Von interessanten Exoten zu verdächtigen Nachbarn

Arabische Migranten in Deutschland vor und nach dem 11. September

von Ekkehart Schmidt-Fink

Die meisten Papyrus-Leser sind Deutsche, ÖsterreicherInnen oder SchweizerInnen, die seit einigen Jahren in Ägypten leben. Sie sind Arbeitsmigranten oder "Gastarbeiter", wie man früher sagte. Was denken die Ägypter über Sie? Welches Bild hat Ihr Bauwaab Ihr Vermieter, Ihr Magwagi, Ihr Taxifahrer von Europäern wie Ihnen? Wahrscheinlich wissen Sie das nicht, weil man es Ihnen nicht wirklich ehrlich sagt. Interessante, aber merkwürdig fremde Exoten. Vielleicht ahnen Sie, dass Sie hier in ähnlicher Weise gesehen werden, wie die meisten Deutschen Menschen mit arabischer Herkunft in Deutschland sehen. Beide Seiten betrachten sich häufig voller Unverständnis und haben Vorurteile über die jeweils anderen Fremden. Vielleicht nach dem 11. September nicht viel anders als vorher. Nur betrachtet man sich jetzt etwas aufmerksamer.

Der 11. September hat in Deutschland manche Negativbilder zu Arabern und dem Islam verstärkt. Aus den interessanten Exoten wurden verdächtige Nachbarn, potenzielle "Schläfer", Islamisten, Attentäter. 280.000 Araber1 leben in Deutschland. Wie kaum eine andere Migrantengruppe hatten sie schon vor dem 11. September unter stereotypen Vorstellungen und Vorurteilen sowie einer oftmals ablehnenden Haltung der Deutschen wie auch anderer Migranten zu leiden. Diese haben damit zu tun, dass die meisten Muslime sind und aus patriarchalen Gesellschaften kommen.

Da bietet es sich an, einen Text über "Araber" in Deutschland mit Informationen zu beginnen, die diese Vorstellungen konterkarieren oder zumindest relativieren. So kamen, abgesehen von Einzelpersonen, die ersten Araber im späten 18. Jahrhundert als Mitglieder preußischer Regimenter nach Deutschland. Und über ein Jahrhundert später ist mit Nadia Abdel Farrag, genannt "Naddel", eine Frau arabischer Herkunft zum Liebling der Medien avanciert.

Abdel Farrag, die 35-jährige Tochter eines deutsch-sudanesischen Paares, wurde als Freundin von Pop-Sänger Dieter Bohlen zum Star. 1999 wählten sie 21 Prozent der Deutschen in einer Umfrage des Forsa-Instituts zur vierterotischsten Frau Deutschlands. Im bunten Blätterwald heißt es, sie sei "sehr konservativ, moslemisch" aufgewachsen, "sollte schon mit 14 Jahren ihren Cousin heiraten, konnte sich aber durchsetzen". Da haben wir sie schon - die stereotypen Vorstellungen. Abdel Farrag entspricht ihnen gar nicht. Sie hat Apothekenhelferin gelernt, doch der Job gefiel ihr nicht. Sie arbeitete abwechselnd in einer Boutique oder als Model. Eigentlich wollte sie Fotografin werden, doch dann lernte sie Bohlen kennen und tourte bei "Modern Talking" mit. Im Jahr 2000 moderierte sie das RTL-2-Erotik-magazin "Peep", beleidigte den Kanzler, entschuldigte sich und gehört spätestens seit ihrer Trennung von Bohlen unverzichtbar zum Prominentenstadl der Nation.

Sie ist aber durchaus nicht die einzige Medien-Prominente oder interessante Persönlichkeit mit arabischem oder binationalem Hintergrund in Deutschland. Da ist Lillian Kadhrawi, die im November 2000 bei "Big Brother" einzog. Sie hat arabisch-italienische Eltern. Einen marokkanischen Vater hat Nadja Benaissa, eines der fünf Mitglieder der 2001 mit enormem Medienrummel von RTL II zusammengestellten Girl Band "No Angels". Die 19-jährige allein erziehende Mutter aus Dreieich bei Frankfurt wurde aus 4.200 Mädchen ausgewählt, bekam einen Plattenvertrag und wird zurzeit über die Stationen BILD, Bunte, Bravo, "Harald Schmidt"-Show und so weiter zum Star gemacht.

Eher im Hintergrund - im Redaktionsteam der RTL-Erfolgssendung "Wer wird Millionär?" - arbeitet Faruk Hosseini. Viele arabischstämmige Journalisten arbeiten für deutsche Medien, über ein Dutzend allein bei der Deutschen Welle. Bei Radio MultiKulti des Senders Freies Berlin ist Haroun Sweis für das Arabisch-Programm zuständig und der tunesische Moderator Nouri Ben Redjeb spielt Weltmusik à la Carte. Die arabischsprachigen Sendungen von Radio MultiKulti bieten Arabern eine der wenigen Möglichkeiten, sich von unabhängiger Seite über ihre Herkunftsländer zu informieren.

Ferner sind viele Künstler zu nennen. Musiker mit Weltruf, wie Rabih Abou Khalid und Hamid Baroudi, der in Berlin lebende irakische Regisseur Awni Karoumi, die arabischen Schauspieler des Berliner Masrath-Theaters, die Algerien-Französin und Installationskünstlerin Nicole Guirand, vor allem aber die vielen Exildichter arabischer Herkunft, wie die Märchenerzähler Rafik Schami aus Syrien sowie Jusuf Naoum aus dem Libanon. Das Interesse an Exildichtern ist in Deutschland relativ gering. Rafik Schami aber ist hier zum - deutschsprachigen - Bestsellerautor geworden.

