Fatamorganas am Winterhimmel
von Jutta Zeppelzauer
Kairo, 13. Oktober 2002
Die Krähen bedecken den Himmel, landen zu Hunderten auf den haushohen Eukalyptusbäumen vor unserem Frühstücksbalkon und kündigen den heranziehenden Winter in Europa an. Ihr Krächzen übertönt kurzfristig den ohrenbetäubenden Verkehrslärm und das ewige Hupen der Autos in Kairo. Ich lasse mich von diesem Schauspiel inspirieren. In Gedanken versunken blicke ich zurück und sehe meine Heimat Österreich vor mir...
Morgengrauen, der Schlaf saß noch in unseren Knochen, die Kälte war klirrend und beißend. Die Freunde hatten sich auch aus der wohligen Wärme kachelofenbeheizter, nach frischem Gebäck duftender Wohnstuben in die unbarmherzige Natur gewagt, die sich damals von ihrer schönsten Seite zeigte. Die Schitour konnte losgehen, wir waren gerüstet. Die Strapazen in der Gemeinschaft auf sich zu nehmen beruhigte und ließ die Einsamkeit zum Genuss werden. Das berühmte Tröpfchen an der Nasenspitze gefror zu Eis, der Atemhauch wurde zum Nebel, der in der gefrierenden Umgebung bizarre Formen annahm. Jeder Schritt, jeder Atemzug war zu Beginn eine Überwindung. Die pulvrige Schneeoberfläche dämpfte jedes Geräusch. Das Knirschen des Schnees übertönte den Klang des Herzschlags. Die kalte Luft drang in die Lungen und durchflutete sie, beinahe war da ein Schmerz wahrnehmbar, doch das klare Lebenselexier stieg weiter auf, schlingelte sich scheinbar durch die Windungen meines Gehirns. Der Blick, die Gedanken waren geschärft, waren bereit für neue, unbekannte Wege. So beflügelt und schwerelos tauchte ich ein in die Welt der Berge...
Die ersten Sonnenstrahlen dringen durch die dünnen Zeltwände. Die wärmende Erlösung nach einer durchfrorenen Nacht könnte willkommener nicht sein. Unser erster Winter in Ägypten, wir verbringen ihn in der Weißen Wüste, inmitten der riesigen Sahara. Der Gedanke an die Temperatur, die in weniger als einer Stunde auf ca. 24 Grad Celsius ansteigen wird, hilft uns, uns aus den Schlafsäcken zu schälen, das Gewand in der Sonne auszubreiten und den Tag mit heißem Tee willkommen zu heißen. Noch nie habe ich Kälte so unbarmherzig empfunden, kein Kleidungsstück kann dieses innere Frieren verdrängen. Die Kraft der Wärme spendet uns die Energie, die wir für die bevorstehende Wanderung durch die Wüste brauchen werden. Wir sind ziemlich aufgeregt, weil Entfernungen in diesem Gelände für uns Laien äußerst schwierig abschätzbar sind. Schweißgebadet wühlen wir uns im Krebsgang die steilen Sanddünen hinauf. Das gleißende Mittagslicht taucht den gebirgigen Horizont in schillernde Fatamorganas...
Die winterlichen Berge waren vom schmeichelnden Sonnenlicht durchflutet, die Schneekristalle tanzten im prächtigsten Schein. Von den wenigen Bäumen auf dieser Höhe fiel lautlos der Schnee, die Schneefahnen winkten uns zu, der Wind hatte den Pulverstaub aufsteigen lassen. Der Gipfel war erreicht, eine wohltuende, wohlverdiente Müdigkeit machte sich breit. Das gemeinsam erreichte Ziel, die geteilte Freude an der Natur und an der Bewegung, das Wissen, das alle Gedanken ganz frei sein durften, brachte tiefe, unausgesprochene Gefühle zum Vorschein, wir waren miteinander verbunden. Wie Kinder tollten wir im Schnee, die Anstrengungen waren vergessen. Die Berge, die Kälte, der Schnee, die Gefahren, der Zusammenhalt, all diese Erfahrungen blieben in unseren Herzen.
Der Tag in der Wüste ist kurz und intensiv. Rasch, wie ein eingespieltes Autoserviceteam treffen wir ganz mechanisch die Vorbereitungen für die Nacht. Schlagartig wird es dunkel. Spätestens um 5 Uhr am Nachmittag verschwindet das Licht, eine bitterliche Kälte macht sich augenblicklich breit. Die glatte Sandoberfläche vermag die Wärme nicht zu speichern. Die Null Grad sind relativ wenig zu den 30 Minus Graden in den Bergen. Doch der rasant wechselnde Temperaturunterschied von bis zu 30 Graden ist für uns kaum verkraftbar. Wir konzentrieren uns auf das Essen, von dem wir nicht genug bekommen können und auf unser kleines Feuer, das uns ein Gefühl der Wärme und Geborgenheit spendet. Wir werden langsam Eins mit der Natur und beginnen die Nacht zu spüren. Der Schein des Feuers ist über viele Kilometer hin sichtbar, nur selten wird er reflektiert durch die wie von Menschenhand geformten weißen Felsen. Wir unterhalten uns im Flüsterton, weil wir das Gefühl haben die Einmaligkeit der Natur zu stören, wenn wir sie mit unseren Stimmen durchbrechen. Jedes Geräusch wird über große Distanzen getragen, wir sind Eindringlinge in eine perfekte alte Welt...
...deren Unberührtheit wir durchbrachen. Die Abfahrt ins Tal war unsere zusätzliche Belohnung. Jeder Schwung klang, als würde kiloweise zersplittertes Glas auf hartem Untergrund ausgeschüttet werden. Ein sehnsüchtiger Blick zurück auf den herrlich steilen Gipfelhang, zeigte uns, dass der Wind unsere Spuren bereits verwehte. Nichts würde an unser Eindringen erinnern. Im Gegenlicht funkelten und glitzerten die Schneekristalle,...
...wie dieser Sternenhimmel in der Wüste, auf den ich gerade blicke! Einen funkelnderen, bezaubernderen, strahlenderen habe ich noch nie zuvor gesehen. Ich entdecke das Himmelszeichen Orion, das markanteste am Winterhimmel. Auch in Österreich würde ich diese Formation jetzt sehen. Eine Sternschnuppe saust zur Erde herab, ein letztes Aufflackern, bevor dieses kleine Wunder verglüht ist und in eine andere Welt eintaucht. Der Himmel erzählt uns seine Geschichten...