Wenn einer eine Reise tut...: Erfahrungsbericht über eine fünftägige Kreuzfahrt mit der "Eugénie" auf dem Nassersee

von Petra Post

Das Boot tuckerte um einen Felsvorsprung und plötzlich lag sie vor uns: die "Eugénie", ein luxuriöses Belle-Époque-Schiff, das für die nächsten fünf Tage unser Domizil sein würde. Sie erstrahlte inmitten glitzernden, leicht gekräuselten Wassers, einladend mit einem niedlichen Balkon vor jeder Kabine und dem Sonnendeck voller schattenspendender Schirme. Wir hatten es geschafft! Im Nu waren die Strapazen, sprich das frühe Aufstehen, die langen Wartezeiten auf den Flughäfen in Kairo und Assuan (letzterer hätte erheblich verkürzt werden können, wenn die Gepäckabfertigung nur ein bisschen schneller vonstatten gegangen wäre...) vergessen - ganz zu schweigen von der aufwändigen Buchung, die uns von "Thomas Cook" über "American Express" schließlich zum "Belle Époque Travel Bureau" geführt und uns fast schon zum Aufgeben veranlasst hätte.

Stattdessen saßen wir nun gemütlich in der eleganten Empfangshalle und warteten bei einem Glas Hibiskussaft auf unsere Zimmerschlüssel. Die Zimmer entsprachen ganz unseren Erwartungen: gediegen, mit der Liebe zum Detail möbliert, der kleine Balkon mit Stühlen und Tischchen versehen, das Bad winzig, aber ausreichend. Auch das anschließende Mittagessen, das leider nicht an Deck serviert wurde, sondern im vornehm eingerichteten Speisesaal, ließ kaum einen Wunsch offen. Jetzt fehlte zu unserem Glück nur noch ein Schläfchen im Liegestuhl unter der Sonne Nubiens! Daraus wurde leider nichts, da für den Nachmittag die Besichtigung Abu Simbels vorgesehen war, jenes berühmten Tempels von Ramses II., der in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts von der UNESCO unter großem technischen und finanziellen Aufwand vor den Fluten des Nils gerettet worden war. Ausgestattet mit einem englischsprachigen Führer, brach unsere angenehm kleine Gruppe auf, um dieses berühmte Monument auf sich wirken zu lassen. (Der überwiegende Teil der Gäste waren Franzosen, die in einer separaten Gruppe geführt wurden.)

Der Anblick der beiden Tempel, der des Ramses und der seiner schönen Gemahlin Nefertari, war tatsächlich atemberaubend. Umso mehr, als wir den Luxus genossen, allein diesen gewaltigen Denkmälern mit ihren, in den Fels gehauenen Kolossalstatuen gegenüberzustehen. Die meisten Touristengruppen besuchen diese Anlage morgens und auch dann ist ihre Zeit auf ein bis zwei Stunden begrenzt, wohingegen wir so viel Zeit zur Verfügung hatten, wie wir wollten. Von unserem Führer, der die Tempel nicht betreten durfte, anhand von Fotos informiert, durchstreiften wir andächtig diese Beispiele menschlicher Schaffenskraft, die auch noch über 3000 Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Schönheit eingebüßt haben. Im Ramses-Tempel beeindruckte uns vor allem der große Pfeilersaal, aber auch die Darstellung der Kadesch-Schlacht gegen die Hethiter, die eine ganz Längswand einnimmt. Das Allerheiligste des Tempelhauses befindet sich an der Rückseite: vier direkt aus dem Stein gehauene Sitzfiguren, die auch nach der Versetzung des Tempels noch zweimal im Jahr, jetzt am 21. Februar und 21. Oktober, durch das einfallende Licht der aufgehenden Sonne angestrahlt werden. Im kleineren Tempel der Nefertari bestaunten wir ehrfürchtig die wunderbar erhaltenen Reliefs,

Wieder zurück an Bord wurde im Salon Tee serviert. Anschließend genehmigten wir uns einen Apéritif - den im Prospekt angekündigten Cocktail hatte man offenbar vergessen -, den wir in bequemen Korbstühlen mit Blick auf den Nefertari-Tempel genossen. Nach Sonnenuntergang verfolgten wir von hier aus die dort stattfindende "Licht und Ton"-Schau; die durch die Distanz bedingten Einbußen waren leicht zu verschmerzen.

Die Krönung dieses ereignisreichen Tages bildete ein Dinner bei Kerzenlicht im Restaurant "La Pergola" unter freiem Himmel. Währenddessen kreuzte unser Schiff zu dezenter Hintergrundsmusik vor den angestrahlten Tempeln. Ein unvergessliches Erlebnis! Leider liegen die Kreuzfahrtschiffe während der Nacht nicht wie früher direkt in der Bucht vor Abu Simbel. Als Begründung nannte man uns die Beeinträchtigung der abendlichen Show durch die Dieselmotoren, zumal aus den ehemals zwei inzwischen fünf Schiffe wurden, die den Nassersee, poetisch auch "Nubisches Meer" genannt, befahren.

