Sadd-el-Kafara: Die älteste Talsperre der Welt

von Jutta Zeppelzauer

Vor mehr als hundert Jahren wurden im Wadi Garawi die Überreste einer antiken Talsperre entdeckt. Wir sind "zufällig" vorbeigefahren und wurden neugierig...

Als Stubenhocker würde ich uns nicht bezeichnen, jeden Tipp für ein mögliches Ausflugsziel nehmen wir immer gerne an. Dass Ägypten, unser Gastland auf unbestimmte Zeit, das größte Freiluftmuseum der Welt darstellt, kommt unserem Entdeckungsdrang natürlich sehr entgegen.

Die österreichische Gründlichkeit ist augenscheinlich, wenn wir unsere Wüstenausflüge planen. Wir überlassen nichts dem Zufall, auch wenn wir uns, wie in diesem Fall, nicht allzu weit von der Zivilisation entfernen werden. Für die ganze Familie sollen diese Tage ein Abenteuer bleiben und nicht zur unangenehmen Erinnerung werden.

Trotz GPS und unserer Vorbereitungen verpassen wir unbemerkt die richtige Einfahrt in das Wadi Garawi. Wir wissen nach einiger Zeit des Herumsuchens, dass wir uns nur einen unüberwindbaren Bergrücken weiter südlich, im Nachbartal ca. 100 Meter entfernt von unserem Ziel, befinden. Diesem Irrtum haben wir es zu verdanken, dass wir den Damm überhaupt sehen können. Wer einmal in der Wüste unterwegs war, weiß, wie leicht man über sein Ziel hinausschießen kann. Die Sonne vermag die Landschaft zu verzaubern und die Menschen, die sich ihr aussetzen.

Genau über die neu erbaute Rampe, die der ausschlaggebende Grund für eine umfangreiche Bestandaufnahme des Dammes war, fahren wir hinunter zum Grund des Wadis und sehen, ganz unerwartet, die Überreste der Talsperre:

Der Afrikaforscher und Geograf Georg Schweinfurth (1836-1925) entdeckte 1885 im Wadi Garawi am östlichen Nilufer bei Helwan, 30 Kilometer südlich von Kairo, die Reste einer antiken Talsperre (2600 v. Chr.), die wahrscheinlich dem Hochwasserschutz diente. Seinen Aufzeichnungen zu Folge ist er ebenfalls zufällig und aus derselben Richtung kommend über diesen antiken Schatz "gestolpert".

Die Talsperre Sadd-el-Kafara gehört neben dem Trinkwasserreservoir von Jawa in Jordanien (3200 v. Chr.) zu den ältesten, bekannten und erhaltenen Talsperren der Welt. Das Bauwerk besteht aus einem Dammkern aus Geröll, Kies und Schutt, den beidseitig anschließenden Schüttungen aus grobem Geröll bzw. Steinen und den treppenförmig gesetzten Werksteinen.

Mit einer Kronenlänge von 113 Metern, einer Basislänge von 86 Metern und einer Höhe von 14 Metern gilt dieses weitere Beispiel monumentaler Bautechnik nicht nur als die älteste, sondern auch als die größte Sperre dieser Art. Die Stufenpyramide von Sakkara kann sich mit ihrer Basisbreite mit dem Damm messen. Unvorstellbar, dass etwa am Ende der 4. Dynastie, also fast zeitgleich mit der Fertigstellung der Pyramiden, auch ein solches Nutzbauwerk in Angriff genommen wurde.

Das Aufnahmevermögen hätte 465000 m³ betragen; bei einem Einzugsgebiet von 185 km² erzeugt ein Niederschlag von einem Millimeter theoretisch einen Abfluss von 185000 m³. Ein Niederschlag von drei bis vier Millimetern hätte ausgereicht, um einen Vollstau zu erlangen.

