Das Kaufhaus Tiring am Ataba-Platz
übersetzt für Papyrus von Petra Post (aus Cairo Times, 10 July - 23 July 1997, Autor: Samir W. Raafat)
In dem arabischen Kinofilm Al Tofaha (Ein Mädchen namens Apfel) fürchtet sich der ägyptische Superstar Laila Elwi in der Rolle der jungen lebenslustigen Ehefrau vor den vier Herkulesstatuen, auf deren Schultern die Glaskuppel des Kaufhauses Tiring ruht. Sehr zum Erstaunen ihres sie anbetenden Ehemanns sowie ihrer Nachbarn spricht Elwi von ihrem Verschlag auf einem der Nachbarhäuser am Ataba-Platz aus jeden Morgen mit den Statuen, fleht sie an und schmeichelt ihnen. Sechs verblasste lateinische Buchstaben starren zurück: TIRING.
Der Ataba-Platz, einst der Mittelpunkt des kommerziellen Kairos, ist in dem Film eine heruntergekommene Gegend, wo verarmte Stadtbewohner zwischen Müll und Gerümpel, Trödelläden und den Lagern von Großhändlern hausen. Das Tiring-Gebäude selbst beherbergt Hunderte von mittellosen Familien und kleinen Betrieben. Befragt man die Bewohner nach der Geschichte des Hauses, so zucken sie mit den Schultern. Der eine oder andere glaubt zu wissen, dass es irgendwelchen fernen khawagas (Fremde) mit unaussprechlichen Namen gehörte.
Schwer vorstellbar angesichts der grotesken Realität, aber die Architektur des Tiring-Gebäudes war in seiner Hochzeit durchaus der der "Galeries Lafayette" in Paris ebenbürtig, die noch immer stolz als Inbegriff kapitalistischen Unternehmertums den Boulevard Haussmann schmücken. Oscar Horowitz, der das Tiring-Gebäude entwarf, war auch der Architekt zahlreicher baulicher Meisterwerke in Europa.
Der ursprüngliche Besitzer des Tiring war der aus Konstantinopel stammende Victor Tiring, der von vielen als der César Ritz der Kaufhäuser angesehen wird. Als er 1910 Ataba als Standort für sein Kairo-Imperium auswählte, bildete der berühmte Platz die Schnittstelle zwischen dem alten und dem neuen Kairo. Östlich des Tiring befand sich das geschäftige Mousky-Viertel, eine dicht besiedelte ägyptische Kasba mit engen, gewundenen haras (Gassen), von orientalischen Düften und exotischen Geräuschen erfüllt. Westlich davon erstreckten sich die feudalen französischen Ezbekia-Gärten und das moderne europäische Viertel Ismailia mit seinen breiten Boulevards. Wie ein Tabernakel für Kairos wachsende bürgerliche Kultur beherrschte das Tiring die Umgebung; seine wie eine Weltkugel geformte Glaskuppel leuchtete im nächtlichen Himmel.
Das Tiring-Gebäude wurde 1912/13 fertiggestellt. Seine vier geräumigen und luxuriösen Stockwerke hielten ein reichhaltiges Angebot bereit: Pariser Haute Couture und französische Parfüms, englisches Tuch, österreichische Textilwaren und deutsche Haushaltsgegenstände. 1882 schlossen sich Victor Tiring und seine Brüder Gustav und Konrad den anderen Vertretern ihrer Zunft an und verlegten ihren Hauptsitz nach Wien. Kurz darauf eröffnete das Unternehmen "Victor Tiring & Brüder, Schneider und Exporteure" Filialen in ihrer neuen Heimatstadt sowie im gesamten Österreichisch-Ungarischen Kaiserreich. Als sie nach Übersee expandieren wollten, brach der 1. Weltkrieg aus. Hätten sie für ihr Einkaufsimperium London statt Wien gewählt, könnte noch heute ein Tiring-Kaufhaus die Oxford Street zieren.
1915 wurde das Kairoer Tiring unter der Leitung von Carlo Menasce vorübergehend auf die Liste feindlicher Besitztümer gesetzt. Die Briten, unter deren Herrschaft Ägypten damals stand, riefen das Kriegsrecht aus und jeglicher Besitz, der dem Feind gehörte, wurde beschlagnahmt. Dem Tiring wurde schließlich genehmigt, "in Ägypten mit dem Britischen Empire und seinen Verbündeten Handel zu treiben". In Ermangelung von Lieferanten musste das Kaufhaus 1920 schließen. Nachdem die ursprünglichen Besitzer das Land verlassen hatten, ging es mit dem Tiring langsam bergab; es wurde von der Konkurrenz: Circurel, Sednaoui und Orosdi-Back/Omar Effendi überflügelt. Doch bis zu seiner Schließung wurde es von seinen verschiedenen Besitzern liebevoll am Leben erhalten. Treue Kunden fanden hier eine beruhigende Kontinuität vor; Einkaufen stellte eine Art Unterhaltung dar und die Damen der Gesellschaft konnten in Muße den Freuden unbeeinträchtigten Konsums frönen.
Wenn man über die Mousky-Hochbrücke Richtung Innenstadt fährt, ist das Tiring, das rechter Hand in die undeutliche Silhouette der Stadt ragt, nicht zu übersehen. "Seht mal, das Tofaha-Gebäude!" riefen ein paar Jugendliche aus einem vorbeirasenden Bus heraus. Offenbar hatten sie gerade den Film gesehen. Ebenso wie der Rest der lärmenden Fahrgäste, die im Durchschnitt unter 40 waren, hatten sie nie von einem Oscar Tiring und einem Kaufhaus Tiring gehört. Die sechs kühnen Buchstaben unter Laila Elwis vier olympischen Athleten sagten ihnen absolut nichts.
Anmerkung der Übersetzerin: Inzwischen hat sich das Bild etwas gewandelt; der Ataba-Platz wurde herausgeputzt und mit einer - dem Publikum leider (noch) nicht zugänglichen - Grünanlage versehen. Während unseres Besuchs war die Hochstraße gesperrt, aber das Tiring-Gebäude ließ sich trotz des Verkehrsgewimmels um den Platz unschwer finden.