (Hamada, der Steuermann und Dooley, das Mädchen für alles ) ein Tuch um das Boot gespannt. So verbrachten wir unsere erste Nacht in Assuan.
Am nächsten Morgen konnten wir dann die Toilette der nahe gelegenen Moschee benutzen und nach dem auf dem Schiff zubereiteten Frühstück ging es endlich los, wenn auch noch Einkäufe erledigt werden mussten. Das nächste Ziel war die Polizeistation, denn Ordnung muss sein! Der müde wirkende Offizier inspizierte uns und die Papiere - und war zufrieden. Dann inspizierte er die Feuerlöscher (2 sind notwendig) und die Rettungsringe - und war unzufrieden! Die Lösung war eine ägyptische! Ein vorbeifahrendes Boot wurde kurzerhand angerufen, zwei Rettungsringe übergeben und die Miene des fastenden Offiziers hellte sich auf! Die Weite des Flusses wartete!
Nun machten wir es uns gemütlich! Wir lagen auf unserer "Spielwiese" herum, beobachteten Wasser, Schiffe, Tiere und Menschen, die unsere Bahn kreuzten! Wir Europäer neigen ja oft dazu, immer nach Beschäftigung und Aktion zu lechzen und werden völlig nervös, wenn einmal nichts los ist. Aber nach einiger Zeit stellte sich bei uns diese oft vermisste, aber auch verpönte Ruhe und Gelassenheit ein, die durch die Beschaulichkeit und Trägheit des Flusses bedingt, auf uns übersprang. Ein Nickerchen da, eine entspannte kleine Mahlzeit dort, ein relaxtes Gespräch (Schule verboten!), ach wie schön kann die Welt sein! Die Pylonbrücke hinter Assuan war dann natürlich durchaus spannend, denn das Segel musste gerefft und das Tempo enorm gedrosselt werden, da wir nur mit Mühe unter der Fahrbahn durchpassten! Aber dann wieder diese im Schlamm suhlenden gamussa, Frauen, die Wäsche oder Geschirr im träge dahin fließenden Fluss wuschen oder Kinder, die badeten oder mit ihren Eseln am Ufer beschäftigt waren.
Unsere Crew verwöhnte uns mit liebevoll bereiteten Mahlzeiten, nervte uns keinesfalls und organisierte notwendige Landungen mit Voraussicht. Sicher ist die Hygienesituation ein wenig ungewohnt. Sein "Geschäft" in der freien Natur zu verrichten ist nicht jedermanns Sache und auch die Furcht vor Bilharziose war Gesprächsstoff, aber ich fand es herrlich, mich im Wasser des Nils zu erfrischen. Mit dem Wind hatten wir ziemliches Glück. Morgens und abends konnten wir gut segeln, nur an den Nachmittagen machte der Gott des Windes auch ein Nickerchen, so dass wir nur bedächtig mit der Strömung abwärts trieben. Für uns war jedoch die Geschwindigkeit nicht das Maß der Dinge und so ließen wir die Kreuzfahrtschiffe mit ihren Touristenhorden und den uns merkwürdig beäugenden Blicken vorbeiziehen, sie bedauernd, weil sie am Abend Schiff an Schiff bei den bekannten Anlegestellen übernachten und dann auch noch diese famosen galabeia-Abende über sich ergehen lassen müssen, während wir ständig kreuzend die wechselnden Perspektiven des Niltales erblickend, uns auf die geschickt gewählten Übernachtungsplätze freuten. Natürlich ist man nirgendwo allein, dazu ist das Tal einfach zu dicht besiedelt. Ständig taucht irgendjemand auf, obwohl man doch glauben möchte, allein zu sein und diese Neugier, mit der man ja nicht nur in Kairo so eingehend gemustert wird ...
Kom Ombo am Abend ist ein tolles Erlebnis und auch die Disziplin, mit der die Souvenirverkäufer in der Ladenstraße hinter dieser nur in Gedanken gezogenen Linie ihrer Verkaufsstellen bleiben (müssen), aber eine Segelfahrt danach auf dem dunklen Wasser ist noch beeindruckender durch die Dunkelheit und die Stimmung der scheinbar verlassenen Natur. Am Sonntag Morgen waren wir dann einige Kilometer vor Edfu und da Windstille herrschte, wollte die Crew nicht so gerne bis zur Stadt fahren, aber wir wollten das! Eigentlich hatten wir nur annähernd 100 Kilometer zurückgelegt, aber uns kam es doch vor wie eine unendliche Reise zu alten Zeiten! Nach annähernd drei Tagen verabschiedeten wir uns von Aissa, Hamada und Dooley, die uns noch ein Sammeltaxi organisiert hatten. Wir konnten nur ganz kurz den wunderbaren Horus-Tempel in der Stadt besichtigen, denn unser Fahrer wollte vor dem "Frühstückchen" noch die hundert Kilometer bis Luxor schaffen - und so fuhr er dann! Vorbei waren Ruhe und Beschaulichkeit. Hans wurde es schon angst und bange, doch ein guter Fahrer zeigt sich ja darin, dass er möglichst schnell am Ziel ist! Dann kann er auch noch ein backschisch erwarten! (Dachte er!)
Luxor sollte man, wenn man nicht unbedingt die Sehenswürdigkeiten sehen will, links liegen lassen, weil man sicher sein kann, dass immer versucht wird, einen auszunehmen! Über Egypt Air lohnt es sich auch kaum zu sprechen, da das Streichen von Reservierungen, Verspätungen und das endlose Warten auf das Gepäck die schönen Eindrücke zu überdecken drohen! Wir sind wieder gut zurückgekommen, hatten eine tolle Reise und wünschen allen, dass sie ebenfalls Mut und Willen aufbringen, solch ein Erlebnis in Angriff zu nehmen!