Herr über Millionen Jahre: Interview mit Dr. Mamdouh Eldamaty, Direktor des Ägyptischen Nationalmuseums
von Edith Brielbeck
Seit gut anderthalb Jahren weht ein neuer Wind im meistbesuchten Museum Ägyptens: Seit dem 1. Februar 2001 ist Dr. Mamdouh Eldamaty Direktor des Ägyptischen Nationalmuse-ums am Tahrir-Platz. Im Februar diesen Jahres wurde dann der Grundstein für ein neues Ägyptisches Museum im Bereich der Pyramiden gelegt. Papyrus befragte Herrn Dr. Elmaty zu seiner Person, seiner Tätigkeit im Museum und den geplanten Änderungen.
Herr Dr. Elmaty, Sie haben einige Jahre in Deutschland gelebt. Wo haben Sie deutsch gelernt?
Ich habe sechseinhalb Jahre in einem Studentenwohnheim in Trier gelebt; dort habe ich auch deutsch gelernt.
Sie haben in Trier ihre Doktorarbeit gemacht. Über welches Thema haben Sie promoviert?
Über die Sokar-Osiris-Kapelle des Tempels von Dendera.
Was hat Ihnen dort besonders gut gefallen?
Trier ist eine sehr schöne Stadt, sie liegt landschaftlich reizvoll und nahe zu Luxembourg und die Menschen dort sind meist sehr freundlich zu mir und meiner jungen Familie gewesen. Meine erste Tochter wurde vor 9 Jahren dort geboren.
Und was hat Ihnen überhaupt nicht gefallen?
Meine Verwandten in Ägypten hatten Angst um uns, als in der Presse von der Verfolgung und vom Hass gegen Ausländer berichtet wurde. Sie riefen ganz besorgt bei uns an, als solche Fälle ihnen zu Ohren kamen und wollten wissen, wie es uns ginge. Persönlich habe ich selbst nur zweimal direkt feindselige Deutsche erlebt. Jemand störte sich am Kopftuch meiner Frau und jemand, der mir in München in der Trambahn gegenübersaß, sagte zu mir, die Ausländer sollten aus Deutschland rausgehen.
Wie sieht der Alltag eines Museumsdirektors aus?
Schlimm, denn man kommt vor lauter Verwaltungsaufgaben kaum noch dazu, wissenschaft-lich zu arbeiten. Auch musste ich mich erst einmal an die Bürokratie gewöhnen und im An-schluss an die tägliche Museumsarbeit gibt es viele Meetings und Besprechungen.
Wie viele Mitarbeiter arbeiten ca. im Ägyptischen Nationalmuseum?
Über 300, davon sind 45 Ägyptologen, 12 Restauratoren, 20 in der Verwaltung, über 200 Sicherheitsleute und 65 Putzkräfte.
Haben Sie Statistiken, wie viele Besucher besuchen maximal pro Tag das Museum? In welchem Monat ist am meisten los?
Zur Zeit etwa 4000 Personen pro Tag, aber in den Hauptreisemonaten können es bis zu 7000 sein. Im Jahr 2001 kamen 1.127.719 ausländische Touristen plus 126.602 ausländische Stu-denten; 89.271 Ägypter und 133.084 einheimische Studenten und Schüler. Der stärkste Monat war März 2001 mit über 145.000 Besuchern.
Zu welcher Tageszeit ist es am ruhigsten?
Mittags, nachdem die Vormittagsreisegruppen wieder gegangen sind.
Was halten Sie von einer "Abendöffnung", eventuell probeweise einmal wöchentlich, um dem täglichen Ansturm zu entgehen?
Das haben wir bereits seit 1. Mai 2002 eingeführt, sodass die Gäste nun von 9-19 Uhr das Museum besichtigen können. Außerdem wird nun morgens von 7-9 Uhr geputzt. Eine meiner ersten Vewaltungstätigkeiten, war es, die Sauberkeit im Museum zu verbessern. Die Firma Grand-Service ist nun für die Museumsreinigung zuständig.
Welche der in Europa befindlichen ägyptischen Sammlungen hat Sie am meisten beeindruckt?
Eigentlich mehrere: Louvre, die Sammlungen in Berlin und das Kunsthistorische Museum Wien.
War es eher die Art der Aufstellung oder die hochrangige Bedeutung einmaliger Zeugen der ägyptischen Vergangenheit, die Sie dort beeindruckt haben?
Beides.
Was empfinden Sie heute dabei, dass im 19.Jahrhundert viele einmalige Funde außer Landes gebracht wurden?
Manchmal trauere ich ihnen nach, aber andererseits sind diese Kunstschätze auch Botschafter unserer einmaligen Kultur, die die Menschen der Länder, in deren Besitz sie sich heute befinden, an unsere Kultur heranführen, sie neugierig machen und dazu bringen, uns in Ägypten zu besuchen. Im 19. Jahrhundert galten auch andere Gesetze als heute und viele Kunstschätze sind von unseren Herrschern glattweg verschenkt worden. Das Kunsthistorische Museum in Wien verdankt seinen Grundstock an Exponaten einer Schenkung des Herrschers Abbas Hilmi an Erzherzog Max von Österreich. Nach dem Tod Mohamed Alis wurden 1849 die Sammlungen aus dem Esbakeya-Museum, einem Vorläufer unseres heutigen Museums, auf der Zitadelle zwischengelagert und nur hochrangigen Staatsbesuchern gezeigt. Bei seinem Ägyptenbesuch gefiel dem Erzherzog Max von Österreich diese Sammlung so gut, dass sein Gastgeber, Abbas Hilmi I. sie ihm großzügig zum Geschenk machte.
