Das innere Bild - Blinde reisen in Ägypten
von Michaela Grom
In der Papyrus-Ausgabe September/Oktober 2003 hat Carla M. Arning über die von ihr veranstalteten Reisen für blinde Menschen berichtet. Als im Oktober 2003 dann ein weiteres Mal Ägypten auf dem Programm stand, wollte die Papyrus-Redaktion diese ungewöhnliche Art des Reisens selbst miterleben. Michaela Grom hat die Reisegruppe an zwei Tagen in Kairo begleitet.
Seit nunmehr 25 Jahren organisiert Carla M. Arning Reisen für blinde Menschen, die sie in die unterschiedlichsten Länder führen, nach Irland, Island oder auch Iran. Angeregt dazu, diese Art des Entdeckens fremder Länder zu ermöglichen wurde sie durch einen Kollegen ihres inzwischen verstorbenen Mannes, der evangelischer Pfarrer war "Er hat oft gefragt", so erzählt Frau Arning, "wieso man Blinde von vornherein in ihren Erfahrungsmöglichkeiten begrenzt, warum es nicht möglich sein soll, dass blinde Menschen reisen. Das hat mich nachdenklich gemacht - und inzwischen zeigt die Erfahrung: Reisen für Blinde lassen sich sehr gut organisieren, man muss nur die speziellen Erfordernisse kennen und beachten." Ägypten gehört zu den bevorzugten Reiseländern, in die Frau Arning ihre Gruppen führt. "Hier gibt es so unterschiedliche und reichhaltige Sinneseindrücke zu erfahren", erklärt sie.
Diesmal ist es eine sehr heterogene Gruppe, die sich zusammengefunden hat, um das Land am Nil zu erkunden. Es sind insgesamt 14 Teilnehmer, einige von ihnen sind völlig erblindet, einige haben noch etwas Sehvermögen. Manche der Teilnehmerinnen - es sind vorwiegend Frauen mit von der Partie - verfügen über volle Sehfähigkeit, sie sind meist als Begleiterinnen mit dabei. Jeder und jede wird also etwas anderes wahrnehmen und sich mit den Mitreisenden darüber verständigen und austauschen.
Wir treffen uns früh am Morgen vor der Zitadelle. Wie die meisten Führungen, so beginnt auch diese auf der großen Aussichtsterrasse, die einen eindrucksvollen Rundblick auf Kairo ermöglicht. Aber wie vermittelt man diesen Rundblick, wenn ein Teil der Zuhörer das Gesagte eben nicht mit einem eigenen Seheindruck abgleichen kann ? Der Reiseführer erklärt zum ersten Mal für eine Gruppe von blinden oder halbblinden Menschen. Es fällt ihm zunächst merklich schwer, sich auf die neue Situation einzustellen. Immer wieder schleichen sich Sätze ein wie "Im Hintergrund sehen Sie .. ", "Neben den hohen Häusern dort..." oder auch "Da hinten erkennt man ...". Solche Beschreibungen sind wenig hilfreich, sie lassen nur schwache innere Bilder entstehen. Da ich hauptberuflich fürs Radio arbeite, ist mir die Problematik vertraut - und hier hat man seine Zuhörer ja noch direkt vor sich, kann spüren, wie sie erwartungsvoll lauschen! Hier bedarf es einer besonderen Art und Weise der Beschreibung. Als der Reiseführer seine Erklärungen beendet hat, macht sich zunächst ratloses Schweigen breit. Wie muss man sich dieses Kairo vorstellen, dass sich von hier aus darbietet?