Viele renommierte arabische Ärzte praktizieren in Deutschland, unter anderem der Palästinenser Nabil Bushnaq. Als Gründer und Vorsitzender des Ibn-Rushd-Fonds für die Freiheit des Denkens e.V. setzt er sich für verfolgte Intellektuelle ein. Andere bereichern die deutsche Wissenschaftslandschaft - vom Islamwissenschaftler Prof. Jamal Malik (Universität Erfurt) über den deutsch-syrischen Politologen Prof. Bassam Tibi (Universität Göttingen) und seinen Kollegen Amr Hamzawy (FU Berlin) sowie den ägyptischen Kunstprofessor Hamdi Al-Attar (Universität/Gesamthochschule Kassel), um nur einige Beispiele zu nennen.

Wiederum andere sind politisch aktiv, wie Nadeem Elyas, Vorsitzender des Zentralats der Muslime in Deutschland, Abdalla Frangi, Generalvertreter der Palästinenser in Deutschland oder auch der grüne Landtagsabgeordnete Tarek Al-Wazir (Hessen) und der nun fraktionslose Abgeordnete Jamal Karsli (NRW). Al-Wazir ist seit 1999 Fraktionsvorsitzender der GRÜNEN im hessischen Landtag. Geboren in Offenbach als Sohn eines jemenitischen Diplomaten und einer deutschen Mutter wurde der 30-jährige Student im August 2000 dadurch bundesweit bekannt, dass ein anderer Abgeordneter ihn bei einer hitzigen Debatte mit "Geh doch zurück nach Sana'a" beschimpfte.

Die unbekannten Migranten

Aber natürlich - die meisten Bürger mit arabischem Hintergrund sind ganz normale, unauffällige Migranten, die in der öffentlichen Wahrnehmung freilich oft mit Iranern oder Türken verwechselt werden. Trotz vieler fest gefügter Vorstellungen der Deutschen über die arabische Welt sind diejenigen, die als Arbeiter, Studenten oder politisch Verfolgte nach Deutschland kamen, vielleicht die unbekannteste der großen Migrantengruppen. Auf die einzelnen Gruppen wird später noch zurückzukommen sein. Zunächst lohnt sich ein Blick 80 Jahre zurück. Bereits in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts gab es, was wenigen bekannt ist, eine aktive arabische Szene in Berlin.

Es waren vor allem Geschäftsleute und Intellektuelle, die für längere Zeit in Berlin lebten und arbeiteten. In Fragen der Politik und Wirtschaft ihrer Heimatländer stark engagiert, waren viele Berliner arabischer Herkunft journalistisch tätig. In einer Reihe von Zeitschriften, die sie - meist in deutscher Sprache - publizierten, vermittelten sie deutschen Lesern und ihren Landsleuten in Deutschland die Situation der orientalischen Welt und warben um Interesse und Sympathie für ihre Vorstellungen. Trotz unterschiedlicher politischer Überzeugungen propagierten sie alle ein gemeinsames Ziel: die politische Unabhängigkeit ihrer Heimatländer.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hatte für die in Berlin lebenden Araber weit reichende Folgen. Ägypter und Araber, deren Regierungen die diplomatischen Beziehungen mit Nazideutschland abgebrochen hatten, waren als Erste betroffen: Iraker mussten sich bei den Polizeibehörden melden, Ägypter wurden auf Weisung des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, interniert. Später, als Deutschland mit der Entsendung des "Afrika-Korps" nach Nordafrika und der Bildung der "Militärmission nach dem Irak" in die militärische Phase seiner Nahostpolitik eintrat, änderte sich die Stimmung und Hitler befahl "die Ausnutzung der arabischen Freiheitsbewegung" für die deutschen Kriegsziele. Dazu gehörten Rundfunkmeldungen in arabischer Sprache, die Einflussnahme auf arabische Zeitungen und Zeitschriften sowie die Pflege von persönlichen Kontakten zu einzelnen Arabern. Bewusst wurden sie in den deutschen Propagandaapparat eingespannt.

Viele von ihnen waren erst kurz vorher aus mittlerweile von Deutschland okkupierten Ländern nach Berlin gekommen, hatten in Frankreich studiert oder waren aus Syrien und dem Libanon geflohen, als britische und gaullistische Truppen diese Länder besetzten. Ein wichtiger Grund dafür, dass sie mit den Nazis kollaborierten, war sicher die Illusion, dass Deutschland ihnen bei der Befreiung ihrer Heimatländer von kolonialer Herrschaft behilflich sein könnte.

Arbeitsmigranten und Studenten

Nun aber zurück in die Gegenwart, zunächst zu den Arbeitsmigranten und Studenten, später zu den Flüchtlingen.

Zwar lebten schon 1900 rund 2.000 Tunesier in Deutschland. Die eigentliche Migration von Tunesiern nach Deutschland begann jedoch nach 1965.
Tunesier (heute 24.260) und Marokkaner unterscheiden sich von anderen Arabern durch eine höhere Aufenthaltsdauer und durch den in der Regel sicheren Aufenthaltsstatus. Auch die Einbürgerungsquoten liegen über denjenigen anderer Anwerbestaaten. Fast die Hälfte der Tunesier ist mittlerweile eingebürgert. Sie leben relativ unauffällig über Deutschland verteilt, gelten als gut gebildet und gut integriert.

Für viele der 81.000 Marokkaner gilt das dagegen nicht. Nach der Anwerbung ab 1963 fanden sie vielfach in größeren Gruppen Beschäftigung, zumeist im Bergbau, aber auch in der Textil- und Chemieindustrie. So bildeten sich "Hochburgen" der marokkanischen Zuwanderung: 85 % leben in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Gut die Hälfte verteilt sich auf nur zehn Großstädte, darunter Frankfurt (rund 9.500) Düsseldorf (6.000), Dortmund (3.300) und Köln (2.300), sowie Aachen, Bochum, Essen, Krefeld und Rüsselsheim. Bei den meisten Marokkanern handelt es sich streng genommen nicht um Araber, sondern um Berber, die vor allem aus dem ländlichen und übervölkerten Rif-Gebirge stammen. Die ersten tunesischen und marokkanischen Arbeitsmigranten waren ausschließlich Männer. Die meisten holten nach dem Anwerbestopp 1973 ihre Familien nach. So verdoppelte sich ihre Zahl von 1973 bis 1981. Die meisten der tunesischen und marokkanischen Arbeitsmigranten der ersten Generation verfügen über eine geringe schulische und berufliche Ausbildung.

