Kleine Kairoer Baumkunde

von Dr. Lore Becker

Teil 3: Was blüht im Januar und Februar?

Eigentlich ist der Winter in Ägypten nicht die Zeit der Baumblüte, sondern es ist die Zeit der Blumen. Auf dem Markt drängen sich die Ringelblumen (Calendula), Kronenmargeriten, Levkojen in weiß, rosa und gelbbraun (Goldlack), Gerbera und Fresien, Rittersporn, erste Amaryllis- und Feuerlilien, kleinblütige Frühjahrschrysanthemen, Nelken und Stethics, Trockenblumen und Strohblumen, Paradiesvögel (Strelitzia), Kapuziner, Rosen und Gladiolen zu allen Jahreszeiten, Kleinblütiger Phlox, Cosmara, und vieles mehr.

Früher soll es in Maadi große gärtnerische Wettbewerbe (Concurs in Horticulture) um den schönsten Blumengarten gegeben haben, mit feierlicher Preisverteilung. (Heute ist das intelligente Handwerk auf die Universität abgewandert).

Der erste große tropische Baum, in dem sich wieder Leben zu regen beginnt, ist der Eukalyptusbaum. Wer kennt nicht seine würdevollen majestätisch hohen Stämme mit den hängenden Ästen voll silbergrau-grüner lanzettlicher Blätter, lanzettlich wie die Weiden, aber ein wenig sichelförmig und majestätischer - und mit abblätternden feinen Rindenlagen am Stamm, deren kunstvolle Musterung man stundenlang studieren möchte!

Meist schon im Januar beginnt er seine Hängeäste reich mit zierlichen Blüten zu überziehen, die vor lauter cremegelben Staubgefäßen überquellen, sobald sie den spitzen Deckel der vollen Knospe abgeworfen haben. "Schönmütze" heißt der Baum deshalb bei den Eingeborenen in seiner Heimat Australien; das Wort Eukalyptus bedeutet nichts anderes. Kafur - Fieberbaum - heißt er auf Ägyptisch, weil er sumpfigem Boden Wasser entzieht und damit die Brutstätten der Fiebermücken reduziert.

In Australien gibt es 200 Arten von Eukalyptusbäumen. Hier in Ägypten hat sich der Eukalyptusbaum schnell eingebürgert und bewährt. Schnellwüchsig und anspruchslos füllt er die Lücken in der einheimischen Baumflora, zusammen mit der unverwüstlichen Casuarina aus Australien, die nadelförmige Blätter hat und die noch den kargsten und unfruchtbarsten Feldrand gegen den Wüstensand abschirmt und extrem sparsam im Wasser- und Nährstoffverbrauch ist. Sie hat Knöllchenbakterien zur Stickstoffproduktion in den Wurzeln und produziert sich selber ihre Nährstoffe.

Der Baum hat viele Namen: Casuarina kommt vom Helmkasuar, einem australischen Laufvogel mit einem Busch haarfeiner Federn auf dem Kopf. Sie heißt auch "Trauerkiefer" wegen der hängenden nadelartigen Blätter, "Eisenholz" wegen der Härte des Stammes, "Streitkolbenbaum" wegen den zapfenähnlichen Früchtchen. Casuarina und Eukalyptus sind aus der ägyptischen Baumflora gar nicht mehr wegzudenken, obwohl sie der Bodenflora darunter nicht freundlich sind: die Casuarina durch ihre sauren Nadeln, der Eukalyptus durch die starken ätherischen Öle ihrer abgeworfenen Blätter.

Wenn die Casuarina-Bäume blühen, überziehen sie ihre Hängeästchen mit einem dichten weichen Polster von hellbraunen Staubblütchen. Die weiblichen Blütenstände sitzen ähnlich wie Zäpfchen am Fuße der Nadelästchen.

Nun wollen wir noch schnell einen imposanten echten Nadelbaum aus der Reihe der Kiefern vorstellen, der auch früh zu blühen anfängt, obgleich Nadelbaumblüten wenig auffallen. Es ist die Himalayaföhre (Pinus longifolia) mit ihren großen Zapfen und drei Meter langen feinen Nadeln auf jedem Kurztrieb - ein sehr schöner, hoher und majestätischer Baum.

Eine etwas kleinere Kiefernart ist die Aleppo-Kiefer mit nur je zwei Nadeln auf jedem Kurztrieb. Die männlichen Blüten sind bei den Nadelbäumen dicke Staubgefäßpolster und die weiblichen rötliche Miniaturzäpfchen, die im Laufe von zwei Jahren heran wachsen und verholzen. Die Samenkörner mit ihrem Flugblättchen liegen auf den Schuppen der Zapfen, welche sich bei Wind und Trockenheit abspreizen.

Ende Februar ist es dann soweit, dass uns die samtroten, tulpengroßen Blüten des Bombax malabaricum, des Seidenwollbaums (einer Kapokbaumart), vor die Füße fallen. Eigentlich bemerken wir sie zuerst am Boden und schauen dann erst zu dem hohen, hellen Baum auf. In dichten Nestern und Reihen sitzen sie auf seinen quirlständigen Ästen und Zweigen in der Sonne, mit fünf breiten roten Blütenblättern und vielen schwarzroten Staubgefäßen auf einem saftigen Blütenboden, der von Nektar glänzt. Eine wunderschön kräftige Blüte, die aber meist sich ablöst, herunter fällt und uns vom Erdboden her anstrahlt. Die wenigen Blüten, die sitzen bleiben und reifen, entwickeln sich zu faustgroßen Holzkapseln, die an vorgebildeten Trennwänden aufplatzen und eine unwahrscheinliche Menge von leichtem, silberweißen, watteähnlichen Gespinst mit braunen Samenkernen darin freigeben. "Silk Cotton Tree" nennen die Engländer deshalb den Baum. (Diese Fasern spielten vor der Erfindung der Kunstfasern als Kapok beim Handelskapokbaum eine große Rolle als Matratzenfüllung.)

Noch ein prächtig rotblühender, aber nicht so hoher Baum schmückt - noch ehe er Blätter entfaltet - mit seinen eigenartigen Blüten im frühen Frühjahr die Alleen in Heliopolis, in Richtung des Flugplatzes: Es ist der Korallenbaum Erythrina lystistemon bzw. variegata aus dem tropischen Ostafrika.

Benutzte Literatur:
"Das Baumbuch von Maadi", mit Text und Zeichnungen von Ursula Kamel (in den Bibiotheken der beiden deutschen Schulen DEO und DSB erhältlich)

"Street Trees in Egypt" von M. Nabil El Hadidi und Loutfy Boulos, Zeichnungen von Magdi El-Gohary
"Illustrated Polyglottic Dictionary of Plant Namens" von Armenag K. Bedevian, 1936
Schroeder "Reiseführer durch das Pflanzenreich der Tropen" von Werner Grandjot
Schroeder "Reiseführer durch das Pflanzenreich der Mittelmeerländer" von Wer-ner Grandjot
"Farbatlas Tropenpflanzen" von Andreas Bärtels im Verlag Ulmer

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