Was ist ein Exlibris?
von Heidrun von Boetticher
Exlibris sind heute weitgehend unbekannt. Fremdwörterbücher und Konversationslexika erklären sie in der Regel knapp als kunstvoll ausgeführte "Bucheignerzeichen", die die Worte ex libris (= aus den Büchern) sowie den Namen oder das Monogramm des Besitzers enthalten und zumeist auf der Innenseite des vorderen Buchdeckels aufgeklebt sind. Speziallexika geben die zusätzlichen Erläuterungen, dass die Exlibris in unterschiedlichen Techniken hergestellt sein können und dass es gelegentlich auch Supralibros, also Eignerzeichen, die auf den äußeren Buchdeckel gepresst sind, und Donatoren- exlibris, die den Schenker eines Buches oder einer Büchersammlung an eine Bibliothek bezeichnen, gibt.
Bei diesen Definitionen kommt nach meiner Einschätzung deutlich zu kurz, dass es sich bei vielen Exlibris um kleinformatige graphische Blätter von oft hohem künstlerischen Wert handelt, weshalb sie heute vielfach begehrte Sammelobjekte sind. Ein Exlibris ist in der Regel eine Auftragsarbeit, die Buchbesitzer bei einem Künstler ihrer Wahl unter zumeist präzisen Vorgaben hinsichtlich des Eignerzeichen bestellt haben, gelegentlich werden auch vorgelegte Entwürfe abgelehnt. Dennoch wenden sich viele namhafte Künstler immer wieder nicht nur um des pekuniären Vorteils willen dieser besonderen Form zu, sondern auch deshalb, weil es sie reizt, ein bestimmtes, vorgegebenes Thema auf ungewöhnlich kleinem Raum zu gestalten. Die räumliche Beschränkung intensiviert unter Umständen sogar die inhaltliche Aussage. Auch die Zuordnung von Schrift und Bild stellt eine Herausforderung dar, die sonst in dieser Unmittelbarkeit kaum gegeben ist.
Exlibris sind im Laufe ihrer Geschichte in den verschiedensten Techniken hergestellt und vervielfältigt worden. Der Bogen spannt sich vom Holzschnitt und Holzstich über Kupferstich, Radierung, Aquatinta und Lithographie bis hin zum Offsetdruck und Computersatz. Auch die Motivwahl ist im Grunde unbegrenzt. Am Anfang dominierte das Wappenexlibris. Hinzu kamen nach und nach allegorische Darstellungen, vielfach mit verschlüsselten Hinweisen auf die Biographie oder den Beruf des Eigners, memento mori - und Vanitasmotive und Bibliotheksräume. Mit der Erneuerung des Exlibris im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde die Motivwahl auf alle nur denkbaren Bereiche aus dem Berufsleben oder der unmittelbaren Umgebung des Bucheigners unter Einbeziehung seiner Sonderwünsche ausgedehnt, was bei vielen Künstlern oft zu ungewöhnlichen, aber zumeist reizvollen Lösungen der vorgegebenen Aufgabe führte.
Die ersten Besitzvermerke begegneten sehr bald nach der Erfindung des Buchdruckes. Eigentliche Exlibris, die ein Buch als individuellen Besitz kennzeichneten, zugleich aber auch durch ihre kunstvolle Ausgestaltung den Besitzerstolz zum Ausdruck brachten, entstanden im ausgehenden 15. Jahrhundert. Zu den frühen bedeutenden Künstlern, von denen Exlibris erhalten sind, gehören Albrecht Dürer, Lucas Cranach, Hans Baldung Grien, Hans Holbein d. J., Jost Amman und Hans Siebmacher. Im 18. Jahrhundert erlebte diese Form der Kleingraphik, die sich über ganz Europa und über England auch bis nach Amerika ausgebreitet hatte, vor allem in Frankreich eine besondere Blüte, was unter anderem mit dem hohen Standard der französischen Einbandkunst zusammenhing.
In Deutschland stagnierte dagegen die Entwicklung auf diesem Gebiet weitgehend. Zu den bekannteren Künstlern, die auch Exlibris entwarfen, zählten neben dem durch seine Tierdarstellungen berühmt gewordene Johann Elias Ridinger noch Daniel Chodowiecki und Johann Wilhelm Meil. Um die Wende zum 19. Jahrhundert kam dann in Deutschland die Exlibriskunst fast völlig zum Erliegen. Eine Ausnahme bildete im Grunde nur Ludwig Richter. Das Buch war zur Massenware geworden. Die neu entstandenen Volksbibliotheken, die sich an ein breites Lesepublikum wandten, kennzeichneten ihre Bücher mit Stempeln.