Die Migration aus Ägypten erfolgt vor allem auf Grund der relativ schlechten wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse im Lande. Ein weiterer Migrationsgrund ist das Studium. Gerade die Zahl der Studenten aus Ägypten und Marokko ist in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen. Auffällig bei den Ägyptern und Marokkanern ist die hohe Zahl der Studenten eines ingenieurwissenschaftlichen Faches. Eine Sondergruppe bei den ägyptischen Migranten stellen die Kopten dar, von denen viele schon Anfang der 70er-Jahre als Studenten oder Praktikanten nach Deutschland kamen.

Flüchtlinge und Asylbewerber

Araber, die als politisch Verfolgte oder Kriegsflüchtlinge nach Deutschland kamen, bilden die zweite große Gruppe neben den Arbeitsmigranten. Am längsten ansässig sind palästinensische Flüchtlinge, darunter viele mit jordanischem, libanesischem oder syrischem Pass. Ihre genaue Zahl kann durch das Fehlen einer einheitlichen Staatsangehörigkeit nur grob auf etwa 100.000 geschätzt werden. Ihre Zahl ist in den letzten 25 Jahren mehr oder weniger unverändert geblieben. Waren die ersten palästinensischen Migranten in den 50er- und frühen 60er-Jahren vor allem Studenten und Geschäftsleute, so folgten in den 60er-Jahren die Flüchtlinge. Allein zwischen 1979 und 1990 flohen mehr als 50.000 libanesische und fast 20.000 palästinensische Asylsuchende nach Deutschland.

Die libanesischen Bürgerkriegsflüchtlinge sind zwischen 1975 und 1989 meist als Gruppe vertrieben worden: libanesische Schiiten aus den armen Vororten Beiruts und dem Süden sowie Kurden und Palästinenser aus den Flüchtlingslagern. So kamen sie oft als ganze Sippe nach Europa. Die Wohlhabenden und die Geschäftsleute gingen nach England, Frankreich und Südeuropa. Manche, die hier Verwandte hatten, vor allem aber diejenigen ohne Auslandskontakte, entdeckten Deutschland. Ein "Schlupfloch" für letztere war der Flughafen Schönefeld im damaligen Ost-Berlin. Im Westen wurden sie geduldet und nach Quoten über die einzelnen Bundesländer verteilt. Da sich der Krieg über ein Jahrzehnt hinstreckte, wurden ihretwegen 1984 die ersten Altfallregelungen erlassen. Der rechtliche Status vieler ist jedoch bis heute unsicher geblieben. In den 90er-Jahren - nach der Verschärfung des Guerillakampfes zwischen der PLO und Israel im Süd-Libanon - kamen weitere Flüchtlinge. Sie profitierten von der "Alpha-Regelung", mit der die Bundesregierung Palästinensern aus dem Libanon ein Aufenthaltsrecht einräumte.
Die Libanonflüchtlinge leben - mit Ausnahme eines Schwerpunktes von rund 35.000 Palästinensern in Berlin - über Deutschland verteilt. Sie bilden dennoch ein eigenes soziales Milieu mit eigener Migrantenkultur und Zentren der verschiedenen Religionen - Christen, Drusen, Schiiten und Sunniten. Man bleibt unter sich und verkehrt - mit Ausnahme der Akademiker - wenig mit anderen Arabern und Deutschen. Es gibt gleichzeitig jedoch auch viele binationale Ehen mit Deutschen.
Zwar ist das Bildungsniveau der Palästinenser generell vergleichsweise hoch, bei der Ausbildung der Jugendlichen aus libanesischen Flüchtlingsfamilien gab es aber große Schwierigkeiten durch eine Fülle von Gesetzen, Regelungen und Vorschriften, die viele junge Leute daran hinderte, eine Berufsausbildung aufzunehmen. So werden viele in Restaurants oder Lebensmittelläden befreundeter Familien beschäftigt. Über die Hälfte der libanesischen Männer ist jedoch arbeitslos.

Die Migration von Algeriern nach Deutschland begann schon am Ende des 2. Weltkrieges, als ein Teil der algerischen Angehörigen der französischen Streitkräfte in Deutschland verblieb. Eine größere Zahl wanderte in der Endphase des algerischen Unabhängigkeitskampfes Anfang der 60er-Jahre zu, beantragte Asyl und kehrte größtenteils nach der Unabhängigkeit zurück. Später kamen Algerier vor allem zu Studien- und Ausbildungszwecken sowie als französische Arbeitsmigranten. Die DDR schloss mit Algerien 1974 ein Abkommen über die Übernahme algerischer Arbeitskräfte, welches später wieder aufgelöst wurde. Infolge des seit Jahren andauernden Bürgerkriegs hat sich von 1991 bis heute die Zahl der Algerier in Deutschland von 9.000 auf 17.200 fast verdoppelt. Sie sind mehrheitlich Asylsuchende, die Anerkennungsquote ist aber sehr gering. Es handelt sich zum einen um Islamisten, zum anderen um Personen, die von Übergriffen militanter Islamisten bedroht waren. Dazu kommen Militärdienstverweigerer und Deserteure aus Armee und Polizei.