Wenn Sie wünschen könnten, welche drei Stücke würden Sie am liebsten zurückhaben wollen?
Den Louvre-Schreiber und den Tierkreis von Dendera aus dem Louvre sowie die Nofrete aus Berlin.
Wann wird ihrer Meinung nach das neue Nationalmuseum im Pyramidenbezirk fertiggestellt sein?
Ich hoffe in etwa 10 Jahren.
Welche Teile sollen dorthin ausgelagert werden?
Etwa 60 % der heutigen Exponate, u.a. die komplette Tut-Anch-Amun-Sammlung.
Was geschieht dann mit den anderen Objekten?
Wir behalten die "Masterpieces of Fine Art", die in ansprechenderer Weise ausgestellt werden sollen.
Darf man spektakuläre Wiederauffindungen aus den Museumsarchiven erwarten?
Das ist gut möglich. Wir werden demnächst, wenn die Restaurierung abgeschlossen sein wird, z.B. den kompletten Falken von Hierakonpolis ausstellen, dessen Kupferfragmente in den Museumsarchiven lagerten.
Stimmt es, dass mengenmäßig nur etwa ein Zehntel der im Museum befindlichen Objekte ausgestellt sind?
Nein, es ist etwa schon die Hälfte der Öffentlichkeit zugänglich.
Nach welchem Gesichtspunkt werden die "Stücke des Monats" ausgewählt?
Einerseits wollen wir besondere Stücke für einige Zeit aus dem Schatten hervorholen, dann aber auch spektakuläre Rückgaben wie z.B. das Echnaton/Semenchkare-Sarkophag-Unterteil, oder spannende Neufunde der Öffentlichkeit präsentieren. Einige Objekte werden allerdings mehrere Monate lang als "Stück des Monats" präsentiert werden.
Gibt es Partnerschaften zum Erfahrungsaustausch mit anderen Ägyptischen oder Archäologischen Sammlungen?
Ja seit einigen Jahren arbeitet der Restaurator, Herr Eckmann aus Mainz, an den Kupferstatuen Pepis II. und dem Falken von Hierakonpolis. Ab dem kommenden Jahr werden italienische Experten mit der Restaurierung des Palastfußbodens aus Echnatons Amarna beginnen. Diese Experten werden von ihren Heimatländern finanziert.
Was wird aus den restlichen hochrangigen Mumien, wie Thutmosis III oder Ramses III., die noch im Restaurierungsbereich lagern? Sollen diese später auch noch mit im Mumiensaal aufgestellt werden?
Wir wollen Ende dieses Jahres einen zweiten Mumiensaal eröffnen.
Reisen Sie als Botschafter Ägyptens zu den anderen Museen, wenn dort spektakuläre Neu-Eröffnungen geplant sind?
Ja, ich war z.B. vor kurzem in München zur Sonderausstellung des Semenchkare-Sarges und in Wien im Kunsthistorischen Museum.
Wie stehen Sie zur Bereitstellung von Leihgaben an andere Sammlungen, wenn dort Sonderaustellungen geplant werden.? Was ist gerade in Planung?
Wir sind gerne bereit, Leihgaben zur Verfügung zu stellen. Zur Zeit sind Sonderaustellung in Washington und in Venedig in Vorbereitung.
Auf wen geht die Idee der derzeitigen Sonderausstellung Parfüm & Kosmetik zurück? Wie lange soll diese Ausstellung dauern?
Das ist eine französisch-ägyptische Teamarbeit. Die im April 2002 eröffnete Sonderausstellung sollte drei Monate dauern, wird aber eventuell noch einen Monat verlängert.
Nennen Sie bitte drei Museumsstücke, die normalerweise nicht bei den Führungen gezeigt werden, die jedoch Ihrer Meinung nach besonders interessant sind oder für Sie eine persönliche Bedeutung besitzen!
Das sind der Fußboden Echnatons von Amarna, Ramses II als Kind unter Huron und die Gottesgemahlin Amenirdis aus Karnak.
Welchen Wunsch haben Sie bezüglich der Touristen, die besonders auch wegen dem von Ihnen geleiteten Museum nach Kairo anreisen?
Dass sie die Exponate nicht berühren. Das tun leider auch noch viele Reiseführer. Einige lehnen sich sogar an oder setzen ihre Füße auf die Sockel von Statuen.
Welchen Wunsch haben Sie bezüglich der Ägypter, die das Museum und die Denkmäler besuchen?
Dass sie sich vor einem Besuch des Museums besser informieren und mehr über ihre Vergangenheit wissen sollten. Hierzu finden bereits erste Experimente mit Museumspädagogik während der Sommermonate statt. Studenten werden in ihren Semesterferien ihre Landsleute an die Kunstschätze heranführen.
Welche Ereignisse sind für dieses Jahr noch geplant?
Unser heutiges Museum wurde am 15.11.1902 gegründet. Somit haben wir eine 100-Jahrfeier vor uns, die aber wegen des Ramadan in zwei Teilen gefeiert werden soll. Zum Jahrestag soll im engeren Rahmen eine Festschrift publiziert werden, während die Feier mit einer separaten Konferenz nach dem 9. Dezember nachgeholt wird. Wir werden gerne einen Vertreter des Papyrus zu unserem 100-jährigen Geburtstag einladen.
Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, danke für Ihre Offenheit und freundliche Unterstützung.