Wo die Wüste am schönsten ist
von Werner Schwanfelder
Da gibt es eine Stadt, die ich laut finde und aggressiv, die ich hektisch und unbarmherzig empfinde, die im Kampf mit sich selbst liegt. Sie verzehrt sich an ihren eigenen Ausdünstungen. Die Menschen, die in dieser Stadt leben, haben Hoffnungen, um diese kämpfen sie. Sie kämpfen in dieser Stadt. Es geht um ihr Überleben. Sichtbar ist das auf den Straßen. Kaum einer kennt Rücksicht, kaum einer gibt eine Durchfahrt frei, kaum einer tritt freiwillig zurück.
Das ist Cairo, die Stadt der Pharaonen.
Also, raus aus Cairo, die Stadt hinter sich zurücklassen. Die Stadt vergessen.
Am besten kann man dies in einer Totenstadt. Sie entsteht außerhalb von Cairo, eine kleine helle Siedlung mit Backsteinbauten. Die Toten sollen hier wohnen. Manche Toten müssen erst noch zuziehen. Die Lebenden verbreiten etwas Hektik. Sie bauen, renovieren, bereiten die Totenstadt vor. Wir fahren durch die Totenstadt, verlassen sie, links, rechts und sind mitten in der Wüste. Hinter Cairo und der Totenstadt gibt es nichts außer Wüste.
Wir fahren durch dieses Nichts, an das man sich erst gewöhnen muss. Sand, Erde, Geröll, ausgebreitet auf einer großen Ebene. Das ist zunächst das Nichts der Wüste. Wir fahren in dieses Nichts hinein. Wir folgen Spuren, wir folgen Wegmarkierungen, die das Nichts ordnen. Sie wollen eine Hilfe für die Orientierung sein. Sie sind eine Hilfe über die Wegorientierung hinaus. Sie helfen, die Wüste zu begreifen. Sie sind der einzige Ordnungsfaktor in der Wüste. Sie geben die Richtung an. Irgendwann verlieren sich die Wegmarkierungen, verlieren sich auch die Spuren. Aber dann hat man sich bereits an die Wüste gewöhnt.
Das Nichts wird zur Wüste. Das Nichts nimmt Gestalt an.
Wir stellen fest, dass Tafelberge den Horizont begrenzen. Sie begleiten uns auf der Fahrt, sind eine attraktive Begrenzung des Horizonts. Sie wirken in ihren Formen skurril, abwechslungsreich. Schließlich merken wir, dass wir uns selbst auf einem Tafelberg dahinbewegen, wir kommen an einen Abbruch. Da wird die Ebene zum Tafelberg. Einen Weg nach unten, in die Ebene müssen wir uns erst suchen.
Die Wüste überrascht uns durch ihre Vielfalt. Wir gewöhnen uns an die Steinwüste, bestehend aus lauter Felsbrocken, wir lassen uns faszinieren von der Sandwüste, Dünen, die viele Meter ansteigen. Wir sind überrascht von dem Wechsel zwischen den Formen, zwischen den Gesteinen, zwischen dem Untergrund, auf dem wir stehen und fahren.
Es dauert, bis man sich in der Wüste und mit der Wüste zurechtfindet. "Die Wüste macht bescheiden." schreibt Neil Folberg. "Vielleicht ist es das, was die meisten Menschen veranlasst, eine urbanere Gegend vorzuziehen. Die Größe der Wüste lässt menschliche Versuche von Größe erbärmlich, ja albern erscheinen... Die Wüste ist das Werk der Schöpfung. Nichts kann so fein, so vollkommen sein wie die Schönheit der unberührten Wüste."
Wir stehen auf dem Kamm einer Sanddüne, Wind spielt mit den Sandkörnern, hebt sie ab, treibt sie vor sich her. Wie ein kleiner Schleier rieselt der Sand über den Boden. Der Wind trägt die Sandkörner hierhin, dorthin, lässt neu Dünen entstehen, zeichnet Spuren in den Sand. Wellen sind es, die fest erscheinen, ein gesetztes Muster und doch mit einer kleinen Bewegung des Fußes zerstört werden können. Der Wind wird die Wellenformen wieder herstellen, unser Einwirken ist nur von geringer Dauer, ein kleiner Augenblick im Leben der Wüste.
Zwei Dinge faszinieren an der Wüste besonders, die Stille und die Unendlichkeit. Vermutlich fasziniert am meisten die Kombination von beidem. An keinem Ort der Welt kann man so viel Stille, wirkliche Stille, erfahren, wie in der Wüste. Lediglich das Rauschen des Windes unterbricht die Ruhe der Wüste. Und natürlich noch die menschlichen Laute, die wir von uns geben, wenn wir in der Wüste sind. Wir unterbrechen die Stille der Wüste. Die Geräuschkulisse der Zivilisation, an die wir uns schon so sehr gewöhnt haben, dass wir sie fast nicht mehr wahrnehmen, fehlt hier. Und das nehmen wir wahr.
Für die meisten Europäer, wie wir, die wir in einer grünen Umwelt leben, in der Wasser auch keine Rolle spielt, ist die Wüste der Inbegriff von Lebensfeindlichkeit. Wir fühlen, dass wir überfordert sind in der Wüste zu leben. Und es gibt natürlich schon Leben in der Wüste: Menschen und Tiere haben es geschafft sich anzupassen. Wir wären damit überfordert. Wir schielen nach dem Asphaltband, das durch die Wüste führt. Es ist unsere Nabelschnur zur Zivilisation.