Seit Mitte der 90er-Jahre stieg die Zahl der Iraker durch den Zuzug politischer Flüchtlinge, deren Asylanträge mehrheitlich anerkannt wurden. Die meisten der heute 51.200 Iraker sind gut bis sehr gut, oft akademisch ausgebildet. Viele sind als Selbständige tätig - als Ärzte, Dolmetscher, Journalisten oder auch Schriftsteller und Künstler. Die Mehrheit der geflüchteten Iraker hat sich in der Zeit des zweiten Golfkrieges politisch engagiert. Viele Kulturvereine wurden damals gegründet, heute hat das Engagement eher abgenommen.

Ebenfalls Mitte der 90er-Jahre kamen auch jemenitische Bürgerkriegsflüchtlinge. Ihre Migration, wie auch die der Sudanesen seit Ausbruch des Bürgerkrieges 1983, ist politisch und ökonomisch motiviert.

Migranten aus arabischen Ländern in Deutschland
(Stand 1.1.2000; Quelle BMA. Dazu kommen viele Staatenlose, u.a. Palästinenser.)

Marokko: 81.450
Libanon: 54.063
Irak: 51.211
Syrien: 24.421
Tunesien: 24.260
Algerien: 17.186
Ägypten: 13.811
Jordanien: 11.190
Sudan : 4.697
Libyen: 2.643
Jemen : 1.586
Saudi-Arabien: . 738
Vereinigte Arabische Emirate: 727
Katar: . 89
Bahrain: 43

Männerdominanz

Die Vorstellung, die man sich in Deutschland vom Orient, von Arabern und vom Islam macht, wird zweifellos zu einem sehr wesentlichen Teil von dem Bild mitgeprägt, das man sich hier zu Lande von der Stellung der Frau in jenen Gesellschaften macht. Man denkt einerseits an Scheichs mit Harem, die Hüften der Bauchtänzerinnen drehen sich und Erinnerungen an die erotischen Geschichten aus 1001 Nacht werden wach. Andererseits denkt man an verhüllte Frauen, die keinerlei Rechte haben. Kurz: Erotik und Sinnlichkeit einerseits und andererseits "unmenschliche Unterdrückung" - das sind die beiden Grundkategorien, mit denen man in Deutschland die Situation der arabischen Frau zu erfassen gewohnt ist.

Das ist ein sehr simples Raster, das der Wirklichkeit kaum gerecht wird. Unreflektiert werden oft Verallgemeinerungen benutzt. Nicht zu Unrecht gelten freilich arabische Frauen in der Migration als besondere Problemgruppe, da sie und ihre Männer meist aus einer sehr patriarchalisch organisierten dörflichen Umgebung kommen. Viele Frauen leben isoliert, sind größtenteils aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen und nur zu einem sehr geringen Anteil erwerbstätig. Gleichzeitig fehlt ihnen der in der Heimat so zentrale Kontakt zu weiblichen Verwandten.

Sozial, aber auch statistisch zeigt sich bei den meisten arabischen Migrantengruppen eine deutliche Männerdominanz. Besonders deutlich ist der Männerüberschuss bei den Algeriern, Ägyptern und Arabern aus den Emiraten (19, 24 bzw. 26% Frauen), während sich das früher ähnlich einseitige Verhältnis bei den Tunesiern und Marokkanern mit heute 34 bzw. 39 % Frauenanteil zunehmend angleicht. Bei den zwei letztgenannten Nationalitäten ist dies auf die derzeitige Phase der Familienzusammenführung nach der ursprünglichen überwiegend männlich geprägten Arbeitskräfteanwerbung zurückzuführen.
Etwa ein Verhältnis von 2:1 Männern gegenüber Frauen ist bei Migranten aus Bahrain, Irak, Jemen, Jordanien und Saudi-Arabien gegeben, während es bei Migranten aus Katar, Syrien und dem Libanon fast 1:1 beträgt.

Integrationsprobleme

In Städten wie Berlin, Frankfurt, Bonn und Köln sind überall arabische Akzente zu finden. Es gibt nicht nur Restaurants oder Imbissbuden mit arabischen Gerichten, hier arbeiten auch arabische Künstler, Journalisten, Schriftsteller, Ärzte, Wissenschaftler und Studenten. Auffällig ist vor allem die Zunahme arabischer Restaurants. Aus den Köchen und Kellnern der 70er-Jahre sind mittlerweile oft Restaurantbesitzer geworden. Sie profitieren davon, dass sich orientalisches Essen wachsender Beliebtheit erfreut. Das Angebot ist aber noch nicht groß. In Deutschland dominieren libanesische Restaurants. In Frankfurt gibt es mit "Al Mina" aber auch ein ägyptisches Restaurant. In der Regel sind dies edle "Oasen", eingerichtet mit Marmor, teuren Hölzern und teppichbelegten Diwanen. Geboten wird natürlich neben Falafel auch Bauchtanz. Auch manche Imbisse werden von Arabern betrieben. Sie bieten neben Falafel auch "Schawerma" als Alternative zum türkischen Döner an.

Es gibt aber auch einige Probleme: Viele Kinder und Jugendliche und ihre Mütter haben große Sprachprobleme, viele Jugendliche haben Probleme, eine Lehrstelle zu finden, und leiden unter Vorurteilen.

Seit den 60er-Jahren bietet die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Sozialberatung für Arbeitsmigranten an, unter anderem für Familien aus Tunesien und Marokko. Sie helfen beim Umgang mit Behörden, bei Problemen in der Familie und vermitteln an spezialisierte Dienste weiter. Trotz vieler sehr positiver Ansätze, beispielsweise bei den Frauen-Integrationskursen, bleibt gerade in der Jugend- und Frauenarbeit - speziell bei der Betreuung von Berberinnen - noch viel Integrationsarbeit zu leisten.

Denn obwohl sich viele Jugendliche einen arabischen Lebenspartner wünschen, der auch in Deutschland groß geworden ist - und damit ein Leben auf halbem Weg zwischen vereinnahmender Großfamilie und moderner Single-Kultur -, kommt es oft anders. Die Eltern wünschen sich eine Heirat mit einem Partner oder einer Partnerin aus der Heimat und arrangieren oftmals über den Kopf der Kinder hinweg entsprechende Ehen. Selten werden diese glücklich.