Nachdem wir auf den gewiss spektakulären Sonnenaufgang verzichtet hatten, da uns die Strapazen des Vortags noch in den Knochen saßen, verbrachten wir den Vormittag zunächst mit einem ausgiebigen Frühstück - bei dem der Kellner so schwungvoll den Kaffee einschenkte, dass man besser in Deckung ging -, und dann lesend auf dem Sonnendeck, neidvoll, so schien es, von schwitzenden, zu den Tempeln pilgernden Touristenscharen beäugt. Da wir uns gegen die Wochenendtour (vier Nächte, drei Tage, freitags ab Assuan) entschieden hatten, war das Schiff relativ leer, und es gab kein Gerangel um Sonnenschirme. Sonnenschutz war dringend erforderlich, denn der strahlendblaue Himmel betörte nicht nur die Smog gewöhnten "Kairoer", sondern vor allem die bleichen Europäer. Gegen Mittag wurde der bereits angekündigte "Cocktail" serviert (hier besteht allerdings noch Verbesserungsbedarf!), während unser Schiff, begleitet von "Aida"-Klängen, ein letztes Mal vor der historischen Stätte kreuzte. Während des Mittagessens an Deck, ein üppiges Büffet, zu dem wir uns zur Feier des Tages eine Flasche Wein gönnten (schließlich hatten wir ja Urlaub!), kehrten wir Abu Simpel den Rücken und fuhren, von einer sanften Brise umweht, Richtung Norden. Der Nachmittag stand zur freien Verfügung - das Sonnendeck rief; Zeit, die Seele baumeln zu lassen! Übrigens findet man in der kleinen Bordbibliothek zahlreiche Schmöker in verschiedenen Sprachen.

Am frühen Abend erreichten wir dann Kasr Ibrim, die Überreste einer nubischen Festung und das einzige noch an seinem ursprünglichen Ort befindliche Monument, das wir leider nicht besichtigen durften. In pharaonischer Zeit wurde der Felsenhügel von einer Zitadelle gekrönt, im Mittelalter dann von einer orthodoxen Kathedrale, von der man noch die römischen Bögen bewundern kann und die im 14. Jahrhundert in eine Moschee umgewandelt wurde. ("Kasr Ibrim" ist übrigens auch der Name des Schwesterschiffs, das im Wechsel mit der "Eugénie" den Nassersee befährt.) Von dort aus ging es weiter nach Amada, wo wir für die Nacht anlegten. Zwar musste das Dinner wegen des heftigen Winds unten im Restaurant eingenommen werden, aber später hatten wir von unserem geschützten Balkon aus einen herrlichen Blick auf den angestrahlten Amada-Tempel.

Am nächsten Morgen lag wieder das Beiboot für uns bereit, um uns zum Ufer zu bringen. Auf dem Programm stand zunächst die Besichtigung des Amada-Tempels, eines aus der 18. Dynastie stammenden nubischen Heiligtums, das gut zwei Kilometer als Ganzes, und zwar auf Schienen, versetzt wurde. Amada wurde unter der Herrschaft von Thutmosis III., Amenophis II. und Thutmosis IV. erbaut bzw. erweitert und zeichnet sich durch feine Reliefs in den Innenräumen aus. Anschießend stapften wir unter sengender Sonne durch den Wüstensand zum Derr-Tempel, einem in den Fels gehauenen nubischen Schrein, der ursprünglich elf Kilometer weiter stromaufwärts angesiedelt war und von den Christen als Kirche genutzt wurde. Er wurde von Ramses II. dem Sonnengott Re-Harachte geweiht. Zuletzt besichtigten wir noch das Grab von Penout, dem Vizekönig von Nubien unter Ramses VI., das gänzlich aus seinem Felsen 40 Kilometer stromaufwärts entfernt und hier wieder "aufgebaut" worden war. An Bord zurück wurden wir begrüßt, als kämen wir von einer anstrengenden Expedition zurück: mit einem erfrischenden Glas Zitronensaft und Saunatüchern! Eine kurze Verschnaufpause auf dem Sonnendeck, reichhaltiges Mittagessen und auf zur nächsten Besichtigungstour! Diesmal ging es zum Wadi es Sebua, wohin uns unser Schiff in der Zwischenzeit gebracht hatte. Die Besichtigung war laut Programm erst für den nächsten Morgen vorgesehen, aber da Programmänderungen an der Tagesordnung waren, störte sich niemand weiter daran.

An Land besichtigten wir den Tempel von el Dakka, der früher 40 Kilometer stromabwärts lag. Begonnen von dem meroitischen König Arkamani (270 - 260 v. Chr.) und Thot von Pnubs, dem lokalen Gott der Weisheit, Zeit, Wissenschaft und Musik, geweiht, wurde der ursprüngliche Bau später von den Ptolomäern und Kaiser Augustus erweitert. Ganz in der Nähe befindet sich der kleinere, griechisch-römische Tempel von Maharraka, der ebenfalls unvollendet blieb. Sein ursprünglicher Standort befand sich 30 Kilometer stromabwärts. Für den "beschwerlichen" Weg zum Wadi es Sebua-Tempel standen Kamele bereit, auf die wir aber verzichteten. Dieser, von Ramses II. den beiden Göttern Amun-Re und Re-Harachte gewidmet, besticht durch seine Sphingenallee und die beiden Kolossalstatuen am Eingang, die seinen Erbauer darstellen. Ein interessantes Detail im Innern: Da der Tempel den Christen als Kirche diente, zeigt ein Wandgemälde Ramses II., wie er St. Peter statt Amun-Re und Re-Harachte huldigt! Er musste übrigens nur zwei Kilometer versetzt werden. Nach einer Erfrischung, serviert von Kellnern der "Eugénie", brachte uns das Beiboot wieder zum Schiff zurück.