"Das Haus, die Sterne, die Wüste - was ihre Schönheit ausmacht, ist unsichtbar." So beschreibt Saint-Exupery seine Empfindungen. Und selbst die Einheimischen erkennen die Wüste als Herausforderung: "Gott schuf die Wüste, um die Gläubigen zu prüfen." (Aus den Weisheiten des Muad'dib' von Prinzessin Irulan.) So ist die Wüste Schönheit und Herausforderung gleichermaßen. Für uns ist sie mehr Schönheit.
Plötzlich ziehen Kamele durch die Wüste, sie schreiten, haben den Kopf majestätisch gehoben, sehen uns prüfend an. Es ist ihre Welt. Sie prägen die Schönheit ihrer Welt
Wir freuen uns an der schwarzen Wüste, wo vulkanisches Gestein, das Wüstenbild prägt. Sand umspielt das Vulkangestein und wir nehmen einen schwarz-sandigen Fleckerlteppich wahr. Wir begeistern uns an der Sandwüste und beschreiten die Dünen, unsicher im Gehen, gespannt im Erkennen. Wir lassen den Sand der Dünen durch unsere Finger gleiten und setzen ihn dem Windzug aus, der den Sand zu neuen Dünen formt, tagein, tagaus, ohne Unterbrechung. Und so ändert sich das Profil der Wüste auch täglich, stündlich. Die Dünen wandern, wachsen und nehmen ab und nehmen auch das Asphaltband der Straße ein. Wir schreiten durch die weiße Wüste, wo Monumente in weißem Gestein vorherrschen. Die Felsformationen sind grazilen Gestalten gleich; sie wirken zart und zerbrechlich gleichermaßen. Wir fassen die Dokumente an und haben den Sand in den Händen. So greift auch der Wind nach dem lockeren Sandblock und holt sich seinen Tribut. Und auch die Monumente der weißen Wüste ändern sich. Wir fotografieren und dokumentieren. Wir werden die Wüste so nicht mehr wiederfinden - schon morgen nicht mehr.
Gibt es etwas Schöneres als die Wüste? Ja, das ist die Oase. Sie ist
die Krönung der Wüste. Sie ist der absolute Kontrapunkt. Sie dokumentiert
die Üppigkeit des Lebens. Zuerst scheint es uns eine Fata Morgana zu sein.
In endloser Entfernung erhebt sich etwas am Horizont. Sind es Tafelberge, nein,
es sind Palmen, es ist Leben. Die Schönheit wird immer klarer und offensichtlicher,
je näher wir kommen. Es erheben sich die Palmenhaine unvermittelt aus der
Unendlichkeit der Wüste. Mit ihnen tritt auch die Stille zurück. Die
Laute menschlichen Lebens treffen unser Ohr. Die Palmenhaine sind Schutz gegen
den Wind, gegen den Sand und gegen die Sonne gleichermaßen. Dahinter befindet
sich Wasser, eine Quelle, ein Brunnen, ein kleiner See, Lebensquell für
Mensch und Tier und Pflanzen. Grüne Felder nehmen wir staunend zur Kenntnis,
ein Esel, der sichtlich vergnügt grast, der sich wohl fühlt.
Dann kommt ein Ort, gezeichnet von Lehmbauten, von engen Gassen, von Überdachungen, wo man Schatten und Kühle findet. Ein Minarett erhebt sich darüber. Manchmal kann man es ersteigen, wie der Muezzin - und steht in schwindelnder Höhe, blickt hinunter auf die Lehmbauten des Ortes, auf die grünen Felder der Oase, auf die Tafelberge der Wüste, auf die neugierigen Bewohner der Hütten, die sich am Dorfplatz drängeln.
Kinder spielen und rufen, Erwachsen sitzen gelassen und schauen. Die Zeit nimmt eine andere Dimension ein. Der Lebensrhythmus wird von der Sonne geprägt. Sie geht auf, strahlt aus der Höhe und geht unter. So teilt sich das Leben in Tag und Nacht. So muss man auch Schutz suchen vor der Macht der gleißenden Sonne.
Die Oase ist die Lebensgrundlage der Menschen hier. Sie freuen sich über diesen Schatz, man merkt ihnen an, dass sie glücklich sind. Sie profitieren davon, dass die Wüste Wasser austreten lässt. Das ist ihre Lebensgrundlage und ihre Lebenshoffnung.
Die Oasen waren noch nie eine isolierte Welt. Sie waren schon immer Treffpunkt
von Neuzeit und Mittelalter, von Okzident und Orient, von Fortschritt und Beständigkeit.
Wo einst Karawanen zogen, fahren heute Autos auf einer Teerstraße. Die
Menschen der Oase sind es gewohnt.
Das war schon immer so.
Wir kehren zurück zu der Teerstraße, die unsere Hoffnung ist und
kehren zurück in unsere Welt. Die Wüste bleibt. Für uns bleibt
sie allerdings nur ein Gedanke, der zur Erinnerung wird.
Wo die Wüste am schönsten ist