Die Angaben der Niederschlagsmengen (im Durchschnitt: 25-30mm Niederschlag im Jahr) variieren sehr stark; es existieren darüber nur sehr wenige Aufzeichnungen. Anhand der Vegetation können jedoch Rückschlüsse darauf gezogen werden. Die Achilla Fragantissima hat Wurzeln von bis zu 1,20 Meter Länge und kann bis zu acht Jahre ohne Niederschlag überleben.

Beachtliche 4500 Jahre trennen uns von dieser Pionierleistung. Ich kann mich des Gefühls der Hochachtung und des Respekts für die ägyptischen Ingenieure und Techniker nicht entziehen, die mit den begrenzten technologischen Mitteln ihrer Zeit und den rudimentärsten, ingenieurwissenschaftlichen Kenntnissen diesen Bau gewagt haben.

Der Steinschüttdamm, der dem Hochwasserschutz diente, wird auch in der Studie "Historische Talsperren" von Garbrecht (1987) erwähnt: "...Der Damm ist nach heutigen Bemessungsregeln standsicher und hätte bei sachgerechter Fertigstellung auch den zu erwartenden Überströmungen standgehalten, er war sogar überdimensioniert. Bei einem Hochwasser während der Bauzeit ist es vermutlich zu einer Überströmung des unvollendeten und damit verwundbaren Dammes mit der Folge einer verheerenden Flutwelle gekommen..." Die Berechnungen ergaben, dass an dem Damm selbst drei Monate im Jahr gearbeitet wurde, der Rest der Zeit für die Heranschaffung der Baumaterialen in den umliegenden Steinbrüchen diente. Nach neun Jahren, also drei bis fünf Jahre vor der berechneten Fertigstellung des Dammes, wurden die Ingenieure, die für diese Zeit eine planerische, wie auch menschliche Höchstleistung vollbrachten, von einer Flutwelle überrascht, dessen Wassermenge ihre Berechnungen um das Fünffache übertraf. Ein normales Hochwasser ist bereits im Stande, Bagger von mehreren Tonnen Gewicht fortzuspülen; die Auswirkungen dieser Naturkatastrophe sind also kaum vorstellbar.

In einer anderen Quelle heißt es: "Es wird angenommen, dass weder ein Kanal oder ein Tunnel, der das Wasser während der Bauzeit umgeleitet hätte, erbaut wurde. So konnte eine eher selten auftretende Flut die Baustelle überschwemmen. Die Verwüstungen nach dieser Flutwelle müssen so verheerend gewesen sein, dass sie ägyptische Ingenieure acht weitere Jahrhunderte davon abgehalten hat, einen neuen Damm zu errichten.

Wir lassen uns Zeit, die Gegend zu erkunden, und fahren dann tiefer in die Berge hinein. Unter der einzigen, schattenspendenen Palme wird gepicknickt. Die eher kläglichen Überreste der Sperre finde ich nicht besonders beeindruckend. Doch im Nachhinein gewinnt diese Entdeckung für mich an Bedeutung: Ich stelle mir die Arbeiter vor, wie sie die schweren Steine schleppten und abends erschöpft in ihren Unterkünften nahe der Baustelle beisammen saßen...

Allen Warnungen zum Trotz möchte ich einmal bei Regenfall oder kurz danach zu diesem Wadi fahren. Gar zu gern würde ich einmal mit eigenen Augen sehen, wie sich ein trockenes Tal in einen reißenden Sturzbach verwandelt - selbstverständlich von einem erhöhten, geschützten Ort aus!

Quellen:
Leichtenweiss-Institut für Wasserbau der Technischen Universität Braunschweig:
Mitteilungen Heft 81/ 1983 Garbrecht/ Bertram
www.deutsches-museum.de/ausstell/dauer/wasser/wasser4.htm
www.icomos.org/studies/canals2b.htm
www.uni-stuttgart.de/wechselwirkungen/ww1996/vermeer.htm
www.simscience.org/cracks/advanced/ebnk_hist1.html

zurück