Die Situation der libanesischen Bürgerkriegsflüchtlinge in Berlin hat der Wissenschaftler Ralph Ghadban untersucht. Er hat mehrere Jahre in einer Beratungsstelle für Araber des Diakonischen Werks gearbeitet und ging Anfang der 1990er-Jahre der Frage nach, wie sie sich in Berlin integriert haben. Fast 80% der von ihm befragten Familien hielten sich zum Zeitpunkt seiner Befragung bereits länger als fünf Jahre in Deutschland auf. Dennoch lebten sie völlig isoliert von der deutschen Umgebung. Sieben Jahre später führte Ghadban erneut eine Befragung durch, die auch soziale und kulturelle Aspekte wie etwa die Erfahrung von Diskriminierung oder die Kontakte zur deutschen Gesellschaft mit einbezog. Die befragten Libanon-Flüchtlinge hatten inzwischen einen gesicherten rechtlichen Status bekommen und häufig auch die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Ein wichtigeres Ergebnis als die Verbesserung der Lebensverhältnisse und die vielfach verbreitete positive Einstellung zur deutschen Gesellschaft war jedoch die Tatsache, dass sich das Leben der Befragten häufig innerhalb der eigenen Gruppe abspielt und dadurch ganze Lebensbereiche der deutschen Gesellschaft verschlossen bleiben. Kinder werden mit Landsleuten aus dem engeren Bekanntenkreis verheiratet, im Restaurant oder Lebensmittelgeschäft werden Freunde beschäftigt, und privat herrschen oftmals so repressive Verhältnisse, wie sie im Libanon längst nicht mehr möglich wären. Alle befragten Männer haben zum Beispiel ihren Frauen verboten, außer Haus zu arbeiten. Für Ghadban sind diese Verhältnisse eine Spätfolge der deutschen Flüchtlingspolitik in der Vergangenheit: "Wenn es den Flüchtlingen nicht möglich ist, ihr Leben in der Gesellschaft zu organisieren, gestalten sie es außerhalb von ihr", so Ghadban.

Ursache und Wirkung sind bei solchen Entwicklungen allerdings schwer auseinander zu halten. Bei der Integration von Minderheiten in die Mehrheitsgesellschaft sind Bemühungen beider Seiten erforderlich.

Im Schatten der türkischen Gemeinde

Die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime wird auf 2,8 - 3,2 Millionen geschätzt, darunter etwa 800.000 Kinder und Jugendliche. Etwa zwei Drittel werden als praktizierende Muslime eingeschätzt. 310.000 haben einen deutschen Pass und von diesen wiederum sind 11.000 Bürger deutschstämmig. Die größte Konfession stellen die 2,1 Millionen sunnitischen Muslime sowie die rund 340.000 Aleviten. Die mehrheitlich sunnitischen arabischen Migranten stehen hierbei im Schatten der türkisch-muslimischen Gemeinde. Selbst die wichtigsten Feste - wie das Zuckerfest Aid al-Fitr und den Fastenmonat Ramadan - werden nur selten gemeinsam mit türkischen Migranten gefeiert. Dies, obwohl arabische Muslime kaum über eigene Moscheen verfügen. Ausnahmen sind Bonn, Hamburg und vor allem Berlin, wo es allein sechs "arabische" Moscheen gibt.

An dieser Stelle sind einige Erläuterungen zum Begriff "Moschee" nötig, auch wenn es anmaßend klingt, in Ägypten lebenden Leserinnen und Lesern die Funktion und Architektur einer Moschee zu erklären. Die meisten werden jedoch noch nie eine Moschee in Deutschland gesehen, geschweige denn besucht haben. Dort gibt es über 2.100 Moscheen, aber nur rund 50 sind auch äußerlich als solche erkennbar, das heißt mit Kuppel und Minarett ausgestattet. Und: Fast alle wurden von einer türkischen Gemeinde errichtet. Finanziert wurden sie durch private Spenden der Arbeitsmigranten der 70er-Jahre, bei denen also nach über 10-jährigem Deutschlandaufenthalt das Bedürfnis nach der Einrichtung eines Gebetsortes aufkam. Bei der Umsetzung dieses Wunsches wurde viel improvisiert. Die meisten dieser Moscheen stehen in Hinterhöfen der Innenstädte, s. Abbildungen unten, denn dort konnte man zu günstigen Mieten ehemalige Werkstätten und Fabrikhallen anmieten und zu einer Moschee umbauen.

Bonn besitzt, so scheint es zumindest, die größte und repräsentativste arabische Moschee. Seit 1995 steht im Stadtteil Bad Godesberg ein Prachtbau mit goldener Kuppel und Minarett. Ein Gotteshaus ist das Gebäude aber nicht. Es handelt sich um die König-Fahd-Akademie, eine Schule, die es in Bonn lebenden Kindern ermöglicht, nach saudi-arabischem Lehrplan das Abitur zu machen. Etwas mehr als 600 Jugendliche aus über 20 Ländern lernen hier Geschichte, Geographie, Mathematik usw., wie in anderen Schulen auch. Der Religionsunterricht vermittelt hier allerdings islamische Religion und die Unterrichtssprache ist Arabisch; Deutsch wird als erste Fremdsprache angeboten. Für die Schüler gibt es einen kleinen Gebetsraum. Die Gelder für den Bau und den Unterhalt des Gebäudes stammen aus der Privatkasse des saudi-arabischen Königs. Abends, außerhalb der Unterrichtszeiten, wird die Akademie für Vortragsveranstaltungen genutzt, zu denen auch die Anwohner der Akademie immer herzlich eingeladen sind. Gute Nachbarschaft also. Eine islamische Gemeinde, die die Räume der Akademie nutzt, gibt es allerdings nicht, denn die Akademie versteht sich eben nicht als Moschee, sondern als Bildungsstätte.