Carla M. Arning ergänzt mit einer eigenen Beschreibung. Zitat:: "Ich möchte Ihnen das Bild erklären von 9 bis 15 Uhr. Ich beginne bei 9 Uhr: Am Horizont ragen die Riesenklötze, die Hochhäuser des modernen Kairo auf. Davor beginnt ein breiter Gürtel von vielen braunen Kästen mit Löchern. - So kann man die vordere Fläche von 9 bis 15 Uhr bildhaft benennen. Und aus dieser braunen Ansammlung von solchen Kästen heraus ragen immer wieder Hochhäuser, farblich unterschiedlich gestaltet, und hin und wieder Minarette. Wenn ich jetzt von 10 Uhr bis zum Horizont weitergehe, dann sind die drei Pyramiden - von Cheops, Chephren und Mykerinos - ganz fein im Dunst gezeichnet zu erkennen. Sofort daneben wieder ein riesiger Klotz. In der Richtung vor mir, bei 12 Uhr, ein riesiges Hochhaus - ich denke, es wird um die 25 Stockwerke haben. Es ist weiß. Rechts davon, bei ungefähr fünf nach 12, ganz schlank der Kairo-Turm, der Aussichtsturm, über den wir später noch etwas erfahren werden. Er ist schlank, mit einer filigran gezeichneten Außenfläche, mit einer Struktur wie ein Netz. Wenn ich nach 1 Uhr weitergehe, inmitten dieser braunen Schachteln dann die beiden großen Komplexe der Sultan-Hassan-Moschee und der Rifaái-Moschee. Bei 15 Uhr ist das Bild ebenfalls bestimmt von den braunen Schachteln, wie ich sie nenne, und immer wieder große Blöcke. Und wenn Sie jetzt genau hinhören, bekommen sie einen Eindruck, wie der Verkehr zu dieser relativ frühen Stunde, jetzt um 9 Uhr, schon brodelt. Das ist das Gesamtbild, wie es sich von hier oben darbietet."
Die Orientierung am Zifferblatt der Uhr, so erklärt mir Frau Arning später, ist gang und gäbe, wenn man für blinde Menschen erklärt. Man erspart sich verwirrende Angaben und hat genaue Bezugspunkte. Wichtig ist auch die Genauigkeit, fügt sie hinzu: "Wenn ich etwas erkläre, dann schaue ich es erst genau an, ich husche nicht mit dem Auge drüber. Wenn ich etwas genau beschreiben will, muss ich es erst selbst mit dem Auge erfasst oder mit den Händen angefasst haben. Erst dann habe ich es ja erst richtig begriffen. Erst wenn ich es weitergeben kann, habe ich die Kontrolle, ob ich richtig gesehen habe. Das ist das wirklich Spannende."
Anschließend der Besuch in der Muhammad-Ali-Moschee. Es sind gerade viele Reisegruppen in der Moschee. Zwar ist keine wirklich laut, aber die Geräusche und Rufe der vielen Menschen vermischen sich zu einem hallenden Klangbrei. Einige der blinden Reisenden sind merklich irritiert. "Das klingt merkwürdig hier", meint eine Frau leise.
Der Reiseführer erklärt vieles zur Geschichte der Moschee, zu ihrer Ausgestaltung. Was, so frage ich mich, bleibt von solchen Informationen dauerhaft im Gedächtnis, wenn kein Bild dazukommt? Ich weiß, dass die Teilnehmer vor Reisebeginn ein umfangreiches Informationspaket in Blindenschrift bekommen, so dass sie sich gut vorbereiten können. Aber wie stellt man sich "reiche Ornamentik" vor, wenn man sie nicht sehen kann? Die Gruppe hört geduldig zu. Lebhaft wird es erst, als Frau Arning alle auffordert, gemeinsam die riesigen Alabastersäulen zu erkunden. Man umrundet, tastet, fühlt - jetzt wird die beschriebene Monumentalität erfahrbar. Später dann führt Frau Arning die Gruppe zur Gebetsnische, dem mihrab der Moschee. Sie lässt den besonderen Klang der Nische erhorchen, die glattpolierte Fläche fühlen. Dann dürfen die Teilnehmer die Verzierungen der benachbarten Kanzel, der minbar ertasten. Eine Aufpasserin eilt konsterniert herbei, eigentlich ist dieser Bereich doch abgesperrt ... Aber als sie erfährt, dass es sich um eine Gruppe von blinden Reisenden handelt, lässt sie uns gewähren. Einige der Teilnehmerinnen können gar nicht aufhören, die Verzierungen zu berühren. Wieder und wieder lassen sie sich zum Beginn der Ornamente bringen, finden von da aus ihren eigenen Weg, an den sich umeinander schlingenden Mustern entlang. Später wird eine dieser Frauen zu mir sa-gen: "Diese verschlungenen Ornamente sind wunderbar. Ich habe sie noch nie sehen können, aber sie fühlen sich so vollkommen an..."
