Tell Basta, Bilbeis und Mustorod

von Ursula Mahlke

Ein weiterer Ausflug ins Delta, auf den Spuren der Heiligen Familie

Tell Basta (Bubastis) und Zagazig lauteten eigentlich an diesem 22. November die Ziele einer weiteren Fahrt ins Delta, die ich mit einer Reisegruppe um Dr. Hulsmann unternommen habe. Wieder auf den Spuren der Heiligen Familie sollten wir in Zagazig die koptische Kirche besuchen; die ehemals griechisch-orthodoxe Kirche wurde von der kop-tisch-orthodoxen Kirche übernommen. Doch leider wurde Dr. Hulsman kurz vor unserer Fahrt davon unterrichtet, dass wir die Kirche wegen Restaurierungsarbeiten nicht besu-chen konnten. So musste er unser Programm umstellen: Tell Basta blieb als Reiseziel erhalten, statt nach Zagazig führte unsere Reiseroute dann aber weiter nach Bilbeis und Mustorod.

Wir fuhren zunächst nach Tell Basta, auch Bubastis genannt, das zwei Kilometer südlich von Zagazig liegt. Tell Basta war in der 22. Dynastie (945 - 712 BC) eine bedeutende Stadt, für kurze Zeit sogar Hauptstadt Ägyptens. Hier verehrte man die Katzengöttin Bastet, von der sich auch der Name des Ortes ableitet. Zu Ehren der Katzengöttin wurde hier jedes Jahr ein großes Fest gefeiert, zu dem bis zu 700 000 Menschen kamen (so be-richtet es der griechische Geschichtsschreiber Herodot). Anlässlich dieses Festes wurde viel getrunken - und geliebt. Ein dreiviertel Jahr später erblickten zahlreiche Kinder das Licht der Welt, deren Vater unbekannt war. So geht auch unser Wortes "Bastard" auf den Ortsnamen von Tell Basta zurück.

Für die koptische Kirche ist Tell Basta die erste Stadt, die die Heilige Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten erreichte. Dort angekommen, verweigerte man ihnen Wasser und Nahrung. Nur ein Farmer namens Klum gewährte ihnen Obdach, zum Dank wurde seine gelähmte Frau geheilt. Der Farmer nahm die Heilige Familie auch mit in den Tempel der Bastet. Als Maria mit dem Kind den Tempel betrat, stürzten Säulen und Götterbilder und eine Quelle brach auf. Doch das Wunder konnte die Menschen nicht von dem Glauben an ihre alten Götter abbringen; Soldaten sollten die Heilige Familie festnehmen. Der Farmer Klum verhalf ihnen zur Flucht. Dort, wo einst sein Haus gestanden haben soll, wurde im vierten Jahrhundert eine Kirche erbaut und steht heute die Mar Girges Kirche in Zagazig.

Heute liegt das alte Bubastis in Trümmern. Da es im Delta wenig Stein gibt - der nächste Steinbruch ist erst in Kairo -, wurden die Steine immer wieder verwertet, von einem Ort zum anderen transportiert. So findet man ganz unterschiedliches Gestein: Kalkstein, er-staunlich viel Rosengranit, aber auch schwarzen Basalt. Einige Statuen stehen noch, sind jedoch arg verwittert. An den Statuen, aber auch an Gesteinsstücken sieht man Hierogly-phen aus ganz verschiedenen Zeiten. Der Tempel stand einst wie auf einer Insel, von Wassergräben umgeben, vieles ist im Wasser versunken. In letzter Zeit hat man zwei große Kapitelle und eine große Statue gefunden, bei der es sich um eine Statue der Nefer-tari handeln soll. Säulen und Statue standen wahrscheinlich am Eingang zum Tempel. Die zweite Statue sucht man noch - ob sie wohl Ramses darstellte? Die Statue der Nefertari ist allein eine Fahrt nach Tell Basta wert: In einer großen Grube liegt sie wie schlafend; ihr Gesicht ist wunderschön und strahlt sehr viel Ruhe aus.

Dann ist da noch der Brunnen: Er ist von Stacheldraht umgeben, damit keiner hinein fällt und keiner das Wasser trinkt, das nicht mehr heilt, sondern arg verschmutzt ist. Pilger sollen schon erkrankt sein. Der Brunnen ist heute vor allem ein Streitobjekt. Wer entdeck-te den Brunnen, wer hat das Recht zu graben, zu forschen und zu schreiben? Ein Dr. Mahmoud Omar entdeckte wohl 1991 erste Spuren des Brunnens. Sogleich er wollte ihn als den Brunnen Jesu der Geschichte der Heiligen Familie eingliedern, wollte den Fund-ort zum Pilgerort machen. Der Brunnen stammt aus dem ersten Jahrhundert, aber die ägyptische Antiquitätenverwaltung vermutet unter ihm einen noch älteren Brunnen. Es gilt vor allem, Tradition und Überlieferung nicht mit der Wissenschaft zu vermengen. Der Fall liegt zur Zeit vor Gericht! Von der Stadt, die einst den Tempelbezirk umgab, sieht man nur wenige Überreste: einen Berg von Lehmziegelschutt und einige Mauern. Der größ-te Teil des ehemaligen Ortes liegt heute wohl unter den Ausläufern der Stadt Zagazig.