Die arabischen Migranten in Bonn besuchen die Moschee des "Arabischen Kulturvereins". Als dieser Ende der 90er-Jahre aus seinem alten Fabrikgebäude ausziehen musste, war ein neues Gebäude schnell gefunden, auch die Baugenehmigung erfolgte zügig. Dann aber gab es Proteste aus der Nachbarschaft. Beklagt wurde, dass durch die vielen Besucher des Zentrums die Lärmbelastung und der Verkehr zunähmen. Auch passe eine Moschee nicht in das Industriegebiet. Dass es sich um ein Kulturzentrum mit verschiedenen Funktionen, unter anderem auch der Möglichkeit zum Gebet handelt, und nicht um eine Moschee, wollten viele nicht glauben. Ein Mitglied des Ausländerbeirates in Bonn hielt die genannten Argumente allerdings für vorgeschoben, vielmehr hätten die Anwohner Angst vor zu vielen "fremden", dunkelhäutigen Menschen und "islamischen Fundamentalisten" gehabt. Eine gemeinsam von der Stadt und dem Kulturverein durchgeführte Informationsveranstaltung konnte einige der gegenseitigen Vorurteile abbauen. Inzwischen gibt es sogar positive Reaktionen: "Aus der hässlichen Fabrikhalle ist ja ein richtig schönes Gebäude geworden!". So - oder so ähnlich - ist es fast immer, wenn eine Moscheegemeinde aus dem Hinterhof heraus den Bau neuer repräsentativer Moscheebauten anstrebt. Ende der 90er-Jahre hatte sich die Situation insgesamt verbessert, zunehmend wurden Moscheen gebaut.

Die Ängste haben seit dem 11. September jedoch wieder zugenommen. Zuletzt sprach sich im Frühjahr 2002 der Saarbrücker Stadtrat mit knapper Mehrheit gegen den Neubau einer Moschee aus. Begründet wurde es mit dem vagen Verdacht von verfassungsfeindlichen Aktivitäten des Trägervereins.

Opfer und Täter

Obwohl man sich in Deutschland heute intensiver mit dem Islam beschäftigt, von dem man bislang wenig wusste, setzen viele Islamismus mit Islam gleich. Neben einem religionsbezogenen Vorurteil - Araber als Muslime - gibt es auch das Vorurteil vom jungen Araber, der Frauen gegenüber viel zu aufdringlich ist. Und es gibt ein Vorurteil vom "kriminellen Araber", das sich vor allem auf Drogen- und Kleinkriminalität bezieht.

Natürlich gibt es unter arabischen Migranten Kriminelle, jedoch nicht mehr als unter anderen Bevölkerungsgruppen. Spektakuläre Fälle nähren jedoch dieses Vorurteil immer wieder. Ein Beispiel: 2001 sind in Berlin ein Deutscher und zwei Marokkaner wegen Menschenhandels zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Die 24- bis 61-jährigen Männer gestanden, insgesamt 46 Marokkaner mit falschen Arbeitsverträgen als Zirkusartisten nach Deutschland eingeschleust zu haben. Tatsächlich wurden die Männer unter anderem beim Zirkus Busch für ganz normale Arbeiten eingesetzt. Die Marokkaner hatten dafür zwischen 6.000 und 8.000 Mark bezahlen müssen.

Weltweites Aufsehen erregte auch der Anschlag mit drei Molotowcocktails auf eine Synagoge in Düsseldorf 2000. Der Brandanschlag war zunächst deutschen Neonazis zugeschrieben und trotz geringem Sachschaden als Symbol für das Wiederaufleben rechter Gewalt und antisemitischer Tendenzen in Deutschland wahrgenommen worden. Bei dem Besuch des Tatorts hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder zum "Aufstand der Anständigen" aufgerufen. Doch dann gestanden zwei junge Araber die Tat und gaben "Hass auf Israel und die Juden" als Motiv an, sie hätten gegen die Politik Israels gegenüber den Palästinensern "ein Zeichen setzen" wollen. Aus einer ähnlichen Motivation heraus haben vier Schüler libanesischer Herkunft im Dezember 2000 in Moers ein jüdisches Mahnmal mit Nazi-Symbolen und den Worten "Libanon" und "Allah" beschmiert. Auch in Deutschland gab es im April 2002 Anschläge auf Synagogen - Täter unbekannt.

Dagegen sind in den Jahren davor eher arabische Migranten als Opfer fremdenfeindlicher Anschläge bekannt geworden. Das bekannteste Opfer ist der 28-jährige algerische Asylbewerber Farid Guendoul. 1999 war er im brandenburgischen Guben nach einer Hetzjagd durch Jugendliche in Todesangst durch die Scheibe einer verschlossenen Haustür gesprungen und verblutete. Häufiger als solche Einzeltaten sind die alltäglichen Diskriminierungen, denen Araber ausgesetzt sind. "Schwarzköpfe" werden viele genannt - auch von Türken. Oder auch "Scheißaraber", wenn es um Platzkämpfe unter Jugendlichen oder Konkurrenz um Frauen geht.

Ferner gibt es manche Orte in Deutschland, die man als arabischer Migrant, der zufällig seinen Personalausweis zu Hause gelassen hat, besser nicht besucht. Dazu gehört zum Beispiel der Volkspark Hasenheide in Berlin-Neukölln. Arabische oder schwarze Parkbesucher müssen hier mit Kontrollen rechnen. Denn hier wird nicht nur gepicknickt und sonnengebadet, sondern auch mit Drogen gedealt. Daher kontrolliert die Polizei hier regelmäßig und systematisch Araber und Schwarze zwischen 15 und 35 Jahren - oft nur wegen ihres Aussehens oder "verdächtigen" Auftretens.

