Ein Porträt des Fotografen Amin El-Dib

von Ingrid Handwerker

Im Februar 2002 präsentierte das Goethe-Institut Kairo die Ausstellung "Eine Reise nach Ägypten - Fotografien von Amin El-Dib". Die Fotografien nahmen den Betrachter mit auf die erste Reise von Amin El-Dibs damals 13-jähriger Tochter nach Ägypten, in die Heimat ihres Vaters. "Im Herbst 1997 habe ich mit meiner Familie eine Reise nach Ägypten unternommen. Die Ausstellung war zuerst als Album für meine Tochter Helene gedacht, weshalb ich sie und ihre Mutter ins Zentrum der Arbeit gestellt habe. So zeichnet die Abfolge der Bilder den Reiseverlauf nach."

Für die Familie El-Dib war es eine touristische Reise wie sie Reisende tausendfach buchen: Oberägypten, die klassische Nilkreuzfahrt mit der Besichtigung der pharaonischen Stätten, der Hotelaufenthalt am Roten Meer, der Ausklang der Reise in Kairo. Die Zusammenstellung der Reisebilder mit den klassischen Motiven, wie sie ebenfalls tausendfach in Fotoalben zu finden sind, war mehr als die reine fotografische Dokumentation der Reise. Es war auch eine Reise in die Kindheit des 1961 in Kairo geborenen Fotografen, die er, als Kind einer deutschen Mutter und eines ägyptischen Vaters, bis zu seinem 6. Lebensjahr in Ägypten verbracht hat. "Die Bilder zeigen Vertrautheit in der Annäherung an die abgebildeten Objekte und die Situation der Besichtigung und Fremdheit im Fehlen lebendiger ägyptischer Gegenwart", so reflektiert Amin El-Dib über seine Ägyptenbilder und das darin gespiegelte Verhältnis zu seinem "Vater"-Land, das er nur noch von Besuchen kennt und das von großem äußeren Abstand gekennzeichnet ist.

Natürlich sprechen der Blick und die Fertigkeiten des professionellen Fotografen aus ihnen und die Schwarzweiß-Fotografien haben eine künstlerische und ästhetische Qualität, wenngleich man sie auch nicht typisch für seine sonstige Arbeit nennen kann.

Amin El-Dib fotografierte die ausgestellte Serie "Eine Reise nach Ägypten" mit einer sehr einfachen 6x6cm-Kamera. Die Fotografien assoziieren Nostalgisches, wie es heute die Schwarzweißfotografien aus den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts tun, in denen Ägypten von den Europäern als Kultur- und Reiseland favorisiert war. "In den letzten Jahren habe ich mich mit jener Fotografie beschäftigt, die um die Jahrhundertwende, zumeist durch Reisende, in Ägypten entstanden ist. Landschaften und Architektur werden unreflektiert aus europäischer Sicht abgebildet. Diese Einflüsse sind unschwer zu erkennen. Ebenfalls habe ich Motive und in die Bildsprache eine Sichtweise integriert, die auf die Gegenwart verweisen. Mit den historischen Fotografien hat diese Serie auch den Blickwinkel gemein, der die Ägypter weitgehend aus dem Bild ausgrenzt oder zum Maßstab für Architekturen reduziert. Anders ist die ständige Reflexion der eigenen touristischen Situationen im Bild", so Amin El-Dib.

Durch Abdeckungen auf dem projizierten Dia-Negativ, z.B. der Verwendung von gerissenen Formen, entstehen nach erneuter Belichtung Fotogramme. Das besondere Licht- und Schattenspiel Ägyptens macht er mit diesem Kunstgriff sichtbar und noch offensichtlicher. Amin El-Dib: "In dieser Serie arbeitete ich zum Teil mit einer Technik, die man als 'Belichtungssprünge' bezeichnen könnte. Die so entstandenen Linien kann man mit den Bruchlinien alter Glasnegative assoziieren. Diese Methode ermöglicht es mir aber auch, ein der Fotografie immanentes Thema bildgestaltend zu behandeln: der unterschiedliche Kontrastumfang von Negativ und Positiv." Auffallend ist eine typographisch anmutende Aufteilung der Fotogramme: Die starken Kontraste, bewusst betonte schwarze Flächen, Symmetrien in der Anordnung, akzentuierende Linien und Proportionen teilen das Bild ein und ergeben einen graphischen Gesamteindruck, das Motiv "Mensch" wirkt in ihnen immer ganz bewusst "gesetzt".

