von Dina Quttaineh
Ein Deutsches Festival (2. bis 23. Oktober 2003) in Kairo und Ägypten - eine Begegnung deutscher Kultur mit dem Orient im Spiegel der Moderne. Da durfte auch Brechts "Drei Groschenoper" nicht fehlen mit ihrer Welt der Huren, Bettler und Gauner, in der sich alles ums Fressen und Gefressen werden dreht.
Vom Goethe-Institut Alexandria und der Biblioteca Alexandrina organisiert, sollte die Drei Groschenoper unter der Regie von Hanna Abd el-Fattah und der musikalischen Leitung von Peter Müller (Hannover) den musischen Schlusspunkt des Festivals bilden, mit ägyptischem Dialekt. Auf Initiative von Frau Hegazy fuhren wir, eine kleine Schar "handverlesener" Deutsch- und Mathematiklehrer, Elft- und Zwölftklässler der DEO sowie Pfarrer Knolle und seine Frau Flois, nach Alexandria. Da die Oper erst um 20 Uhr begann, war zuvor ein Besuch in der Biblioteca Alexandria geplant.
Gegen halb zwei bestiegen wir am 23. Oktober bei schlaffen 33 Grad den kleinen Minibus, der uns nun auf der 221 km langen Wüstenstraße nach Alexandria befördern sollte. Quer durch das aufgeheizte Kairo, das sich bereits hektisch auf den bevorstehenden Ramadan vorbereitete, fuhren wir raus, auf die staubige Alexandria-Dessert-Road. Vorbei ging es an einer kargen, menschenleeren Wüstenlandschaft, deren eintöniges Einerlei hin und wieder nur durch sandfarbene Moscheen oder kleine Restaurantanlagen durchbrochen wird, um den Menschen religiöse und irdische Zuversicht zu geben. Gerade letztere brauchten wir dann auch schon ziemlich bald, da wir allesamt am verglühen waren und dringend einer Abkühlung bedurften.
Nach gut drei Stunden kamen wir schon reichlich verschwitzt in Alexandria an, der "Braut des Mittelmeeres" oder "Mutter aller Städte", wie Alexandria gerne genannt wird. Doch von Pause keine Spur. Gleich weiter ging es zur Biblioteca Alexandria, die sich direkt an der Corniche, westlich vom Midan Saad Zaghul, neben der University Conference Hall, befindet und sich ob ihrer Architektur nicht so richtig ins Stadtbild schmiegen will. Geformt zu einem Halbmond, der zum Mittelmeer hin abfällt, erweckt sie den Eindruck, sich Europa und der Welt entgegen zu strecken zu wollen. Dieser "Einladung" ins Reich der Weisheit sind wir denn auch gerne gefolgt. Wurden wir vorher im Minibus vor Hitze fast eingeschmolzen, wurde es in der Bibliothek mit einem Schlag ziemlich frisch. Eine von Frau Hegazy bestellte Bibliotheksführerin führte uns ins Innere der Räume und machte uns darauf aufmerksam, dass sich die Bibliothek nicht am gleichen Ort befindet, wie ihre berühmte hellenistische Vorgängerin. Dafür trafen wir im Innern auf eine ausgesprochen originelle Konzeption von Bildung und Kultur. So "blättert" sich beispielsweise die Bildung buchstäblich in stufenförmig angelegte Ränge mit Bücherregalen zu verschiedenen Themengebieten auf; Tische und Stühle sorgen dafür, dass Studenten oder einfach nur Interessierte dort in Ruhe lesen und mit PC's arbeiten können. In einem gesonderten Bereich war es möglich, alte seltene Bücher zu bestellen oder mittels besonderer Technologie eine Gutenberg-Bibel zu lesen. Umschlossen werden diese Ränge durch kleine museale Enklaven, wie z.B. der eines berühmten ägyptischen Filmregisseurs, dessen Wohnzimmer sogar für die Nachwelt hier detailgenau wieder aufgebaut worden ist.
Da wir die Oper nicht mit leerem Magen hören wollten, nahmen wir rasch im Anschluss an die Bibliothek noch einen kurzen Snack im Hilton, das sich direkt neben der Bibliothek befindet.
Und dann war Opern-Time. Wehte uns der kritische Geist von Weimar noch im ersten Lied von Mecki Messers "Haifisch" entgegen, so wurde staubsaugartig aufgesogen blasse Bettler, opulente Huren, einer fröhlichen Gaunerschar sowie einer Fruchtbarkeitsgöttin gleichen Bordellmutter, die sich lustvoll auf einer Treppe rekelte und Unmengen von Wortschwällen ausspie. Obgleich wir alle wenig verstanden haben, wurde doch recht bald deutlich, dass Brechts Stück hier nur die Folie zur Adaptierung ägyptischer Couleur geliefert hat. Auch wenn von marxistischer Sozialkritik nicht mal mehr ein Atemzug zu spüren, das Stück vielmehr mit ägyptischem Humor überzogen worden war, konnte sich das Ergebnis doch sehen lassen: im Publikum wurde viel gelacht und die Darsteller hatten sichtbar viel Spaß an ihrer Rolle. So viel Engagement wurde mit viel Beifall belohnt. Und nach kurzweiligen drei Stunden machten wir uns auf ins Mekka-Hotel.
Anderntags besuchten wir das Fort Kait Bey, von wo aus man einen wunderbaren Blick auf die Corniche von Alexandria und das Mittelmeer hat. Doch die vielen kleinen ägyptischen Jungen und Mädchen, die wie Ameisen um uns herum liefen, schrieen und lachten, bestaunten lieber Ilses blonde Haare und ihre blauen Augen und hefteten sich wie Pattex an ihre Fersen. "Wunderbare" Ausblicke sind also völlig relativ.
Mit einem ausgiebigen und schmackhaften Lunch im berühmten Fischrestaurant "Seagull" beendeten wir unseren kurzen, aber sehr sehenswerten Trip nach Alexandria und machten uns auf den Rückweg nach Kairo. Das empfing uns wie üblich, laut lärmend und mit allen möglichen Gerüchen. Alexandria ist also eine gute Adresse, um diesem Stress mal für eine Weile entgehen zu wollen.