Von Zagazig fuhren wir nach Bilbeis, das 25 km von Zagazig und 48 km nordöstlich von Kairo entfernt liegt. Die Heilige Familie jedoch ging von Zagazig nach Mustorod, das heute schon zu Groß-Kairo gehört, und dann erst wieder nordwärts nach Bilbeis In Bil-beis erweckte Jesus einen Toten, weshalb die Bewohner an ihn als den wahren Gott glaubten. Es gab früher in Bilbeis einen Brunnen und einen Marienbaum. Diesen Baum wollten die Soldaten Napoleons den Baum fällen. Aber der Baum blutete, so wird erzählt, und die Soldaten stürzten in Panik davon. Dr. Meinardus glaubt, dass der Marienbaum dann wohl um 1850 gefällt wurde. Dr. Hulsman ist jedoch der Auffassung, dass der Baum erst zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt fiel, da die Erinnerung an den diesen Marienbaum bei der Bevölkerung noch sehr lebendig ist.

Heute ist Bilbeis keinen Besuch wert. Eine relativ große Kirche wurde im letzten Jahr-hundert gebaut. Die Altarwand ist zwar alt (sie stammt aus dem 19. Jahrhundert), doch der Kirchenraum ist weder schön noch hat er Atmosphäre. Aber da die Kirche in Zagazig restauriert wurde, mussten wir hier Zuflucht suchen. Wir wurden sehr freundlich aufge-nommen und von einem Priester begrüßt, während wir auf unser Essen warteten. Nach dem gemeinsamen Essen gab Pfarrer Knolle Informationen zur Person des Propheten Hesekiel und erläuterte den geschichtlichen Hintergrund zu dessen Prophezeiungen über Ägypten in den Kapiteln 29 bis 32. In diesen Kapiteln wird unter anderem auch die Stadt Bubastis erwähnt, die zur Zeit Hesekiels die Hauptstadt Ägyptens war. Zunächst wurden die recht langen vier Kapitel aus dem Alten Testament vorgelesen. Dann berichtete Pfar-rer Knolle über das Exil der Israeliten in Babylon und über die Auseinandersetzung der Großmächte Ägypten und Babylonia. Dieses Bibelstudium war allerdings nach meiner Meinung und der Meinung einiger anderer Teilnehmer zu ausführlich und in die Konzeption dieser Reise kaum eingebunden; Bibelarbeit müsste anders gestaltet werden. Allerdings war dies - wie Herr Hulsman und Herr Knolle erklärten - ein erster Versuch der Zusammenarbeit und noch ist laut Herrn Hulsmann offen, wie sie in Zukunft aussehen wird.

Nun fuhren wir nach Mustorod, dem letzten Ziel unserer heutigen Fahrt. Auf dem Weg von Bilbeis dorthin ist das Delta schön anzuschauen, vor allem in der späten Nachmittagssonne. Viel Grün bietet sich dem Betrachter, überall stehen vereinzelte Palmen, die gesund und kräftig aussehen. Wir befinden uns hier im biblischen Land Goschen, wo Joseph und seine Nachkommen lebten, bevor Moses sie ins Gelobte Land zurückführte. Dieses Dreieck zwischen Zagazig, Bilbeis und Abu Hamad war schon immer ein sehr fruchtbarer Teil des Deltas. Bald erreichten wir die alte Straße am Ismailia-Kanal. Früher war er eng verschlungen, mit alten Brücken und Kähnen, hübsch und mit romantischem Flair. Heute ist er breit und begradigt, die Grenze zwischen Delta und Wüste bildend.

Langsam kamen wir Kairo näher! Zementfabriken künden von der nahenden Stadt. Alles am Wegesrand ist grau, ähnlich wie auf dem Wege nach Heluan. Wir erreichten die ers-ten Ausläufer der Stadt, auch diese sind hässlich! Aber mitten drin befindet sich eine Oa-se, die Kirche von Mustorod. Wie durch ein Tor kommt man auf einen freien Platz mit einem großem, grünem Baum, umgeben von ordentlichen Wohnhäusern. Links geht es in die Kirche. Hier befinden sich die Grotte, in der die Heilige Familie Schutz gesucht hat sowie der Brunnen mit der Quelle Jesu. Es kommen viele Pilger nach Mustorod, berühren die Wände der Grotte, trinken vom Wasser .Die Grotte erinnerte mich an die Geburtsgrotte in Bethlehem. Der Kirchenraum ist sehr beeindruckend und stimmungsvoll: eine Holzdecke, schöne schmiedeeiserne Lampen und eine Ikonostase aus dem 14. Jahrhundert. Schon draußen über dem Eingang, dazu in der Kirche an den Seitenwänden und vorn hängen viele, viele alte Ikonen - eine sieht schöner aus als die andere, sehr detailliert sind sie gestaltet. Diese Ikonen erzählen Geschichten! Für mich die schönste Ikone war die von der Heiligen Familie auf ihrem langen Weg - gleich vorn links von der Ikonostase.

Mustorod, das erst durch die Renovierung der Kirche von Zagazig ins Programm aufgenommen wurde, war für mich der Höhepunkt dieses neuerlichen Ausflugs ins Delta. Dr. Hulsman hat die Programmänderung mit Bravour gemeistert, es war sicher nicht ganz einfach.

Dr. Cornelis Hulsman organisiert und führt mehrmals im Jahr ein- bis zweitägige Touren auf den Spuren koptischer Traditionen in Ägypten. Sollten Sie an Reisen dieser Art interessiert sein, wen-den Sie sich Dr. Hulsmann: Tel/Fax: 3803424, Email: jourcoop@intouch.com

Frau Mahlke berichtete bereits in der Mai/Juni-Ausgabe von PAPYRUS über eine Pilgerfahrt mit Dr. Hulsmann nach Deir Abu Hinnis und in der letzten Ausgabe über einen Ausflug ins Delta, nach Sakha und Saint Dimyana. Die pensionierte Lehrerin und passionierte Reisende beschrieb in den letzten Jahren viele ihrer Reisen im PAPYRUS.

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