So findet er selbst zum ewigen Motiv "Pyramiden von Gizeh" ungewöhnliche Perspektiven, die es überraschend und neu sehen lassen, und die - obligatorische - touristische Aufnahme "Kameltreiber, Tochter auf dem Kamel, Hintergrund Pyramiden" wirkt nicht kitschig.
Wenn Mutter und Tochter im Bild erscheinen, sind die Arrangements nur teilweise gestellt. Es gelingt Amin El-Dib, insbesondere Helene, die Tochter, so einzufangen, dass sie wie eine Hauptfigur spontan durch die Folge der Bilder führt. Blond, keck, selbstbewusst, mit Sonnenhut, Sonnenbrille, Sommerkleidchen ausgerüstet und mit Fotoapparat "bewaffnet", läuft sie auf Monumente zu, lehnt an Säulen oder sie steht lässig vor den Memnos-Kolossen und blinzelt in die Sonne. In Kairo fotografiert Amin El-Dib das Mädchen auf dem Minarett, sie stützt sich am Mauerwerk ab, der Betrachter sieht Kairo unter dem Arm des Mädchens vor sich liegen - ich muss an Pippi Langstrumpf denken: als wolle sie die Stadt erobern, von der sie weiß, dass sie ihr sowieso gehört...

Die Bilder sind nicht spektakulär (und sie wollten es von ihrer Entstehungsgeschichte her auch nicht sein), aber sympathisch. Die 33 Exponate im quadratischen Format nehmen einfach auf die "Reise nach Ägypten" mit, nur in wenigen Motiven wird deutlich, dass Amin El-Dib sich mit ihnen auf eine andere, abstraktere Ebene begibt. Ein Schiffswrack, im Vordergrund aufragend vor den nebeneinander liegenden Nilkreuzern, der Blick auf die Wüste der Stadtdächer Kairos, die Ästhetik der darin enthaltenen Strukturen, das sind Ansätze, die weiterzuverfolgen er in Bezug auf Ägypten keine Zeit hat, leider bisher noch keine Zeit hatte.

Seit1988, als er begann, an der Serie "Bilder von Menschen und Tieren" zu arbeiten, "definiert" sich Amin El-Dib als Fotograf. Aber erst 1990, nach dem Abschluss des Studiums der Architektur, konnte er sich voll auf die Fotografie konzentrieren. Sicht- und Herangehensweisen durch dieses Studium haben mit Sicherheit Spuren in der Art seiner fotografischen Arbeit hinterlassen, die von Präzision und Perfektionismus, Nüchternheit und Klarheit gekennzeichnet ist.

Scheinbar distanziert, kühl und ohne Emotionen bildet Amin El-Dib inszenierte Situationen ab, karge, strenge, gut durchdachte Arrangements. Im Zentrum stehen in fast allen Arbeiten Bildnisse und Portraits von Menschen, deren Individualität manchmal zur puren und nackten Vereinzelung gerät. Dann vermitteln sie Isolation, die schmerzt oder traurig stimmt. Und zur selben Zeit liegen ihnen manchmal aber auch Witz oder Situationskomik inne. Die Beziehungen, in denen seine Personen stehen - oder nicht stehen -, ob zu sich selbst, zu anderen Menschen, Räumen, Gegenständen oder Tieren, sind klar und markant. Mit einer spürbaren Konzentration auf den Gegenstand und dem Verzicht auf Effekte sind sie wie genauest analysierte technische und abstrakte Konstrukte eingefangen - eine Gratwanderung entlang der Leblosigkeit.
Amin El-Dib: "Fotografie ist Bild und nicht Abbild. Die Bilder sind für die Zeit ihrer Entstehung lebendig. Es ist unser Blick, der sie nach einem Moment der Erstarrung wieder belebt. ... Die Bilder sind nicht auf die Erkennbarkeit der Figuren angewiesen, aber unser Blick kann sie rekonstruieren, gibt ihnen Leben und erkennt ihre Bewegung."

Als thematische Reihen entwickelte er: Bilder von Menschen und Tieren (1988 bis 2000), Inszenierte Bildnisse (seit 1988), Leben vor dem Tod (1989 - 1992), Von Schwarz bis Weiß (1992 - 1994), Teilansichten (1997), Eine Reise nach Ägypten (1997), empty rooms (seit 2000), SchnittBlumenBilder (2000), Weekend (seit 2001).

Die den Bildern zugrunde liegenden Fragestellungen wurden im Laufe der fotografischen Entwicklung Amin El-Dibs immer abstrakter. Immer mehr entfernt er sich in seinen Fotografien von soziologisch identifizierbaren Bezügen wie der Beziehung von Menschen zu ihrer Umwelt, von Kommunikation und Austausch, oder Motiven, die Hinweise auf einen gesellschaftlichen oder psychologischen Rahmen liefern. Dagegen bleibt der technische Anteil der Arbeit "konkret", er bleibt der konventionellen Fotografie, einfach und schnörkellos, und (altmodischen) fotografischen Techniken treu und das scheint für ihn auch essentiell wichtig zu sein.

