Tagebuch einer Mitausgereisten - Folge 12: Kultur, in Ägypten genossen

von Bettina Knauth

Man solle sich die Verdi-Oper dort ansehen, wo sie hingehört. Mit diesen Worten warben Plakate im Stadtgebiet für den Besuch des Opernereignisses des Jahres, Aida an den Pyramiden.

Viele potentielle Besucher waren skeptisch, wir auch. Zwei Jahre in Folge war Aida abgesagt worden, sollte es wirklich wieder einmal statt finden? Wir zögerten mit dem Kartenkauf, hielten wir doch im letzten Jahr bereits die Karten in der Hand - genützt hatten sie uns nichts. Und warum müssen wir eigentlich für unseren Gast aus Deutschland den gleichen Preis bezahlen, nur in Dollar statt in Pfund? Ganz schön happig. Angesichts der Einmaligkeit des Ereignisses entschlossen wir uns doch, noch am letzten Abend hinzugehen. Nachdem wir zuvor die unterschiedlichsten Erfahrungsberichte von Freunden und Nachbarn über die vorhergehenden Aufführungen eingeholt hatten, wollten wir uns eine eigene Meinung bilden.

Besser frühzeitig aufbrechen, so sagten wir uns. Der Besuch anderer kultureller Großereignisse hatte uns diese Erfahrung gelehrt. Ich erinnere mich noch gut an das Konzert von Sting am Fuße der Sphinx, das als abschreckendes Paradebeispiel in Sachen reibungsloser ägyptischer Organisation herhalten konnte. Und hatten wir nicht bereits vor drei Jahren vor Beginn von Aida mehr als eine Stunde gebraucht, bis wir den Parkplatz oberhalb der Pyramiden erreicht hatten?

Um so größer ist unsere Überraschung, als wir zügig die zahlreichen Absperrungen passieren können. Mehrmalige Blicke auf unsere Tickets, kurz wird ein Spiegel unters Auto gehalten, Hunde schnüffeln einmal um das Fahrzeug herum, das alles geht rasch vonstatten. Zahlreichen Wachposten, ausgerüstet mit Leuchtstäben, säumen die dunkle Auffahrt zum Ort des Geschehens, wir fahren vorbei an den mysteriös erleuchteten Pyramiden; die Szenerie wirkt gespenstig und schüchtert mich irgendwie ein. Am Parkplatz angekommen geht ebenfalls alles reibungslos. Der Eingangsbereich ist mit Teppichen ausgelegt, zuvor jedoch muss man den beschwerlichen Weg über steinigen und sandigen Boden bewältigen. Stöckelschuhe sind eben wenig wüstentauglich. Abendkleider auch nicht. Wer Aida sehen will, muss sich zunächst einmal warm anziehen. Entsprechend vorgewarnt trotzten wir mit dicken Lederjacken und Paschmina-Tüchern dem Wind und der Kälte der Wüste. Unsere mitleidigen Blicke galten den nichtsahnenden Opernbesuchern, die kurzärmelig oder im Spaghettiträgerkleid daher kamen. Glücklich konnte sich jede schätzen, die einen mitleidigen Partner mit Sakko zur Seite hatte.

Unsere Plätze sind nicht schlecht, trotzdem scheint die Bühne meilenweit entfernt. Warum haben wir nur das Opernglas vergessen? Die vielen leeren Stuhlreihen überraschen uns. Immerhin blieb uns erspart, was eine Freundin beim Besuch eines Gastspiels von "Holiday on Ice" erlebte: Vehement beanspruchte eine wohl genährte Ägypterin mit offensichtlich identischem Ticket ihren Sitzplatz. Sie weigerte sich, diesen zu räumen, worauf die Ägypterin mit all ihrem Gewicht auf ihrem Schoß Platz nahm...

Endlich fängt Aida an, nur eine Viertelstunde verspätet. Wir versuchen uns auf die Musik zu konzentrieren, was nicht leicht ist. Anders als bei Konzerten im Opernhaus klingeln zwar weniger Handys - oder man hört sie im Freien weniger. Es wird auch nicht an den falschen Stellen geklatscht. Störungen gibt es trotzdem zuhauf: Noch gegen Ende des ersten Aktes fahren Fahrzeuge die Straße hinauf, bringen verspätete Besucher, die kurz darauf mit ihren Schuhen die Stufen der Tribüne hinauf klappern (wenigstens waren die Holztreppen weniger laut als die Metalltreppen vor drei Jahren). Die Zuspätgekommenen erreichten noch rechtzeitig den Höhepunkt des Abends, denn seien wir ehrlich: Die meisten kommen doch sowieso nur, um den Triumphmarsch, die inoffizielle ägyptische Nationalhymne, zu sehen. Der erste und dritte Akt sind da nur schmückendes Beiwerk, wenn nicht nach Meinung vieler gar überflüssig - und zu lang allemal.

Gegen Ende des zweiten Aktes begann dann auch der Auszug der mehrheitlich ägyptischen Besucher. Das wichtigste war vorbei, worauf sich ein älterer Herr neben uns während des dritten Aktes veranlasst sah, eine lautstarke Unterhaltung mit seinem Nebenmann zu führen. Immerhin haben wir ihn wieder zum Schweigen gebracht, ebenso wie die kichernde Schulklasse im Block hinter uns.

Mit dem Verklingen des letzten Tones der Oper gab es dann kein Halten mehr, die Besucher verließen fluchtartig den Ort des Geschehens. Kaum standing ovations für die großartigen Stimmen, das moderne Bühnenbild, die bravorös aufspielenden Musiker, das bemühte Ballet, die funktionierende Technik (die Probleme mit der Akustik am ersten Abend waren vergessen). Schade, denn es war wirklich eine schöne Aufführung. Wenn man Verdi-Opern mag, denn Aida ist keine leicht verdauliche musikalische Kost. Der Ansturm der abziehenden Besucher geht wiederum erstaunlich problemlos und schnell über die Bühne.

Zwei Tage nach unserem Besuch von "Aida" geht die Nachricht von finanziellen Unregelmäßigkeiten um, Mitwirkende seien zunächst nicht bezahlt worden. Hoffentlich müssen wir jetzt nicht wieder ein paar Jahre auf dieses musikalische Großereignis warten. Denn trotz aller Länge, Kälte und Unruhe: ein sehenswertes Event ist die Oper Aida vor der Kulisse der Pyramiden allemal.

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