Tagebuch einer Mitausgereisten - Folge 11: Was machst du eigentlich den ganzen Tag?

von Bettina Knauth

Mitausgereiste - ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich diesen Fachterminus zum ersten Mal gehört habe. Es war beim Vorbereitungsseminar, zu dem uns die Firma geschickt hatte. Mitausgereiste - von dem Wort fühlte ich mich überhaupt nicht angesprochen. Mitausgereist - das klang so passiv, hörte sich nach Anhängsel an. Wie ein Möbelstück, das man in den Container stellt. Oder ein Kleidungsstück, das man in den Koffer packt. Aber immerhin durfte ich mich glücklich schätzen, weil ich mit auf Reisen bzw. ausreisen durfte. Und außer mir hatte mein Mann auch noch unsere drei Kinder im Gepäck.

Drei Jahre sind seitdem vergangen, sind es wirklich schon so viele? Zeit, einmal Bilanz zu ziehen über mein Leben als Mitausgereiste. Und Gelegenheit, mit der gängigen Vorstellung der Ausgereisten aufzuräumen, dass wir hier ein Leben wie im Paradiese führen.

Was machen wir Mitausgereiste eigentlich den ganzen Tag? Im Haushalt haben wir nicht viel zu tun, dafür leisten wir uns ja schließlich eine Hausangestellte, die Shaghäla. Vielleicht kommen noch ein Bügler, Fensterputzer, Babysitter, Fahrer, Bauwäb, Gärtner etc. hinzu. Aber mal ehrlich, wer ist schon rundum zufrieden mit dem Personal? Wenn es eine nahezu perfekte Shaghäla gibt, dann haben wir sie doch erst dazu gemacht. Wir haben ihr gezeigt, dass man durchaus auch in den Ecken und unter den Möbeln sauber machen kann. Dass ein Bad auch sauber wird, wenn man es nicht vorher flutet. Wie man Geschirr spült, ohne gleich die halbe Flasche Spülmittel zu verbrauchen. Besonders dieser sparsame Umgang mit Ressourcen aller Art, den musste ich den Mädels erst beibringen. Denn da ich nicht auf Anhieb die richtige Hilfe fand und mehrmals enttäuscht wurde, habe ich schon Übung im Einarbeiten, habe einige Shaghälas kommen und gehen sehen. Auch der Fensterputzer musste lernen, dass Fenster sich durchaus säubern lassen, ohne dass man dafür Wälder abholzen muss, ganz ohne Papier. Und dem Bügler erspart das moderne Dampfbügeleisen das Spucken auf die Wäsche. Der Bauwäb oder der Fahrer schließlich brauchen regelmäßig neue Anreize, damit das Auto tatsächlich gewaschen wird. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Viel Zeit geht für die täglichen Instruktionen drauf. Was soll wann wie erledigt werden. Nicht nur einmal habe ich die Arbeit lieber gleich selbst getan - und das Erklären aufgegeben. Nicht wenige, die wieder selber putzen und spülen. Und sich dann nur über sich selber ärgern müssen, wenn wieder etwas zu Bruch geht. Dabei ist eine Haushaltshilfe in Kairo schon deshalb anzuraten, weil es hier einfach viel dreckiger ist als zuhause. Was am Morgen sauber geputzt aussah, ist am Nachmittag bereits wieder von einer ordentlichen Staubschicht überzogen. Richtig sauber ist das ganze Haus eigentlich nie.

Und dann diese Reparaturen. Ständig scheint etwas kaputt zu gehen. Von den Problemen mit der Wasser- und Stromversorgung will ich ja gar nicht reden. Durch die Toilette rauschen schon wieder die Wasserfluten, obwohl der Klempner sie schon drei mal repariert hat. Dafür hat er die Ursache des Wasserschadens im Wohnzimmer noch nicht gefunden. Aber ich bin schon froh, dass der Handwerker überhaupt kommt, wenn auch selten zur verabredeten Zeit. Den Fernsehtechniker haben wir einmal hinausgeworfen: Als er um ein Uhr nachts noch immer die Sender scannte, wollten wir dann doch langsam schlafen gehen...