Dennoch erlebte das Exlibris im ausgehenden 19. Jahrhundert eine zweite große Blütezeit. Verschiedene Ursachen spielten hierfür eine Rolle. Die bis dahin üblichen Drucktechniken wurden um die Fortentwicklung der Lithographie und die Erfindung der fotomechanischen Vervielfältigungsverfahren erweitert. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte der Antiquariatsmarkt das Exlibris als beachtenswertes Sammelobjekt. Pionierarbeit leistete hierbei der Kölner Antiquar Heinrich Lempertz mit seinen seit 1853 erscheinenden "Bilderheften des Buchhandels und der demselben verwandten Künsten und Gewerben". Die von England ausgehende Wiederentdeckung der handwerklichen Buchkunst sowie die auch in Deutschland sich nach und nach durchsetzende Forderung nach einer umfassenden Umbewertung und Durchdringung aller angewandten Künste, einschließlich der Gebrauchsgraphik, weckte ein großes Interesse für die fast in Vergessenheit geratenen Bucheignerzeichen. In Deutschland waren es zunächst vor allem Heraldiker, die im Zuge ihrer Studien zur Geschichte der Wappenkunst auf frühe Wappenexlibris gestoßen waren und nun ihrerseits neue Blätter mit Wappenmotiven schufen. Viel beachtete Arbeiten lieferten auf diesem Gebiet unter anderem Otto Hupp und Emil Doepler d. J.
Zu den bekanntesten Künstlern, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert mit der Radierung als künstlerischem Ausdrucksmittel intensiv beschäftigten, zählte Max Klinger, der zwischen 1879 und 1919 mehr als 50 Exlibris schuf und damit einer der wichtigsten Begründer nicht nur der modernen Radierung, sondern auch des modernen radierten Exlibris wurde. Immer mehr Künstler entdeckten in der Folgezeit für sich die vielfältigen Möglichkeiten der modernen Radierkunst. Es entstand eine regelrechte Exlibrisbegeisterung, die dazu führte, dass in den Jahren vor und nach der Jahrhundertwende nicht nur der zeitweise besonders dominierende Jugendstil, sondern alle zeitgenössischen Stilrichtungen und Tendenzen in der Kunst auch im Exlibris vertreten waren. Bis zum Ende der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts versuchten sich fast alle bekannten Künstler auch im Entwerfen von Bucheignerzeichen. Der Bogen spannt sich von Max Slevogt, Hans Thoma, Max Liebermann, Lovis Corinth und Alfred Kubin über Heinrich Vogeler, Fidus und Gustav Klimt bis hin zu Franz Marc, Karl Schmidt-Rottluff, Käthe Kollwitz, Oskar Kokoschka und Frans Masereel. Besonders großen Bekanntheitsgrad als Exlibriskünstler erlangten Willi Geiger, Mathilde Ade, Otto Ubbelohde, Emil Orlik und Emil Preetorius.
Mit seiner Wiederbelebung verlor das Exlibris jedoch weitgehend seine eigentliche
Funktion als Bucheignerzeichen, es wurde immer mehr Sammel- und Tauschobjekt.
Es entstanden in großer Zahl Sammlervereine, deren Mitglieder auch über
die nationalen Grenzen hinweg die begehrten Blätter tauschten. 1891 erfolgte
in Berlin die Gründung der deutschen Exlibris-Gesellschaft, deren Vorsitzende
Friedrich Warnecke, Karl Emich von Leiningen-Westerburg und Walter von Zur Westen
wichtige Veröffentlichungen über ihr Sammelgebiet vorlegten. Die von
der Gesellschaft herausgegebene Zeitschrift, die mehrfach ihren Titel wechselte,
wurde zu einem Spiegelbild der Exlibrisgeschichte. 1941 stellte sie ihr Erscheinen
ein. Die Graphik spielte in dieser Zeit gegenüber der Monumentalmalerei
und der Großplastik nur noch eine untergeordnete Rolle. Dies änderte
sich erst wieder nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Seit 1950 erschien wieder
die Zeitschrift der Exlibris-Gesellschaft als Jahrbuch. Das Exlibrisschaffen
vor allem von osteuropäischen, aber auch japanischen Künstlern rückte
in den Mittelpunkt des Interesses.