Die interpretatorischen Gestaltungsmöglichkeiten, die durch die Manipulation der Negative gegeben ist, produziert neue Wirklichkeiten und fordert vom Betrachter die Auseinandersetzung mit den gestaltenden Elementen im fotografischen Bild. Für ihn selbst scheint nicht nur die Auswahl der Situation, die verwendete Technik (Kamera oder Filmmaterial) und der technische Vorgang des Fotografierens selbst im Mittelpunkt zu stehen, sondern Amin El-Dib lässt sich gerade in der Weiterentwicklung des Ausgangsmaterials auf eine sensitive und subjektive Fortsetzung des Prozesses ein. Wenn er auf eine gleichermaßen intellektuelle wie auch sensible und "emotionale" Weise von seinen Vorstellungen und seinen Intentionen erzählt, entsteht eine wohltuende konzentrierte Dichte um die Darstellung seiner Arbeit. Freundlich, ruhig und klar erzählt oder beschreibt er, mit Aufmerksamkeit, Genauigkeit und Bedacht fragt er nach oder ergänzt, er erzählt "viel" - und das ganz ohne überflüssige Worte. Unspektakulär formuliert er "Großes", ich bewege mich als Zuhörer zwischen Philosophie-, Soziologie- oder Psychologievorlesung und der Welt des von seinem Handwerk auf tiefe sinnliche Weise eingenommenen soliden Praktikers, der es sehr ernst nimmt und - liebt.

Ästhetik kann gefällig und wohltuend sein, aber auch kalt, abweisend und ausgrenzend. Vielleicht hätte ich seine Bilderserien ohne diese Gesprächserfahrung auf die Weise gesehen und interpretiert. "Kühle" und "Kälte" erzeugen Distanz - hier schließt sich der Kreis zur eingangs angedeuteten inneren Standortbestimmung des deutsch-ägyptischen Fotografen. Sein Thema ist das "Bild vom Menschen und seiner Auflösung". Darin spiegelt sich Amin El-Dibs Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und einer inneren Zerrissenheit, deren Spuren er noch heute manchmal wahrnimmt, obwohl er sich ganz als Deutscher erlebt und definiert; seine Suche nach der eigenen Identität ist in Bezug auf die binationale Herkunft eigentlich abgeschlossen. Dennoch kann er nicht (nie?) ganz Deutscher sein, noch heute fühlt er sich angesprochen und persönlich betroffen, wenn es um diskriminierende Handlungen, politische Äußerungen oder Stimmungsmache gegenüber Ausländern geht. In diesem Zusammenhang stellt er einen Bezug her zwischen der Frage nach der Identität und seiner künstlerischen Arbeit: "Möglicherweise drücken meine Bilder das Maß meiner eigenen Begegnungsfähigkeit aus", so Amin El-Dib.

Vom 4. bis 19. September 2002 wird im Gezira Art Center die Ausstellung SchnittBlumenBilder zu sehen sein. Schwarzweißfotografien von Blumensträußen, einzelnen Pflanzenstengeln oder Blüten, welkenden geschnittenen Blumen. T. O. Immisch verwendet in seiner Einführung anlässlich einer Vernissage ein Wort, das tabubrechend anmutet: "... die manchmal schrecklichen Bilder". Weil sie Tabus anrühren, Tabus über Sterben und Tod? SchnittBlumen impliziert eine bewusste Ab-Trennung, eine Verletzung, letztlich eine Form von Gewalt; SchnittBlumen impliziert Ende und Verfall, wir können nur noch dem letzten Stadium eines lebenden Organismus zuschauen; SchnittBlumenBilder implizieren, dass es jemand tut: Welken, Verderblichkeit, Vergänglichkeit, das Tabu darstellen. Es sind leise und sehr ästhetische Bilder. Man kann sie einfach deswegen mögen, weil sie die Aufmerksamkeit auf die asiatisch anmutenden Arrangements und die wunderschönen Details lenken, auf die Pracht der Blüten oder Pflanzen, die auch im Welken durch die Art der Abbildung prächtig bleiben.
Man kann sie aber auch als Bilder zwischen Dies- und Jenseits betrachten, und dann wird man zum Innehalten gezwungen, man kann sich irritieren lassen, und alles ist nicht mehr so einfach. Wie werden die Fotografien wohl in Kairo beim Publikum ankommen?

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