König Faruks österreichischer Trachtenanzug und seine ägyptischen Jagdhäuser
von Jutta Zeppelzauer
Mein erster Heimaturlaub mit der ganzen Familie nach einem Jahr in Kairo führt uns auch in meine Geburtsstadt Villach in Kärnten/Österreich. Der Villacher Kirchtag ist angeblich weit über die Grenzen hinaus berühmt-berüchtigt. Alljährlich im August findet diese traditionelle Brauchtumswoche mit dem zwei Stunden dauernden Umzug statt. Dabei sind Trachten aus ganz Europa zu bewundern. Für mich eine wunderbare Gelegenheit, viele meiner Verwandten und Freunde zu sehen. Hungrig geworden, besuche ich wie immer das Trachtengeschäft unseres Großcousins, um mich mit dessen berühmter, hausgemachter Kirchtagssuppe zu stärken. Bei dieser Gelegenheit wird mir eine neue Firmenbroschüre überreicht, die ich interessiert lese...
1855 legte Andreas Fischer den Grundstein für eine Familientradition: Die Trachtenschneiderei. In dem idyllischen Örtchen Nötsch in Kärnten/Österreich entstand ein Betrieb, der sich bis heute mit Trachtenmode nach Maß beschäftigt und sich damit einen ausgezeichneten Namen machte. Es ist der letzte Betrieb, der die weltberühmte, äußert aufwändige Gailtaler Tracht herstellt.
Was dies alles mit Ägypten zu tun hat?
Zu Beginn der 50-iger Jahr wurde Emil Fischer, der 1936 den väterlichen Betrieb übernahm, gebeten, ins Schloss Mittersill nach Salzburg zu kommen, um bei einem Gast Maß für einen Trachtenanzug zu nehmen.
Ohne zu wissen, wen er antreffen würde, fuhr er nach Mittersill. Es stellte sich heraus, dass es sich bei dem Gast um König Faruk von Ägypten, der damals allerdings nicht mehr regierte, handelte.
Der illustre Kunde brachte Emil Fischer etwas in Verlegenheit, denn für den beachtlichen Leibesumfang des Königs war das mitgebrachte Maßband zu kurz. Emil wusste sich aber zu helfen: Er ließ sich einen Spagat [österr. für Bindfaden] geben und nahm Maß mit Knoten im Spagat!
Zu Hause wurde dann der Trachtenanzug der Fürstenfamilie Windisch-Grätz für den herrschaftlichen Kunden gefertigt. Bevor der Anzug abgeliefert wurde, ließ ihn Emil Fischer noch fotografisch festhalten.
Der König von Ägypten war nicht der einzige Kunde aus dem Hochadel. Neben den Fürstenfamilien Khevenhüller, Windisch-Grätz, Thurn und Taxis, Kinsky u.a. hat er auch für den Prinzen Max von Bayern und den abgedankten König von England, den Herzog von Windsor, gearbeitet.
Seit wir in Ägypten leben, interessieren wir uns noch mehr für Verbindungen zwischen unserem Gastland und unserer Heimat. Umso mehr freue ich mich daher über diese Querverbindung, noch dazu innerhalb der eigenen Familie!
Wenn König Faruk sich für Trachten begeistern konnte, liegt der Gedanke nahe, dass er auch ein Interesse an der Jagd hat, dachte ich mir. Und wirklich, wieder zu Hause in Ägypten und auf der Suche nach einem neuen Ausflugsziel, bringt ein Geländewagenfreund die Existenz der Jagdhäuser des König Faruks ins Gespräch. Schriftliche "Beweise" sind leider nicht aufzutreiben, so bleibt uns nichts anderes übrig, als uns wieder einmal auf unseren Spürsinn zu verlassen...
Wie die zahllosen Jagdhütten in den Bergen Österreichs aussehen, wissen wir, auch die Hermesvilla der Kaiserin Elisabeth in Wien ist vielen Leuten bekannt. Aber welche Vorstellung hat man von den Jagdhäusern König Faruks?
Wir haben keine. Wir wissen nur, dass es Jagdhäuser geben soll und wir uns diese aus der Nähe ansehen wollen, damit eine vage Ahnung Form annehmen kann...
Endlich ist es soweit: Eine neue Entdeckungsreise beginnt. Südlich von El Saff zweigen wir in östlicher Richtung zum Wadi Rish Rash ab. Der Eingang des Wadis ist sehr schwierig zu finden, Schilder gibt es - natürlich - keine. Die Strecke ist etwas für geübte Geländewagenfahrer; wer steinigen Untergrund liebt, ist hier genau richtig. Allerdings kann die extrem schlechte Pistenbeschaffenheit die Lebensdauer der Bereifung dramatisch verkürzen.
Je weiter wir in das Wadi vordringen, desto enger und vegetationsreicher wird es. Bald muten die steilen Felswände wie die Abbrüche unserer alpiner Schluchten an. Vielleicht ist das auch mit ein Grund, warum wir von diesem wunderschönen Tal so angetan sind. Wir haben den Eindruck, dass die Welt hier noch in Ordnung ist; schnell ist der hässliche Anblick der Kaminschlote bei El Saff vergessen. Die Abdrücke von Gazellen und Füchsen zeugen von relativer Unberührtheit. Fast glauben wir schon einer falschen Fährte auf der Spur zu sein, als wir am Ende der fahrbaren Straße die Jagdhäuser erblicken.
Die beiden Männer, die die Anlage "bewachen", bitten uns, uns im Gästebuch zu verewigen, und lassen uns dann die Anlage in Ruhe betrachten.
Wir entdecken ein königliches Wappen und hoffen, dass es von König Faruk ist. Ein großes Tiergehege, die Taubenkobel, ein Wetterhahn an der Schluchtkante und die Häuser sind noch zu sehen.
Die Gebäude lassen sich tatsächlich mit keinem der uns bekannten Jagdhäuser vergleichen, aber dazu besteht auch kein Grund. Denn wir sind schließlich hier, um etwas Neues kennen zu lernen!
Bevor wir die Heimfahrt antreten, picknicken wir im Schatten einer uralten Tamariske und stellen uns die glanzvollen Jagdgesellschaften vergangener Zeiten vor.
Kamelspuren führen tiefer in das Wadi, das erst in ca. 40 Kilometern endet.