Für die meisten ist das eine sehr erniedrigende Erfahrung, auf Grund einer dunkleren Hautfarbe als potenzieller Dealer gesehen zu werden - selbst wenn es aus polizeilicher Sicht an manchen Orten offenbar objektive Gründe für solch selektive Kontrollen gibt.

Abbau von Feindbildern

Trotz der Schwierigkeiten auf Grund mancher Vorurteile lebten die meisten Araber unauffällig und unbescholten in Deutschland. Das änderte sich mit den Anschlägen vom 11. September. Seitdem bekannt wurde, dass ein Teil der Attentäter vorher in Hamburg lebte, kam es zu einem Stimmungsumschwung. "Könnte auch mein freundlicher Nachbar ein ‚Schläfer' sein?" fragen sich viele. Es zeigt sich hierbei meist ein undifferenzierter Generalverdacht gegen alle Araber. Überall in Deutschland erlebten sie im Herbst Misstrauen, aber auch Anfeindungen nicht der ganzen, aber großer Teile der deutschen Bevölkerung. Dem standen sie hilflos gegenüber. "Ich werde irgendwie anders angeguckt", sagen viele. Man wollte Muslimen keine Wohnungen mehr vermieten, Muslime werden öffentlich beschimpft und beleidigt. Am Kopftuch entzünden sich fast immer die Feindseligkeiten. Manche Frauen wurden aggressiv aufgefordert, es abzunehmen. Kinder kommen weinend nach Hause, fragen ihre Eltern: "Sind wir Muslime Terroristen?"
In Deutschland hat man erst in den letzten Jahren begonnen, sich von der "Lebenslüge" zu lösen, man sei trotz der 7 Millionen Ausländer kein Einwanderungsland. Ein neues Gesetz sollte die Zuwanderung und die bessere Eingliederung von Ausländern regeln.

Doch dann geriet die Zuwanderungsdebatte unter den Einfluss des 11. September. Im Ergebnis ist das am 22. März 2002 verabschiedete Gesetz eher von einer ablehnenden Haltung gegenüber einer weiteren Zuwanderung geprägt, sofern es sich nicht um Hochqualifizierte handelt. Auf die terroristische Bedrohung wurde mit neuen Sicherheitsgesetzen reagiert. Der Verfassungsschutz beobachtet das Umfeld von Moscheen. Ins Visier der Rasterfahndung geraten männliche religiöse Studenten arabischer Herkunft, die technische Fächer studieren, finanziell unabhängig sind und viel reisen. Gleichzeitig bemühen sich viele deutsche, aber auch muslimische Organisationen verstärkt um einen interreligiösen Dialog.

Die Situation hatte sich beruhigt. Doch seit der Verschärfung des israelisch-pa-lästinensischen Konfliktes im Frühjahr 2002 spitzen sich manche Unsicherheiten und Ängste erneut zu. Die Stimmung ist spürbar angespannt. Argwöhnisch betrachtet man Demonstrationen von Arabern, die ihre Wut über die israelische Politik und ihre Enttäuschung über das Scheitern des Friedensprozesses kundtun. Die Deutschen haben Angst, dass der Nahostkonflikt auf Deutschland überschwappt. Die Araber haben Angst, dass sie persönlich in ihrem Alltag verantwortlich gemacht werden für weit entfernt ausgeübte Terroraktionen, obwohl sich fast alle davon distanzieren. Aber es gibt auch Trotzreaktionen: "Ich bin Araber und das ist auch gut so" heißt eine Aktion der Berliner Humboldt-Universität.

Die Medien sind an vielen Vorurteilen, die es schon vor dem 11. September einerseits gegenüber Arabern, andererseits gegenüber dem Westen gab, nicht ganz unschuldig. Ob Bilder von militanten Islamisten in der arabischen Welt oder umgekehrt Leitartikel über den Sittenverfall des Westens - Stereotype, die sowohl in der westlichen als auch in der arabischen Presse immer wieder auftauchen -, beeinflussen die gegenseitige Wahrnehmung und schüren Feindbilder. So sind wechselseitige Bedrohungsvorstellungen entstanden, beziehungsweise verstärkt worden. Es erscheint fast aussichtslos, gegen sie anzugehen. Am ehesten geht dies durch Kommunikation von Mensch zu Mensch. Vermittler sind gefragt.

Dr. Phil. Nabil Osman: Der 65-Jährige studierte Germanistik, französische Philologie und Pädagogik an der Universität Ain Shams in Kairo und erlangte 1958 - 1960 das Große Sprachlehrer-Diplom des Goethe-Instituts in München. Nach drei Jahren als Deutschlehrer in Kairo bekam der Ägypter ein DAAD-Stipendium zur Fortsetzung seiner Studien an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort promovierte er 1971 in Germanistik und Romanistik und kehrte wieder für drei Jahre zurück, um als erster Ägypter am Goethe-Institut Kairo Arabisch zu unterrichten. 1973 kehrte Osman zum dritten Mal nach München zurück und begründete dort eine deutsch-arabische bilinguale Schule. Als sich der Träger, das Islamische Zentrum, für seinen Geschmack zu viel ideologische Einflussnahme erlaubte, gründete er 1985 sein eigenes Sprachinstitut mit angekoppeltem Lehrbuchverlag, das bis heute existiert. Osman, der mit einer deutschen Frau verheiratet ist, nannte es "Usrati" (zu Deutsch: "meine Familie").