Auch den Reisenden, die über ihr volles Augenlicht verfügen, beschert diese Art des Erkundens neue Eindrücke. Eine Begleiterin erzählt: "Als Sehende muss ich sagen, dass ich durchs bloße Hingucken oft flüchtiger wahrnehme als wenn ich zum Beispiel mittaste, wenn ich langsam meine blinde Freundin um eine Säule führe und wir spüren, wie sich das Material anfühlt, wie die Verzierungen gemacht sind. Die Eindrücke bleiben auch länger haften. Ich erinnere mich später oft genauer daran, wie sich etwas angefühlt hat als daran, wie es ausgesehen hat."
Eine der Reiseteilnehmerinnen "outet" sich als Ägypten-Liebhaberin. Sie war schon bei mehreren Blindenreisen dabei: "Alle (wie entfernen) drei Jahre komme ich wieder mit bei den Blindenreisen. Es ist jedes Mal etwas Neues dabei. Ich habe inzwischen ein inneres Bild von Kairo. Vor ungefähr 10, 12 Jahren ist man mehr durch die Innenstadt gefahren, das fand ich sehr aufregend, so durch die Stadt zu fahren, mit dem Gehupe und den Rufen der Leute. Man spürte richtig, wie der Busfahrer herumrangieren muss, immer wieder bremst und losfährt. In Deutschland fühlt sich das ganz anders an. Heute empfinde ich es übrigens als sehr laut hier. Es ist das neue Kairo, das sehr laut für mich ist. Das alte Kairo, das alte Ägypten war wesentlich ruhiger."
Von der Zitadelle aus geht es dann zur Ibn-Tulun-Moschee. Immer wieder schaltet sich Carla M. Arning ein, ergänzt die Erklärungen des Reiseführers mit sehr eindrücklichen Schilderungen. Sie muss versuchen, ganz nah dran zu bleiben an den inneren Bildern ihrer Zuhörer. Der Hof der Moschee wird dann etwa so erklärt: "Wir haben vor uns einen großen offenen Hof mit Doppelarkaden. Diese Moschee lebt zum einen von der Schlichtheit der Architektur und der Farbe. Das Ganze ist in Brauntönen gehalten, es finden sich wenig Ornamente - und diese Ornamente befinden sich an den Pfeilern, an den Kapitellen der Halbsäulen und an den Friesen, die um die Bögen herumlaufen. Es sind Blattmotive, florale Muster in Steinschnittart. Zu finden bei jedem Bogen, an jedem Kapitell. Um ein Raumgefühl zu bekommen, schreiten Sie jetzt mit Ihren Begleitern einmal die Länge des einen Schiffes ab. Denn das Ganze lebt auch von der Harmonie der Maße. Fassen sie im Vorbeigehen auch einmal einen der Pfeiler mit den Halbsäulen in den vier Ecken an, um ein Gefühl für die Größe und die Beschaffenheit zu bekommen."
Höhepunkt dieses Moscheebesuchs sollte eigentlich die Ersteigung des Wendelminaretts sein. Aber leider ist es gerade nicht begehbar, also müssen Erklärungen genügen. Während die Teilnehmer Hof und Säulengang abschreiten, erklärt mir Frau Arning, wie sie bei den Beschreibungen vorgeht. "Es ist so, dass zunächst ein Gesamteindruck vermittelt werden sollte. Außerdem muss ich mir vorstellen, dass ich mit Worten male, ich darf mich nicht verzetteln mit Einzelheiten. Die können später dazukommen, aber zunächst ist wie gesagt der Gesamteindruck wichtig mit Form, Farbe, Sinn der Einrichtung, des Gebäudes. Bei einem Gebäude ist es wichtig, mit dem Grundriss zu beginnen. Ist das Gebäude, der Raum quadratisch oder rechteckig? Wie groß? Wie kann ich diese Größe beschreiben? Das Raumgefühl kann mit Vorstellung unterfüttert werden. Vieles passiert auch aus dem Augenblick heraus. Wenn wir durch die Stadt oder übers Land fahren, erzähle ich vieles, beschreibe das Lokalkolorit, erzähle, wie die Menschen hier leben. Das ist ja, wenn man zum ersten Mal hier ist, oft gar nicht leicht vorzustellen. Jeder sieht anders - ich habe auch von Sehenden schon die Rückmeldung bekommen, wenn ich etwas beschreibe, dass sie das selbst gar nicht so schnell wahrgenommen hätten. Insofern kommen auch gerne Sehende mit zu unseren Reisen, denn sowohl vom Tempo wie auch von der Intensität gehen die Reisen für Blinde anders vonstatten als andere Reisen. Davon profitieren alle."