Nach dem Abendessen dann eine gelungene Überraschung: Eine Geburtstagstorte mit Kerze! Den Geburtstag hatten wir zwar verschwiegen, aber schließlich steht das Geburtsdatum ja im Pass! Leider waren wir zu diesem Zeitpunkt schon so pappsatt, dass wir später auf dem Sonnendeck, wo vor dem Hintergrund der stimmungsvoll angeleuchteten Tempel ein "Cocktail" serviert wurde, nur davon kosteten. Und noch eine Überraschung hielt der Abend für uns bereit: Beim Betreten der Kabine blinkte uns fröhlich eine bunte Lichterkette, um ein kunstvoll gewickeltes Handtuch drapiert, entgegen! (Die Bettdekorationen waren übrigens immer sehr originell und reichten von lesenden, mit einer Brille versehenen "Menschen" über Schwäne zu Fantasiegebilden.) Und so ließen wir dann den Abend auf unserem Balkon bei einem Glas, aus Deutschland importiertem, Champagner ausklingen: hinter uns die blinkenden Lämpchen, vor uns die stille, dunkle Wüstenlandschaft, über uns der weite Sternenhimmel... Das hektische Kairo mit seinem Verkehrslärm, den kläffenden Hunden und den bereits zu früher Stunde rufenden Muezzins erschien unendlich fern.

Am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrüh ging ein Dröhnen durchs Schiff: Wir legten ab! Von einschläferndem Rauschen begleitet, dösten wir noch eine Weile vor uns hin, bis uns die Sonne aus den Federn holte. Ein Blick aus dem Kabinenfenster: Wir waren auf hoher See! Weit und breit kein Ufer in Sicht! Der Wind blies heftig und bildete Schaumkronen auf den Wellen, während wir mit voller Fahrt Richtung auf Assuan zusteuerten. Es war unser letzter Tag an Bord und schon wurde uns ein wenig wehmütig ums Herz. Nach dem Frühstück und einem interessanten Film über die Rettung der nubischen Denkmäler erwartete uns ein weiterer Höhepunkt: die Überquerung des Wendekreis´ des Krebses, die stilvoll mit einem Cocktail an Bord begangen wurde. Das feierlich überreichte "Zertifikat" hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler: Aus Mrs. Post war Mrs. Pots geworden...

In Assuan angekommen, ankerte unser Schiff - leider gingen unsere Kabinen diesmal zur Landseite -, während wir zu unserer letzten Besichtigungstour aufbrachen. Zunächst zum ganz in der Nähe des Hochstaudamms gelegenen Kalabscha-Tempel aus der Zeit der Ptolemäer und Römer (1. Jh. v. Chr.), der am Westufer des Stausees wiedererrichtet wurde, da er an seinem alten Standort 50 Kilometer südlich im Nasser-Stausee versunken wäre. Der Tempel besticht nicht zuletzt durch seine Ausmaße; beeindruckend sind aber auch die fein gearbeiteten Säulenkapitelle, deren Dekor Pflanzen, Blumen und Weinblättern nachempfunden ist. Die Rettung dieses Heiligtums, das neben Abu Simbel als die bedeutendste Anlage Nubiens gilt, wurde übrigens von der Bundesrepublik Deutschland finanziert und durchgeführt. Weiter ging es zum nordwestlich gelegenen, ebenfalls versetzten kleinen Felstempel Beit el Wali, der in den ersten Regierungsjahren Ramses´ II. entstand, und abschließend zum Kiosk von Kertassi, einem kleinen Heiligtum mit zwei Hathor-Säulen. Inzwischen schwirrte uns der Kopf von den ausführlichen Erklärungen unseres Führers. Auf seine Frage, wie viele Heiligtümer wir denn insgesamt gesehen hätten, begann ein kleines Ratespiel. Aber die Verarbeitung des Gesehenen lässt sich ja unschwer anhand von Reiseführern nachholen!

Mit dem Abendessen an Bord und dem - zugegeben etwas gehetzten - Frühstück am nächsten Morgen ging unsere Kreuzfahrt auf dem Nasser-Stausee zu Ende. Von den wenigen Unannehmlichkeiten abgesehen (Tipp: vorsichtshalber die Getränkerechnung überprüfen!), haben wir diese gelungene Mischung aus Kultur und luxuriöser Erholung in vollen Zügen genossen!

Wer sich für eine solche Reise interessiert, wende sich an das "Belle Époque Travel Bureau" in 17 Sharia Tunis in Maadi/Kairo, Tel. 516 96 93, 516 96 53/54/56.

zurück