Unsere Haustiere sollen auch nicht unerwähnt bleiben, beanspruchen sie doch auch einiges von meiner Zeit. Nein, ich meine nicht die üblichen, wie Hunde, Katzen oder Vögel. Alle Arten von Ameisen haben unser Haus unterwandert und durchlöchert, von den ganz kleinen, fast unsichtbaren bis hin zu den Mega-Ameisen, die neuerdings sogar Flügel haben und sich bevorzugt in der Küche aufhalten. Dort können sie dann wenigstens den Kakerlaken Gesellschaft leisten. Nur die Mücken halten sich in letzter Zeit merklich zurück. Nahezu ungestört können wir abends fernsehen, ohne wie sonst mit dem "Mückengrill" auf die Jagd zu gehen. Momentan ist es den kleinen Plagegeistern wohl zu heiß. Oder sollte der Mückensprayer, der jeden Abend unseren Compound vernebelt, doch etwas bewirkt haben? Unsere Kinder jedenfalls hat das Leben in Ägypten bereits stark geprägt. Wo in Deutschland würden sich Vier-, Sechs- und Siebenjährige wohl mit "Du alte Kakerlake!" beschimpfen oder sich einen Sport daraus machen, Ameisen zu zertrampeln?

Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist das Einkaufen, das immer wieder ein zeitraubendes Erlebnis ist. Schon die Fahrt zum Supermarkt schafft mich. Bis ich erst einen Parkplatz und dann die gewünschten Waren im Regal gefunden habe (wieso nur räumen sie alles ständig um?), bin ich reif für die nächste Dusche. Erst nach gut anderthalb Stunden treffe ich mit einem Auto voller Tüten wieder zuhause ein, in denen wenigstens ein Teil dessen steckt, was ich tatsächlich einkaufen wollte..

Nun will ich aber nicht klagen. Die Annehmlichkeiten eines Hausfrauen- und Mutterdaseins inklusive Haushaltshilfe, Home Delivery Service, Bügler und Babysitter sollen nicht verschwiegen werden. Die meisten Vormittage habe ich zur freien Verfügung, die Kinder sind im Kindergarten oder in der Schule. Zeit für mich, Zeit zum Sport, zum Shoppen, zum Artikel schreiben oder Arabisch lernen. Es gibt auch diese Phasen, in denen eine Einladung die andere jagt, ein Frühstück in geselliger Runde das andere ablöst. Ansonsten trifft man sich beim Sport, im Club oder anderswo. Die meisten Bekannten spielen entweder Tennis oder Golf oder gehen Reiten. Wer mehr machen möchte, findet genügend Gelegenheiten zu einem sozialen Engagement.

Der Nachmittag gehört den Kindern. Hausaufgabenbetreuung, Spielen, für ein paar Runden Schwimmen im Pool bleibt immer Zeit. Denn fast jeden Tag lacht die Sonne, was ein großer Vorteil gegenüber der Heimat und Balsam für die Seele ist. Und das Wetter vereinfacht die Freizeitgestaltung mit den lieben Kleinen sehr.

Im Allgemeinen lässt es sich gut leben als Mitausgereiste in Kairo. Die Annehmlichkeiten überwiegen manch widrigen Umstand. Warum soll ich nicht das beste daraus machen? Mitunter mag ein wenig Neid mitschwingen, wenn mein mir Angetrauter meinen morgendlichen Golfdress mit den Worten kommentiert: "Gehst du schon wieder Golf spielen?" Soll heißen: Hast du nichts anderes zu tun als dich auf dem Golfplatz zu vergnügen, während ich so hart unsere Brötchen verdienen muss? Dabei ist das Golfen beileibe nicht immer das reinste Vergnügen. Aber davon will ich beim nächsten Mal ausführlich berichten.

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