Am nächsten Tag will die Reisegruppe eine Blindenschule besuchen. Die koptische "Karma"- Blindenschule liegt mitten im umtriebigen Shubra. Sie besteht aus zwei Gebäuden. Im einen Haus sind die Mädchen untergebracht, im Augenblick sind es zehn Mädchen zwischen 14 und 21 Jahren. In einem anderen Teil des Gebäudes sind außerdem noch fünf kleine Jungen untergebracht. Im angrenzenden Haus werden die größeren Jungen, derzeit sind es etwa 20, unterrichtet.
Schon einige Male waren von Frau Arning geleitete Blinden-Reisegruppen da, um etwas über das Leben von blinden Menschen in Ägypten zu erfahren, um sich die Schule beschreiben und zeigen zu lassen. Einige der Mädchen stellen sich vor, singen ein Begrüßungslied für die Besucher aus Deutschland. Später führen die Begleiterinnen die blinden Reisenden durch die Räumlichkeiten, beschreiben sie.
Jemand, der in Kairo lebt und sich schon etwas umgeschaut hat, wird der kleinen Schule Respekt zollen. Die Schlafräume sind sauber und in einem gutem Zustand. Ebenso die Lern-Räume, das Lernmaterial ordentlich in die Regale geräumt. Man merkt, dass hier mit dem Wenigen, das vorhanden ist, gut und liebevoll umgegangen wird, dass eine gute Atmosphäre für die Kinder geschaffen wird. Bei der Reisegruppe macht sich dagegen Verwunderung breit (die von den Begleiterinnen an die "Geführten" übermittelt wird), wie "wenig" die Kinder doch haben - zumindest für deutsche Verhältnisse und Ansprüche. "Wo sind die Spielsachen ?", "Haben die Kinder keine Stofftiere oder Puppen?", "Das ist alles, so leben die Kinder?". Auf einem Bett steht ein kleines Spielzeugauto aus Holz. Das ist tatsächlich alles an persönlichen "Spielsachen". Auch das vielleicht eine neue Erfahrung für die Reiseteilnehmer.
Gleichfalls Verwunderung bei der anschließenden Frage-Runde. Da fragt ein junger Mann von der benachbarten Jungenschule, ob es denn stimme, dass je-der Blinde in Deutschland Geld bekomme. Jeden Monat einen Geldbetrag aufgrund der Tatsache, dass er blind ist und deshalb nur schwer Arbeit findet. "Na-türlich", sagt eine Frau. Aber so natürlich kann es der junge Mann nicht finden. Er erzählt von der Situation blinder Menschen in Ägypten allgemein, von den Schwierigkeiten hier, ganz zu schweigen von der schier unlösbaren Aufgabe, eine Arbeit zu finden. Nachdenkliches Schweigen in der Runde.
Später überbringt Frau Arning Geldspenden aus Deutschland. Auf ihre Anregung hin wurde bei einem Gottesdienst für die Blindenschule gesammelt. Die zweite Spende kommt von einer Frau, die vor einiger Zeit an einer Blinden-Reise teilgenommen hat und die, wie sie schreibt, "beeindruckt war von den Umständen und von der guten Arbeit, die hier getan wird".
Der Abschied ist herzlich, die Reisegruppe nachdenklicher Stimmung. Ich freue
mich schon, wenn wir morgen nach Luxor fliegen", sagt eine der Frauen zu
mir als wir uns verabschieden."Aber diese Schule hier zu besuchen,...darüber
werde ich noch lange nachdenken."