Vereine und Initiativen

Die Palästinenser sind die vielleicht am besten in Vereinen organisierten Araber in Deutschland. An wichtigen Verbänden zu nennen sind die "Palästinensische Generaldelegation" und die "Informationsstelle Palästina" in Bonn, das "Palästina-Büro" und die seit 1986 bestehende "Deutsch-Palästinensische Gesellschaft" in Berlin, die über ein bundesweites Netz von Regionalgruppen verfügt.
Ferner existieren viele studentische Gruppen und palästinensische Berufsverbände, zum Beispiel für Arbeiter und Ärzte. Die Marokkaner und Tunesier sind, abgesehen von botschaftsnahen Freundschaftsvereinen und einigen marokkanische Kultur- und Sportvereinen, relativ gering organisiert.
An ägyptischen Vereinen zu nennen sind regionale Vereine wie der "Deutsch-Ägyptische Verein" in Bremen oder die "Ägyptische Gesellschaft in Bayern e.V." in München. Viele von ihnen haben sich zu Dachverbänden wie dem Ägyptischen Haus Deutschland e.V. in Konstanz zusammengeschlossen. Die ägyptischen Kopten sind religiös-kulturell mit bundesweit sieben, seit 1975 errichteten, eigenen Kirchen und zwei Klöstern gut organisiert.
Die meisten dieser Gruppen, die aktivsten von ihnen im Frankfurter Raum, sind Freundschaftsvereine von Migranten, deren Veranstaltungen mit Folklore und landesüblichen Getränken und Gerichten nicht über den Tellerrand ihrer Lokalität hinausgehen. Manche dieser Vereine bilden möglicherweise auch eine Basis für radikale Aktivitäten. Insbesondere bei Moscheevereinen rund um die islamischen Zentren in Aachen und München, in denen sich viele arabischstämmige Muslime organisiert haben, ist das nicht immer auszuschließen. Hierzu fehlen jedoch genauere Informationen. Mit islamistischen Aktivitäten hervorgetan haben sich jedoch bislang vor allem türkische Organisationen wie "Milli Görüs" und die mittlerweile verbotene Organisation "Kalifenstaat".

Institutionen des Kulturaustauschs

Neben lokalen arabischen Vereinen gibt es ferner einige Vereine und Initiativen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Beziehungen zwischen Menschen des arabischen und europäischen Kulturkreises zu pflegen. Araber mit niedrigem Bildungsstand sieht man bei allen diesen Vereinen selten.
Die meisten haben einen spezifischen Länderbezug und heißen entsprechend: Deutsch-Tunesische, Deutsch-Omanische oder auch Deutsch-Ägyptische Gesellschaft, Deutsch-Ägyptischer Club und Gesellschaft für Deutsch-Ägyptische Freundschaft. Sie entstanden in der Regel aus dem Umfeld der Botschaften bzw. der Regierung (was räumlich und politisch zu verstehen ist). Aber auch arabische und deutsche Unternehmer betreiben hier wirtschaftliche Lobbyarbeit. Andere beziehen sich in ihrer Arbeit auf die gesamte arabische Welt. So der Verein "Dialog Orient-Okzident" oder das "Arabisch-Deutsche Forum". Die Interessenten und Mitglieder kommen hier eher aus Journalisten-, Publizisten- oder Wissenschaftskreisen. "Dialog Orient-Okzident" wurde zurzeit des zweiten Golfkrieges gegründet und will mit kultureller Arbeit dem Entstehen eines neuen Feindbildes Islam in Deutschland entgegenwirken. Der Verein ist in Köln und Berlin aktiv. Mitglieder sind deutsche, iranische und arabische Wissenschaftler, Übersetzer, Journalisten und Publizisten. Veranstaltet werden unter anderem Lesungen arabischer Schriftsteller, Vorträge und Filmvorführungen. Nicht zu vergessen die renommierten Forschungseinrichtungen von Orientalisten: die "Deutsch-Morgenländische Gesellschaft" und das "Deutsche Orient-Institut", an denen zwar auch Araber arbeiten, die allerdings alte deutsche Gründungen sind. Auf all diese Einrichtungen wird es ankommen, wenn es gilt, zurück zu einem friedlichen Miteinander zu kommen. Kontaktaufnahme und Dialog ist in vielen Formen möglich. Sicherlich können auch die deutschen Migranten in Ägypten dazu beitragen: vor Ort, aber auch auf Heimaturlaub in Deutschland, beziehungsweise nach ihrer Rückkehr. Ein Weg wäre, einfach einmal Positives aus der arabischen Welt zu berichten, auch wenn man dort eher Negatives hören möchte - entsprechend den vorgeprägten Erwartungen.

Anmerkung des Autors: Wenn es auch nicht korrekt ist, die in Deutschland lebenden Menschen aus "arabischen Ländern" grob vereinfachend als "Araber" zu bezeichnen, - denn diese große, national und ethnisch stark differenzierte Gruppe setzt sich u.a. aus Sudanesen, Palästinensern, Berbern, koptischen Christen und anderen christlichen Minderheiten zusammen - wurde diese Bezeichnung der Einfachheit halber doch als Überbegriff benutzt. Gemeint sind die Menschen, die die arabische Sprache und größtenteils auch den islamischen Glauben gemeinsam haben.

Ekkehart Schmidt-Fink, Diplom-Volkswirt, beschäftigt sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter des isoplan-Instituts in Saarbrücken seit 1994 mit Fragen der Migration und der beruflichen, sozialen und kulturellen Integration von Ausländern in Deutschland. Er ist Chefredakteur der Zeitschrift "Ausländer in Deutschland" (AiD), die im Juni 2001 Arabern in Deutschland eine Schwerpunktausgabe widmete. Beim vorliegenden Beitrag handelt es sich um die überarbeitete und ergänzte Fassung eines Vortrags an der DAAD-Außenstelle Kairo vom 30. April 2002. Dieser basierte auf den Texten des Autoren, die ursprünglich in o.g. Ausgabe "AiD", Nr. 2/2001, 17. Jg., Hrsg. isoplan, Institut für Entwicklungsforschung, Wirtschafts- und Sozialplanung GmbH, (www.isoplan.de/aid), erschienen sind. Für den Artikel in PAPYRUS wurden sie vom Autor nochmals überarbeitet und aktualisiert.

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